Logbuch
LUTHER SCHWUL.
Ich hasse es, wenn Erzähler nicht auf den Punkt kommen. Jede Gelegenheit wird zu einem Exkurs genutzt. Furchtbar.
Meist geschieht das aus reiner Angeberei. Unwesentliche Details werden beliebig ausgeschmückt, um erst nach „name dropping“ ohne Ende endlich auf die zentrale Frage zu kommen. Eine Geduldsprobe. Anders hier: Luther war angeblich schwul.
Martin Luther soll händchenhaltend in einem Doppelgrab mit einem gewissen Philipp Melanchthon liegen, der ein Verhältnis mit ihm gehabt haben soll. Man vergesse die Legende seiner Ehe mit Nicola von Bora. Die historische „Lutherin“ diente nur der Tarnung.
Das Gerücht ist so ungeheuerlich, dass man seinen Ursprung erläutern muss. Ich hatte eine Einladung zu einem Empfang eines Headhunters („Get ahead“) und seiner fabelhaften Gattin („Strasburger Kreise“) in eine Ecke der Sechsten Etage des KaDeWe („Fress-Etage“). Es versammeln sich Berliner PROMIS, die einschlägigen Figuren (Turnschuhe, Jeans, T-Shirt, Sacco) der politischen Klasse Westberlins und dessen, was hier Gesellschaft ist. Michael Müller und Heiko Maas. Aber echt edel gemacht. Austern als „finger food“.
Irrtümlich setze ich mich am unmittelbaren Rande dessen an eine Bar, die Rogen vom Stör anbietet („Altonaer Kaviar Import“, seit 1925) und lasse mich von einer jungen Bedienung dort (Werkstudentin) zu 50 gr Imperial überreden. Kompetente Beratung (das kleine weiße Hornlöffelchen ist zu nehmen). Die Kommilitonin kommt aus Baden, in der Nähe des Örtchens Bretten, Geburtsort von Philipp Schwartzerdt, der sich Melanchthon nannte und der PRAECEPTOR GERMANIAE sein wollte. Kein bescheidener Mann.
Ebendieser sei von Martin Luther so angetan gewesen, dass er ihn für eine Beziehung habe begeistern können. Sie sage das, obwohl sie evangelisch sei. Nun teilten, höre ich, beide händchenhaltend ein Doppelgrab. Kann das?
Logbuch
ERDBEBEN.
Die furchtbaren Erdbeben in der Türkei und Syrien zeigen, dass wir auf brüchigem Grund stehen. Mutter Erde ist eine Episode.
Als Spross von Bergleuten habe ich ihm nie getraut, dem Berg. Die Natur ist kein Spaß. Wer dann noch fahrlässig baut, kann alles verlieren. Der Berg ist eine Bestie.
Am meisten getroffen sind jene, die zuvor schon eine andere Bestie überfiel, der Krieg. Noch böser, weil vermeidbar.
Reichen wir über brüchigem Grund einander die Hand; viel mehr haben wir nicht.
Logbuch
VORFÜHRPECH.
Das geliebte Auto surrt ständig im Armaturenbrett; es ist zum Verrücktwerden. Aber als der Werkstattmeister es Probe fährt, da ist das Biest ruhig. Du stehst da wie ein Idiot. Das berühmte VORFÜHRPECH.
Schlimmer noch als die ausbleibende Panne ist der gelungene Trick, den keiner sieht. Das ist wirklich bitter, wenn dem Künstler etwas gelingt und die Welt schaut weg. Schlimmer als Unrecht zu haben, ist es, nicht verstanden zu werden. Die Tragik meines Lebens. Ein Appell an die Leser des Logbuchs.
Hier hieß es vor (!) der inzwischen berühmten Karnevalssitzung in Aachen („wider den tierischen Ernst“), dass die grünen und gelben Mariannes ihre phrygischen Mützen lüften werden. Also gut: Marianne ist das Flintenweib der (französischen) Revolution, die barbusig auf den Barrikaden steht und „am Allergeilsten“ zum Angriff verführt. Sie trägt dabei die sogenannte Jakobinermütze, die phrygische, das Zeichen der blutrünstigen AufrührerInnen.
So, und da wundert man sich über die Schmährede der altersgrauen Rüstungslobbyistin aus dem Rheinmetall-Land gegen den Führer der Opposition? Warum verrate ich das hier vorher, wenn es keiner merkt? Die FDP und der liberale Gedanke tun sich mit diesem Flintenweib keinen Gefallen. Eine ältere Dame, die sich selbst als „am Allergeilsten“ charakterisiert. Eine unwürdige Greisin, würde Brecht sagen. Ich habe kein Mitleid mit dem Opfer ihrer Schmährede, aber das war ein Eigentor der Bellizistin. Nicht das erste.
Falsch eingeschätzt hatte ich die grüne Marianne; das war weniger peinlich als befürchtet, wenn auch peinlich genug. Witzchen statt Humor, Sottisen statt Satire. Ich weiß, dass es leider gegen zwei Frauen geht, wo es doch gegen Männer gehen sollte. Sprich gegen die CDU-Granden Merz und Wüst. Der hatte übrigens die Haare schön. Mehr war nicht.
Logbuch
KEINE AMAZONEN BITTE.
Es werden bald wieder alle jungen Männer gemustert, um möglichst viele Söhne des Landes an die Waffen zu bringen. Ich rede hier wie die Jungfrau von der Kirmes, weil ich selbst den Kriegsdienst verweigert habe, was mein demokratisches Vaterland mir als Recht gewährte. Mein Herr Vater hatte mich damals dabei unterstützt; er selbst hielt es für puren Zufall, dass er nicht wie viele seines Jahrgangs als Kanonenfutter geendet sei.
Man mustert aber, trotz Zeitenwende, die Töchter des Landes nicht. Wie finde ich das denn? Ich habe dazu zwei Meinungen. Die erste ist: Eine eklatante Ungleichbehandlung. Das reißt immer mehr ein. Bei vielen Dingen, etwa der Berufung von Professoren, herrscht eine positive Diskriminierung von weiblichen Bewerbern bis an die Grenze der Rechtsbeugung. Und darüber hinaus. Wegen Gleichberechtigung wird auch dort bevorzugt, wo die Quote bereits erfüllt. Ich könnte dazu gerne Ross und Reiterin nennen. Ich tue es nicht, aber es gefällt mir trotzdem nicht.
Meine zweite Meinung ist: Die vorsätzliche Benachteiligung von Frauen ist ein anhaltender Skandal im Format eines Kulturbruchs. Man blickt hier wirklich noch immer in die Vorzeit der menschlichen Gesellschaft. Und der berechtigte Spott über muslimische Missstände sollte schweigen, solange ich in Rom keine Päpstin sehe; im jüdischen Matriarchat soll das besser sein, ich bin mir da aber nicht sicher. Fördert unsere Töchter! Sie sind vielleicht nicht der bessere Teil der Menschheit, aber ganz sicher auch nicht der schlechtere. Mein Ernst.
Zu den politischen Grotesken unserer Tage gehört, dass man erwägt, die männlichen Soldaten, die nunmehr ins Feld sollen, auszulosen. Losbude mit Teddybär? Das erscheint mir, dritte Meinung an diesem friedlichen Sonntagmorgen, zynisch. Man macht aus der Frage von Leben oder Tod als Staat keine Kirmes. Denn hier wäre ja die gezogene Niete ja der Hauptgewinn. Ein Glücksfall, wie ihn viele Ukrainische Männer genießen, die sich hierzulande mittels Bürgergeld drücken dürfen. Kein Vorwurf. Es ist nämlich niemals süß und ehrenvoll für das Vaterland zu sterben. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.