Logbuch

FLOHMARKT.

Der Flohmarkt heißt eigentlich so, weil vor ihm gewarnt werden soll. Im Gegensatz zum Flohzirkus, wo Flöhe die Artisten stellen, die das Publikum begeistern sollen. Flohzirkus auch in der Gesundheitspolitik.

Die Angst vor den Flöhen kommt aus einer Zeit, als diese ekelhaften Parasiten mangelnder Hygiene geschuldet waren und nicht nur Juckreiz verbreiteten, sondern Krankheiten übertrugen, bis hin zur Pest. Wenn sich Flöhe mit irgendetwas nicht vertragen, dann mit einer ärztlichen Fürsorge. Dazu später.

Flohmärkte sind eine großstädtische Erscheinung, in der nicht nur Prachtstraßen die Betuchten locken, sondern auch arme Leute Trödel anbieten, um ihnen einen kargen Erlös zu bieten. Ein Produkt metropolen Prekariats, das inzwischen im grünen Milieu wiederkommt. Und wer dort einen betagten Pelz günstig erwirbt, dem sind dann, so die historische Erfahrung, auch dessen parasitäre Bewohner gewiss. Trotzdem erfreuen sich diese Märkte eines nostalgischen Interesses. Man hofft unter all dem Müll eine versteckte Kostbarkeit zu entdecken. Oder folgt dem Motto: Wiederverwenden statt wegwerfen.

Ich selbst besuche, wann immer ich samstags in Zürich bin, den Flohmarkt am Baur au Lac, um bei einem schweizerdeutschen Türken historische Eispickel zu erwerben. Ich sammle die, die Götter und Leo Trotzki wissen warum. Der Trödelmarkt ist ein kleines Abenteuer für übersättigte Konsumenten. Ich sehe in Berlin auch einige arme Leute, vor allem aber Touris. Ähnliche Phänomene sind die Bauernmärkte und solcher kleiner lokaler Händler. Die mangelnde Hygiene wird durch romantische Nostalgie kompensiert. Schmutzig gilt in diesem Milieu als gesund.

Hier will der Präsident der Bundesärztekammer die gestörte Pharmaversorgung kompensiert wissen, etwa bei Hustensaft für Kinder, der ruhig schon mal abgelaufen sein darf. Was die deutsche Hausapotheke nämlich auszeichnet, ist ihr Alter. Es gilt die gleiche Regel wie beim Gewürzregal in der Küche. Hier sammelt sich Abgelaufenes, sprich vermiedener Müll. Niemals nehme ich, wenn ich schon mal woanders koche, Gewürze aus dem Regal.

Nie kaufe ich von ukrainischen Händlern polnische Pelze russischer Nerze. Niemals würde ich einem Kind Reste eines versüfften Codeinsaftes vom Flohmarkt verabreichen. Das mögen dann die tun, die sich bei Demeter unbehandelte Möhren holen und in der Apotheke Globuli. Oder ist homöopathische „Medizin“ auch schon knapp? Woher kommt eigentlich der Drang dieser Nation, sich wieder auf die Praktiken eines Schwellenlandes zurückzubesinnen? Oder dem Mittelalter Charme abzugewinnen? Ich bitte doch auch nicht den Barbier, mich zur Ader zu lassen.

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WELTMEISTER.

Wer NATIONEN will, will Kriege. Nicht im Prinzip, weil der Weltfrieden ja eingehalten werden könnte, aber in der Wirklichkeit. Und Sport ist Krieg mit friedlichen Mitteln.

Argentinien ist jetzt wieder Weltmeister; ich war gestern am Bildschirm Zeuge des Spiels, obwohl ich mich nicht für Fußball interessiere. Mit so euphorisch vorgetragenen Urteilen, wie dem, dass Messi eine Wiedergeburt Madonnas sei, fange ich nichts an. Wer zum Teufel ist Messi? Und wieso Madonna? Unsere Liebe Frau?

Aber ich lerne, dass der ominöse Veranstalter namens FIFA prinzipiell keine englischen Schiedsrichter bei Spielen mit Argentinien einsetze. Und keine argentinischen gegen England. Begründet wird das mit dem Falklandkrieg. Ich staune. Es geht also doch um NATIONALISMUS. Der Falklandkrieg, ich erinnere mich nur vage, fand vor über 40 Jahren statt. Der letzte Krieg des britischen KOLONIALISMUS. Lady Thatcher als WAR LADY. Angeblich ging es um das Selbstbestimmungsrecht von englischen Siedlern auf den winzigen Inseln vor Argentinien. Eine Handvoll Schafszüchter. Und eine reaktionäre Militärjunta in Argentinien, die auch Nachbarländer wie Chile bedrohte.

Dahinter seit dem 17. Jahrhundert völlig skrupellose Freibeuterei und koloniale Kriege in allen Facetten. Der Kampf der europäischen Eroberer um die Welt. Holländer, Engländer, Spanier und Portugiesen… Die hässliche Seite der Moderne. Hinter den Kriegen der Nationen stand die Konkurrenz der Geschäfte, die sich aus der Ausplünderung anderer Länder ergab und der Bewirtschaftung sogenannter Sklaven. Irgendwie fehlt mir der ideelle Zugang zum Konzept der Nation.

Wäre meine Begeisterung vielleicht größer, wenn beim Fußball meine Mannschaft (jene, die Referenz auf meinen Pass reklamiert) gegen die eines ehemaligen Kriegsgegners (meiner Urväter) gewönne? Da kämen ja eine ganze Menge in Frage, da sich meine Großväter zu Weltkriegen haben animieren lassen. Ich bin im Zweifel. Ich kriege dieses Virus des WELTENBÜRGERS nicht aus dem Leib.

Übrigens ist der WELTENBÜRGER mehr als der „Weltbürger“. Schon bei den Nationen nicht zu einem Singular in der Lage, schaffe ich selbst bei der „Welt“ nur einen Plural. Das taugt nicht zu Wettkämpfen darum, wer Weltmeister ist. Vagabund!

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IMMER GRÜN.

Bräuche verraten viel über das schlechte Gewissen. Das Ritual holt Versäumnisse nach. Vor allem im Advent. Über die verbreitete Anbetung kitschiger Bäume.

Häufige Beobachtung dieser Tage: Alte weiße Männer wählen den Weihnachtsbaum mit solchem Bedacht aus, als ginge es um was, um alles. Der üselige Tannenbaum wird aufrecht gehalten, gedreht, mit geneigtem Kopf betrachtet, verworfen, verglichen und dann doch erworben. Fünfzig Euro wird leicht gezahlt für die abgehackte oder handgesägte Baumleiche. Skurril.

Der Brauch vollendet sich in einem Exzess an Kitsch, bei dem der Immergrüne behängt wird mit billigem Schmuck wie eine gealterte Puffmutter im Vorderen Orient. Kugeln, Ketten, Strass en masse. Zum guten Ende mit Lichtlein aufgehübscht. Den Baum zu schmücken gilt als Sakrileg des wirklichen Familienoberhauptes, also der Mutter. Vater darf ihn kaufen, Mutti bringt Lametta an. Da steht er dann wie ein Totempfahl; und das ist er ja auch, ein Totem heidnischen Ursprungs.

Die Tanne kam zu solchen Ehren, weil immergrün, ein Triumph über die Jahreszeiten. Man muss das heute erklären, wo die Vier Jahreszeiten Salami, Schinken, Pilze und Oberschiene sind. Oder Artischocke. Der immergrüne Weihnachtsbaum bezieht sich als EWIG LEBENDER auf die HEILIGE FAMILIE, meint aber eigentlich eine HEILE FAMILIE.

Dabei wird jede zweite Ehe geschieden. Hätte Pappa so viel Sorgfalt und Bedacht auf die Auswahl wie jetzt beim Baum seinerzeit auf die Gattenwahl gelegt, wäre die Familie heiler. Oder eben die damalige Jungfrau, also Mamma. Also umgekehrt. Apropos Gattenwahl: Maria war nun wirklich wählerisch.

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KEINE AMAZONEN BITTE.

Es werden bald wieder alle jungen Männer gemustert, um möglichst viele Söhne des Landes an die Waffen zu bringen. Ich rede hier wie die Jungfrau von der Kirmes, weil ich selbst den Kriegsdienst verweigert habe, was mein demokratisches Vaterland mir als Recht gewährte. Mein Herr Vater hatte mich damals dabei unterstützt; er selbst hielt es für puren Zufall, dass er nicht wie viele seines Jahrgangs als Kanonenfutter geendet sei.

Man mustert aber, trotz Zeitenwende, die Töchter des Landes nicht. Wie finde ich das denn? Ich habe dazu zwei Meinungen. Die erste ist: Eine eklatante Ungleichbehandlung. Das reißt immer mehr ein. Bei vielen Dingen, etwa der Berufung von Professoren, herrscht eine positive Diskriminierung von weiblichen Bewerbern bis an die Grenze der Rechtsbeugung. Und darüber hinaus. Wegen Gleichberechtigung wird auch dort bevorzugt, wo die Quote bereits erfüllt. Ich könnte dazu gerne Ross und Reiterin nennen. Ich tue es nicht, aber es gefällt mir trotzdem nicht.

Meine zweite Meinung ist: Die vorsätzliche Benachteiligung von Frauen ist ein anhaltender Skandal im Format eines Kulturbruchs. Man blickt hier wirklich noch immer in die Vorzeit der menschlichen Gesellschaft. Und der berechtigte Spott über muslimische Missstände sollte schweigen, solange ich in Rom keine Päpstin sehe; im jüdischen Matriarchat soll das besser sein, ich bin mir da aber nicht sicher. Fördert unsere Töchter! Sie sind vielleicht nicht der bessere Teil der Menschheit, aber ganz sicher auch nicht der schlechtere. Mein Ernst.

Zu den politischen Grotesken unserer Tage gehört, dass man erwägt, die männlichen Soldaten, die nunmehr ins Feld sollen, auszulosen. Losbude mit Teddybär? Das erscheint mir, dritte Meinung an diesem friedlichen Sonntagmorgen, zynisch. Man macht aus der Frage von Leben oder Tod als Staat keine Kirmes. Denn hier wäre ja die gezogene Niete ja der Hauptgewinn. Ein Glücksfall, wie ihn viele Ukrainische Männer genießen, die sich hierzulande mittels Bürgergeld drücken dürfen. Kein Vorwurf. Es ist nämlich niemals süß und ehrenvoll für das Vaterland zu sterben. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.