Logbuch

TITELEI.

Im Österreichischen ist das Führen von Titeln Bürgerpflicht. Das finde ich zwar eitel, aber richtig. Einen Abschluss erreicht zu haben, ehrt ein Leben lang.

Mein Widerwillen gegen den Schwimmunterricht, den ich als Schüler nachmittags freiwillig genießen durfte, muss groß gewesen sein; bis heute erinnere ich den Fußweg zu dem Hallenbad, diese elenden Umkleidekabinen und das schlechtgelaunte Desinteresse meiner Schwimmlehrerin. Ich muss es gehasst haben. Aber, so die Vorgabe meiner Frau Mutter, ich sollte einen „Frei- und Fahrtenschwimmer“ erwerben. Den Abschluss bildete ein Sprung vom Dreimeterturm, den ich zu wiederholen hatte, weil ich auf dem Bauch gelandet war. Und wieder wie Sack Kartoffeln aufkam. Aber ich habe es zu Ende gemacht.

Wie ich mein Abitur geschafft habe, weiß ich gar nicht mehr, es muss an meiner Penne ein Übermaß an pädagogischer Förderung gegeben haben. Erst bei den Staatsexamen und der Promotion hatte ich einige Routine (und schon wieder unverdient großzügige Förderung). Der einst schwache Volksschüler ging schließlich „summa cum laude“ durchs Ziel. Und ich führe penetrant die auf dem Weg erworbenen Titel, wozu man durchaus eine andere Meinung haben kann.

Mir missfallen die selbstbewussten Versager in der Politik. Die endlosen Studien vieler Vertreter der politischen Klasse, die sich zwanzig Semester mit Erdkunde für das Lehramt an Berufsbildenden Schulen haben alimentieren lassen, ohne jemals auch nur in die Nähe einer Zwischenprüfung gekommen zu sein, geschweige denn examiniert zu haben, sehe ich mit minderem Respekt. Dabei ist mir eine Meisterprüfung im Handwerk so viel wert wie ein Doktortitel. Oder zehn Jahre Wechselschicht. Aller Ehren wert. Dagegen: Nix gelernt, nix gearbeitet? Durchgemogelt? Paaah. Der Preuße in mir will Hürden genommen haben.

Das notorische Drückebergertum der Apparat-Schicks, die es dann wegen Stallgeruchs in ein Parteiamt oder ein Parlament geschafft haben, es imponiert mir nicht. Punkt.

Logbuch

TOO MUCH INFORMATION (TMI).

Der Dichter steht, von der Taille an entblößt, mit den faltig gelben Hühnerbeinen der Greise in der Küche und kühlt sein Skrotum am Kühlschrank mit Eiswürfeln. Wer will das wissen?

Wir kennen nun, was nicht zu wissen, man eigentlich hoffen müsste. Wir wissen, wie ein alter Mann in Truro, Cornwall, UK, von seiner zwanzig Jahre jüngeren Ehefrau sexuell unterhalten wurde. Die Dame hat den Tod ihres berühmten Gatten genutzt, um die Welt mit einem Enthüllungswerk um eine weitere Peinlichkeit reicher zu machen. Man kann bei Suleika, so ihr Vornamen, banalste Details zu dem Ritual lesen, sexuellen Dingen an ungewöhnlichen Orten nachzugehen.

Entehrt wird der Schriftsteller JOHN LE CARRE, der aus einer peripheren Geheimdiensttätigkeit ein Romanwerk geschaffen hat, das den Nicht-Engländern als Ausdruck der englischen Seele galt. Ich selbst habe nachweisen können, dass mindestens eines der Werke von einem Ghostwriter verfasst wurde (nämlich Michael Jürgs); aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Der Diskrete wurde von seiner nachgelassenen Konkubine post mortem zur Indiskretion; jetzt verstellt eine leichte sexuelle Devianz die literarische Verehrung. TMI.

Max Frisch wurde eine ähnliche Indiskretion von seinen Angehörigen vorgeworfen, als diese entdeckten, von dem Greis ungefragt und ungewollt schlicht abgekupfert worden zu sein. Man trägt sein Privates nicht zu Markte. Dies ist wirkliche Pornographie, eine nackte Seele, gegen die ein bloßer Hintern noch zurückhaltend wirkt. Das Bild der Hühnerbeine des Greisen kriegt man nicht mehr aus dem Kopf.

Logbuch

HOME OFFICE.

Dass der Buchhalter ein Stehpult in beheizten Räumen gestellt bekommt, eine Kantine und einen Betriebsrat, das ist nicht agil. Agil aber, dass muss man sein. Sonst verliert man das Recht auf weiße Sneaker.

Der Hinweis, man arbeite im HOME OFFICE, führt bei echten Engländern zu der irrtümlichen Annahme, dass man jetzt im Innenministerium tätig sei. Das nämlich bedeutet eigentlich Home Office. Man ist REMOTE unterwegs; wie bei der Fernbedienung namens „remote control“. Oder in Französisch „en route“, auf Achse. Eigentlich aber läuft die zeitgemäße Verständigung über Abkürzungen.

Was WTF bedeutet, dass kriegen wir später. WFH jedenfalls heißt: „working from home“, unser HOME OFFICE. Diese Büroflucht kann man vorsichtig erweitern, insbesondere bei milder Witterung: WFG. Aus dem Garten. Wer kühner drauf ist: WFA. Das meint „working from abroad“, sprich aus dem Ausland. Da kommt das Sommerhäuschen in Spanien zu neuer Ehre. Oder gar ein Kreuzfahrtschiff mit WiFi, das ist WLAN.

Wir dissoziieren Bürogemeinschaften zu Funktionsketten. Wir akzeptieren, dass Betriebskosten jetzt privat anfallen. Und wenn dann die Heizkosten für das Zuhause nicht mehr zu bezahlen sind, dann halt WFP, sprich „working from the pub“. Früher gab es auf Bahnhöfen sogenannte „Öffentliche Wärmehallen“; Nichtsesshaften wird das im Winter in den großen Städten auch geboten. So weit sind wir, denke ich, wir lassen uns im Namen der Agilität behandeln wie Penner. WTF.

Logbuch

DER VOLKSMUND.

Die Leute reden nicht nur, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, sondern auch so, wie ihnen die Löffel stehen. Ich bin der festen Überzeugung, dass die große Verbreitung eines ganz passablen Englisch bei den Holländern damit zusammenhängt, dass das Fernsehen die amerikanischen Serien nicht synchronisiert, sondern mit Untertiteln sendet. Na ja, und sie sind erfahrene Händler, die Moffen. Haben mal die Welt beherrscht.

Eine gesprochene Sprache gliedert sich vertikal und horizontal; sozial von unten nach oben wie geografisch nach der jeweiligen Heimat. Obwohl meine Frau Mutter den allergrößten Wert auf ein lautreines Hochdeutsch bei ihrem Sohn legte, sagen mir Kollegen anderer Regionen nach, man höre bei mir den Pott noch immer raus. Selbst Schwaben wagen solche Hinweise. Damit wird es grundsätzlich. Was heißt hier Pott? Gemeint ist der Rheinisch Westfälische Stadtbezirk (Geographendeutsch), wegen der dortigen Montanindustrie auch Rheinisch Westfälisches Kohlenrevier genannt, oder eben der Pott. Volksmund.

Wer wie selbstverständlich in aller Kürze vom REVIER spricht oder dem POTT, der kommt von hier. Das Bergwerk war der PÜTT nach dem Lateinischen „puteus“, im Deutschen erhalten in der „Pfütze“ oder dem „Poet“ (Hugenpoet, der Krötensumpf). Der Arbeitsort wird im Volksmund erfragt mit „Auf welchen Pütt gehse?“ In der Hochsprache lautet das: „Wo war der Vater angelegt?“ Das wurde ich anlässlich meines Bewerbungsgesprächs bei der Ruhrkohle AG von dem Bergassessor gefragt. Es war der richtige Pütt, ich war drin, eingestellt. Vor Hacke ist duster.

Damit das mal ein für alle Mal klar ist: Das Revier begann Mitte des 18. Jahrhunderts in Oberhausen. Man war bei der GHH, kurz für Gute Hoffnungs Hütte, und deren Pütts rund um Osterfeld und Sterkrade. Meine Großväter waren auf Neue Hoffnung, ein GHH-Pütt; mein Vater bei der Ruhrchemie in Holten. Ich habe an der Ruhr-Universität in Bochum studiert und in meiner Kneipe einen Orchestermusiker namens Herbert Grönemeyer ertragen müssen. Das alles bestimmt den Ton.

Im Gegensatz zum Saargebiet oder dem Rheinland hat es der Pott aber nie zu der edlen Bezeichnung RUHRLAND geschafft. Wir, die wir von da wech kommen, wissen warum. Weil der reputationsbildende Fluss nie die Ruhr, sondern immer die Emscher war. Wem das ein Lächeln ins Gesicht zaubert, der kommt von hier.