Logbuch

FINNLANDISIERUNG.

Eingeschränkte Souveränität eines Staates wegen seiner geographischen Lage als räumlicher Nachbar einer Hegemonialmacht. Zwangsweise Abtretung von Grenzregionen an die Supermacht. Politische Leugnung der KSZE-Schlussakte.

Ich misstraue allen Geostrategen. Weil sie dem großen Strich ihrer globalen Narrationen das Schicksal kleiner Völker und ganzer Armeen rigoros unterordnen. Es gelten hier nicht mehr Menschenrechte oder Verträge, sondern die historisch großmäulige Logik der Völkerschlachten und siegreicher Welten, denen menschliches Leid oder politisches Unrecht mir nichts dir nichts untergeordnet werden. Die deutsche Geschichte hat sich mit geopolitischen Visionen nachhaltig besudelt. Deshalb habe ich als Deutscher andere Völker nicht zu belehren und spreche mit gesenkter Stimme. Aber jüngst gibt mir KARELIEN zu denken.

Aus den Geschichtsbüchern: Finnland war fast zum souveränen Staat geworden, als Stalin entdeckte, dass Helsinki zu nah an Leningrad liegt (St. Petersburg); es gibt bis heute eine Zugverbindung zwischen den beiden Hauptstädten. Stalin annektierte nach einigem militärischen Hin und Her den dazwischen liegenden Landstrich Karelien; er schlug das finnische Bundesland dem russischen Reich zu. Die Karelier flohen massenhaft in das Kernland Suomis. Auch hoch oben im Norden gab es Annexionen, angeblich wegen der dort vorhandenen Bodenschätze. Bis heute, oder irre ich da? Gebietsabtretungen und politisches Wohlverhalten.

Der Begriff der FINNLANDISIERUNG wurde unter Franz-Josef Strauß (CSU) zu einer politischen Parole, die die enge Bindung der Bundesrepublik an die andere Hegemonialmacht, die USA, befördern wollte, indem sie der Ostpolitik Willy Brandts (SPD) einen Schmusekurs mit den Sowjets unterstellte. Für mich als Zeitgenossen war diese Parole nie frei von reaktionären Untertönen. Uns schien das neutrale Schweden und das angeblich liebedienerische Suomi nicht als Staaten zweiter und dritter Klasse. Schon der abfällige Ton gegenüber den angeblichen PARIA-STAATEN störte uns, weil er so unangenehm großdeutsch klang.

Vielleicht haben wir uns damals geirrt. So wie sich vielleicht überhaupt der Zeitgeist irrte, der der Nachrüstung unter Helmut Schmidt (SPD) nur ungern gefolgt ist. To say the least. Aber auch das zeigte uns der Blick in die Geschichtsbücher: Den Zweiten Weltkrieg hatte nicht der Russe Stalin, sondern der Österreicher Hitler angezettelt. Man sollte da nichts vergleichen, wenn damit ahistorische Gleichsetzungen verbunden sind. Aber Verbrecher waren sie beide, Hitler wie Stalin. Und Geostrategen.

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VERNUNFTBEGABT.

Der MENSCH hält sich für die Krone der Schöpfung, weil nur er denken kann, also ein Hirn hat, in dem er einen Verstand ausbilden kann. Manche bringen es sogar bis zur Vernunft. Weltgeist.

Deshalb darf sich die Krone der Schöpfung ja auch die Erde untertan machen. Homo Sapiens, der weise Mensch. Daran kommen Zweifel auf. Nicht nur bei den naturromantischen Ökos, auch bei evolutionsgeschulten Biologen. Vielleicht sind wir nur eine Art unter vielen. Und andere denken auch, nur anders.

Walforscher (die ohne „h“) haben entdeckt, dass es in der Tiefsee eine Hitparade gibt mit Ohrwürmern und Gassenhauern, sprich Hits. Der Gesang der australischen Wale wird neuerdings auch von den nordatlantischen gesungen. Der Wal kann also zuhören und das Gelernte wiederholen. Ein intelligentes Tier.

Eigentlich ist er ja ein Depp, der Wal. Er hatte es in der Evolution schon an Land geschafft und eine Lunge ausgebildet, um dann wieder ins Wasser zurück zu ziehen. Für ein Säugetier war das eine echt rückschrittliche Entscheidung. Vielleicht sind das ja Trauergesänge, mit denen er nun, wegen seines Fehlers, das Meer nervt. Das ist aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Der Delphin stößt einen Flötengesang aus, der jetzt von der Wissenschaft entschlüsselt wurde, in dem er sich namentlich vorstellt (individueller Eigennamen) und die Zeitgenossen über seine Absichten kulinarischer wie sexueller Art informiert. Kein Quatsch. So was wie: „Ich heiße Kurt Kabeljau und suche nach dem Dinner eine Frau!“

Dass Vögel die Nachfahren der Dinosaurier sind und echt schlau, das ist ja bekannt. Die Krähe weiß Werkzeuge zu nutzen. Eigentlich ein Privileg der Gattung Mensch. Und sie redet mit ihren Artgenossen, etwas krächzend zwar, aber mit klaren Ansagen. Wer weiß, was wir wüssten, verstünden wir die Nachtigall. Oder den weisen Raben. „When shall I see Leonore? / Quoth the raven: Nevermore!“

Das schlauste Tier aber ist, jetzt kommt es, das Eichhörnchen. Es kann nicht nur denken, sondern andere Wesen lesen, ja sogar vorsätzlich täuschen. Also, ist es fähig zur METATHEORIE. Wird es bei dem Verstecken der Beute beobachtet, so kann es sich entschließen, den räuberischen Vogel zu verarschen. Es legt Pseudoverstecke an, mit viel Tamtam, um die Nuss dann heimlich andernorts zu vergraben. Die Fähigkeit zum Betrug gilt der Wissenschaft als klarer Ausweis höherer Intelligenz.

Aber auch unter den vernunftbegabten Betrügern gibt es noch Unterschiede, sprich eher doofe und oberschlaue Arten. Das autochthone braune Eichhörnchen ist in England von dem grauen (ursprünglich aus den USA) vollständig verdrängt worden, weil es nicht nur geschickter die Vögel beim Nüsseverstecken verarscht, sondern dann auch noch erfolgreicher beim Vögeln ist. „Language!“

Das zugewanderte graue Eichhörnchen erreichte so Überpopulation. Man sollte so was eigentlich gar nicht erzählen, weil man ja nie weiß, wer von der AfD einem zuhört.

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EIGENLOB STINKT.

Eigenlob ist ein schwieriges Unterfangen. Besonders Eigen-PR für PR. Darüber lese ich in diesem Semester an der Hochschule. Auto-Estimation nennt man dort dieses eitle, oft tragische Unglück.

Warum erzählt der Landarzt abends am Stammtisch nicht mal, wer im Dorf so welches Wehwehchen hat? Und wie er das genial geheilt hat. Es würde ja schon interessieren, wer von der Kegeltour mit welcher peinlichen Infektion nach Hause kam. Oder, erfreulicheres Thema, in anderen Umständen ist.

Warum trägt der Rechtsanwalt nicht mal in seinem Golfclub vor, was er bei seinem jüngsten Scheidungsfall so alles über das Eheleben von Herrn Müller oder Frau Meier erfahren hat. Und auch die Probleme von Herrn Schulze mit dem Finanzamt würden Gesprächsstoff liefern. Erzähl mal, was Du als der tolle Anwalt so machst.

Und nun der Herr Pfarrer. Er erfährt bei der Beichte doch sicher saftige Dinge über die großen und kleinen Sünden seiner Schäfchen. Da könnte er doch mal aus dem Nähkästen plaudern. Warum tut er das nicht?

Wer eine Vertrauensposition als Berater hat, unterliegt einer Schweigepflicht. Der Arzt, der Anwalt, der Pater. Auch der Steuerberater. Und mancher Wirt sieht das für sich auch so. Nur für PR-Berater, da gilt diese Regel nicht. Denn Öffentlichkeitsarbeit ist dazu zu eitel. PR plappert gern.

Ich lese in Branchenblättchen, wie sich PR-Berater:Innen ihres Gewerbes brüsten. Aus üblichen PR-Mätzchen werden so Geniestreiche, die aber, jetzt kommt es, die Kund:Innen dieser PR-Schaffenden unfreiwillig zu ihren Marionetten machen und die Wahlberechtigten oder Verbraucher, das ist übel, zu vermeintlich Verführten. Und so geraten jene in ein schiefes Licht, die das am wenigsten verdient haben. Ein parasitärer Schaden verursacht durch Prahl-Hans & PR-Liesel.

Ich würde über solches Eigen-PR als PR noch mal nachdenken. To say the least. Für meine Generation war das stets ein absolutes Unding. Jedenfalls für die wirklichen Profis. Ausnahmen gab es auch früher schon. Peinlich genug. Kollateralschäden stets gewiss.

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DOING THE BOXES.

Englisches Ritual: Die Eingangspost für Regierungsmitglieder kommt in Westminster in besonderen Lederkoffern in auffälligstem Rot. Es sind, unterschiedlich je nach Amt, recht viele Postkoffer, die da zur Bearbeitung anstehen. Im feinen Humor der britischen Oberklasse spricht man bei dieser Sisyphos-Arbeit von „doing the boxes“, die Kisten abarbeiten.

Ich erinnere mich noch an den Schreibtisch des Kanzleramtsministers, als die Regierung Schröder (SPD) gerade die Regierung Kohl (CDU) abgelöst hatte und der Bonner Beamtenmoloch den neuen Herren zeigen wollte, was eine Harke ist. Der neue Leiter BK hatte einen Raummeter Post auf seinem Schreibtisch. Ich besuchte ihn auf einen Sonntag im Amt und sah, er war, hinter dem monströsen Postberg, schlicht verloren. Ich hörte ein böses Wort über das „ancien regime“ in den Amtsstuben: „Die verarschen Euch!“

Was mich an meine Sonntage erinnert, als ich noch im Vorstand eines sehr großen Unternehmens saß. Die Woche war mit Terminen verplant. Freitags am frühen Abend brachte meine Büroleiterin mir die Postkoffer in die Garage des Wohnhauses; nie mehr werde ich diese schwarzen Pilotenkoffer vergessen. Es waren immer vier an der Zahl, auch schon mal sechs. Wenn ich am Tag des Herrn um sechs begann, war ich mittags gegen zwei durch und konnte den restlichen Sonntag dem Familienleben widmen. Vorher alle zwei Stunden ein neuer Koffer aus der Garage. Koffersklave.

Die Mühe war natürlich den analogen Zeiten geschuldet; digital geht das heute ohne „boxes“ und wahrscheinlich auch automatisch mit KI… Paaah. Doing the boxes. Was man lernt, ist Entscheidungen zu treffen, auch wenn die Dinge noch nicht entscheidungsreif. Wer da zögert, erzeugt einen Vorgang, der zurückkommt. Bumerang-Effekt. Wiedergänger. Da geht in der Folgewoche auch noch der Sonntagnachmittag drauf. Es gilt daher bei Entscheidungen an der Spitze immer das Motto des Wyatt Earp: „Shoot first, argue later!“