Logbuch
DICHTER UND DENKER.
Ich lese gerade die Berlin-Romane eines Gegenwartsdichters, der mit erstaunlicher Wortgewalt auf Dinge anzuspielen weiß, die die Zeitgenossen noch deutlich in Erinnerung haben. Große Sprache, eine Bereicherung zu lesen; und oben drauf die Freude des Wiedererkennens von Zeitgenössischem. Etwa wie er Jens Spahn als Gesundheitsminister verarscht. Was aber ist mit dieser Literatur, wenn künftige Generationen sie in Händen halten, denen diese Erinnerung bereits fehlt? Es ist ja sicher, dass der klebrige Spahn schlicht vergessen wird.
Gestern ein Erlebnis bei Fabrizio, meinem Italiener (Rigatoni mit Speck und Dicken Bohnen, Kalbsleber hauchdünn mit Kartoffelstampf, Cassata in Schnaps). Es stellt sich mir ein Herr vor, den ich als frühen Leser dieses Logbuchs sehr schätze, aber real noch nie getroffen hatte. Mein Leser, die Zweite. Das ist der Lange von der Welle (meint Deutsche Welle). Es gibt hier aber auch den Kurzen von der Welle, den sie auch Dreggers Dreckschleuder nennen. Der Riese ein Mann von Bildung und liberalem Format. Der Giftzwerg ein unangenehmer Rechthaber der klassischen Rechten. Unterschiedlicher können Journalisten nicht sein. Im San Giorgio in der Mommsen dürfen alle sein. Der Lange ist mir lieber.
Spaß an diesen Worten kann man eigentlich nur haben, wenn man noch weiß, wer Dr. Alfred Dregger war, der schon AfD konnte, als diese noch in der hessischen CDU schlummerte. Wem das fehlt, dem fehlt halt was. Oder dieser Art von anspielender Literatur. Sie hat etwas von der Vergänglichkeit des Kabaretts. Große Literatur braucht ihrem Wesen nach mehr als die Anspielung auf den Moment. Jetzt fällt mir ein, der Pimpf war Intendant bei der Welle, der Titan Chefredakteur, sicher zu unterschiedlichen Zeiten. Die angeberische Dreckschleuder hatte das nämlich an seiner Berliner Klingel stehen: „Intendant“. Seine Spesen zahlte damals ein Stadtwerk. Aber wen interessiert das heute noch?
Wem große Literatur nicht gegeben, der muss sich auf das Tagebuchschreiben bescheiden. Logbuch ist vielleicht auch eine Lösung.
Logbuch
DER LESER.
Der alte Kant galt als sittenstreng, aber nicht obrigkeitshörig. Der Wahrheit wollte er ohne Einschränkung ergeben sein; seinem Fürsten zu folgen, war ihm nicht so gegeben. Es gab in seinem Leben zwei Autoritäten eigener Natur. Sein Privatleben lag in den Händen seines Dieners, der ihn vom Ankleiden über das ausgiebige Gastmahl zu Mittag bis zum Zubettgehen zu begleiten wusste; seinen Tod wusste der alte Kant nicht zu verwinden.
In Fragen der Wahrheit war er einem fiktiven und doch faktischen Wesen verpflichtet, seinem Leser. Das Publikum seiner Zeit wusste sein Verleger aus Riga auf der Leipziger Buchmesse und anderen zu versorgen. Hier war Kant entschieden. Ein Prediger, befand er, könne ruhig nach dem Katechismus seiner Gemeinde reden und den Glaubensfragen die jeweils gewünschten Antworten geben. Dem Gläubigen gewähre man seinen Glauben.
Ganz anders, was unter die Augen des Lesers trete; das habe vor strengstem Urteil zu bestehen. Dieser Leser ist jener Gründungsmythos von Öffentlichkeit als Aufklärung. Warum sage ich das? Gestern hat mein Logbuch ein Schulfreund gelesen und geliked, den ich mehr als 50 Jahre nicht gesehen habe. Stand früher deutlich links von mir; auch wenn das heute wundern mag, das ging. Eigentlich schlummerte in ihm ein Anarchist. Keine Namen.
Aber einen herzlichen Gruß an meinen alten Jugend-Kumpel Winnie! Freut mich, dass Du mich liest und mir zu allem Überfluss nach einem halben Jahrhundert auch noch Recht gibst. Möge es Dir gutgehen! Es lebe mein Leser!
Logbuch
DER KRAMPF GEGEN RECHTS.
Der berühmte Meinungsforscher Manfred Güllner, ein Urgestein seiner Branche und leidenschaftlicher Roter, neigte zu bissigen Bemerkungen, wenn es um das gegnerische Institut in Allensbach ging, dessen Gründungsmutter nicht frei von braunen Tönen war. Er sagte dann gern: „Sie übersetzen dort Demoskopie mit völkischer Beobachtung.“
Was das Güllnersche Institut heutzutage beobachtet, hat sie, völkischen Züge. Forsa sieht bei der Sonntagsfrage die AfD mit der CDU gleichauf; beide haben je 25 % der Stimmen. Absolute Mehrheit. Die SPD würden noch 13% wählen. Die FDP ist raus. Die Strategie der demokratischen Linken, die uns in diesen Strukturbruch geführt hat, hieß „Kampf gegen Rechts“: na bravo! Ein Krampf; und er dauert an im linken Milieu. Schockstarre.
Die Art, wie die AfD niedergebrüllt wird, allen voran von Omas gegen Rechts, hebt deren junge Frau auf‘s Panier. Ich werde hier nicht diese alerte Zynikerin preisen, aber die bösen alten Frauen der demokratischen Mitte haben sie nicht nur nicht verhindert, sondern groß gemacht. Wir werden Weidel als Kanzlerin sehen, so wie wir Madame LePen nach oben heben, wo Signora Meloni schon ist. Der Krampf gegen Rechts hat jenen Rechtsruck gefördert, den zu verhindern er vorgab.
Die Schwarzen und die Blauen haben die absolute Mehrheit. Die SPD hat sich grotesk verzwergt. Wie die Grünen auch. Noch herrscht bei den Konservativen Scham, in eine Regierung zu gießen, was die Stimmungslage schon als Struktur zeigt. Aber sehe ich Fritze Merz als Fels in der Brandung? Eine Sandburg, irgendwann ein Raub der Wellen. Und, mit Eimerchen und Schüppchen, Lars Klüngelbiel, das dicke Kind als Sozen-Chef? Oder aus Berlin ein Herr Saleh („Die Wohnungen in Volkes Hand!“)? Machen Sie Witze?
Ich schreibe dies in Moabit; aus dem roten Wedding gleich nebenan höre ich ein Lied aus alten Zeiten herüberschallen. „Wer hat uns verraten?“ Es klingt mit der Stimme von Ernst Busch: „Sozialdemokraten!“
Logbuch
HITLERJUNGE QUEX.
Alptraum. Erschreckt von Wiedergängern. Gestern sah ich ihn in den Nachrichten, den jungen Horst Wessel. Und Diederich Hessling, der immer an den Ohren litt. Hitlerjunge Quex, der Befehle so schnell befolgte wie Quecksilber. Ich sah Joseph G. als Knaben. Tiefer Schrecken. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.
Nun muss ich meine Abneigungen sortieren. Die abgeschmackten Kommis der SED-Linken nehme ich ohnehin nicht ernst. Mir gefällt natürlich nicht, was ich bei den Jungen Grünen höre, aber winke es durch als quasi-religiöse Radikalität der Jugend. Mir gefällt nicht, was Jusos da pubertär erhitzt vortragen, um die Alte Tante SPD zu erzürnen. Mich irritieren die Jungschen in der CDU, diese Alerten, denen Oma nicht auf der Tasche liegen soll. Was ich aber zum Teil bei der AfD-Jugend sehe, das erschreckt mich tief.
Diese eifernd erhitzten Fascho-Imitationen. Man schlägt nationalkonservative Töne an, faselt vom deutschen Interesse und sagt stolz, dass man sich von Reaktionären wie Identitären und klar faschistischen Kreisen nicht distanziere. Halbe Glatzen. Was soll, räsoniere ich, aus denen mal werden, diesem Teil der stolzen Jungen. Das Lager der Neuen Rechten hat zweifelhaften Nachwuchs.
Was sich hier andeutet, liegt in den USA offen zu Tage. Dort hat der „woke“ Zeitgeist eine Antwort provoziert, die man mit einer neuen oder alternativen Rechten nur unvollkommen beschreibt. Stolze Reaktionäre. Es kann sogar sein, dass Ursache und Wirkung umgekehrt sind. Vielleicht ist das Woke als Subkultur eine regelrechte Erfindung der Rechten; eine Restmenge all dessen, was White Supremacists nicht wollen. Schon bei dem Begriff stockt einem der Atem. Arierkult.
Eine rassistische Vorstellung von der prinzipiellen Überlegenheit des Weißen Mannes (und wahrscheinlich der Blonden Frau) gegenüber afrikanisch oder asiatisch stämmigen Zuwanderern. Heteronormativ, patriarchalisch, autoritär, rassistisch. Die Nachwehen einer Sklavenhaltergesellschaft, die durch gewollte Migration von Frömmlern, Hungerleidern und Kriminellen entstanden ist? Parteipolitisch überformt höre ich das so aus demokratischem Mund über die republikanische Hegemonie. Der Bürgerkrieg dauert an. Man kann insofern durchaus Zweifel haben am Amerikanischen als liberaler Leitkultur.
Mögen andere von ihrer Schande reden, ich rede von meiner. Was wächst mir da als Deutschtum heran? Und besudelt mit braunem Stumpfsinn, was uns als Land der Dichter und Denker eigentlich aufgegeben? Wir sollten den Geist der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, der sich ohnehin aus französischen und deutschen Quellen speiste, zurückholen. All men are created equal… Wer damit Probleme hat, ist dann eingeladen über seine Remigration nachzudenken, wenn ihm das Unwort so nahe liegt.