Logbuch

LEBENSLÄNGLICH.

In meinem Beruf trifft man nicht selten recht seltsame Menschen, denen man gleichwohl Diskretion gewährt. Der Berater kassiert und schweigt. Mit den Exoten lernt man Exotisches kennen, über das zu räsonieren sich lohnt, ohne dass man vorschnell Urteile fällt. Man staunt, ohne Ross und Reiter zu nennen. Na gut, das Ross, aber nicht den Reiter.

Man fragt mich, ob ich nicht die Biographie von jemandem schreiben wolle, der ein Pionier der LONGEVITY sei. Das sind Wunsch und Wille, möglichst lange zu leben, wenn nicht gar, den Alterungsprozess ganz aufzuhalten. Hier wird lebenslänglich eben möglichst länglich definiert. Eigentlich wünscht man sich ewige Jugend. Oder gar Wiedergeburt. Biologie umkehren. Voreilig könnte man meinen, dass hier der Schimmel des Wahnsinns geritten wird.

Das Gegenteil dessen ist aber allemal plausibel, dass man Frühsterblichkeit verhindert, indem man ein gesundes Leben anstrebt. Keine Plauze, kein Bluthochdruck, wenig Drogen. Aber die vermaledeite Fehlernährung fängt früh an; ich soll Zucker meiden, wo ich im Leben auf alles zu verzichten weiß, außer Kuchen. Die LONGEVITY-Süchtigen sind aber echt rigoros. Auch kein Salz. Das lange Leben lau und laff.

Darf ich auf ein Paradox aufmerksam machen? Der Wunsch nach ewiger Jugend wird am Ende des eigenen biologischen Lebens wach und bestenfalls durch Ewiges Alter erfüllt. Es wird nicht der Aufenthalt auf der Wöchnerinnenstation verlängert, sondern der unter den Dementen im Altersheim. Siechtum verlängern, was für ein Projekt! Das wissen die Lebensverlängerer natürlich auch. Deshalb wünschen sie insgeheim, die Biologie umdrehen zu können. Sie wollen sich verjüngen.

Das ist mental paradox und eine milde Form von Wahnsinn. Na gut. Wenn man sonst keine Hobbys hat. Es ist aber auch Ausdruck jener Attitüde, die das Mittel zum Zweck macht. Man will Leben, weil man nicht sterben kann. Das finde ich weit bedenklicher. Das versteht der Schimmelreiter aber nicht. Er will nichts Biografisches von mir. Ich passe als Berater nicht, sagt sein Adlatus. Ich fürchte das stimmt. Am Ende meines heutigen Intervallfastens steht übrigens ein Stück Schwarzwälder Kirsch. Und noch ein Kirsch obendrauf.

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HINTERHALT.

Das „Minihandbuch des Stadtguerilleros“ ist ein Werk von Carlos Marighella, verfasst im Juni 1969. Es beschreibt Taktiken und Strategien für revolutionäre Kämpfer in städtischen Gebieten, basierend auf Marighellas Erfahrungen im Kampf gegen die brasilianische Militärdiktatur. Es kam mir als Referatsthema unter, als ich Anfang der siebziger Jahre in Bochum ein Proseminar zum Begriff des Politischen belegt hatte und hoffnungslos überfordert war. Es erhebt das Prinzip des Hinterhalts zur legitimen Kriegstaktik. Das hatte den höheren Charme der Che-Verehrung und machte Terrorismus als revolutionäre Tugend gesellschaftsfähig.

Mein Referat war peinlich, der wunderbare Dozent gewährte mir Nachsicht; aber die Blamage wirkt in mir nach. Sie kommt wieder hoch, da ich lese, dass die Propaganda-Stunts im Weißen Haus mit dem ukrainischen und dem südafrikanischen Präsidenten in der noch demokratischen Presse der USA „ambush“ genannt werden, Hinterhalt, sprich hinterhältig.

Das Besondere der Neuen Rechten ist, dass sie bei der Verfolgung ihrer Gegner auf den Anschein eines „fair play“ völlig verzichtet. Weder gute Manieren noch Ritterlichkeit spielen eine Rolle; es herrscht die urwüchsige Brutalität einer Kneipenschlägerei, getragen vom zustimmenden Gejohle ihrer Fans. Kriegslüstern. Natürlich tritt man nach. Ich nenne den Kampf gegen Harvard als andauerndes Beispiel.

Darf ich uns, die Deutschen, vor Hochmut warnen? So haben wir unter Hermann dem Cherusker gegen die römischen Truppen unter dem braven Varus gewonnen. Fast 20.000 reguläre Römer wurden im Osnabrücker Land dahingeschlachtet, bei Kalkwiese in einen Hinterhalt gelockt. Ich erspare uns andere historische Vergleiche; es wird mit Blick auf die Wehrmacht nicht besser.

Auch aktuelle Analogien seien zurückgestellt. Die Welt ist kein Ponyhof. Der Dschungel kein Exerzierplatz. Ich habe mir mit siebzehn Jahren vom Kreiswehrersatzamt Mettmann ein Gewissen bescheinigen lassen. Mit siebzig finde ich, das war nicht das Dümmste, was ich getan habe. Damit war amtlich, dass man zu mehr veranlagt ist als Hinterhalt. Ich lese in der WAZ, dass ein Rotarier aus Essen als alter Mann im Rahmen der allgemeinen Kriegsertüchtigung auch noch an die Front möchte. Hermann der Cherusker. Alter Narr. Darauf wird der Russe gewartet haben.

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WITZIGKEIT.

Zynismus kann unterhaltsam sein, wenn er wie jede Ironie eigentlich das Gegenteil meint und nur Ausdruck von Weltschmerz ist. Zynismus kann aber auch jenseits dessen sein, worüber noch Spaß gemacht werden sollte, ohne am eigenen Gift zu verkommen. Über Massenmord aus Rassismus etwa mache ich keine Witze.

Ich habe mal in der Gefängniszelle von Nelson Mandela auf der Gefangeneninsel Robben Island gestanden, in der er fast zwei Jahrzehnte verbracht hatte und wusste nicht, was ich sagen sollte. Ermöglicht hatte mir den Besuch ein südafrikanischer Mitarbeiter, der mich auch durch ein Township genanntes Ghetto führte, hinter uns sechs schwerbewaffnete Sicherheitsleute. Die Getränkeausgabe an einem öffentlichen Grillplatz war gesichert wie ein Knast, weil „last calls“ nicht immer befolgt wurden. Gewalt, Gegengewalt, bloße Anarchie, all das, war hier in jeder Form überpräsent.

Mein weißer Gastgeber, der sich über mein Interesse an Mandela wunderte, bezeichnete ihn als Verbrecher. Ein blutiger Terrorist. Bis heute weiß ich nicht, ob der Bure in meinem Team ein verdeckter Rassist war oder einfach nur klüger als ich. Und wie kann das ein Widerspruch sein? Ich erinnere auch schöne Safaris und die Tatsache, dass man in den Städten nachts an roten Ampeln nicht anhält, außer man will seine Karre loswerden. Strukturelle Gewalt und manifeste, vagabundierende Anarchie, das Erbe des wohl weißen Kolonialismus.

In Weißen Haus streiten jüngst der schwarze Präsident Südafrikas mit dem weißen Amerikas darüber, ob es einen Völkermord (sic) an weißen Farmern am Kap gibt, den die Regierung des ehemaligen Apartheidstaates staatlich stützt. Im Hintergrund ein Bure, der es über Kanada in die USA geschafft hat und das Narrativ als Verleger stützt. Es würde „Kill the boer!“ gesungen. Belegfotos stammen laut Ortskundigen allerdings aus dem Kongo.

Wir erleben einen leichtgängigen Gebrauch des Begriffs Genozid, der mit dem rhetorischen Gewicht, das er seinem Vorwurf geben möchte, wirklichen Massenmord aus Rassismus verharmlost. Das ist das eine.

Das andere ist, dass Ramaphosa im Oval Office bedauert haben soll, dass er Trump leider kein Flugzeug schenken könne, und der geantwortet haben soll, besser wäre es schon gewesen. Witzig?

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LÄRM: EINE LAST.

Der Tag begann gestern damit, dass beim Nachbarn die Handwerker pünktlich um Sieben ihre Tätigkeit aufnahmen. Woran erkennt man, dass ein Handwerker nix taugt? Er kommt tatsächlich. Wie merkt man es? Er stellt das BAUSTELLENRADIO an. Solche Quälgeister bieten die Bosch dieser Welt ihrer Klientel; offensichtlich mit einer Voreinstellung für besonders dämliche Radiostationen und die Niederungen des deutschen Schlagers. Radio Freibier trällert dann den lieben langen Tag. Unerträglich.

Mittags in der Kantine; so nennt der beruflich in Berlin verhaftete Business-Luncher das Borchardt in der Französischen Straße. Der Laden ist durch eine regelrechte Touristeninvasion laut geworden. Was als Gespräch beginnt, landet bald in Geschrei. Ist mir früher gar nicht so aufgefallen. Vielleicht wird man auch alt und verliert die Distinktionskraft des Gehörs. Ich sitze verdattert unter lauter Brüllaffen. Was mache ich hier?

Alles aber erträglicher als der Nachbartisch abends im Adlon. Ohnehin ein plüschig puffiger Ort (der Kellner fragt, ob man beim Essen das Brandenburger Tor sehen wolle), heute das Danaergeschenk einer lauten Tischgesellschaft in unmittelbarer Nachbarschaft. Das Unheil ist zu dritt. Ein alter Schwarzrock in Begleitung seines Diakons, ein pausbäckiger Kapaun schwulster Intonation; man ist aus der rheinischen Provinz im Bus angereist und wird begleitet von einer dieser unglückseligen Damen, die ihre Berufung im Katholischen finden. Das hysterische Lachen, eher ein Gekicher peinlichster Art, dieser maroden Matrone zieht sich über den ganzen Abend. Sie erinnert mich an eine Weinkönigin aus der Pfalz. Ihr überheiteres Gekreisch rechtfertigt das Zölibat. Spätestens das.

Am Abend dann Ruhe. Schweigen und ein Glas vom Besten. Es erholt sich der tagsüber Lärmbelästigte. Eine erholsame Nacht. Erholtes Erwachen. Bis sie das BAUSTELLENRADIO wieder anstellten. Es zieht mich ins Eremitische. Oder Taubheit als Erlösung. Beethoven.