Logbuch
STIGMA.
Früher ein Schandmahl, heute unerlässlich: das TATTOO. Man stellt irritiert fest, dass Rituale der Stammeskulturen in der Postmoderne unserer Tage zu neuen Ehren kommen. Bald ist das STIGMA bei den Ungezeichneten.
Es war ein Vorrecht von Matrosen oder langjährigen Knackis, sich erkennbar durch TATTOOs zu machen. Die Deserteure aus rüden Armeen wurden mit einem D gekennzeichnet, wie ansonsten das liebe Vieh. Noch andere wirklich böse Verwendungen sind berüchtigt. Aber der vor fünftausend Jahren erfrorene Ötzi hat uns gelehrt, dass man jene Künste, die die Kolonialisten den sogenannten WILDEN VÖLKERN zuzubilligen bereit waren, auch nördlich der Alpen kannte.
Wer heutzutage sehenden Auges durch Berlin läuft, kann den Übergang eines Exotismus in Mode, und aus der Mode ins Obligatorische beobachten. Das versteckte kleine TATTOO rückt ins Sichtbare, auf die notorisch unbekleideten Körperteile. Selbst Antlitze (vulgo: Gesichter, auch „Fressen“ genannt) werden verunziert. Der TABU-Bruch ist gewollt. Mein Interesse hält sich in Grenzen, ich bin lediglich irritiert.
Der Körper sei der Tempel der Seele; habe ich gelernt. Und schon im Dritten Buch Mose verbietet sich jemand, der sagt, er sei „der Herr“, solche Unvergänglichkeiten. Jetzt sehe ich jede Kassierin bunter als meine Krawatte. Und der Vorrat an Tinte ist größer als der an Gestaltungsideen. Aber auch das ist ja eine Kunst der Postmoderne, die des Zitierens von Vulgärem im Kommoden. Der unbändige Stolz der Zerstörer des Natürlichen, insbesondere des Schönen.
Damit haben, kunstgeschichtlich gesehen, die AVANTGARDISTEN vor einem Jahrhundert begonnen. Sich der künstlerisch gelungenen, originären Gestaltung dadurch zu entziehen, dass man alltägliche Dinge neu montiert. Gewollte Provokation. Da wird die Geste für das Geschick genommen. Na gut. Aber in meinem Gesicht? Und selbst, wenn: Dann mit unbändigem Stolz darüber, wie zerstört das wirkt? Wie gesagt, ich bin irritiert.
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DEMOSKOPIE.
Inseratenaffäre. Debatte um angebliche Manipulationen durch zwei junge Damen der Meinungsforschung in Österreich. Der dortige Bundeskanzler trat zurück. Mit dabei: eine korrupte Presse, mit Steuergeldern geschmiert.
Ich kommentiere auf Bitten einer Fachplattform der Marktforschung. Und es gibt mir Recht einer der ganz alten Hasen der Branche. Da freut man sich. So sollte das ja eigentlich sein, dass die Fachleute sich einig sind und die Laien staunen.
Ich fordere mehr PROPÄDEUTIK. Das ist die Fürsorge der Fachleute um das Staunen der Laien. Demoskopie heißt Volksbeobachtung. Wie das gehen soll, wenn man nur eine Zufallsstichprobe anschaut, versteht das Volk nicht. Repräsentativität ist durch den Zufall gewährleistet? Jo. Nicht nur, aber eigentlich doch. Raketenwissenschaft? Na ja.
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LEBENSERINNERUNGEN.
Das Leben, wenn es gelebt werden muss, kennt nur das WOHER, aber noch nicht das WOHIN. Wenn es erinnert wird, ordnet es das WOHER neu, damit es zum WOHIN passt. Die LEBENSLÜGE namens Biografie nimmt Gestalt an.
Sehr nettes Gespräch mit Stephan Aust über seine umfängliche Autobiografie. Natürlich beginnend mit jener Passage, in der ich namentlich vorkomme. Ob er Tagebuch geführt habe, will ich wissen. Nein, übrigens im Gegensatz zu Wolf Biermann, der sich jeden Abend ans Aufschreiben gemacht habe. Und natürlich eine weitere Erinnerungsstütze hatte. Seine STASI-Akte. Es gab viel zu korrigieren.
Für die Generation meiner Eltern war angesichts böser Zeiten das ÜBERLEBEN ein wirkliches Thema. Mein Herr Vater hatte die doppelte Perspektive, nicht zu jenem KANONFUTTER zu werden, als das die Feldherren ihn vorgesehen hatten, und nicht ein Lebenlang ins LOCH zu müssen, wie sein Vater, der untertage in der Vorrichtung ausschließlich Nachtschichten verfahren hatte. Das WOHIN war klar; es drückte sich im Ersatz eines Motorrollers durch den Käfer und der Anmeldung der Kinder auf der Höheren Schule aus. Er hat seine Enkel mit akademischen Meriten gesehen, womit er sich, sein WOHER vor Augen, sehr bestätigt fühlte.
„Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, wenn auch nicht aus freien Stücken.“ Das ist so ein Satz, aus meinen Uni-Jahren, den ich immer für richtig und für falsch gehalten habe. Aber er plagt mich nicht, da ich keine Not verspüre, die Welt mit einer Autobiografie zu langweilen. Über einen gewissen Arentino aus dem 15. Jahrhundert las ich gestern, dass er sich mit ANMERKUNGEN zufrieden gegeben habe und „Freischärler der Feder“ genannt wurde. Das klingt doch gut. Werde mich mal um dessen WOHER kümmern.
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CHARAKTER.
Den Charakter bemerkt man meist dadurch, dass er fehlt, wo man ihn nun wirklich mal erwartet hätte. Meist bemerken wir im Leben lediglich Leute. Das äußert sich schon in dem Lehrsatz: Der Mensch ist gut, nur die Leute taugen nix.
Früher war der Beinamen ein Hinweis, meist auf Äußerlichkeiten, gelegentlich aber auch auf die Wesensart. Wir kennen, obwohl klein an Wuchs, Karl den Großen. Ebenfalls aus Aachen Bruder Leichtfuß, Armin Laschet mit bürgerlichem Namen. Unbedeutender als Karolus Magnus, aber einprägsam „der schöne Klaus“, eine Kiezgröße von der Reeperbahn. In Köln hieß sein Berufskollege „der lange Tünn“. Dem Lateiner war der Beinamen, auch Agnomen oder Cognomen genannt, so wichtig, dass er zum sprichwörtlichen Dritten Namen wurde. Für mich wäre, finde ich, Magnus so schlecht nicht. Ich gebe das zu bedenken.
Wenn die Beliebigkeit der Biologie auf eine kulturelle Narration zusammengedampft werden kann und uns diese elementare Geschichte echt erregt, dann empfinden wir eine Person als CHARAKTER. Jemanden für einen Charakterkopf halten, heißt in ihm etwas Grundsätzlicheres wiederzuerkennen. Es ist wie bei Eisbergen im Nordmeer: Wenn da nicht nur eine blöde Scholle im Wasser treibt, sondern wir die Spitze von etwas sehr viel größerem zu erkennen glauben, dann vermuten wir Charakter.
Wilhelm Tell, der Begründer der Eidgenossenschaft, ist so ein Kerl von Schrot und Korn. Hermann der Cherusker, der die Römer schlug. Albert Schweitzer aus Kaysersberg im Elsass. Meine Frau Mutter hatte, wenn die Kinder nicht lauschten und sie aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen wollte, einen Ausdruck für das Gegenteil. Sie nannte Charakterlose „Ärschken“, wenn Männer, und „Trulla“, wenn weiblichen Geschlechts. Wo ich aufgewachsen bin, galten Feige und Faule nix. Und Schleimer; noch so ein Wort.
Kipling, der Dichter der englischen Gentlemen, hat seine Vorstellungen von Charakter in eine Ode an seinen Sohn gekleidet, die wir, weil zu schwülstig, hier nicht wiederholen. Wollte man weiter erläutern, wäre ein Ausflug in die zeitgenössische Politik zur Hand. Ich sehe allfällig Trottel und einen Teddybären, ein Ärschken und die Trulla. Das immer wache Auge des Zensors hindert mich aber daran, hier Klarnamen zu nennen.
Blick über den großen Teich. Können auch Tyrannen charakterlos sein? Das ist eine gute Frage. Ich habe vorgestern einen Tyrannenforscher getroffen. Unter dem Motto „hic semper“ hat er achthundert Seiten über alle Tyrannen-Narrationen geschrieben. Ein wirklich gebildeter Mann. Übrigens klug und sanften Gemüts. Ein Charakter. Wir aßen in Hannover im Restaurant 11A, was eine Marktbude im Schatten des Ihme-Palastes ist, aber von beeindruckender Kochkunst. Ich hatte ausgezeichnete fish&chips. Gezahlt hat die Dame am Tisch. Selten so was. Wie immer schweife ich ab.