Logbuch
KONSUMTEMPEL.
Die Ostberliner Kommunisten erwägen das insolvente KaDeWe als Genossenschaft weiterzubetreiben, nach dem Modell des HO Konsum. Kein Witz. Die DDR lebt noch in den Herzen ihrer ehemaligen Insassen.
Als Großbritannien noch ein europäisches Musterland war und London die Hauptstadt der Welt, war Knightsbridge in Kensington ein Sehnsuchtsort. In dessen Mitte die fette Lady namens Harrods, deren Foodhall ein kulinarisches Erlebnis. Aber auch der Herrenausstatter genoss damals noch mein Vertrauen.
Der Niedergang setzte mit der Übernahme durch einen ägyptischen Mogul ein, dessen Sohn sich um eine verstoßene Prinzessin bemühte. Ein deutsches Pendant war das KaDeWe, ein Flaggschiff aus der Zeit der großen jüdischen Kaufhäuser, dessen Namen dann im Westberlin der deutschen Teilung eine neue Bedeutung erlangte. Die Schwestern in Hamburg und München habe ich nicht so richtig ernstnehmen können. Die „Fressetage“ des Kaufhaus des Westens aber war ein Elysium.
Der Niedergang des KaDeWe begann mit der Wilmersdorfer Witwe, die dort Ihre notorisch schlechte Laune als Verkäuferin an irritierten Kunden ausließ („Nicht meine Abteilung!“). Und vollendete sich, als die Stadt schon mit Auslieferungsfahrern von Amazon gefüllt war. Man lernt, dass auch bei großer Kaufkraft der Euro nur ein Mal ausgegeben werden kann. Und 37 Millionen Miete im Monat ein Wort sind.
Die Verödung der Innenstädte auch in mittleren und kleinen Kommunen schließlich kam mit der Abhängigkeit des Verkaufs von extensiven Parkplätzen für den PKW. Ich denke über den Begriff der KONSUMTEMPEL nach. Es ist schon so. Zuerst leerten sich die Kathedralen, dann die Kaufhäuser. Wir vereinzeln uns an unseren Endgeräten und empfangen dann kleines Glück aus Paketen von prekär beschäftigten Boten.
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DIE MACHT DES WORTES.
Wer kennt ihn noch, den Traum von dem Kinderschlitten ROSEBUD? Ein Traum der ganz großen Verleger und der ganz kleinen Lohnschreiber.
Wir erleben gerade auf X (früher Twitter), was der Besitzer unter dem Recht auf freie Rede versteht. Elon Musk polemisiert und politisiert in Fragen illegaler Migration in die USA. Mir war immer klar, was der reichste Mann der Welt (er selbst vergleicht sich mit Putin) mit der Plattform wollte, nämlich seine Souveränität unter Beweis stellen: sein persönliches Recht auf FREE SPEECH.
Ich bin darüber nicht empört, weil es zeigt, was ein VERLEGER schon immer war: ein MÄCHTIGER DES WORTES. Pressefreiheit ist die Freiheit von Verlegern, Journalisten schreiben zu lassen, was sie, die Verleger, gerne lesen würden. Respektive, das Publikum eben dies lesen zu lassen. Alles andere ist sekundär. Zum Beispiel das Geldverdienen. Musk hat klar gesagt, was er von Versuchen der Einflussnahmen durch Werbekunden hält („go fuck yourself“).
Ich habe AXEL CÄSAR SPRINGER nicht mehr persönlich kennengelernt, erst seine Witwe und einen recht ungelenken angestellten Verlagschef. Ich kannte den STERN-Mogul HENRI NANNEN nicht selbst, erst die Truppe, die die Hitler-Tagebücher gekauft hat; einer davon war noch letzte Woche im Berliner St. Giorgio essen. Die Ruhrgebiets-Verleger sind mir erst seit Erich Schumann und Bodo Hombach ein Begriff. Eindrucksvoll fand ich als Zeitzeuge aber STEFAN AUST an der Spitze des SPIEGEL. Nun, jetzt gehen die Rollen von Chefredakteuren und Verlegern ein wenig durcheinander.
Den Archetyp des wirklich autokratischen Verlegers hat Orson Welles 1941 in seinem Filmopus CITIZEN KANE gegeben, eine Anspielung auf RANDOLPH HEARST. Bis heute eine eindrucksvolle Gestaltung von Genie und Wahnsinn (hier ist der Ort von ROSEBUD). Man nannte diese Kapitalisten „Medien-Tycoon“. Über einen Engländer jüdischer Abstammung (und seine Tochter) und einen Australier (ehedem mit asiatischer Ehefrau) hört man Tycoon-Sagen bis in die jüngere Vergangenheit.
Der ordnungspolitische Übergriff von Medienmacht auf staatliches Vermögen erscheint mir immer noch sinnbildlich in der Headline der englischen Boulevardzeitung SUN, die nach einer nationalen Wahl in Großbritannien schlicht feststellte: „The Sun won it!“ Weiter runter kann der Souverän nicht sinken. Im Deutschen: „BILD Dir Deine Meinung.“
Jeff Bezos, der Gründer von AMAZON, hat sich die WASHINGTON POST gekauft. Man könnte ohne Ende so weitermachen. Und ich wurde 1969 Redakteur einer Schülerzeitung in Essen-Kettwig; man kann es also auch gründlich vermasseln.
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ALZHEIMER.
Im Netz gibt es einen neuen Star, ein sehr alter Herr, dessen Gedächtnis schwächelt. Sein Sohn lässt große Geduld walten und erklärt wieder und wieder, wer er ist und dass der Verwirrte schon 91 Lenze zählt.
Der Internet-Erfolg des alten Herrn und seines „care takers“ ist erstaunlich. So ein Moment, in dem wirkliches Leben in diesem Universum der Eitelkeiten und des unnützen Wissens auftaucht. Man ist gerührt.
Als mein Herr Vater in diesem Alter war, hatte er auch schon einen Demenz-Vermerk auf seiner Krankenkarte, aber er wusste seine Angehörigen noch immer klar zu erkennen. Und er wusste, was ihm fehlte. Seine Worte waren, während er sich an die Stirn tippte: „Ich habe keinen Speicher mehr.“ Klug, fand ich, obwohl paradox.
Das ist kantisch! Die Frage beantworten zu können, was man überhaupt wissen kann und noch hoffen darf. Dabei war er kein Philosoph, sondern ein Chemotechniker, der es, obwohl es ihm nicht an der Wiege gesungen worden war, zum Ingenieur gebracht hatte. Ein Familienmensch bescheidener Ansprüche, aber ein Freund des großen Wortes. Seine Enkel schätzen ihn; mehr geht im Leben eh nicht.
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EIGENTOR.
Wenn der „Kampf gegen Rechts“ lediglich eine Veranstaltung linker Propaganda ist, wird das der Rechten nicht schaden, sondern ihr nützen. Ich nenne es den Nänzi-Effekt. Gerade der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk (ÖRR) sollte sich davor hüten, dass man ihm eine Fälschung von Nachrichten nachweisen kann; das würde den Gegnern der per Zwangsabgabe so auskömmlich Finanzierten nützen. Man sollte erwarten, dass hierzulande ARD und ZDF wie im Mutterland der liberalen Demokratie die BBC sich dieser Gefahr bewusst sind und Eigentore vermeiden.
Falsch. Eine rechte englische Tageszeitung hat schon zu Beginn letzter Woche nachgewiesen, dass die BBC zum Zwecke einer Anti-Trump-Berichterstattung ein Zitat des amerikanischen Präsidenten schlicht gefälscht hatte, um ihm einen klaren Aufruf zum Putsch nachzuweisen. Es wurde dieserhalben montiert, ohne dass der Zuschauer dies bemerken sollte. Generaldirektor und Nachrichtenchefin sind gestern zurückgetreten; aus Washington tönt es: „100% Fake News“. So wird aus einem Eigentor ein Selbstmord in Raten. Die Gefahr gilt auch für rigoros Investigative in meinem Vaterland.
Die Rechte in den USA feixt, ihre Gesinnungsgenossen in UK sprechen von einer letzten Chance für den dortigen ÖRR. Der unsägliche Michael Farage der britischen Reform-Partei, hervorgegangen aus der BREXIT-Bewegung, getragen von blankem Migrantenhass, weiß sich vor Glück nicht zu lassen. Die Rechte erfährt eine Opportunität, die sie selbst nicht durch eigene Leistungen verdient hat. Man muss von einem exemplarischen Versagen ihrer Gegner reden. Für die Demokratie gilt, wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde.
Geht das politisch präziser? Vielleicht. Aber des Pudels Kern liegt nicht in der Abgrenzung zwischen Linkslinks, Mittelinks, Linksliberal, Merkellinks und was weiß ich noch. Es geht um eine publizistische Frage, die ganz eindeutig zu beantworten ist. Kann der Mediennutzer prinzipiell erkennen, wie für ihn Fakten aufbereitet werden? Weiß er um Ideologie, Intention und Interessen? Oder wird er, angeblich zu seinem Besseren, verdeckt vorgeführt? Es geht um Manipulation. So einfach ist das. Die BBC-Führung ist zurecht zurückgetreten. Einen solchen Gefallen tut man seinen Feinden nicht ungestraft. Ab dafür.