Logbuch
BITCH.WEAR.
„Tragen Sie bitte im Hotel kein BITCH .WEAR, sondern erscheinen SMART CASUAL.“ Zunächst war ich verwirrt, was da eine Karte auf dem Zimmer von mir verlangt, jetzt verstehe ich es. NO.BITCH.WEAR, yes Sir!
Ein Verbot von Strandmode? Ich lege mich selten halbnackt auf behandtuchte Liegen an Pools oder Strände, etwa zum demonstrativen Erwerb von Hautkrebs; nie in dazu eigens gefertigten Monturen der exzessiven Geschmacklosigkeit. Ich meine, wenn schon Exhibitionist, dann FKK. Aber Hawaiihemden, das ist ein Kulturbruch.
Selbst in guten Hotels erscheint aber zum Frühstück ein Teil der Paxe in Aufzügen, die zwischen Karneval und Geisterbahn liegen. Kein Schuhwerk, Flip-Flops. Bermuda-Shorts, zu lang für Schlüpfer, zu kurz, um uns den Anblick des Krampfader-Geschwaders zu ersparen. Büstenhalter mit einer Präsentationslogik, die der Wursttheke einer Landmetzgerei entspricht. So hergerichtet für den Strand schlägt dann auch Oma Waltraut aus Oer-Erkenschwick mondän auf wie ein 1000$-Russen-Escort in Dolce & Gabbana.
Intervention der Blonden: nur 20 % die rügenswerten Erscheinungen sind Damen und 60% Herren. Sandalen & Socken. Ärmellose Unterhemden der Kategorie „muscle shirt“ mit „bingo wings“ am Bizeps. Freigelegte Bierbäuche zur allgemeinen Nabelschau. Jungs, also ehrlich.
Man fürchtet als Zeitzeuge beim Frühstück, dass die BITCH.MODE nicht nur tagsüber am Strand getragen wird, sondern, einmal gehörig durchgeschwitzt, bis zum Dinner durchhalten muss. Und, wie immer bei schlechtem Stil, man wird nicht enttäuscht. Da kommen abends die tausend Dollar auf Flip-Flops. So geht das nicht. Bei HARRY in Venedig kommst Du in kurzen Hosen erst gar nicht rein. Ich befürworte das.
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VOGELKUNDE.
Das Hotelfenster zum Garten öffnend höre ich eine ferne Kirchenglocke. Zeichen der Kultur. Die Stadt erwacht. Trauliche Laute. Und Tauben, Elstern sowie Möwen. Ungeziefer.
Dass sie ihre Rolle als Friedenssymbol nicht verdient haben, das ist ja bekannt. So friedfertig das Gurren klingt, eigentlich sind die fliegenden Ratten, diese Tauben. Expansiv veranlagt, je mehr Futter sie vorfinden, desto mehr Nachwuchs produzieren sie. Was ihre Exkremente anrichten, davon klagen die Denkmalschützer.
Die Elster, ich bewundere am Fenster ihren Flug und das schmucke Federkleid, ist nicht nur eine Diebin (selbst Schmuck fällt ihr anheim), sondern auch eine, jetzt müssen wir stark sein, Nesträuberin. Sie frisst den Nachwuchs anderer Völker. Wenn das kein Kriegsgrund ist. Sogar den der Nachtigall oder, schlimmer noch, des Kuckucks; des klügsten Vogels im Tierreich. Das geht zu weit.
Nun zur Möwe, der Seemöwe. Dass ich sie hier höre, deutet darauf, dass ich am Meer bin; daher die wunderbar klare Luft. Morgenluft, eine Erholung. Der Möwen schrilles Rufen signalisiert meiner Seele Urlaubsstimmung. Aber auch hier eine Schattenseite. Das ehedem edle Vieh nährt sich inzwischen von Pommes Frites, die es Touristen abjagt. So aggressiv, dass man im Hafen schon Warnschilder sieht; selbst in Belgien, dem Mutterland der Flämischen Fritteuse. Hier eine heilige Stätte. Mistviecher.
Man sollte von der Natur einen sparsamen Gebrauch machen.
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DAS SIEGER-GEN.
Nach einem Wettkampf bedaure ich den Verlierer, statt den Sieger feiern zu wollen. Mir fehlt da was. Ich tauge nicht zu Schaukämpfen. Mir fehlt das Gen zum Sieger. Bekenntnisse eines Weltenkinds.
Gestern wurde ich zufällig Zeuge eines spannenden Fußballspiels. Ich war beim Zappen im guten alten TV nur hängengeblieben, weil mir der hohe Frauenanteil in den Mannschaften auffiel. Man sah das früher ja nicht oft, einen Damenmannschaftssport. Ich habe keine Ahnung von Fußball, aber das war spannend. Es spielte Weiß gegen Olivgrün. Weiß gewann. Am Ende lange Szenen mit den enttäuschten Gesichtern der Grünen.
Ach, das war rührend. Die Damen hatten, soweit ich als Laie das zu sagen weiß, heldenhaft gekämpft. Ein gegnerisches Tor ausgeglichen und dann aber ein weiteres trotz Verlängerung nicht ausgleichen können. Nach der Niederlage sehe ich die Trainerin ihre Mannschaft noch mal um sich im Rund sammeln und eine kurze Rede halten. Mit großer gestischer Entschiedenheit; ich wüsste zu gern, was man in einer solchen Situation als Trainerin sagt. Die Frau imponiert mir.
Nicht den Jubel der Weißen teile ich, sondern die Trauer der Grünen. Mir fehlt wohl das Sieger-Gen. Was mir noch auffiel: Es fehlte dieser impertinente Joachim Löw, der Mann mit der Frisur, badischer Laufbursche eines türkischen Spielerberaters, dessen Anblick ich schon nicht ertrage. Allein das rechtfertigt eine künftige Vorliebe für Damenfußball.
Ach so, und die Oberwelle, dass es schön gewesen wäre, wenn Deutschland wieder England in Wembley geschlagen hätte, wie damals in den Fünfzigern, als wir es dem Tommy heimgezahlt haben, die ist mir fremd. Oder war das Bern? Ich tauge nicht zum Nationalisten.
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FUSIONSKÜCHE.
Wenn ich die Essensregeln unterschiedlicher Kulturen halbwegs richtig verstehe, so sind es Riten der symbolischen Reinheit, meist religiöser Abkunft. Dabei gibt es Vorstellungen zu Tieren, die nicht zu verzehren sind, wie Verfahrensregeln der Schlachtung oder der Zubereitung. Mir ist dabei alles recht: Jedermann mag nach seiner Facon selig werden. Ich achte meine Nachbarn, egal, was sie auf dem Teller haben.
Obwohl also kein Experte für koscher oder halal oder den Unterschied zwischen vegetarisch und veganisch kennend, staune ich über einzelne Erscheinungen der erfolgreichen Integration des Fremden in den deutschen Speiseplan. Es begann damit, dass der Grillspieß-Muslim an der Ecke nun auch Curry-Wurst bietet. An den Dönerbomben hing bisher nur Lamm und Hähnchen, was der Code für Pute ist. Nun also auch Wurst vom Schwein?
Da ich eine Weile im Hessischen zugebracht habe, ist mir die Rindswurst geläufig, die der Frankfurter der ehedem zahlreichen jüdischen Population verdankt. Bei Heißhunger eine Köstlichkeit, so mit scharfem Senf verzehrt. Die Berliner Wurst mit aromatischer Tomatensauce, allgemein Körri genannt, ist aber schweinischen Ursprungs. Man wird bei Bestellung nur barsch gefragt, ob mit oder ohne Darm; was sich auf die Wurst bezieht, nicht den Esser. Da der wurstige Muselmann das Schaf mit scharfer Soße mit demselben Besteck zubereitet wie die indisch-gewürzte Grönemeyer-Gabe müssen bestimmte Tabus gefallen sein. Kürzlich fand ich beim Italiener eine Rindsroulade mit Käse gefüllt. Ich sage nur Cordon Bleu: Kalb mit Schinken und Gouda, der völlige Kulturschock.
Viele Garküchen in der großen Stadt firmieren als vietnamesisch; das mag mit der entsprechenden Zuwanderung in der DDR aus dem Land von Onkel Ho zu tun haben oder frischen Interesses blitzgescheiter asiatischer Studenten, ist aber ohnehin nur symbolisch gemeint. Ich kriege auch laut Speisekarte meines Vietnamesen bei ihm China-Pfanne. Mit Formosa-Champions. Bei der Zugabe-Frage zu öligen Glasnudeln rattert die Modulküche eh immer runter: Tofu, Shrimp, Ente oder Lind. Letzteres ist die Mandarin-Lautung für Kuh.
Zum Schluss zwei Sensationen der Fusionsküche. Im „Com Home“ bieten sie jetzt Tintenfisch mit Nusch-nusch: mit Schweinefleisch gefüllte Calamari. Dazu leckeren Leis. Alta Schwede. Die Krönung allerdings im türkischen Café „Mocca“: Es gibt halbe Brötchen mit Fleischsalat, das ist grenzständiger Fleischwurstersatz mit reichlich Mayonnaise, also Öl mit Hühnerei. Zu der Wurst siehe oben. Ist Ei veganisch? Und dann eine Schale in der Vitrine, vielleicht schon seit gestern oder von vor dem Wochenende, mit Hackepeter-Brötchen. Rohes Schwein als Gehacktes mit Zwiebelringen. Geht beim Berliner gut, sagt die sehr nette Inhaberin.
Die Welt der Mitnahmenahrung ist nur pseudo-ethnisiert; in Wahrheit zeigt sie, was wir anthropologisch für elende Allesfresser sind. Ich zitiere Brecht: „Der Mensch, die Krönung der Schöpfung, das Schwein.“