Logbuch
AMBULANT.
Essgewohnheiten. Was hat sich grundlegend geändert? Nun, früher saß man zum Essen an einem Tisch und zwar zusammen zu geregelten Zeiten. Ein Ritual: Gemeinsame Mahlzeiten. Heute laufen die Menschen essend und trinkend irgendwo herum. Allein. Ein Hot Dog an der Straßenecke, ein Leberkäsbrötchen in der U-Bahn, Gemüse-Döner vor dem Supermarkt. Das Glücksversprechen der Garküchen lautet „to go“: zum Mitnehmen. Der ambulante Verzehr. Entsprechend wandelt sich die Zubereitung; man muss den Verzehr nämlich möglichst ohne Besteck einhändig im Laufen bewerkstelligen können. Früher war dies dem „Essen auf der Arbeit“ geschuldet; so entstanden pasty & sandwich, die Pastete und das Butterbrot. Heute liegt der Grund für die „Dehabitualisierung“ von Mahlzeiten in der allseitigen Hektik, die Essen und Trinken in die Ambulanz, das Rumlaufen verweist. Zuerst fiel mir das bei Amerikanern auf, dass sie immer und überall ein Getränk mitführen müssen; so als begänne schon an der nächsten Ecke die Wüste Gobi, auf die man vorbereitet sein müsse. Dann der Trend zum „finger food“, also dem bestecklosen Verzehr von Kleinstportionen für Einarmige. Auf Stehempfängen wesentlich, weil in der anderen Hand das Glas zu halten ist. Jetzt sehe ich ganze Gesichter in muschelförmige Alufolien tauchen, in der eine Teigtasche Röstfleischschnipsel mit Joghurt und Salatschnipseln darbietet, eine Mahlzeit, die aussieht, als sei sie schon mal verzehrt worden. Vielleicht ist das ja das Erfolgsgeheimnis der angebratenen Hackfleischtaler, sprich der Hamburger; das haschierte Fleisch ist faktisch durch den Kutter des Metzgers schon vorverdaut. Wie auch die in kleine Stücke aufgeschnittene Currywurst. „Mit oder ohne Darm? “, fragt die Berlinerin an der Currybude und der Eingeborene ist, seltsame Beobachtung, ob dieser Frage nicht irritiert. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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DER HOHE TON.
Merkel hat fertig? So hieß es hier. Meinungsjournalismus bewirkt eine Radikalisierung jener, die ihn betreiben. Auf Seiten der Autoren. Aber auch auf Seiten der Leser. Das macht das Klima in den Internet-Medien oft so schwer erträglich. UNDULDSAMKEIT als vermeintliche Tugend. Jakobinische Hitzköpfigkeit. Man lässt sich allzu leicht davon anstecken. Beispiel: Nur weil die Union in der Wählergunst auf ein Viertel fällt und nicht mal mehr eine Koalition mit den Grünen sie an der Macht hielte, gleich von der Kanzlerdämmerung zu reden, das ist eine politische Rede in hohem Ton. Haben wir es nicht eine Nummer kleiner? Geht das nicht moderater? Eine Wechselstimmung bei der nächsten Wahl muss ja nicht gleich als ZEITENWENDE aufgewertet werden. Was kann kommen? Grün/Gelb/Rot, die Ampel, eine normale Variante in unserem Parlamentarismus. Die SPD bliebe in der Regierung, wenn auch mit Abstrichen. Olaf Scholz wird unter der Kanzlerin Annalena Baerbock wieder Finanzminister; Vizekanzler dieser AMPEL ist allerdings Außenminister Christian Lindner; das ist die Bedingung der Gelben fürs Mitmachen. Das Ressort Gesundheit geht in der Ampel an Karl Lauterbach. Wird nicht gehen? Gemach. Ganz ruhig, Brauner. Nur kein hoher Ton.
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ERLÖSUNG.
Wir sind es leid, dieses Gezerre. Heute hü, morgen hott. Der eine so, der andere so. Angela Merkel folgt wie immer der Stimme des Volkes, den Stimmen aus dem Volk. Die KANZLERIN beklagt sich in einer Talkshow über die MINISTERPRÄSIDENTEN. Sie ist, sagen wir es klar, demokratiemüde. Nicht mal der CDU-Vorsitzende folgt ihr. Sie droht mit Durchregieren. Eigentlich droht sie mit Notstandsrecht. Das ist KRIEGSRECHT in Friedenszeiten. Nennt sich neuerdings „knallharter Lockdown“, anders sei der übermächtige Feind nicht zu besiegen. Ich höre jetzt auch Stimmen. Der Führer muss jetzt wirklich mal durchgreifen. Und das einzig RICHTIGE tun. Dazu brauchen wir Wissenschaft und Wirtschaft in einer Hand, einer strengen. Solche Stimmen höre ich. Sie sagen: Und unbedingter Gehorsam auf den Straßen und in den Wohnungen! Hinter der epochalen Aufgabe muss der Föderalismus jetzt mal zurückstehen. Und die Demokratie! Notfalls müsse der Bund eingreifen, heißt es. Der Bund? Die Bundeswehr? So höre ich es aus der Tiefe des Raums grummeln. Deutet Frau Merkel an, sie könne auch anders; und glaubt, sie habe dazu ein Mandat? Glaubt sie, dass wir das von ihr erwarten? Wenn dem so wäre, begönne dieses Volk den Verstand zu verlieren. „Was bildet die sich eigentlich ein?“, fragt mich die Blonde. Nun, ich glaube, sie will die Erlösung sein, die es nicht gibt. Es schwindet ihre Macht. Ratlos und verzweifelnd. Mutti hat versagt. Merkel hat fertig.
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INTRIGANTENSTADEL.
Die Partei hat immer recht. Der berühmte Satz stammt aus der Logik des Kommunismus und hat böse historische Eskapaden begleitet. Man kann nicht ausschließen, dass auch andere Diktaturen ihrem ideologischen Kern einem solchen Freibrief erteilt haben. Die Parteien wirken an der Willensbildung des Volkes mit; sagt das Grundgesetz. Reden wir über die Soziologie der politischen Partei. Ich selbst habe zweien angehört und bin heute frei davon.
Historisch ist die politische Partei ein gesellschaftlicher Zusammenschluss, eigentlich ein Verein, von Gleichgesinnten. Dieser Basis an gemeinsamen Überzeugungen entspricht oft ein einheitliches soziales Milieu oder eine geteilte kirchliche Bindung, jedenfalls eine Lebensweise oder Erfahrung, die den Zusammenschluss plausibel erscheinen lässt. Die Rudelbildung kann mehr oder weniger verbindlich sein für ihre Mitglieder. Man sieht es an Hobby-Vereinen, etwa Sportclubs; es gibt lockere Fan-Kulturen oder fanatische Anhängerschaften, bis hin zu kriminellen Banden. So bei Parteien.
Im Marxismus-Leninismus erfüllt die Partei eine weltgeschichtliche Aufgabe, die des Klassenkampfes, der zunächst die Arbeiter, dann die Menschheit von der Geißel des Kapitalismus befreit. Die einfache Alltagserfahrung damit war bisher wohl, dass sich das ganz gut anhören kann, im wirklichen Leben aber schlicht nicht klappt. Wir hatten ja nüscht. Darauf will ich aber gar nicht aus, weil das, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte ist.
Bevor ein Politiker sich in einem Staatsamt mit Ruhm oder Tantiemen bekleckern kann, oder auch nur einen Wahlkampf gewinnen, muss seine Partei ihn nominieren. Der CDU sagt man nach, dass sie ein Kanzlerwahlverein sei; das meint, dass hier jeder auf das Schild gehoben wird, der Prozente bringt, was Mandate bedeutet. Mutti machte mächtig, Merz marodiert. In der SPD ist legendär, wie sehr sie ihre eigenen Führer hasst und ihnen das Leben schwer macht; Sozen hassen Macht, jedenfalls wenn sie anstrengend wird. Die Linke war schon immer meinungsstark und verantwortungsscheu. Bei den Grünen blüht dieses deutsche Elend in Potenz.
Das wirkliche Pandämonium ist die interne Stimmungslage der AfD, was die schlitzohrige Alice aus dem völkischen Wunderland gerade noch zu verbergen weiß. Auch ein Thema. Bleibt als Vorhölle noch die Berliner SPD. Immer schon von Westdeutschen geführt. Was an politischer Peinlichkeit passieren kann, passiert hier. Gerade höre ich, dass Frau Doktor Franziska Giffey keine günstige Kandidatenposition eingeräumt bekommt, sprich keinen Listenplatz zur Abgeordnetenhauswahl (und dafür einen garantiert miesen Wahlkreis). Der Grund ist einfach, sie galt als nominierungswürdig, weil aus Frankfurt. Jetzt kam aber raus, gar nicht das am Main, sondern Frankfurt/Oder. Das geht für „Ich bin ein Berliner“ gar nicht.