Logbuch
DA IRRT DER GRIECHE.
Der Dichter Brecht hat diesen Spruch zu verantworten: „Der Mensch, die Krone der Schöpfung, das Schwein.“ Er war dem Völkermord der Faschisten nur knapp entronnen. „Mögen andere von ihrer Schande sprechen, ich spreche von der meinen.“
Der antike Aristoteles hatte schönere Gedanken. Zum Beispiel den, dass das Leben sich im Laufe der Zeit zur Vollendung bringe, nennt sich „Entelechie“. Das Ziel sei von Anfang an in uns angelegt und im Wege der SELBSTVERWIRKLICHUNG vollendet es sich. Der Mensch als Krone der Schöpfung.
Ich hatte immer gehofft, dass dies zumindest für die Natur gilt, jedenfalls wenn der Mensch nicht in sie eingreift. Das Leben stammt aus dem Wasser und hat sich aus den Meeren langsam an Land gerettet, den aufrechten Gang gelernt, den Stuhl Petri mit dem Papst besetzt und dann Olaf Scholz zum Kanzler bestimmt. In dieser Weisheit der Evolution irritieren nur die Säugetiere, die ins Wasser zurück gewandert sind, weil sie ihrer Beute folgen wollten, zum Beispiel die Walfische, echt dumme Tiere. Hatten schon Lunge und Uterus, und dann das.
Die „Entelechie“ gab es nie. Das TV berichtet mir vom Mosasaurus, einem Ungeheuer der Urzeiten, das sich, geboren als Landechse, ins Meer entwickelt habe und dort zu einem alles beherrschenden Monster geworden sei. Die Evolution gebe es auch in umgekehrter Richtung, sagen amerikanische Wissenschaftler. Die Natur mache zwar keine Sprünge, sie habe aber auch keine Richtung. Jede Nische sei ihr recht. Warum dann der Mosasaurus ausgestorben ist, darüber rätseln nun die US-Archäologen. Vermutlich ein Meteoriteneinschlag. Das sagen sie immer, wenn ihnen nix einfällt; bei den Dinosauriern kommen sie auch damit an.
Wenn schon die Natur keinem höheren Ziel folgt, so doch bitte die Geschichte. Der gute alte Hegel, ein Philosoph aus Jena, hat das gehofft. Nur das Ganze sei das Wahre, insofern es sein Wesen zur Verwirklichung bringe. Herr Marx hat dann als sozialen Träger dieser Vollendung die Verdammten dieser Erde, das Proletariat, gefunden; eigentlich ein schöner Gedanke, wenn ihn dann nicht die Kommunisten ruiniert hätten. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Bleiben wir bei den US-Wissenschaften.
Deren edelste Institute, eine nach dem Efeu-Bewuchs benannte Liga, wissen auf Vorhaltung aus der neuen Rechten nicht zu sagen, ob ein Völkermord, etwa der an den Juden, verurteilenswürdig sei. Das komme auf den Kontext an. Ich erwarte den Einschlag eines Meteoriten.
Logbuch
FREUNDLICHKEIT.
Unerwartete Höflichkeit verändert die Menschen. Man unterschätze nicht solche Gesten der Sympathie. Gestern wurde ich Gegenstand dessen. Ein Hiwi hatte für einen Berufsverband um einen Interviewtermin gebeten und mein Büro aus Routine zugesagt.
Doch dann öffnet sich zum Termin das Fenster der Video-Konferenz und ich sehe zu meiner Überraschung: Es ist der Präsident selbst, der mit mir sprechen will. Ich bin überrascht. Es geht um die etwas eitle Frage, ob ich in meinem Beruf wohl eine LEGENDE sei. Das kann man ja eigentlich nur errötend zurückweisen.
Solche Bescheidenheit ist PR-Leuten aber wesensfremd. Rumpelstilzchen-Effekt; gäbe man das zu, würde es einen PR-Typen glatt zerreißen. Das ist aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Ich finde mich „estimiert“ in einem sehr gut vorbereiteten Gespräch, mit Charme und Eleganz geführt, von einer so ungekünstelten Höflichkeit, als sei ich eine LEGENDE. Der Präsident ist akademisch von meinem Fach und professionell auf der Höhe. Das Ganze eine wirkliche Freude.
Wir reden über 20 Jahre als angestellter PR-Chef in der Industrie und 20 Jahre als Inhaber der eigenen Agentur und 25 Jahre mit einer Honorarprofessur für Kommunikationsmanagement: „a street dog of PR“. Ein alter Hund lernt keine neuen Tricks. Obwohl…
Das Interview hinterlässt mich verlegen und mit der bohrenden Frage, ob ich dieser FREUNDLICHKEIT überhaupt gerecht geworden bin. Zudem habe ich seit meinem Studium ein Problem mit dem Wort. Es stand unter einer großen Karte, an der ich regelmäßig vorbeikam. Und ein Witzbold hatte mit Filzstift ein zweites Wort ergänzt. Wer das Kompositum einmal gelesen, konnte die neue Bedeutung niemals mehr vergessen. Da stand: „Legende Hühner.“ Damit ist die LEGENDE kaputt.
Zu korrigieren ist noch die Bezeichnung Hiwi („Hilfswilliger“); man sagt jetzt SHK („studentische Hilfskraft“) oder Assi. Sorry. Nichts für ungut, Herr Kollege! Dank für die Unterstützung. Wenn ich mal was für Sie tun kann… So steckt Höflichkeit an.
Logbuch
ABER BITTE MIT SAHNE.
Die Hauptstadt hat ein neues Attribut. Christian Lindner, der FDP-Chef, lese ich, sei nicht mehr so CREMIG. Vor Wochen hatte eben dieser eben das Robert Habeck vorgeworfen, einem der Grünen-Anführer, die Ökos seien CREMIG. Was ist das für ein neuer Code? Ich verstehe nicht.
Es ist schon richtig, dass Politikerrollen über solche Attribuierungen bestimmt werden. Das geht im Positiven wie in der Absage an bestimmte Eigenschaften. Manchmal weiß man gar nicht, wie einem geschieht. So gilt neuerdings der untersetzte Lispler Boris Pistorius als „harter Hund“. Gut für einen obersten Inhaber der Befehlsgewalt: „Weitermachen. Keine Meldung!“ Was aber ist CREMIG?
Eine verdünnte Salbe mag das sein („body lotion“), eine aufgeschlagene Soße („sauce blanche“), aber ein Kerl? Das Attribut bescheinigt eine softe Gefälligkeit, wie sie vielleicht in schwulen Milieus gepflegt wird. Es liegt zwischen der Sahnetorte („cream“) und dem Salbungsöl („chrisma“), jedenfalls nicht bei dem krummen Holz, aus dem Charaktere sind. Niemand will doch in der Politik dieser Tage mehr Vaseline.
Der Plan, die Klientelgeschenke der Sozis wie der Ökos frechweg auf Pump zu finanzieren, ist gescheitert. Geklautes Geld, nichts anderes sind umgewidmete Sondervermögen. Wir werden weiter also fossile Brennstoffe brauchen und arbeiten gehen müssen, wenn der Lohn auskömmlich sein soll. Ich bin nicht gegen Sondervermögen. Aber wenn „deficit spending“ angesagt ist, dann wird man damit auch so vor die Wähler treten müssen. Die Wahrheit gibt es nicht mit Vaseline.
Wird es Christian Lindner zum harten Hund schaffen? Und wenn er konsequent bleibt, wird es seine Partei überleben? Ich würde es der Republik gönnen. Besorgt blicke ich auf die 4%-Prognose für die FDP und die 52% für CDU und AfD. Blicken wir auf den heute beginnenden SPD-Parteitag. Noch immer dicke Hose namens ZeitenWende, Herr Bundeskanzler Olaf Scholz?
Logbuch
INTRIGANTENSTADEL.
Die Partei hat immer recht. Der berühmte Satz stammt aus der Logik des Kommunismus und hat böse historische Eskapaden begleitet. Man kann nicht ausschließen, dass auch andere Diktaturen ihrem ideologischen Kern einem solchen Freibrief erteilt haben. Die Parteien wirken an der Willensbildung des Volkes mit; sagt das Grundgesetz. Reden wir über die Soziologie der politischen Partei. Ich selbst habe zweien angehört und bin heute frei davon.
Historisch ist die politische Partei ein gesellschaftlicher Zusammenschluss, eigentlich ein Verein, von Gleichgesinnten. Dieser Basis an gemeinsamen Überzeugungen entspricht oft ein einheitliches soziales Milieu oder eine geteilte kirchliche Bindung, jedenfalls eine Lebensweise oder Erfahrung, die den Zusammenschluss plausibel erscheinen lässt. Die Rudelbildung kann mehr oder weniger verbindlich sein für ihre Mitglieder. Man sieht es an Hobby-Vereinen, etwa Sportclubs; es gibt lockere Fan-Kulturen oder fanatische Anhängerschaften, bis hin zu kriminellen Banden. So bei Parteien.
Im Marxismus-Leninismus erfüllt die Partei eine weltgeschichtliche Aufgabe, die des Klassenkampfes, der zunächst die Arbeiter, dann die Menschheit von der Geißel des Kapitalismus befreit. Die einfache Alltagserfahrung damit war bisher wohl, dass sich das ganz gut anhören kann, im wirklichen Leben aber schlicht nicht klappt. Wir hatten ja nüscht. Darauf will ich aber gar nicht aus, weil das, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte ist.
Bevor ein Politiker sich in einem Staatsamt mit Ruhm oder Tantiemen bekleckern kann, oder auch nur einen Wahlkampf gewinnen, muss seine Partei ihn nominieren. Der CDU sagt man nach, dass sie ein Kanzlerwahlverein sei; das meint, dass hier jeder auf das Schild gehoben wird, der Prozente bringt, was Mandate bedeutet. Mutti machte mächtig, Merz marodiert. In der SPD ist legendär, wie sehr sie ihre eigenen Führer hasst und ihnen das Leben schwer macht; Sozen hassen Macht, jedenfalls wenn sie anstrengend wird. Die Linke war schon immer meinungsstark und verantwortungsscheu. Bei den Grünen blüht dieses deutsche Elend in Potenz.
Das wirkliche Pandämonium ist die interne Stimmungslage der AfD, was die schlitzohrige Alice aus dem völkischen Wunderland gerade noch zu verbergen weiß. Auch ein Thema. Bleibt als Vorhölle noch die Berliner SPD. Immer schon von Westdeutschen geführt. Was an politischer Peinlichkeit passieren kann, passiert hier. Gerade höre ich, dass Frau Doktor Franziska Giffey keine günstige Kandidatenposition eingeräumt bekommt, sprich keinen Listenplatz zur Abgeordnetenhauswahl (und dafür einen garantiert miesen Wahlkreis). Der Grund ist einfach, sie galt als nominierungswürdig, weil aus Frankfurt. Jetzt kam aber raus, gar nicht das am Main, sondern Frankfurt/Oder. Das geht für „Ich bin ein Berliner“ gar nicht.