Logbuch
SCHIFFSCHAUKELBREMSER.
Fahrgeschäfte. Eine Kirmes besteht aus Fahrgeschäften. Raupe, Kettenkarussell, Achterbahn. Mobilität. Und Fahrgeschäfte, weil es ein reisendes Gewerbe ist. In doppeltem Sinne also MOBILITÄT. Auf den Geräten und mit ihnen. Aber viele verlorene Berufe.
Wer weiß heute noch, was eine BOXBUDE ist? Wer hat noch gesehen, wie aus dem Publikum ein mutiger Zuschauer als Freiwilliger in den Ring stieg und den Preisboxer verdrosch? Bei jeder Vorstellung der gleiche… KIRMESBOXER, das war ein Beruf. Und eine deutlich übergewichtige Frau, eine Ringerin, zu der ins Publikum gefragt wurde: „Wer will ringen mit die dicke Weib?“ Ein schmächtiger Mann wollte und endete vollständig unter ihr. Gejohle. Boxbude war eine Pflicht auf jeder Kirmes.
In dem Wagen, der in meiner Kindheit noch „Zigeunerwagen“ hieß, saß eine ältere Dame, die die Karten legte. Eine WAHRSAGERIN. Was mich faszinierte: Wenn sie die Zukunft kennt, warum spielt sie nicht Lotto und lebt in einem Palast in Saus und Braus? Die Tochter der
WAHRSAGERIN war in einem Jahr an drei Tagen in meiner Schulklasse. Ein bildschönes Kind, etwas exotisch, aber sehr attraktiv. Schulbildung bei Fahrgeschäften war schon immer ein Problem. Aber ich dachte, wenn die eine Prüfung machen muss, fragt sie halt vorher ihre Mutter. Da war meine Frau Mutter eher minderbegabt, was das Wahrsagen anging.
Unter allen Vergnügungen der Kirmes war die Schiffschaukel die technisch einfachste. Es gab keine Technik. So wie beim Tesla mit leerem Akku. Wer den Fortschritt liebt, der schiebt. An einem Stahlgerüst hing ein schmaler Bootskörper, in dem man durch Gewichtsverlagerung stehend sich auf und ab pendeln konnte; für die ganz Mutigen bis zum Überschlag. War die Fahrzeit um, hob ein junger Mann per Hebel ein Brett unter den Schwingkörper, bis dieser zum Stehen kam. Die SCHIFFSCHAUKELBREMSER waren meist unter den Hilfsarbeitern die mobilen Nichtsesshaften, die mittels des Plakats „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“ angeworben wurden. Die Bezahnung im Oberkiefer war selten vollständig.
Der sprechfähige junge Mann zum Mitreisen konnte, wenn für Bargeschäfte vertrauenswürdig, LOSVERKÄUFER werden. Eine Frage der COMPLIANCE. Aus einem Plastikeimerchen bot er Lose an, die, so man Glück hatte, ein klares „Niete“ verkündeten; wenn man aber vom Pech ereilt wurde, musste man einen übergroßen Teddybären durch den Rest des Tages schleppen, zum Gespött aller. Der LOSVERKÄUFER jedenfalls trällerte den ganzen Tag: „Hier mal wieder das Glück ziehen, jedes zweite Los gewinnt.“
Ich hatte mal zehn Freikarten für die PONYREITER, weil ich denen gezeigt hatte, wo in meiner Heimatstadt eine Schreinerei war. Sie brauchten das Sägemehl für die kreisrunde Reitbahn. War aber langweilig. Das Leben ist kein Ponyhof. Den AUTOSCOOTER dagegen fand ich spannender. Übrigens E-Mobilität. Wie auf der IAA MOBILITY in München. Ich war da. Viele Kirmesboxer, Schiffschaukelbremser und Losverkäufer. Und eine Wahrsagerin. Leider ohne tolle Tochter.
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FRECHHEIT.
In meiner alten Heimat, dem Ruhrgebiet, hält man viel auf seine „große Klappe“. Man ist „geradeheraus“, was eine unverblümte, manchmal unverschämte und niederschwellige Umgangsform meint. Die URBANITAS einer Industrieregion, in der sich die Preußischen Reformen mit der englischen Industrialisierung vereinten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war dies die GRÜNDERREGION der epochemachenden MONTANINDUSTRIE. Stahl&Eisen. Ich komme von ZOLLVEREIN, dem Symbol all dessen. Mir sagt ein türkischstämmiger Taxifahrer (geboren und aufgewachsen an der Ruhr), er hätte mich, den Alman, auf den ersten Blick für einen Araber gehalten. Er lacht sich schief über seinen Witz. Ich drohe damit, das Trinkgeld zu streichen. Er so: „Einverstanden, das war es mir wert.“
Man ist hier gerne frech. Und zeigt seinen Mut, indem man Tabus streift. Auch das der Fremdenfeindlichkeit. Es ist ein Stoß auf die Rippen, der als Verbrüderung gemeint ist. Die beliebteste rhetorische Figur ist die Elipse; man spart das Wesentliche aus. Ein besonders netter Abschiedsgruß lautet: „Mach Dir einen!“ Meint: schönen Abend. Fahrt durch Essen-Stoppenberg. Wir reden ernsthaft darüber, bei welchen Themen es oft Ärger gibt. Mein Fahrer sagt, er säße jetzt zwanzig Jahre auf dem Bock und habe gelernt, über vier Themen niemals zu streiten. Welche? Religion, Sex, Politik, Fusseck. Komische Kombination.
Mein neuer Freund sagt: „Soll jeder machen, wie er will, aber keine Ansage für andere.“ Das nennt sich im Amerikanischen „Don‘t ask, don’t tell!“ Kurz: DADT. Leuchtet mir ein. Ich weiß, dass das nicht alle so sehen. Sexuelle Orientierung und Glaubensfragen sind Privatangelegenheiten. Vereinspräferenzen bei Fußball („Fusseck“) belanglos. Über Politik soll man aber doch diskutieren. Da widerspreche ich Mehmut. Sagt er, da wir am Ziel sind: „Raus aus mein Taxi, Araber!“ Haben wir gelacht. „Mach Dir einen!“
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BRAUNER MARMOR.
Die Eingangshalle der Ostberliner Humboldt-Uni präsentiert einen Lehrsatz von Karl Marx. In Messinglettern auf rotem Marmor, geht das Gerücht. Das ist falsch. Und das Zitat ist nicht korrekt. Der Marmor ist braun und stammt aus den Büroräumen von Adolf Hitler. Er steht unter Denkmalschutz.
Die ehrbare Humboldt-Universität zu Berlin zitiert nicht korrekt. Der Bärtige aus Trier hatte notiert: „Die Philosophen haben die Welt nur unterschiedlich interpretiert, es kömmt darauf an sie zu verändern.“ Das ist für alle kundigen Thebaner die sogenannte 11. Feuerbach-These. Ich blicke auf mein Bücherregal und sehe den blauen Rücken von MEW 3, dem dritten Band der Marx Engels Gesamtausgabe; ich bin als Student bis Band 25 gekommen. Die Eingangshalle wurde 1953 gestaltet. Heute genießt sie, wie der schräg gegenüberliegende Palast der Republik Denkmalschutz (pun intended).
In der jungen DDR war Baumaterial knapp; und was da war, wurde für die Stalinallee aufgehoben. Also wurde der braune Marmor aus Hitlers Büro wiederverwendet und zum roten erklärt. Der eigenartige Umlaut bei Marx („kömmt“) ersetzt und in der zweiten Satzhälfte ein „aber“ eingefügt, das sich im Notizbuch von Charly gar nicht findet. Die Partei hat immer recht.
Übrigens, jetzt mal etwas ganz aktuelles, gibt es hier an der Humboldt am Historischen Institut einen Stiftungslehrstuhl zur Geschichte einer Diktatur, der von dieser Diktatur finanziert wird. Bisher verdeckt, jetzt enthüllt. Wir reden von Aserbaidschan. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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CHARAKTER.
Den Charakter bemerkt man meist dadurch, dass er fehlt, wo man ihn nun wirklich mal erwartet hätte. Meist bemerken wir im Leben lediglich Leute. Das äußert sich schon in dem Lehrsatz: Der Mensch ist gut, nur die Leute taugen nix.
Früher war der Beinamen ein Hinweis, meist auf Äußerlichkeiten, gelegentlich aber auch auf die Wesensart. Wir kennen, obwohl klein an Wuchs, Karl den Großen. Ebenfalls aus Aachen Bruder Leichtfuß, Armin Laschet mit bürgerlichem Namen. Unbedeutender als Karolus Magnus, aber einprägsam „der schöne Klaus“, eine Kiezgröße von der Reeperbahn. In Köln hieß sein Berufskollege „der lange Tünn“. Dem Lateiner war der Beinamen, auch Agnomen oder Cognomen genannt, so wichtig, dass er zum sprichwörtlichen Dritten Namen wurde. Für mich wäre, finde ich, Magnus so schlecht nicht. Ich gebe das zu bedenken.
Wenn die Beliebigkeit der Biologie auf eine kulturelle Narration zusammengedampft werden kann und uns diese elementare Geschichte echt erregt, dann empfinden wir eine Person als CHARAKTER. Jemanden für einen Charakterkopf halten, heißt in ihm etwas Grundsätzlicheres wiederzuerkennen. Es ist wie bei Eisbergen im Nordmeer: Wenn da nicht nur eine blöde Scholle im Wasser treibt, sondern wir die Spitze von etwas sehr viel größerem zu erkennen glauben, dann vermuten wir Charakter.
Wilhelm Tell, der Begründer der Eidgenossenschaft, ist so ein Kerl von Schrot und Korn. Hermann der Cherusker, der die Römer schlug. Albert Schweitzer aus Kaysersberg im Elsass. Meine Frau Mutter hatte, wenn die Kinder nicht lauschten und sie aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen wollte, einen Ausdruck für das Gegenteil. Sie nannte Charakterlose „Ärschken“, wenn Männer, und „Trulla“, wenn weiblichen Geschlechts. Wo ich aufgewachsen bin, galten Feige und Faule nix. Und Schleimer; noch so ein Wort.
Kipling, der Dichter der englischen Gentlemen, hat seine Vorstellungen von Charakter in eine Ode an seinen Sohn gekleidet, die wir, weil zu schwülstig, hier nicht wiederholen. Wollte man weiter erläutern, wäre ein Ausflug in die zeitgenössische Politik zur Hand. Ich sehe allfällig Trottel und einen Teddybären, ein Ärschken und die Trulla. Das immer wache Auge des Zensors hindert mich aber daran, hier Klarnamen zu nennen.
Blick über den großen Teich. Können auch Tyrannen charakterlos sein? Das ist eine gute Frage. Ich habe vorgestern einen Tyrannenforscher getroffen. Unter dem Motto „hic semper“ hat er achthundert Seiten über alle Tyrannen-Narrationen geschrieben. Ein wirklich gebildeter Mann. Übrigens klug und sanften Gemüts. Ein Charakter. Wir aßen in Hannover im Restaurant 11A, was eine Marktbude im Schatten des Ihme-Palastes ist, aber von beeindruckender Kochkunst. Ich hatte ausgezeichnete fish&chips. Gezahlt hat die Dame am Tisch. Selten so was. Wie immer schweife ich ab.