Logbuch
KEEP CALM.
Die Ruhe bewahren. Und weiter machen. Eine Losung der braven und bravourösen Tommys. Weil diese Ruhe das erste ist, das die Kriegswütigen ihren Gegnern nehmen wollen.
Es ist egal, welche Kriegspartei dafür die Verantwortung trägt: Die Einbeziehung eines großen Kernkraftwerkes in die Kampfhandlungen, sollte sie in der Ukraine tatsächlich erfolgt sein, ist keine gute Nachricht. Und ein weiterer Grund, die Nerven zu behalten.
Ich war mal in einer völlig zivilen Kommission für Große Talsperren. Die gab es in der Stromwirtschaft. Warum? Weil die Talsperren als Objekte für Terror eine echte Gefahr darstellen können. Jedenfalls für das Tal darunter. Da ist die Sintflut auch mit kleinen und alten Waffen leichterdings herbeizuführen. Oder einer Drohne. Denkt ja niemand dran, der mit Badehose und Sonnenbrille auf dem Stausee surft. Die Sicherheit der Energieversorgung ist immer ein politische Frage, nie nur eine technische. Auch bei der so netten Wasserkraft. Also immer.
Mir gefällt übrigens der Ton in der deutschen Regierung; das muss ich mal sagen. Ich ziehe früheren Spott über die Politiker der Ampel zurück. Meinen Respekt! In der Ruhe liegt die Kraft. Keine Meldung, weitermachen!
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GESCHWÄTZIGKEIT.
Wenn Bücher diktiert sind, statt geschrieben, so verleidet das vieles. Sie plappern. Ein gutes Buch kommt schwerfällig daher. Wie ein Bergsteiger kurz vor dem Gipfel, sich abkämpfend. Es tänzelt nicht.
Ich hadre mit dem Buch, das ich gerade lese. Es ist geschwätzig. Verliert sich in Details. Beim Lesen bemerke ich den Übergang von einem Zettel des Autoren auf den nächsten. Wie bei UMBERTO ECO, dessen Karteikarten man noch in der Verfilmung der Kolportagen bemerkte. In ein Diktiergerät gelesene Karteikarten, stupide abgetippt, die der Lektor dann einfach durchwirkt. Eitle Geschwätzigkeit.
Über den berühmten Dichter CHARLES DICKENS, dem wir „Oliver Twist or The Parish Boyˋs Progress“ (1837 - 1839) oder Herrn Ebenezer Scrooge, den Geizigen, verdanken, hat GEORGE ORWELL („Farm der Tiere“) einmal gesagt, dass er ein Genie der Nebensächlichkeiten sei. Das hängt mit einem Erzählstil zusammen, der sich nicht auf den Fortgang der Handlung konzentrieren kann. Bei jeder unpassenden Gelegenheit erlaubt sich der Erzähler die Schilderung von Umständen, die nicht nur nebensächlich sind, sondern einfach gar nichts mit dem zutun haben, woran die Spannung hängt. Ausflüchte und Ausflüge in dieses und jenes; ja, nicht uninteressant, aber eben auch nicht wirklich wichtig.
So ein Mensch saß gestern Abend am Nachbartisch des Kursaals, in dem ich speiste. Es gab Lachstartar, halben Hummer, Weinbergschnecken und pochiertes Ei zu Riesling. Ausgezeichnet. Und ich konzentrierte mich auf mein Essen. Aber, dem Himmel sei es geklagt, der Kerl sprach laut zu seiner Frau, sehr laut, und er brachte nichts zu Ende. Wie ich Geschwätzigkeit hasse. Ich hätte statt des pochierten Eis lieber das Ochsenbäckchen nehmen sollen. Aber so viel Appetit hatte ich dann auch wieder nicht. Kein Dessert, aber eine kleine Creme Brûlée zum Espresso, sehr nett.
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DER JENS.
Der NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg ist Norweger. Ich kenne ihn noch als Wirtschafts- und Energieminister des skandinavischen Landes. Norwegen ist weltweit der drittgrößte Gasexporteur. Es liefert ein Drittel unseres Erdgases. Mittels Direktleitung.
Ich mag den Typ und ich mag das Land. Es ist schon etwas Besonderes. Aber der Reihe nach. Norwegen ist eines der wohlhabendsten Länder der Welt; die Öl- und Gasvorräte wurden mit Bedacht versilbert und zwar vornehmlich zugunsten der Staatskasse. Inzwischen kommt auch dort das unvermeidliche Getue mit der NACHHALTIG hinzu; geschenkt. Eigentlich ist es ein europäischer OPEC-Staat mit einer angenehmen, calvinistisch-liberalen Kultur.
Norwegen ist Russlandanrainer. Beide Staaten teilen sich die gigantischen Energievorräte im hohen Norden, der Barentssee. Die beiden haben da eine Grenze friedlich untereinander ausgehandelt. Und Norwegen gehörte schon 1949 zu den Gründern der NATO. Für Stoltenberg war es allerdings nicht an der Wiege gesungen, dass er mal dem nordatlantischen Militärbündnis vorstehen sollte. Der Mann ist geborener Sozialdemokrat und hat seine Laufbahn als Journalist begonnen.
Ich erinnere mich noch an meine Zeit in der Gaswirtschaft und seine als Ministerpräsident; insbesondere an seine Pressesprecherin Anne, eine blitzgescheite und sehr nette Journalistin. Überhaupt ist Oslo eine wunderbare Staat. Man sollte allerdings die VIKINGER-Tradition des Landes mit Bedacht sehen. Ich kannte damals einen nordnorwegischen Kollegen von Anne, der ein T-Shirt trug, auf dem vorne stand „We kill wales for fun“ und hinten „Intelligent food for intelligent people“; tjo.
Also, der Jens und die Seinen zeigen, dass man auch friedfertig Erdgas exportieren kann. Und ich habe der Deutsch-Norwegischen Gesellschaft zu Oslo lange angehört. Wunderbare Weihnachtsessen. Aber, das sollte man nicht vergessen, es sind Vikinger. Die haben der Hanse echt zu schaffen gemacht.
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DOING THE BOXES.
Englisches Ritual: Die Eingangspost für Regierungsmitglieder kommt in Westminster in besonderen Lederkoffern in auffälligstem Rot. Es sind, unterschiedlich je nach Amt, recht viele Postkoffer, die da zur Bearbeitung anstehen. Im feinen Humor der britischen Oberklasse spricht man bei dieser Sisyphos-Arbeit von „doing the boxes“, die Kisten abarbeiten.
Ich erinnere mich noch an den Schreibtisch des Kanzleramtsministers, als die Regierung Schröder (SPD) gerade die Regierung Kohl (CDU) abgelöst hatte und der Bonner Beamtenmoloch den neuen Herren zeigen wollte, was eine Harke ist. Der neue Leiter BK hatte einen Raummeter Post auf seinem Schreibtisch. Ich besuchte ihn auf einen Sonntag im Amt und sah, er war, hinter dem monströsen Postberg, schlicht verloren. Ich hörte ein böses Wort über das „ancien regime“ in den Amtsstuben: „Die verarschen Euch!“
Was mich an meine Sonntage erinnert, als ich noch im Vorstand eines sehr großen Unternehmens saß. Die Woche war mit Terminen verplant. Freitags am frühen Abend brachte meine Büroleiterin mir die Postkoffer in die Garage des Wohnhauses; nie mehr werde ich diese schwarzen Pilotenkoffer vergessen. Es waren immer vier an der Zahl, auch schon mal sechs. Wenn ich am Tag des Herrn um sechs begann, war ich mittags gegen zwei durch und konnte den restlichen Sonntag dem Familienleben widmen. Vorher alle zwei Stunden ein neuer Koffer aus der Garage. Koffersklave.
Die Mühe war natürlich den analogen Zeiten geschuldet; digital geht das heute ohne „boxes“ und wahrscheinlich auch automatisch mit KI… Paaah. Doing the boxes. Was man lernt, ist Entscheidungen zu treffen, auch wenn die Dinge noch nicht entscheidungsreif. Wer da zögert, erzeugt einen Vorgang, der zurückkommt. Bumerang-Effekt. Wiedergänger. Da geht in der Folgewoche auch noch der Sonntagnachmittag drauf. Es gilt daher bei Entscheidungen an der Spitze immer das Motto des Wyatt Earp: „Shoot first, argue later!“