Logbuch

DER GENOSSE TREND.

Der Meinungsforscher Professor Güllner, von dem man eine Menge zu halten hat, sieht die SPD bei der berühmten Sonntagsfrage im Bund bei 11 Prozent. Es ist nicht auszuschließen, dass sie in Sachsen-Anhalt unter 5 Prozent liegt. Selbst an der Saar, wo man die Mehrheit errungen hatte, reicht es nur noch für ein gutes Viertel der Stimmen; vielleicht ein Drittel. Die rechtspopulistische AfD kann sich dagegen vor Zulauf nicht retten.

Der Wähler nimmt für die Dauerfrustration durch die Zwangsfürsorge betulicher Oberlehrer Rache; jedenfalls zeigt er den Mittelfinger. Das darf er. Nennt sich Volkes Stimme. Das wird er auch wieder lassen. Jetzt aber hat der Arsch Kirmes. Eine Abreibung ist fällig.

Der Vizekanzler und die Arbeitsministerin, beide im Doppelmandat Parteivorsitzende der SPD, wirken überfordert; Ungeschicklichkeiten werden bemerkt. Das riecht nicht nach einer baldigen Trendwende und einem neuen Aufbruch; ich habe die SPD aber auch schon bei 38 Prozent erlebt. Die das konnten, sind von ihrer eigenen Partei verhöhnt und verlassen worden. So geht, sagt einer der Gedemütigten, Politik. Man beschmutzt sich durch Säuberung. Welch ein Paradox.

Habe ich eine Empfehlung? Ja. So tun, als wenn nichts wär. Weiter anständige Arbeit abliefern. Man muss sich Sysiphus als glücklichen Menschen vorstellen.

Logbuch

DER JAHRMARKTSTÜRKE BEI EDGAR ALLAN POE.

Wer früher einen exotischen Charakter vorstellen wollte, wählte nicht einen koksenden Kindskopf aus dem kalifornischen Silicon Valley oder einen weltweisen Chinesen mit kleiner Pfeife, sondern einen typischen Türken, der den Zeitgenossen als Mysterium galt, einen osmanischen Magier.

So auch der Kirmes-Aussteller mit dem Schachautomaten, der auf Jahrmärkten mit einer Maschine auftrat, die angeblich Schach zu spielen wusste. Der Schach spielende Automat, den der österreichische Erfinder Wolfgang von Kempelen 1770 vorstellte, war natürlich noch vollständig mechanisch angelegt; der Halbleiter aus Silicon noch gar nicht entdeckt. Ein Uhrwerk, das mechanische, war die höchste damals bekannte Technik. Also staunten die Menschen auf den Volksfesten darüber, was so ein Apparat kann. Nur zu Dekorationszwecken thronte über der Denkenden Kiste die Puppe eines mechanischen Muselmanen.

Der Türke war getürkt, weil ein Automat mit Puppe angeblich konnte, was sonst nur Genies gegeben, nämlich das Spiel der Könige zu spielen. Es gab unter all den Nerds einen Skeptiker. Er hieß Edgar Allan Poe und war ein Freund der Abgründe des scharfen Verstandes. Poe rekonstruierte die Spiele des Automaten und fand etwas zu tiefst Unmaschinelles: Der Türke zeigte neben der Routine gelegentlich irre Intuition und machte manchmal höchst banale Fehler. Poe schlussfolgerte: Der Automat ist gar keiner, in der Kiste muss, vor den Blicken des Publikums verborgen, ein Mensch sitzen. Genie wie Trottelei, beides, hatten ihn verraten.

Und so war es; man hatte einen Großmeister in der Kiste unter dem Türken verbarrikadiert, der die vermeintlich mechanische Puppe führte, sprich inspirierte. Die Sache war getürkt. Wer das verstanden hat, versteht auch das umgekehrte Problem, dem gerade Lichtgestalt des Journalismus und der Politik zum Opfer fallen. Sie haben ihre angeblich höhere Intelligenz getürkt, indem sie die technische namens KI nutzten, was aber Plagiatsforschern wie dem Wahnhaften Weber (sapienti sat) intellektuell zugänglich ist. Das ist jetzt Poe in Paradox: Der Professor kann nachweisen, dass der Türke ein Apparat ist.

Ich schließe mit einer Bemerkung pro domo: Dass das Logbuch nicht von einem Apparat stammt, das sieht man an den notorischen Fehlern, die meiner Rechtschreibschwäche geschuldet sind. Dazu ist KI zu schlau. Und an den seltenen Intuitionen, wozu ChatGPT sicher zu doof. Der Türke hier, so meine Nachricht, ist nicht getürkt.

Logbuch

GÜNSTLISCHE INDELLI GÄNZ.

Heute Morgen noch gescherzt über KI, dann zum Abendbrot dies, ich zitiere den TAGESSPIEGEL, der die Nase immer hochträgt:

„Nach dem mehrfachen Verfassen von Meinungsartikeln mit Künstlicher Intelligenz hat die Tagesspiegel-Chefredaktion den Editor-at-Large Stephan-Andreas Casdorff aufgefordert, alle publizistischen Aktivitäten für den Tagesspiegel bis auf Weiteres ruhen zu lassen.“

Selbst auf dieser Ebene Opfer der „anthropomorphen Paradoxie“ (ein Kocks-Wort). Die generative KI ist ein sehr großes Archiv mit ausgeprägter Wahrscheinlichkeitsrechnung; sie simuliert Repetitives. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Abgeschmackter Kack.

Logbuch

VENI VIDI VICI.

Die Geschichtsschreibung alter Schule konzentrierte sich auf Schlachten, weil bei kriegerischen Großereignissen wenigstens feststand, wer Gewinner und wer Verlierer war. Mit dem Sieg im Feld war dann auch klar, wem die darauf folgende Heldenverehrung galt. Selbstbewusst durfte der Cäsar dann darin davon singen, dass er kam, sah und siegte. Veni, vidi, vici.

Unternehmensgeschichten tun sich da schwerer, selbst wenn der Bogen von den kargen Anfängen bis zur imposanten Größe gelingt. Man ist selbst bei der erfolgreichen Vernichtung eines Konkurrenten nicht allein dadurch schon Patriot. Hilfreich ist es, wenn der eigene Erfolg als epochal gelten kann. Dabei befördert den Ruhm, wenn man das Genie des Erfinders reklamiert.

Was aber, wenn all das fehlt. Vor mir sitzt ein verdienter Mann ohne Eigenschaften, der sein Wirken und natürlich sich selbst in den Geschichtsbüchern sehen möchte. Er hebt immer wieder zu Episoden an, die er mehr durchlebt denn gestaltet hat. Er habe Glück gehabt, sagt er, wenn das Schicksal ihn verschonte. Oft wurden die Geschicke ganz gut gewendet; zu wirklichen Niederlagen kam es nicht. Alles in allem hat man sich bemüht.

Wie mache ich daraus ein Heldenepos? Es wäre gut, wenn er die Leidenschaft von Artus in sich verspürte und ich als seine Gesellen Iwein, Galahad, Erec, Lancelot, Gawein oder Parzival einsetzen könnte. Ich baute ihm dann ein Schloss namens Camelot und ließe sie die Schale verwahren, in die die Schweißtropfen des Gekreuzigten gesammelt wurde, den Heiligen Gral. Stattdessen erzählt er mir von einer Maschine, die die Hannover Messe 1973 in Erstaunen versetzte; er habe noch den Artikel aus den VDI-Nachrichten. Heute gehört sein Laden Chinesen.

Man würde als Historienmaler, aber auch als Autobiograf, zum heroischen Zyniker, jedenfalls für Existentialismus anfällig, könnte man sich nur all die alltäglichen Vergeblichkeiten als Glück vorstellen. Aber da ist ja nichts, was aus dem Ozean der Belanglosigkeit wirklich herausragte. Ich kam, ich sah, ich versiegte.