Logbuch
WAHR ODER FREI?
Die Werte brauchen eine Reigenfolge. Erst die Primärtugenden, dann die sekundären. Selbst unter den primären gibt es vorrangige und nachrangige. Freiheit ist das höchste Gut.
Der alte HEGEL, so alt war er gar nicht, hat etwas unerbittlich konsequentes. Man quält sich mit ihm weit über die Schmerzgrenze, dann, plötzlich, ein Satz und alles hat sich gelohnt. So heute. Er zitiert die berühmte Stelle aus dem Johannes-Evangelium: „Die Wahrheit wird Euch frei machen.“ Und er legt Widerspruch ein.
HEGEL schreibt: „Die Freiheit wird Euch wahr machen.“ Padautz.
Ein Vergnügen, wie frech er ist. Insbesondere wenn man weiß, wie Johannes beziehungsweise Jesus das meinen; es folgt dort der Hinweis des Messias, dass er selbst die Wahrheit sei.
Die Freiheit ist die Unterwerfung, sprich die Anstellung des Verstandes zum Sklaven des Glaubens.
Der gereifte HEGEL war nicht religiös; schon gar nicht unter Abschaltung des Verstandes zur Umgehung der Vernunft. Die Freiheit wird Euch wahr machen. Das gefällt mir.
Logbuch
APFELBÄUMCHEN.
„Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Nicht von Luther, aber richtig.
Ich würde ein Birnbäumchen nehmen. Die Birne ist ein Tiefwurzler. Dagegen haben die Flachwurzler etwas Anfälliges. Herr von Ribeck zu Ribeck im Hafelland / Ein Birnbaum in seinem Garten stand.
Ich würde auch einen Gingko Biloba in Erwägung ziehen. Dazu ist schon alles gesagt. Ein Buch beginnen. Ein altes Paar Schuhe fetten. Den Kotten vor dem Verfall retten. Ein gutes Wort sagen.
Die Welt geht nicht unter. Ist sie noch nie. Das ist eine Denkfigur von Kaffeehausphilosophen der Starbucks-Klasse. Sagt auch Professor Peter Sloterdijk aus Zehlendorf. Dem Journalisten mit dem Bötchen.
Logbuch
EIN PAPST LÜGT NICHT.
Ein schnöder Rechtsanwalt behauptet, dass Papst Benedikt beweisbar nicht die Wahrheit sage. Es geht um KINDESMISSBRAUCH. Er schütze die Täter, schon immer. Das kann nicht, es widerspricht der UNFEHLBARKEIT.
Im Alltag der katholischen Kirche scheint sexuell motivierte Gewalt an Knaben Gang und Gäbe. Das hat mit der Ehelosigkeit der Amtsträger, dem Zölibat, eher wenig zu tun. Die Perversion des PÄDOPHILEN hat eine längere Tradition. Einst SODOMIE genannt ist es schon immer eine notorische Notzucht an SKLAVEN. Solche VERGEWALTIGUNGEN gelten heutzutage im Profanen als Straftat. Aber die Kirche als solche ist nicht profan.
Solches Fehlverhalten zu vertuschen gehört daher zur institutionellen Räson der katholischen Kirche. Da darf der Papst lügen, weil er einer deutlich höheren Wahrheit verpflichtet ist, dem Stellvertretertum des Petrus, also Christi, also Gottes. GEHORSAM ist dem Kirchenvolk auferlegt. Das ist wie im Krieg: Opfer sind bedauerlich, aber deshalb kann man ja nicht die GUTE SACHE aufgeben, für die man steht. So denkt der Ratzinger, vermute ich. Der Mensch ist fehlbar, die Kirche nicht.
Ohnehin gilt die sogenannte Unfehlbarkeit des Papstes in Fragen von großem religiösen Gewicht, die EX CATHEDRA entschieden werden. Knabenficken ist aber offensichtlich nicht vom religiösen Gewicht, eine lässliche Sünde, für die man sich, wenn erwischt, selbst entschuldigt. Profaner Lapsus. Dem Sünder wird vergeben. Ist das nicht das Wesen der Beichte? Na also. So denken, vermute ich, der dicke Marx und der dünne Ratzinger. Und der in Limburg hat sich in die Dienstwohnung eine Doppelbadewanne einbauen lassen. Ich kenne den Installateur; der sagte mir: „Das gleiche Model wie im Puff.“ Da hatten Klöster schon immer eine Tradition; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Die gleiche Logik der STAATSRÄSON, die für die Kirche gilt, galt für die KOMMUNISTISCHE PARTEI, die Josef Stalin meinte. „Die Partei hat immer recht!“ Ohne Disziplin geht es eben nicht: Gehorsam bis in den Tod. Es sei süß und ehrenhaft für das Vaterland zu sterben. Nicht erst seit wir Päpste haben. Das galt schon bei den Thermopylen: Auf den Gräbern der gefallenen Spartanern wurde stolz verkündet, dass man hier liege, weil das VATERLAND es befahl. Das heilige Gesetz des Vaterlandes. Es geht um Größeres. Also bitte.
Logbuch
AVANTI DILETTANTI.
Obwohl unmusikalisch, genieße ich ein Abonnement der Berliner Philharmoniker; gestern ein großartiger Abend mit und für Daniel Barenboim. Frenetischer Beifall, Bravo-Rufe und tiefes Mitgefühl für den 82jährigen Dirigierten, dessen Gesundheit von einer Parkinsonerkrankung sichtbar angegriffen ist. Es wird Schuberts Unvollendete gegeben und Beethovens Siebte. Es gilt für den Abend und Barenboim, was Schubert über Beethoven sagte: „Wer vermag danach noch etwas zu machen?“ Man kann sich nur verneigen.
Ich bin mit der Kategorie des Genies sparsam; bei einem so fleißigen Menschen wie Barenboim fürchte ich zudem, sie könnte als Abwertung eines Lebenswerkes gelesen werden. Das ist mehr als nur Genie. Der Mann übt seit seiner Kindheit. Das darf man nicht herabsetzen, indem man Fortune bescheinigt. Eine einmalige Begabung und ein ganzes Leben steten Übens. Ein Lebens-Werk. Man kann sich nur verneigen.
Ganz anders das Foyer. Hier wird heute geliebdienert; aber gemach. Ich lobe am Ort schon immer die Schnittchen; dazu zwei, drei Glas Wein über den Abend verteilt. Leider wird diesmal der gewohnte Tisch verweigert; ein geschäftiger Herr hat seinen Mantel über die Tischplatte gelegt und brummt ein „Besetzt!“ bei der Annäherung. Selbst für Berliner Verhältnisse ist das schroff. Dann purzelt von rechts der ehemalige Bahnchef Lutz ins Bild; Rollkragenpullover und Jeans. Alta. Von links der ehemalige Verkehrsminister Wissing, ehemals FDP. Darum brezzelt sich die Entourage. Wo ist Frau Nikutta, die gefallsüchtige Cargo-Chefin der Bahn, fragt mich die Blonde. Man wird auf LinkedIn nachsehen müssen, wollte man es wirklich wissen. Aber eigentlich gibt es keine Chance, nicht zu wissen, wo sie war. Die Berliner Dilettanz hat Karten und zeigt sich.
Darf ich meine Hochachtung vor dem EINEN mit der Verachtung für das ANDERE begründen? Nein, das sind zu unterschiedliche Welten. Denn das nach dem Management der Deutschen Bahn jemand auch nur im Ansatz von Exzellenz zu sprechen wagte, das ist nun wirklich ausgeschlossen. Oder auch nur von Fleiß. Die Dinge stoßen sich hart im Raum.