Logbuch
BACKSTAGE.
Hinter der Bühne, da passieren die wichtigen Dinge. Im Scheinwerferlicht benehmen sich danach alle gut. Gepöbelt wird in der Garderobe. Alter Talkshow-Trick von mir.
Einen wirklichen Gegner in der Talkshow-Arena muss man beleidigen, bevor die Kameras angehen. Am besten in der „Maske“, wenn die Gäste in Schminkstühlen nebeneinandersitzen und abgepudert werden, damit sie im Studio nicht glänzen wie die Ostereier. Hier ein gezielter Schlag unter die Gürtellinie und dann im Studio den Gentleman geben. Der Beleidigte findet aus dem Beleidigen nicht mehr raus und macht eine schlechte Figur.
So auch Bundeskanzler Schröder in der legendären „Elefantenrunde“ am 18. September 2005, als er die knappe Wahlsiegerin Angela Merkel anranzte. Man schob das auf den Rotwein, dem er schon zugesprochen hatte. Das war aber anders. Der kluge Journalist Peter Zudeick offenbart das in seinem neuen Buch („Verbrandt, verkohlt und ausgemerkelt“ im Westend-Verlag). Der ZDF-Moderator Nikolaus Bender hatte in der Garderobe Merkel devot als „Bundeskanzlerin“ begrüßt (was sie noch nicht war) und den amtierenden Kanzler ironisch mit „Guten Abend, Herr Schröder!“ Davon hat sich Gerd nicht mehr erholt. Inzwischen eine Kultsendung.
Mein nettestes Erlebnis in der Kategorie hatte ich bei Anne Will mit einem Vorsitzenden des BeamtenBundes (wo auch die Lokführer-Separatisten hausen), der neben mir gepudert wurde. Er war in einem englischen Sportwagen der Oberklasse angereist, der vermeintliche Tröster von Witwen und Waisen; am Vorabend hatte ich ihn in einem Luxusrestaurant mit Gattin gesehen, wo er den ganz großen Max gab. Ich fragte also laut in der „Maske“, wem denn auf dem Parkplatz vor dem Studio die „Zuhälterkarre“ gehöre. Davon hat er sich nicht mehr erholt.
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DIE KLEINE FRAU.
Immer wieder wird geklagt, dass die große Geschichte hinter dem Rücken einfacher Menschen ablaufe. Tragischer sind aber die umgekehrten Fälle. Lese eine Biographie über ETHEL ROSENBERG, ein tragisches Leben in der mörderischen Logik des Kalten Krieges. Scapegoat nennt sich im Englischen der Sündenbock. Hier eine Böckin. Zunächst zum Hintergrund. Japan kämpft an der Seite von Deutschland einen Weltkrieg. In Pearl Harbour wird die amerikanische Flotte von japanischen Fliegern zerbombt.
Diesen Weltkrieg haben die Amerikaner dann spätestens durch den Einsatz einer Plutoniumbombe auf das japanische Nagasaki beendet, eine, wie man heute sagt, disruptive Technik. Das sogenannte Manhattan-Projekt unter Präsident Truman leitete Leslie Groves, von dem eine Rede vor New Yorker Publikum zitiert wird, in der er den zeitgenössischen Sowjets vorwarf, nicht mal einen Jeep bauen zu können.
Das sollte sich als arroganter Übermut erweisen, spätestens als die Russen 1949 im heutigen Kasachstan einen Atombombentest durchführten, der so viel Plutonium in die Atmosphäre brachte wie ‚Fat Man‘ auf Nagasaki. Das konnte nur auf Verrat beruhen; man glaubte, dass Spione die Baupläne verraten hatten. Da fiel dann der Name KLAUS FUCHS, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Und JULIUS ROSENBERG kam in den Fokus, der Ehemann von ETHEL ROSENBERG.
Über deren Prozess, der im März 1951 vor einer Grand Jury begann, erfährt man eigenartiges. Weil sie größer war als ihr Mann, und durchgängig vor Gericht ein Pokerface zeigte, machte man sie zur Drahtzieherin einer russisch geführten, kommunistischen Spionage-Organisation; die Todesstrafe war ihr gewiss. Eine Hexe, halt. Der Gerichtsreporter schrieb, sie habe eben nicht ihre „extremly intelligent eyes“ verbergen können. Eine einfache Frau, Migrantin aus Galizien, arme Leute im jüdischen Viertel der Lower East Side, deren Mann allenfalls ein Schrauber, aber kein Physiker war, beide mit politischen Sympathien für das Land Lenins. Sie wurden exekutiert wegen Verschwörung zum Zwecke der Spionage. Ach. So bricht sich Weltgeschichte in das Leben kleiner Leute, selten ein Glück.
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RESPEKT FÜR DICH.
Respekt für Dich? So steht das auf Wahlplakaten. Ein Versprechen. Und dreister Unsinn. Respekt hat man vor jemandem, nicht für ihn.
Was die SPD auf dem Olaf-Scholz-Plakat bedienen möchte, ist eine Ghetto-Hoffnung. Wer in meiner Berliner Hood ausdrücklich RESPEKT verlangt, möchte, dass sein provokatives Fehlverhalten auch noch durch Achtung belohnt wird. Es geht eigentlich sogar um mehr. Nicht nur Achtung, sondern Beachtung. Eine passive Aggression verlangt ostentative Bewunderung. Erfährt sie aber Ächtung, bricht sie aus und wird übergriffig. Beleidigungen, Anspucken, Angriffe, Bedrohung.
Respekt hat man vor jemandem; genauer gesagt: vor jedermann. Das hat nur vordergründig mit RECHTSGLEICHHEIT zu tun. Eher mit Ungleichheiten. Weil die Menschen verschieden sind und genau daraus der Reichtum einer Gesellschaft besteht. Da ist der Kern christlichen Denkens, dass das, was man dem Geringsten tut, man dem HERRN antut. Auch andere Religionen mögen das so sehen. Respekt ist ein MENSCHENRECHT. Das kann Olaf nicht verschenken, wenn man ihn wählt; damit man ihn wählt.
Mir wäre lieb, wenn der STAAT prinzipiell Respekt vor mir als Individuum hat. Das ist nämlich etwas anderen als jenes wohlfeile Geschenk, das da auf den Plakaten steht. Man kann mir nicht schenken, was man mir gar nicht hat nehmen können. Das ist diese Übergriffigkeit der Pandemie-Regime. Freiheit wird ein wenig erlaubt. Respekt für Dich, Du Untertan.
Menschenrechte sind „unveräußerlich“, so steht es in der Amerikanischen Freiheitserklärung. Eine Verfassung, die angesichts des eigenen Ursprungs als Sklavenhaltergesellschaft entstand. Als Ausgang aus der Versklavung. Man hatte den Sklaven genommen, was man gar nicht nehmen kann. Und man kann es nicht mit großer Geste zurückschenken. Danke Olaf, aber das ist verlogen. Lass stecken.
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LÄRM: EINE LAST.
Der Tag begann gestern damit, dass beim Nachbarn die Handwerker pünktlich um Sieben ihre Tätigkeit aufnahmen. Woran erkennt man, dass ein Handwerker nix taugt? Er kommt tatsächlich. Wie merkt man es? Er stellt das BAUSTELLENRADIO an. Solche Quälgeister bieten die Bosch dieser Welt ihrer Klientel; offensichtlich mit einer Voreinstellung für besonders dämliche Radiostationen und die Niederungen des deutschen Schlagers. Radio Freibier trällert dann den lieben langen Tag. Unerträglich.
Mittags in der Kantine; so nennt der beruflich in Berlin verhaftete Business-Luncher das Borchardt in der Französischen Straße. Der Laden ist durch eine regelrechte Touristeninvasion laut geworden. Was als Gespräch beginnt, landet bald in Geschrei. Ist mir früher gar nicht so aufgefallen. Vielleicht wird man auch alt und verliert die Distinktionskraft des Gehörs. Ich sitze verdattert unter lauter Brüllaffen. Was mache ich hier?
Alles aber erträglicher als der Nachbartisch abends im Adlon. Ohnehin ein plüschig puffiger Ort (der Kellner fragt, ob man beim Essen das Brandenburger Tor sehen wolle), heute das Danaergeschenk einer lauten Tischgesellschaft in unmittelbarer Nachbarschaft. Das Unheil ist zu dritt. Ein alter Schwarzrock in Begleitung seines Diakons, ein pausbäckiger Kapaun schwulster Intonation; man ist aus der rheinischen Provinz im Bus angereist und wird begleitet von einer dieser unglückseligen Damen, die ihre Berufung im Katholischen finden. Das hysterische Lachen, eher ein Gekicher peinlichster Art, dieser maroden Matrone zieht sich über den ganzen Abend. Sie erinnert mich an eine Weinkönigin aus der Pfalz. Ihr überheiteres Gekreisch rechtfertigt das Zölibat. Spätestens das.
Am Abend dann Ruhe. Schweigen und ein Glas vom Besten. Es erholt sich der tagsüber Lärmbelästigte. Eine erholsame Nacht. Erholtes Erwachen. Bis sie das BAUSTELLENRADIO wieder anstellten. Es zieht mich ins Eremitische. Oder Taubheit als Erlösung. Beethoven.