Logbuch
MURPHY‘S LAW.
Was schief gehen kann, wird schief gehen. So lautet das Gesetz des Herrn Murphy. Fast jedenfalls. Die Tempusfrage ist wichtig. An ihr hängt die ganze Wahrheit. FUTUR. Der Satz meint nämlich: Was schief gehen kann, wird dann irgendwann auch schief gehen. Eine Frage der Zeit.
Vor Helgoland sind zwei Frachter zusammengestoßen, einer ist gesunken und hat Seeleute begraben. Friede ihrer Seele. Sie kamen aus unterschiedlichen Häfen und wollten in verschiedene Länder, aber in dieser Nacht auf dem „big blue“, da hat der Zufall sie kollidieren lassen. Man hört Fachleute von dicht befahrenen Seefahrtstraßen in der Deutschen Bucht faseln; ich glaube eher an einen Unfall mittels GPS, dank zu genauer Navigation.
Bei Flugzeugen gibt es eine eigene Elektronik, die andere Flieger auf Kollisionskurs entdeckt und automatisch den Kurs korrigiert. Da das beide Automaten tun, sollte mit einer Entscheidung eingegriffen werden. Ich erinnere einen Fall der Schweizer Flugaufsicht, wo das dann in die Katastrophe führte. Beide Flieger unterdrückten die Korrektur oder führten sie beide aus, jedenfalls: es knallte.
Das Thema wird auch bei PKWs virulent, die bald fast vollautomatisch fahren; das große Versprechen des vorlauten Elon Musk, auch die Tesla-Lüge genannt. Schon der Begriff des „autonomen Fahrens“ ist eine Unverschämtheit, denn AUTONOM heißt eigengesetzlich, ein Euphemismus für einen überforderten Apparat von beschränkten Assistenzsystemen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Wenn etwas schief gehen kann, wird es irgendwann passieren. Deshalb sind kluge Systeme immer primitiv und „fail-safe“, meint: wenn im Arsch, dann ohne, dass es Kopf und Kragen kostet. Ich warne vor der Komplexitätsfalle. Ein stockbesoffener Capt‘n Blaubär ist sicherer als ein exzellentes GPS, jedenfalls in Feindeshand.
Möge das Schicksal mit den schlichten Gemütern sein, dem einfachen Handwerk und den alten Hausregeln, also dem Guten. Die Bösen haben eh KI und ChatGPT.
Logbuch
LESERIN.
Historische Logbücher künden von Weltreisen. Columbus entdeckt in der Weite des Raums Amerika; so was in der Art. Es rührt aber auch Beiläufiges aus den engen Gassen. So gestern.
Auf dem Weg ins Bürgerbüro der Kommunalverwaltung, mein Reisepass ist abgelaufen, grüßt mich freundlich eine Mitbürgerin, mit der ich früher oft beim gleichen Italiener zu Gast war. Lange nicht gesehen. Sie ruft mir zu, dass sie meine Berichte im Logbuch gerne lese. Ich bin erfreut. Eine Leserin!
Diese Hochwertvokabel beseelt alle armen Poeten. Es ist der Gedanke, dass da draußen in der banalen Welt ein paar edle Seelen hausen, die etwas darauf geben, was man zu Papier bringt. Das ist die Eitelkeit der Aufklärung, von der schon Immanuel Kant erzählt. Er unterscheidet zwischen dem Privaten (meint: Privatwirtschaftlichem), wo jeder seiner Gemeinde und sich selbst dienen möge. Und dem Öffentlichen, wo er sich dem Urteil seiner Leser zu stellen habe, also der Vernunft. Kant kannte also beides, leidige PR und wirkliche Literatur.
Zu der imaginären Verpflichtung gegenüber seiner Leserschaft empfindet der Literat eine tiefe Selbstüberschätzung seiner Wirkung. „Wenn ich zu Tinte und Papier greife“, heißt es bei Lichtenberg, „möge das Leben sich in Acht nehmen.“ Der Schreiberling fühlt sich als Weltenrichter. Er kann zu allem etwas sagen. Immer ein Urteil zur Hand.
Damit ist es so ähnlich wie mit meinem neuen Reisepass. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt einen brauche. Ich könnte damit aber die Welt bereisen. Der Gedanke beseelt, auch wenn man nur auf dem Dorfe hockt oder im Kiez. Weltenbürger zu sein, das ist eine Angelegenheit des Herzens.
Logbuch
ERMUNTERUNG.
Ich habe in industriellen Zusammenhängen die italienische Migration erlebt, die polnische, die türkische, selbst aus einer ostpreußischen Migration stammend. Das waren schwere Schicksale und glückliche Ausgänge. Das Revier, wie wir sagen, als „melting pot“; jedenfalls im Rückblick eine gelingende Nachbarschaft. Unterschiedliche Religion spielte eine Rolle, eine kleine, als Mentalität. Mehr nicht.
Ich treffe einen Dortmunder Sozialarbeiter palästinensischer Herkunft und langer Erfahrung in der Organisation von Zuwanderung. Wir mochten uns schon immer. Ich frage ihn, wo der Ärger der letzten Jahre herkomme. Er sagt: „Duldung!“ Und grinst breit. Ich falle da nicht drauf rein und frage ihn als Studentierten, den Soziologen. Geht’s auch empirisch?
Es geht, findet er, auch präzise. Er sagt: „Gewaltsozialisierte ledige junge Männer arabischer und nordafrikanischer Herkunft und islamischer Mentalität aus kommerziellen Verschleppungen.“ Da sind Angaben zum Lebensalter, zum Geschlecht, dem Familienstand, den Fluchtumständen, der Erziehung, der Region, ja, und dann auch der Religion.
Diese Beschreibung ist der Versuch, ein Vorurteil aufzulösen und sich den wirklichen Ursachen einer wirklich prekären Lebenssituation zu nähern; möglichst allen. Wenn das zu Unduldsamkeit führt, wird man es im Zugang wie im Aufenthalt verändern müssen. Dazu muss politisch entschieden sein, was die neue Heimat duldet. Und was nicht. Wozu sie ermuntert.
Logbuch
EIGENTOR.
Wenn der „Kampf gegen Rechts“ lediglich eine Veranstaltung linker Propaganda ist, wird das der Rechten nicht schaden, sondern ihr nützen. Ich nenne es den Nänzi-Effekt. Gerade der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk (ÖRR) sollte sich davor hüten, dass man ihm eine Fälschung von Nachrichten nachweisen kann; das würde den Gegnern der per Zwangsabgabe so auskömmlich Finanzierten nützen. Man sollte erwarten, dass hierzulande ARD und ZDF wie im Mutterland der liberalen Demokratie die BBC sich dieser Gefahr bewusst sind und Eigentore vermeiden.
Falsch. Eine rechte englische Tageszeitung hat schon zu Beginn letzter Woche nachgewiesen, dass die BBC zum Zwecke einer Anti-Trump-Berichterstattung ein Zitat des amerikanischen Präsidenten schlicht gefälscht hatte, um ihm einen klaren Aufruf zum Putsch nachzuweisen. Es wurde dieserhalben montiert, ohne dass der Zuschauer dies bemerken sollte. Generaldirektor und Nachrichtenchefin sind gestern zurückgetreten; aus Washington tönt es: „100% Fake News“. So wird aus einem Eigentor ein Selbstmord in Raten. Die Gefahr gilt auch für rigoros Investigative in meinem Vaterland.
Die Rechte in den USA feixt, ihre Gesinnungsgenossen in UK sprechen von einer letzten Chance für den dortigen ÖRR. Der unsägliche Michael Farage der britischen Reform-Partei, hervorgegangen aus der BREXIT-Bewegung, getragen von blankem Migrantenhass, weiß sich vor Glück nicht zu lassen. Die Rechte erfährt eine Opportunität, die sie selbst nicht durch eigene Leistungen verdient hat. Man muss von einem exemplarischen Versagen ihrer Gegner reden. Für die Demokratie gilt, wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde.
Geht das politisch präziser? Vielleicht. Aber des Pudels Kern liegt nicht in der Abgrenzung zwischen Linkslinks, Mittelinks, Linksliberal, Merkellinks und was weiß ich noch. Es geht um eine publizistische Frage, die ganz eindeutig zu beantworten ist. Kann der Mediennutzer prinzipiell erkennen, wie für ihn Fakten aufbereitet werden? Weiß er um Ideologie, Intention und Interessen? Oder wird er, angeblich zu seinem Besseren, verdeckt vorgeführt? Es geht um Manipulation. So einfach ist das. Die BBC-Führung ist zurecht zurückgetreten. Einen solchen Gefallen tut man seinen Feinden nicht ungestraft. Ab dafür.