Logbuch
AUTO-NOM.
Die Investigative Redaktion des Handelsblattes sucht die publizistischen Früchte eines angeblichen Datendiebstahls bei dem Autohersteller Tesla darin, dass es Zweifel am Versprechen des AUTO-NOMEN FAHRENS geben könnte. Man reitet auf einem toten Gaul in die Manege.
Das wird enden wie die endlosen Cum-Ex-Geschichten, in allgemeinem Gähnen. Auflage in freiem Fall. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Oder eben auch keine. Die Investigativen sind dem Bösen auf der Spur; finden aber nur sehr selten welches. Wo liegt der Fehler?
Zur Vermarktung seiner Batterie-Autos hatte der Besitzer von Tesla, ein aus Kanada nach Kalifornien zugewanderter Bure, die Vision versprochen, dass das Gefährt keinen Fahrer mehr benötige, da die Rechner es ans Ziel steuern würden.
Was meint das? Der Batterie-Schlitten sollte ein solch hohes Maß an elektronischen Assistenzsystemen bekommen, dass die Sprachansage mit dem Zielewunsch reiche, um den AUTOMATEN das gesamte weitere Fahrgeschäft überlassen zu können. Assistenz, nicht Autonomie.
Es geht also lediglich um AUTOMATISCHES Fahren (und nicht um autonomes); das wird leicht möglich sein, wenn man alle Systeme vernetzt und für das einzelne System den Kontext radikal reduziert; also bei Tempo 60 auf der Autobahn oder bei Tempo 0 im Stau vor den Kleban. Also unter radikalem Zwang. AUTONOM ist aber etwas anderes.
AUTONOM heißt „eigengesetzlich“, meint: frei von Fremdbestimmung. Autonom setze ich mich sonntags mit einem Picknickkorb in meine Dieselkarre, ohne eine Ahnung, wo ich hinwill, und mit tausend km Reichweite im Tank lasse ich die Karre laufen. Easy Sunday morning. Das ist autonom. Jedenfalls im Näherungsverhältnis.
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BAUMSCHULE.
Welch eine großartige Idee, die Aufzucht und den Handel mit Gehölzen BAUMSCHULE zu nennen. Ich kaufe dort seit Jahrzehnten und fühle mich blendend beraten. Nur Wichte erwerben Pflanzen im Baumarkt; alles holländischer Gartenmüll.
Der Baum wird dadurch verschult, dass er im ertragreichen Boden mehrfach verpflanzt, sprich verschult wird. Das meint ein vorsätzliches Verpflanzen, um das Ausbilden stets neuer Wurzeln zu trainieren. Im Kernballen wächst so die Triebfähigkeit; das Luder geht dann im heimischen Garten gut an. Es ist tatsächlich wie in der Pädagogik, die neue Wurzeln lehrt; der starke Baum muss in seiner Jugend rumgekommen sein.
Der Gärtner braucht, mein Lieblingsspruch, ein mutiges Herz und eine scharfe Schere. Gestern habe ich zur Bepflanzung eines Containers eine Zwergfichte erworben. Mit 69 € ein stolzer Preis, aber ein krummer Stamm von Armesdicke. Fünfzehn Jahre Rückschnitt, sagt der Gärtner. Also der Lehrer an der Baumschule. Kommt mit wenig Wasser zurecht, die Fichte. Sagt der Pauker.
Ich werde die Krüppelfichte in einen alten Heizkessel pflanzen, ein zu befeuernder Kupferkessel auf einem Holzofen. Wäsche hat man darin früher gekocht. Und Wurst. Das kurze Abgasrohr habe ich entfernt. Jetzt steht er als Schmuck im Vorgarten. Ohnehin hätte ich ihn melden müssen bei Habecks Ofen-Stasi.
Wie der Backes am Ort wurde er mit Lesegut befeuert, im Wald aufgeklaubten Ästen, dann mit Schnittholz, am besten Buche. Das geht wg. Klima ja gar nicht. Letzte Generation. Zudem war die Wurst nicht vegan. Ein Relikt böser Zeiten. Jetzt zurecht verurteilt zu hundert Jahren Blumenkübel.
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FREIE REDE.
Was will ich diskutieren, was nicht? Ich bin da eher engstirnig, was den Faschismus angeht. Die Grenzziehung zum Braunen fällt dem Belesenen nicht schwer. Zum radikal Roten, da war meine Generation permissiver.
Der amtierende Bundeskanzler hält die Nötigungen der Öffentlichkeit durch die Klima-Kleba für „bekloppt“. Das ist eine politische Meinung, salopp formuliert. Wegen dieser Meinungsäußerung beschmieren die Klima-Kleba das Willy-Brandt-Haus mit Farbe. Zur Strafe. Das geht nicht.
Was ist der politische Kern einer liberalen Gesellschaft? Erstens sind die Gedanken frei. Zweitens hat jedermann das Recht, sie frei zu äußern. Weder der Staat darf auf eine Meinungsäußerung mit Zensur reagieren noch jene, die anderer Meinung sind, mit Sanktionen, auch nicht gegen Sachen. Es gibt für solchen Tugendterror der Straße keinen Raum in der Demokratie. Die Ökodiktatur beginnt mit solchen Aktionen anarchistischer Gewalt.
Ich gebe zu, dass ich bei dem Willy-Brandt-Haus und der SPD tendenziell empfindlich bin, was den Terror der Straße angeht. Dies bleibt für mich die Partei des Otto Wels, jener Partei, die gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt hat. Das ist ein Erbe, das man nicht besudelt. Schon gar nicht, wenn sie gegen den Druck der Straße ins Parlament ruft. Aber gut.
Die Grenzen der Redefreiheit sollen dort liegen, wo legitime Rechte anderer massiv eingeschränkt werden. Das ist ein gefährlicher Gedanke. Ja, auch eine Rede kann Gewalt sein, also übergriffig. Nein, die Grenzen der Redefreiheit bestimmen nicht die Inhaber einer gegenläufigen Meinung. Schon gar nicht die wahre Religion; mein Jesus ist besser als dein Jesus.
Im liberalen Verständnis steht das Recht zu beleidigen über dem Recht, nicht beleidigt zu werden. Nun mag man streiten (Redefreiheit!), was eine Beleidigung ist und was nicht. Die leidige Debatte um Hassreden. Dass der Einsatz von Gewalt, sprich Nötigungen und mutwilliger Beschädigung, kein Mittel der Redefreiheit ist, scheint mir aber klar. Hier ein übergesetzliches Notwehrrecht zu reklamieren, das ist bekloppt.
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FUSIONSKÜCHE.
Wenn ich die Essensregeln unterschiedlicher Kulturen halbwegs richtig verstehe, so sind es Riten der symbolischen Reinheit, meist religiöser Abkunft. Dabei gibt es Vorstellungen zu Tieren, die nicht zu verzehren sind, wie Verfahrensregeln der Schlachtung oder der Zubereitung. Mir ist dabei alles recht: Jedermann mag nach seiner Facon selig werden. Ich achte meine Nachbarn, egal, was sie auf dem Teller haben.
Obwohl also kein Experte für koscher oder halal oder den Unterschied zwischen vegetarisch und veganisch kennend, staune ich über einzelne Erscheinungen der erfolgreichen Integration des Fremden in den deutschen Speiseplan. Es begann damit, dass der Grillspieß-Muslim an der Ecke nun auch Curry-Wurst bietet. An den Dönerbomben hing bisher nur Lamm und Hähnchen, was der Code für Pute ist. Nun also auch Wurst vom Schwein?
Da ich eine Weile im Hessischen zugebracht habe, ist mir die Rindswurst geläufig, die der Frankfurter der ehedem zahlreichen jüdischen Population verdankt. Bei Heißhunger eine Köstlichkeit, so mit scharfem Senf verzehrt. Die Berliner Wurst mit aromatischer Tomatensauce, allgemein Körri genannt, ist aber schweinischen Ursprungs. Man wird bei Bestellung nur barsch gefragt, ob mit oder ohne Darm; was sich auf die Wurst bezieht, nicht den Esser. Da der wurstige Muselmann das Schaf mit scharfer Soße mit demselben Besteck zubereitet wie die indisch-gewürzte Grönemeyer-Gabe müssen bestimmte Tabus gefallen sein. Kürzlich fand ich beim Italiener eine Rindsroulade mit Käse gefüllt. Ich sage nur Cordon Bleu: Kalb mit Schinken und Gouda, der völlige Kulturschock.
Viele Garküchen in der großen Stadt firmieren als vietnamesisch; das mag mit der entsprechenden Zuwanderung in der DDR aus dem Land von Onkel Ho zu tun haben oder frischen Interesses blitzgescheiter asiatischer Studenten, ist aber ohnehin nur symbolisch gemeint. Ich kriege auch laut Speisekarte meines Vietnamesen bei ihm China-Pfanne. Mit Formosa-Champions. Bei der Zugabe-Frage zu öligen Glasnudeln rattert die Modulküche eh immer runter: Tofu, Shrimp, Ente oder Lind. Letzteres ist die Mandarin-Lautung für Kuh.
Zum Schluss zwei Sensationen der Fusionsküche. Im „Com Home“ bieten sie jetzt Tintenfisch mit Nusch-nusch: mit Schweinefleisch gefüllte Calamari. Dazu leckeren Leis. Alta Schwede. Die Krönung allerdings im türkischen Café „Mocca“: Es gibt halbe Brötchen mit Fleischsalat, das ist grenzständiger Fleischwurstersatz mit reichlich Mayonnaise, also Öl mit Hühnerei. Zu der Wurst siehe oben. Ist Ei veganisch? Und dann eine Schale in der Vitrine, vielleicht schon seit gestern oder von vor dem Wochenende, mit Hackepeter-Brötchen. Rohes Schwein als Gehacktes mit Zwiebelringen. Geht beim Berliner gut, sagt die sehr nette Inhaberin.
Die Welt der Mitnahmenahrung ist nur pseudo-ethnisiert; in Wahrheit zeigt sie, was wir anthropologisch für elende Allesfresser sind. Ich zitiere Brecht: „Der Mensch, die Krönung der Schöpfung, das Schwein.“