Logbuch
KERNGESUND.
Deutschland hat in Europa die höchsten Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit, aber liegt in der Qualität nicht vorne. Das schmerzt (pun intended); vor allem, wenn man erfährt, wer da die Nase vorne hat. Die Schweiz, Norwegen und die Niederlande. Wie kann das sein? Ein Erklärungsversuch.
Die Schweizer sind schon immer Hungerleider gewesen; die Lebensumstände waren so karg, dass sie die Söhne des Landes als Söldner („Reisläufer“) in alle Welt verkaufen mussten. Das ist heute im Vatikan noch erkennbar. Wer bewacht den Papst? Die Schweizer Garde. Völlerei ruiniert den Menschen; gesegnet, wer frei davon.
Der Norweger ernährt sich, in Ermangelung einer reichhaltigen Schweinezucht, von Meeresfrüchten. Das hilft offenbar und ermöglicht ein langes Leben. Moby Dick. Denn er nimmt von Kindesbeinen an Lebertran. Dafür sorgt der Walfang. Ein Freund aus Trondheim trug dieserhalben das T-Shirt „Intelligent Food for intelligent People“.
Aber die Moffen? Die sind für weniger Zaster gesünder als wie wir? Das finde ich frech. Wie macht das Mijnheer Peperkorn?
Ich höre, das läge an der höheren Digitalisierung. Kann das sein? Ich finde, es geht nichts über ein mit Tinte verziertes Rezept vom Onkel Doktor, mit dem ich dann beim örtlichen Apotheker diskret ein Mittel zur Verbesserung der lokalen Durchblutung beziehen kann. Bückware. Das lässt der Moff sich schlicht schicken? Viagra bei Amazon? Paaah.
Ich rede mit einer Gesundheitspolitikerin über Moby Dick und die Frühsterblichkeit. Sie rät: drastische Strafsteuern auf Tabak, Alkohol und Zucker sowie, nicht zu vergessen, Salz. Wer das zu meiden wisse, bliebe ewig gesund, sprich schön und jung. Wie Karl Lauterbach? Will man das?
Logbuch
DER KONGRESS TANZT.
Nicht mal die notorische Sigrid Nikuta und der frohgemute Harald Christ, obwohl wieder unfreiwillig komisch, können meine Stimmung heben; beide tanzen vor, und zwar beim piefigen Ball der Berliner Koofmichs. Am Ort eine Institution. Die deutsche Provinzialität zeigt sich erneut als metropoles Gehabe einer kleinbürgerlichen Halbwelt: hohler Habitus. Nein, der elend lange Winter geht mir auf den Geist. Das also ist die Erderwärmung, vor der uns die Grünen retten wollen. Es reicht mir. Nun ist Sehnsucht nach Frühling so alt wie die Menschheit.
Weltweit war es der wärmste Winter seit Erfindung der Dampfmaschine. Im Mittel zwischen Arktis und der Sahara 20 Grad Celsius. Ich hätte gerne gewusst, wie James Watt 1775 die Temperatur in Grönland und Guinea gemessen hat. Aber auch diese Frage setzt nicht den Glauben aus. Denn davon reden wir, von der Religion des Klimas, die mit profanen Hinweisen auf das Wetter nicht zu widerlegen ist. Darum sage ich den Ketzersatz: Nichts, was ich als Person tun könnte oder wir Deutsche als Nation, wird an der Entwicklung des Weltklimas irgendetwas ändern. Weil, selbst wenn menschengemacht, es andere Menschen andernorts sind. Mehr als wir. Die deutsche Energiewende ist eine Posse peinlicher Provinzialität.
Aber, sagt mir am Ball der oberschlaue CEO eines Stadtwerks, Vorbild haben wir doch zu sein. Bliebe also noch die religiöse Warnung vor der Sünde und die Heilserwartung des Märtyrers. Plus die historische Mission, dass am deutschen Wesen die Welt zu genesen habe. Deutschsein, das heißt laut Geschichtsbuch, eine Sache um ihrer selbst willen zu wollen. Ehrlich gesagt fehlt mir die Kraft zu solchen Erweckungsbewegungen. Ich friere auf dem Heimweg vom Ball der Berliner Kaufleute und habe Sodbrennen von miserablem Prosecco und fühle mich vom Kongress, der tanzt, nicht wirklich inspiriert. Im Schuh einen Stein von dem Granit, den sie hier auf’s Trottoir streuen statt zu salzen.
Kann ich jetzt bitte Frühling haben? Wenigstens das.
Logbuch
ORANJE.
„Hegel ist wieder da!“ Das ruft mir gestern in einer Berliner Kneipe ein Gelehrter zu. Dank der KI („künstlerische Intelligenz“) finde ich auf dem Heimweg raus, was der Weltweise aus Zehlendorf meint. Die orange Weltregierung des „Make America Great Again“ steht auf offener Bühne wie begossene Pudel. Der gleichgetönte Overlord scheitert am Höchsten Gericht, obwohl dies von ihm beschickt. Der Reihe nach.
Der „orange Overlord“ herrschte mittlerweile mittels Ermächtigungsgesetz. Das geht: Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet. Dieser Satz hat eine innere Klippe temporaler Natur. Wer seine Macht auf den Notstand stützt und mit Notverordnungen zu herrschen gedenkt, der wird argumentativ einigen Aufwand darein legen müssen, dass man nicht mehr in normalen Zeiten lebt. Seine ganze Beweispflicht liegt im Ende der Normalität, zumindest ihrer klaren Unterbrechung. Disruption.
Das fällt leicht, wenn gerade Krieg herrscht. Jedenfalls, wenn man der dabei Bedrohte. Oder andere Not, sagen wir eine Naturkatastrophe. Schließlich, wenn die Menschen keine Arbeit mehr haben und kein Brot. Weltwirtschaftskrise. Die Ausnahme besteht aber immer nur, wenn die Regel unterbrochen. Der Notstand setzt Not voraus. Man kann nicht das Kriegsrecht ausrufen im tiefsten Frieden. Das ist das Erste.
Das Zweite besteht darin, dass man sich nicht seiner Feinde erwehren muss, sondern seiner Freunde. Das Wolfsrudel ist hungrig; die Börse kennt keine Kumpanei. „Wenn Du einen Freund brauchst, kauft Dir einen Hund.“ Der Absolutismus des französischen Sonnenkönigs („Der Staat, das bin ich!“) besteht vor allem darin, dass der weitläufige Adel durch die Herrschaft des Hofes zu ersetzen ist und die Macht der inflationären Kirche erledigt. Absolut meint losgelöst von den Gesetzen. Das muss man dann auch können können.
Beides hat der Sonnengebräunte nicht verstanden. Wäre der „orange Overlord“ gebildet, was er unzweifelhaft nicht ist, hätte er den deutschen Philosophen Carl Schmitt gelesen, der den Hitlerjungens den Steigbügel gehalten hat und dieserhalben in einer Hütte in Plettenberg (Sauerland) exilieren musste, als die Not und die Ausnahme zu Ende. Siehe erster Punkt.
Die Hegemonie von Oranje wankt.
Logbuch
CHARAKTER.
Den Charakter bemerkt man meist dadurch, dass er fehlt, wo man ihn nun wirklich mal erwartet hätte. Meist bemerken wir im Leben lediglich Leute. Das äußert sich schon in dem Lehrsatz: Der Mensch ist gut, nur die Leute taugen nix.
Früher war der Beinamen ein Hinweis, meist auf Äußerlichkeiten, gelegentlich aber auch auf die Wesensart. Wir kennen, obwohl klein an Wuchs, Karl den Großen. Ebenfalls aus Aachen Bruder Leichtfuß, Armin Laschet mit bürgerlichem Namen. Unbedeutender als Karolus Magnus, aber einprägsam „der schöne Klaus“, eine Kiezgröße von der Reeperbahn. In Köln hieß sein Berufskollege „der lange Tünn“. Dem Lateiner war der Beinamen, auch Agnomen oder Cognomen genannt, so wichtig, dass er zum sprichwörtlichen Dritten Namen wurde. Für mich wäre, finde ich, Magnus so schlecht nicht. Ich gebe das zu bedenken.
Wenn die Beliebigkeit der Biologie auf eine kulturelle Narration zusammengedampft werden kann und uns diese elementare Geschichte echt erregt, dann empfinden wir eine Person als CHARAKTER. Jemanden für einen Charakterkopf halten, heißt in ihm etwas Grundsätzlicheres wiederzuerkennen. Es ist wie bei Eisbergen im Nordmeer: Wenn da nicht nur eine blöde Scholle im Wasser treibt, sondern wir die Spitze von etwas sehr viel größerem zu erkennen glauben, dann vermuten wir Charakter.
Wilhelm Tell, der Begründer der Eidgenossenschaft, ist so ein Kerl von Schrot und Korn. Hermann der Cherusker, der die Römer schlug. Albert Schweitzer aus Kaysersberg im Elsass. Meine Frau Mutter hatte, wenn die Kinder nicht lauschten und sie aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen wollte, einen Ausdruck für das Gegenteil. Sie nannte Charakterlose „Ärschken“, wenn Männer, und „Trulla“, wenn weiblichen Geschlechts. Wo ich aufgewachsen bin, galten Feige und Faule nix. Und Schleimer; noch so ein Wort.
Kipling, der Dichter der englischen Gentlemen, hat seine Vorstellungen von Charakter in eine Ode an seinen Sohn gekleidet, die wir, weil zu schwülstig, hier nicht wiederholen. Wollte man weiter erläutern, wäre ein Ausflug in die zeitgenössische Politik zur Hand. Ich sehe allfällig Trottel und einen Teddybären, ein Ärschken und die Trulla. Das immer wache Auge des Zensors hindert mich aber daran, hier Klarnamen zu nennen.
Blick über den großen Teich. Können auch Tyrannen charakterlos sein? Das ist eine gute Frage. Ich habe vorgestern einen Tyrannenforscher getroffen. Unter dem Motto „hic semper“ hat er achthundert Seiten über alle Tyrannen-Narrationen geschrieben. Ein wirklich gebildeter Mann. Übrigens klug und sanften Gemüts. Ein Charakter. Wir aßen in Hannover im Restaurant 11A, was eine Marktbude im Schatten des Ihme-Palastes ist, aber von beeindruckender Kochkunst. Ich hatte ausgezeichnete fish&chips. Gezahlt hat die Dame am Tisch. Selten so was. Wie immer schweife ich ab.