Logbuch
VORURTEILE.
Gestern hatte ich das große Vergnügen, auf einer Presseveranstaltung Gast zu sein und nicht, wie eigentlich mein ganzes Berufsleben, der Veranstalter. Ich hatte danach Vorurteile zu korrigieren. Beginnen wir aber mit dem Unpolitischen.
Das Ding war blendend organisiert. Man erkennt im „Event-Management“ (so heißt das im Neudeutschen) den Geist eines Teams immer an den Details. Ausnahmslos ein netter, aber nicht aufdringlicher Service; an alles ist gedacht, von der Garderobe über die Namensschilder, Wegführung, das Buffet, vor allem aber die persönliche Ansprache, you name it. Tolle Truppe. Freundschaftliche Gespräche.
Dann zwei Cluster der Politik. Eines für Berlin, das andere für Brandenburg. Ein unvorbereiteter alter weißer Mann, der seinen Job hassen muss, so wie er über ihn redet, unvorbereitet, wie er sich hat. Er lamentiert und leidet an einem Tourette-Syndrom, dem Wiederholungszwang für Worthülsen. Er sagt Sätze wie: „An dieser Stelle will ich mal sagen, dass an dieser Stelle die Dinge so sind, wie wir das an dieser Stelle erwarten mussten.“ Er kommentiert sich selbst eitel und verbreitet den Mief einer überforderten politischen Klasse.
Das andere Cluster eine engagierte Mitvierzigerin mit Witz und Beredsamkeit, die Aufbruchstimmung verbreitet und Einsichten, eine Freude, ihr zuzuhören. Fragen aus dem Publikum notiert sie sich, so Interesse auch dann signalisierend, wenn Banales geäußert wird. Der Moderator bringt die Stimmung auf den Punkt, indem er bedauert, dass sie nur Ressortministerin sei und nicht Regierungschefin.
Jetzt zu den Vorurteilen. Der Muffel-Ossi ist von Hause aus Wessi. Die Heldin kommt aus Frankfurt/Oder. Alter Schwede; das hat nicht nur mit dem Geschlecht und dem Alter zu tun. Wir müssen die Mentalitätsgeographie neu schreiben. Ex oriente lux.
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IRREN IST MENSCHLICH.
Es ist viel von Künstlicher Intelligenz die Rede, im Amerikanischen AI genannt, für Artificial Intelligence, also eigentlich etwas Künstlerisches. Das ist es aber nicht, wenn eine Maschine denkt. Zeit, noch mal auf den wesentlichen Unterschied von KUNST und KUNSTHONIG zurückzukommen.
Überall wird die Textmaschine namens ChatGPT erwähnt, die zu einem ihr genannten Thema Texte liefert. Das Verfahren ist eine kontextorientierte Wahrscheinlichkeitsrechnung. Die Maschine sucht das jeweils wahrscheinlichste nächste Wort aus einem gigantischen Archiv von Texten; nach dem Wort den Satz, nach dem Satz den Text. Da die Grundgesamtheit riesig ist und auf strukturierten Äußerungen beruht („Text“), ist die Trefferzahl brillant.
Die Maschine spricht, ohne zu verstehen („no comprehension while contexting“); sie liefert Plagiate auf einer sehr hohen Stufe des Plagiierens. Reden ohne Verstand, jedenfalls ohne Vernunft, das kenne ich von Menschen auch. Und zwar vom Hausfrauenkaffee über Chefredaktionen bis rauf zum Oberseminar.
Wo die KÜNSTLICHE INTELLIGENZ, die ja keine künstlerische ist, empirisch vorgeht, gilt das gleiche Gesetz der großen Grundgesamtheit. Wer aus 10.000 Röntgenbildern der Lunge jene Hälfte mit späterem Krebs genannt bekommt, wird sodann ein guter Radiologe, auch wenn er nur eine Maschine ist. Das nennt sich diskriminierende Qualität, zu deutsch Unterscheidungsfähigkeit. Man sagt mir, dass auch ein Fallbeispiel für moderne KI reiche, sogar „zero“; das glaube ich aber nicht. Jedenfalls verweigere ich mein Vertrauen, auch wenn die kalifornischen Oligarchen bei GOOGLE & CO drauf schwören.
Jetzt der olle Kant: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ Das ist fast dreihundert Jahre alt und noch immer sehr gut.
Als mein linkes Knie zur Erneuerung anstand, habe ich den KI basierten Befund einem erfahrenen Radiologen gezeigt, dem ich vertraue, und seine Meinung erfragt. Und eine zweite Meinung eines befreundeten Chirurgen erbeten. Jetzt bin ich mit dem KÜNSTLICHEN KNIE zufrieden; es ist übrigens kein künstlerisches, aber das hatten wir ja schon.
Bei Fragen der Moral würde ich weiter gern auf menschliches Urteil setzen, nicht auf maschinelles. Das dabei mögliche Irren nehme ich hin.
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DEMUT.
Bei dem stets lesenswerten Rainer Hank erfahre ich gestern, dass im Herbst dieses Jahres die Autobiografie von Angela Merkel erscheinen wird. Mein Desinteresse könnte nicht größer sein. Nichts, aber auch gar nichts wünsche ich von ihr zu erfahren.
Allerdings gibt es eine Verstrickung meinerseits: Ich habe bei einem ihrer Wahlkämpfe mal in der BILD am SONNTAG damit gedroht, zu erwägen ihr meine Stimme zu geben; das muss ich einräumen. Mein Ziel damals war es, die SPD zur Besinnung zu bringen; was gründlich misslang, ein Akt eitler Selbstüberschätzung. Das ist mir heute peinlich.
Man erinnert immer seine Niederlagen und Patzer, die Peinlichkeiten des Lebens, mehr als Siege oder glückliche Fügungen. Daher kommt bei Helden der verbreitete Hang, die Vergangenheit zu korrigieren, jedenfalls die eigene Interpretation der Dinge verbindlich zu machen. Ob das dann gelingt, das ist eh ungewiss, wenn nicht unwahrscheinlich. Von mir jedenfalls wird es einen solchen autobiografischen Versuch zwischen zwei Buchdeckeln nicht geben.
In meinem Fach durchschaut man, wie das geht. Am Anfang steht die Fiktion eines CHARAKTERs, und zwar edler oder gar erhabener Art, den man dann in den korrigierten Zufällen des Lebens Stück für Stück aufscheinen lässt, so dass am Ende den Belanglosigkeiten ein höherer Sinn zukommt, nämlich ein narzisstisches Selbstbild. GESCHICHTE wird so charakterreduktibel; wie profan ist das denn? Prahlhans als Küchenmeister.
Wünschenswerter wäre es doch, wenn das Bewusstsein der Schuld bliebe und uns zumindest im Alter zur Demut erzöge.
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QUASI IM HOME OFFICE.
Wer sich in Fragen des SPA (Lateinische Abkürzung für „gesund durch Wasser“) auskennt, weiß darum, dass es neben der finnischen Sauna und der Bio-Variante für empfindsame Seelen wie dem türkischen Dampfbad jenen Bereich gibt, der Ruheraum heißt. Warum wissen die Götter, weil der Pinsel am anderen Ende des Raums lauthals telefoniert. Handyterror. Dabei fällt der Satz der Sätze: „Du, ich bin quasi im Home Office!“ Damit ist vollständig gesagt, warum dieses Land den Bach runter geht.
Im Nirvana von nichtigen Erreichbarkeitsposen lümmelt sich lasziv auf der Liege, was eigentlich ins Kontor gehörte. Die Faulenzer müssen nicht mal schwänzen, weil mittels Home Office ja „quasi am Arbeiten“. Ganze Belegschaften vereinzeln sich in die Simulation von Beruf, die nichts anderes als erschlichene Freizeit ist. Der nackte Arsch im Schwitzbad stört da nicht, zumal die häusliche Jogginghose auch nicht viel näher an dem ist, was mal Kleidung war. Wenn Industrie von dem Wort „Eifer“ kommt, so darf konstatiert werden, dass dieser gewichen und der Schweiß eindeutig nicht Folge von Anstrengung, sondern wg. Aufguss.
Das ist das eine, was aus den Saunen der Republik zu berichten. Das andere betrifft malerische Selbstverzierungen, sprich den Körper als Leinwand. Wenn ich mich umsehe, wird gewiss, was ich schon ahnte. Ich bin hier der einzige Homo Sapiens, dessen Haut nicht wie die Innentür einer Schultoilette aussieht. Man ist heutzutage tätowiert. Nun weiß man von dieser Kunst schon aus dem alten Ägypten; in Luxor fanden sich einbalsamierte Tempelhuren mit lockender Symbolik auf der Haut. Schon vor 3000 Jahren war das Tattoo des Jägers Sitte; bei Ötzi finden sich 61 solcher Verzierungen.
Der wirkliche Wandel liegt in der sogenannten Freizügigkeit. Früher als Code heimlich schwuler Männer sorgsam verborgen, prangt der Bebilderungszwang heute auf jeder Bäckereifachangestellten, und zwar im unbekleideten Teil. Das ist primitiver Stammeskult, ein manischer Ritus. Arschgeweih. Mehr kann ich im Moment an Nennenswertem nicht berichten; ich bin ja quasi im Home Office.