Logbuch

WEATHERMAN.

Der englische Gentleman vom Lande, GENTRY genannt, redet oft und gern über‘s Wetter. Meist ist es beklagenswert. Hierzulande herrscht nicht die idiotische Monotonie der stets warmen Gefilde. Selten nur ist es mal ein zu lobender Tag. Das Gespräch über‘s Wetter ist eine Konversation edelster Art. Drei Gründe.

Es geht um nichts, da es nicht zu ändern ist und niemand zu tadeln. Ein idealer Anlass zu reden. Jedes andere Thema könnte übergriffig sein. Etwa, wen man vom Fluss ins Meer treiben soll. Oder ob Kloppo im Mersey ersäuft werden sollte. Beim Wetter wahrt man Abstand, während man sich distanziert zuneigt. Respekt zollen.

Zweitens drückt es eine Leidkultur aus, die Sehnsucht nach einem schönen Moment in einer widrigen Umwelt. Regen macht sentimental. Das Pendant dieses Sehnens ist die trotzige Einstellung, dass es kein wirklich schlechtes Wetter gebe, nur unpassende Kleidung. Dem Schaf rauben wir die Wolle zu kratzigem Tweed, den nur die ganz Starken ertragen. Man beklagt sich nicht, nie wirklich.

Schließlich ist das Schwätzchen über die Unbill des Himmels Gelegenheit, in sein Gegenüber hinein zu horchen, ob sich hinter dem Gleichmut nicht doch eine ernstere Besorgnis verbirgt. Zeichnet sich ein Schicksal ab? Man fragt dann aber nicht, sondern flechtet es in das nächste Wettergespräch vorsichtig ein. Oberlippe steif.

Übrigens 4 Grad heute morgen, eine Handbreit vor Ostern. Arschkalt. Nachmittags wieder Regen. Palmsonntag leitet die Karwoche ein. Das von Kate gehört? Eine Schande.

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EIN DRITTES.

Ich sehe gestern abend im TV zufällig Dieter Nuhr, den klugen Satiriker, bei der strunzdummen Frau Maischberger; er äußert sich nachdenkenswert. Ich sinniere.

Satire ist Spottdichtung. Sie übertreibt, um übertriebene Ansprüche zurückzustutzen. Dabei hat sie immer eine Richtung, nämlich von unten nach oben. Satire spottet über jene, die sich Spott verbieten wollen. Man muss das mit aller Entschiedenheit sagen: nicht den Schutzbefohlenen gilt ihre Ironie, sondern den Allzumächtigen.

In meinem Garten steht ein Gedenkstein mit dem Motto VOX POPULI / VOX DEI. Das zu erklärungsbedürftig. Historisch hat sich absolute Macht dadurch zu rechtfertigen gesucht, dass sie angeblich von GOTTES GNADEN herruhe, also die Stimme des Herrschers die Gottes („vox dei“) sei. Dagegen begehrt Satire auf. Sie sagt, dass die Stimme des Volkes („vox populi“) die Stimme Gottes sei. Das ist frech.

Satire ist frech, wo Gehorsam verlangt wird. Das ist ja die Überraschung der Autoritären, dass, wo sie Gehorsam verlangen im Sinne ihrer göttlichen Mission, plötzlich Widerstand entsteht, weil das VOLKSEMPFINDEN dem entgegensteht. Der Gruß vor dem Gesslerhut wird verweigert. Die Stimme Gottes will die Wärmepumpe, aber nicht Lieschen Müller und ihre Stimme des Volkes.

Dem Satiriker ist als Spötter nichts heilig (also von Gottes Gnaden). Mein liebstes Emblem dazu ist ein Sinnbild aus dem Mittelalter, auf dem mehrere Hasen einen Jäger am Spieß rösten. Das ist das eine. Das andere ist, dass Satire immer unentschieden ist, wenn es um radikale Alternativen geht.

Die Mathematik darf sagen: „Es gilt a oder b, ein Drittes ist nicht gegeben. Auf Latein: Tertium non datur.“ In der Politik ist eine solche binäre Radikalität eine Falle, die die Propaganda stellt. Denn eine falsch gestellte Frage kann man nicht durch eine richtige Antwort heilen. Der Satiriker weigert sich, dem binären „a oder b“ zu folgen, auch wenn die Propaganda ihm dies als Pistole an die Schläfe hält.

Der kluge Lateiner sagt: „Tertium datur.“ Es ist immer auch ein Drittes gegeben. Nur tiefreligiöse Glaubensfragen und Aufgaben der Mathematik sind davon ausgenommen. Dieser Dieter Nuhr ist übrigens ein erbärmlicher Künstler; neben dem Spottgesang im TV gestaltet er mit ganz großer Geste abgegriffene Bilder, deren Belanglosigkeit nur von den Pinselquälereien bei IKEA unterboten wird. Kunstgewerbe, viel Gewerbe, wenig Kunst. Echt peinlich.

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KATER.

Ich habe einen KATER, und zwar der hartnäckigeren Art, den MUSKELKATER. Fünf Teakholzbänke und eine Natursteintreppe sind von Moos und Flechten befreit. Das nackte Holz grinst in die vorösterliche Sonne, propper, aber auch angerauter als zuvor und so empfänglicher für neuen Besatz. Das Zauberwort heißt KÄRCHERN mit dem einschlägigen Wasserhochdruckreiniger.

Kein leichtes Unterfangen, weil der zuführende Gartenschlauch verwickelt und beim Stromkabel der Schuko defekt, der Zuleitungsschlauch sperrig wie Sau und die Brühe aus Moos, Vogelkot und Dreck auf den braven Gärtner spritzt. Aber es bleibt das infantile Glück im Dreck gespielt zu haben. Jetzt der MUSKELKATER. Und der sichere Kommentar meines Mediziners: „Dagegen hilft nix!“

Der KATER heißt eigentlich KATARRH und meint den Schnupfen (griechisch für Ausfluss), was das gemeine Volk zur männlichen Katze verballhornt hat. Wie so vieles in der Medizin eine Verlegenheitsdiagnose, ein Synonym halt für ein Wehwehchen. Den Muskelschmerz verspürt nämlich vor allem der steife Stubenhocker; die Sportskanone soll frei davon sein. Zwei Dinge anthropologischer Art beeindrucken den Philosophen.

Erstens bekommt ihn der absteigende Wanderer bedeutend leichter und schmerzhafter als der aufsteigende. Wir sind als Gipfelstürmer gemacht.

Zweitens ist eine ideale Therapie das Ausstreichen der Muskeln nach Wärmeanwendung durch eine schöne Physio. Das ist unsere zweite Bestimmung, gestreichelt zu werden.

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AVANTI DILETTANTI.

Obwohl unmusikalisch, genieße ich ein Abonnement der Berliner Philharmoniker; gestern ein großartiger Abend mit und für Daniel Barenboim. Frenetischer Beifall, Bravo-Rufe und tiefes Mitgefühl für den 82jährigen Dirigierten, dessen Gesundheit von einer Parkinsonerkrankung sichtbar angegriffen ist. Es wird Schuberts Unvollendete gegeben und Beethovens Siebte. Es gilt für den Abend und Barenboim, was Schubert über Beethoven sagte: „Wer vermag danach noch etwas zu machen?“ Man kann sich nur verneigen.

Ich bin mit der Kategorie des Genies sparsam; bei einem so fleißigen Menschen wie Barenboim fürchte ich zudem, sie könnte als Abwertung eines Lebenswerkes gelesen werden. Das ist mehr als nur Genie. Der Mann übt seit seiner Kindheit. Das darf man nicht herabsetzen, indem man Fortune bescheinigt. Eine einmalige Begabung und ein ganzes Leben steten Übens. Ein Lebens-Werk. Man kann sich nur verneigen.

Ganz anders das Foyer. Hier wird heute geliebdienert; aber gemach. Ich lobe am Ort schon immer die Schnittchen; dazu zwei, drei Glas Wein über den Abend verteilt. Leider wird diesmal der gewohnte Tisch verweigert; ein geschäftiger Herr hat seinen Mantel über die Tischplatte gelegt und brummt ein „Besetzt!“ bei der Annäherung. Selbst für Berliner Verhältnisse ist das schroff. Dann purzelt von rechts der ehemalige Bahnchef Lutz ins Bild; Rollkragenpullover und Jeans. Alta. Von links der ehemalige Verkehrsminister Wissing, ehemals FDP. Darum brezzelt sich die Entourage. Wo ist Frau Nikutta, die gefallsüchtige Cargo-Chefin der Bahn, fragt mich die Blonde. Man wird auf LinkedIn nachsehen müssen, wollte man es wirklich wissen. Aber eigentlich gibt es keine Chance, nicht zu wissen, wo sie war. Die Berliner Dilettanz hat Karten und zeigt sich.

Darf ich meine Hochachtung vor dem EINEN mit der Verachtung für das ANDERE begründen? Nein, das sind zu unterschiedliche Welten. Denn das nach dem Management der Deutschen Bahn jemand auch nur im Ansatz von Exzellenz zu sprechen wagte, das ist nun wirklich ausgeschlossen. Oder auch nur von Fleiß. Die Dinge stoßen sich hart im Raum.