Logbuch
FEHLEREHRLICH.
Am Mittelrhein zeigt sich im Tal des sonst recht breiten Gewässers jetzt nur noch ein schmaler Flusslauf, den nur leichtbeladene Boote zu passieren wissen. Ich nehme hier nachmittags einen kleinen Schoppen, um vom Winzer meines Vertrauens zu erfahren, ob es ein gutes oder gar ein hervorragendes Weinjahr wird. Dazu mein Urteil am Schluss.
Wir machen für unsere Sünden nur ungern uns selbst verantwortlich. Wer ist schon gern fehlerehrlich? Hier bei Sankt Goarshausen, wo gewaltige Schieferberge ins Wasser ragen und die Künste des Navigators erfordern, gab es früher so viel Schiffbruch, dass dafür Geister verantwortlich gemacht wurden, genauer Zwerge, die angeblich im Bergmassiv hausten und, jetzt kriegt die Narration einen Bruch, dort sangen oder summten. Das verwirrte den Navigator. Urzeit der Mythologie. Man las damals Bergleute als Zwerge und misstraute ihnen. Ich versichere aber, im Montanen wird seitens der Kumpel vielleicht geflucht, aber sicher nicht gesummt. Schon gar nicht verführerisch.
Im 19. Jahrhundert bemühte die deutsche Romantik eine plausiblere Unfallursache, nämlich den Sex. Auf dem Berg soll singend eine wunderschöne barbusige Dame gesessen haben und sich zum Gezwitscher ihr walkendes Haupthaar gekämmt. Davon verständlicher Weise angetan, vernachlässigte der so betörte Steuermann das Ruder und erlag dem Luder. Das macht schon mehr Sinn, als Ausrede meine ich. Ich bezweifele aber, dass man damit bei seiner Haftpflicht durchkommt.
Überhaupt darf man dem Gerücht vom Navi-Fehler wg. verführerischem Gesang oder Echo an der berüchtigten Rheinbiege nicht zu sehr Glauben schenken. Echo ist der Name einer griechischen Nymphe, die es nicht schaffte, den Jüngling Narziss in die Kiste zu kriegen und dieserhalben vor Gram zum Felsen erstarrte. Man merkt schon, mit der schönen Loreley hat es so seine Tücken. Narziss war natürlich schwul, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Und natürlich geht es um das Frauenbild. Mythos: Das versteckt Böse ist die ihr Haupthaar kämmende Schönheit mit großem Busen, der zu widerstehen dem braven Mann eben nicht gegeben. Jetzt verstehe ich das auch mit den Kopftüchern. Und dem Alkoholverbot. Zurück zur Sache: Es wird ein hervorragender Jahrgang. Also, die Rebenblüte war gut, der Sommer sonnenreich und die Lese beginnt in zwei Wochen, sprich recht früh. Bis dahin bitte keine Fäulnis aus Regenflut. Egal, was der Pegel sagt. Darf ich um Dürre bitten?
Ob dann die Vorsätze zur redlichen Fehleranalyse halten, wenn der Wein aus dem Fass kommt, daran darf gezweifelt werden. Ab dem dritten Glas singt dem Hetero eh wieder Loreley.
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PRO DOMO. KEINE KLARNAMEN.
Von dem größten aller Sprücheklopfer stammt der Satz: „Die Welt möge sich in Acht nehmen, wenn ich zur Feder greife!“ Was erwarte ich also von dem Tagebuchschreiber? Dass er nicht nur von sich erzählt, sondern seinen Blick auf die Welt schildert, damit sie sich nach seinen Wünschen richte; jedenfalls nicht gänzlich ignoriere, was der Flaneur so empfindet. Dabei darf er sich von Vorbildern leiten lassen. Ein solches ist das „arbeitsjournal“ des großen Bertolt Brecht, der sich über all die Bitternis nicht die FREUNDLICHKEIT nehmen lassen wollte. Wenig erträglich dagegen die Tagebuchschreiberei des Thomas Mann, der seiner Tinte auch intime oder gänzlich banale Privatheiten nicht erspart. Peinlich.
Es gibt auch unter meinen Zeitgenossen böse Beispiele. Erschreckt soll man sein über jene Notate, die den Humor und die Leichtigkeit der Ironie verloren haben und nun ihrem Zorn freien Lauf lassen. Ich sehe da gerade gestern einen ehedem akademischen Geist, der sich nun mit Bibelsprüchen zum Hassprediger geriert. Ach, wie vordergründig diese aufgesetzte religiöse Ambition doch ist. Sagt zurecht der große BB: „Auch der Haß gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge, auch der Zorn gegen das Unrecht macht die Stimme heiser. Wir, die den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit, wir konnten selber nicht freundlich sein.“ Diese Ausrede sei nicht jedem gegönnt.
Einen anderen Akademiker meiner Tage habe ich gar vom Hass in den Wahnsinn abdrehen sehen. Er hatte die Verfolgung von Unrechtmäßigem zur Berufung und dann einer tiefer sitzenden Rache verkommen lassen und sucht nun seine Grobheiten als Mission zu leben. Ja, der Hass verzerrt die Züge. Dem Tagebuchschreiber ist eine spitze Feder gegönnt und ein kräftiges Urteil, das auf einen groben Klotz schon mal den groben Keil setzt. Aber doch nicht notorisch Hexenverbrennung, sprich Menschenverachtung und böser Wille.
Wir leben nicht in Zeiten, die so satanisch wären, dass wir selbst uns von ihnen verteufeln lassen müssten. Die vermeintliche Allmacht hat Ränder und Brüche. Des Kaisers neue Kleider. Auch regelrechte Vorbilder in den Sozialen sehe ich stottern, dünnhäutig nach Argumenten suchen und dann trotzig doch nur etwas Abgegriffenes aus der untersten Schublade der rechten Volksverhetzung kramen. Da helfen dann auch endlose Reichweiten an Lesern nicht, wenn das Hemd zu kurz. Die Allmacht steht stets auf tönernen Füßen. Demagogie ist nämlich immer ein prekäres Verlangen, solange ihr Diktatur nicht hilft. Lehrsatz.
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IM ÜBRIGEN BIN ICH DER MEINUNG.
Ein von wilden Affen besiedelter Fels. Die Meeresenge von Gibraltar, welch ein Thema für jene, deren Lieblingsfächer vor allem Geschichte oder Erdkunde waren. Hier stoßen zwei Kontinente aneinander, jedenfalls Welten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Zu Afrika weiß ich nichts zu sagen; und das charakterisiert schon das Problem, die kolonialistische Perspektive. Ein vergessener Erdteil.
Was haben die Europäer in Marokko zu suchen? Auf den beiden Seiten des „Mare Nostrum“ mit Schutzburgen die frühen Weltmächte: England, das die Wellen beherrscht, und die spanische Konkurrenz, beide mit einer Enklave am Übergang vom salzigen Mittelmeer in den großen kalten Atlantik. Brecht hat vor den imperialen Mythen gewarnt: „„Lest die Geschichte und seht in wilder Flucht die unbesieglichen Heere. Allenthalben. Stürzen unzerstörbare Festungen ein. Und wenn die auslaufende Armada unzählbar war, die zurückkehrenden Schiffe waren zählbar.“
Die frühen Weltreiche waren Folgen der Fertigkeiten in der Schifffahrt und dem Handel; übrigens zunächst und lange unter portugiesischer Ägide. Die Straße von Gibraltar dabei eine sehr tückische Düse mit gewaltigen Strömungen in der Tiefe und gegenläufigen Bewegungen an der Oberfläche, nur die kühnsten Nautiker wussten sie zu passieren. Schleppanker rissen die Segelschiffe heraus. Heute sind es dank der großen Diesel dreihundert Schiffe am Tag. Ja, der Diesel; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Die beiden Säulen des Herkules. Man hat schon über Brücken nachgedacht, die die Welten verbänden. Oder Tunnel, wie sie den Ärmelkanal unterqueren. Oder Stromkabel, die die Sonne der Sahara als Solarstrom nach Europa brächten. Öl- und Gasrohre liegen schon, glaube ich; aber da sollte man diskret sein, bevor die Ukrainer wieder auf Ideen kommen. Alle Pläne, mit denen zusammenwüchse, was zusammen gehörte, sind aber verworfen. Das ist das Geheimnis des Commonwealth: Man hat die Welt ausrauben wollen, aber nicht ins eigene Haus bitten.
So wachen bis heute die Warlords britischer wie spanischer Zunge darüber, dass getrennt bleibt, was nicht zusammengehört. Und die eigentlichen Herren des Mittelmeers, die Italiener; sie alle mal. Da hat die Führerin Meloni die unerbittliche Logik des alten Cato: Die Karthager in Nordafrika gehören, da frech geworden, gründlich zerstört. Nichts Neues im Römischen Reich. Schon gar nicht bei den Affen auf den Felsen von Gibraltar.
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KEINE AMAZONEN BITTE.
Es werden bald wieder alle jungen Männer gemustert, um möglichst viele Söhne des Landes an die Waffen zu bringen. Ich rede hier wie die Jungfrau von der Kirmes, weil ich selbst den Kriegsdienst verweigert habe, was mein demokratisches Vaterland mir als Recht gewährte. Mein Herr Vater hatte mich damals dabei unterstützt; er selbst hielt es für puren Zufall, dass er nicht wie viele seines Jahrgangs als Kanonenfutter geendet sei.
Man mustert aber, trotz Zeitenwende, die Töchter des Landes nicht. Wie finde ich das denn? Ich habe dazu zwei Meinungen. Die erste ist: Eine eklatante Ungleichbehandlung. Das reißt immer mehr ein. Bei vielen Dingen, etwa der Berufung von Professoren, herrscht eine positive Diskriminierung von weiblichen Bewerbern bis an die Grenze der Rechtsbeugung. Und darüber hinaus. Wegen Gleichberechtigung wird auch dort bevorzugt, wo die Quote bereits erfüllt. Ich könnte dazu gerne Ross und Reiterin nennen. Ich tue es nicht, aber es gefällt mir trotzdem nicht.
Meine zweite Meinung ist: Die vorsätzliche Benachteiligung von Frauen ist ein anhaltender Skandal im Format eines Kulturbruchs. Man blickt hier wirklich noch immer in die Vorzeit der menschlichen Gesellschaft. Und der berechtigte Spott über muslimische Missstände sollte schweigen, solange ich in Rom keine Päpstin sehe; im jüdischen Matriarchat soll das besser sein, ich bin mir da aber nicht sicher. Fördert unsere Töchter! Sie sind vielleicht nicht der bessere Teil der Menschheit, aber ganz sicher auch nicht der schlechtere. Mein Ernst.
Zu den politischen Grotesken unserer Tage gehört, dass man erwägt, die männlichen Soldaten, die nunmehr ins Feld sollen, auszulosen. Losbude mit Teddybär? Das erscheint mir, dritte Meinung an diesem friedlichen Sonntagmorgen, zynisch. Man macht aus der Frage von Leben oder Tod als Staat keine Kirmes. Denn hier wäre ja die gezogene Niete ja der Hauptgewinn. Ein Glücksfall, wie ihn viele Ukrainische Männer genießen, die sich hierzulande mittels Bürgergeld drücken dürfen. Kein Vorwurf. Es ist nämlich niemals süß und ehrenvoll für das Vaterland zu sterben. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.