Logbuch

DAS EWIGE OPFER.

Wer die Zufälle seines Lebens in das Wirken feindlicher Mächte umlügt, will sich selbst Gewicht geben. Das ist ein Narrativ der Jammer-Ossis, mit dem sie die Jubel-Wessis zu beschämen suchen.

Die langjährige Kanzlerin Frau Merkel nutzt ihre frisch gewonnene Freizeit zum Feilen an ihrem Nachruhm. Sie will die Hagiographie (Jubellebenslauf) doch nicht ihren Gegnern oder, schlimmer, dem Vergessen überlassen. Merkel, die Große. Ich kenne die Frau lange; zuerst sah ich sie als stellvertretende Pressesprecherin des ersten frei gewählten DDR-Chefs, eines bratschespielenden Preußen mit schlechten Zähnen, durch den Helmut Kohl einfach hindurchsah. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Merkel lässt sich im „Spiegel“ von dem Starjournalisten Alexander Osang porträtieren. Ich lese das nicht, weil ich nichts lese, was Osang verzapft hat. Ich mag den nicht. Er ist ein peinlicher Kulissenschieber. Und er gefällt sich in der Pose des Ewigen Opfers, eine ostdeutsche Seuche. Ich will einräumen, dass die Abneigung gegenseitig ist; wir sind mal auf offener Bühne aneinander geraten. Ich war der Veranstalter, er der Gast einer Lesung; er replizierte auf meine Begrüßung ausgesprochen sauertöpfisch und verbat sich Witze über seinen Heimatstaat. „Die DDR war kein Witz“, sagte da der Herr vom Prenzlauer Berg. Humorbefreit, der Mann.

Der Kult, den ich so hasse, nennt man AUTOVIKTIMISIERUNG; das ist die Manie, sich selbst immer und überall zum Opfer zu stilisieren. Eröffnungssatz: “Wir hatten ja nix.“ Die Pose des Opfers gibt dem Selbstmitleidigen Gewicht. Ein Hauch von Tragik durchweht die Banalität des Alltags. So wird aus der Groschenheft-Existenz dann doch noch ein wenig Kafka. Das ist Osang, ein Westentaschen-Kafka.

Der „Spiegel“ hat damals den Ostberliner Lokaljournalisten Osang zum Korrespondenten in New York gemacht, einer der begehrtesten Posten, der Traum vieler Federn. Und wie erzählt das das EWIGE OPFER? Der Chefredakteur Stefan Aust habe ihn allen Ernstes vorher gefragt, ob er überhaupt Englisch könne. Für den so viktimisierten Ossi ein echter Skandal. Na klar konnte er Englisch. Wie bei Merkel; zweite Fremdsprache nach Russisch. Das zu erwähnen, ist aber nicht in Ordnung, weil es die Ossis diskriminiert. Osang mag das Nassforsche der Wessis nicht. Das zelebriert er in verdecktem Selbstmitleid.

Manchmal verstehe ich den Getto-Gebrauch des Wortes „Opfer“, der bei meinen türkischstämmigen Nachbarn im Wedding eher ein Vorwurf ist, frei von jedem Mitleid. „Alta, Du Opfa!“

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CHRISTBAUM.

Der Advent steht für Behaglichkeit. Das ist ein idyllischer Binnenzustand in einer an und für sich feindlichen Welt. Ein trotziges Bedürfnis nach Kitsch wird jahreszeitlich wieder raumgreifend.

Beobachtung des schlendernden Passanten vor „BLUME 2000“: An dem unsäglichen Blumenladen Scharen gebeugter Witwen, die sich am Boden um Tannenzweige bemühen. Das Gesäß in die Luft gereckt, wühlen sie im Grün. Dann sehe ich sie mit ein, zwei der amputierten Fichtenäste beglückt an die Kasse streben. Seltsamer Anblick auch für den Kenner des Milieus der Wilmersdorfer Witwen. Ein klares jahreszeitliches Signal: der weihnachtliche DEKO-ZWANG ist aufgerufen. Wir scheinen Advent zu haben.

Der Höhepunkt dieser DEKO-MANIE war in meiner Jugend die weihnachtliche Offenbarung des geschmückten Christbaums an Heiligabend, den meine Frau Mutter mit aufgesetztem Pathos und einem Glöckchen zelebrierte. Unter dem Baum lagen die Geschenke. Einige Glühwein später war dann von anderen Christbäumen die Rede, die ihr Erleben als junge Frau bestimmt hatten. So nannte die vom englischen Bombenhagel betroffene Zivilbevölkerung die Lichtsignale der Air Force am Himmel über den Zielgebieten. Wer da im Schatten der Kruppschen Waffenschmiede wohnte, kriegte unter diesen Christbäumen einiges ab. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Als ich dann bei meiner vietnamesischen Freundin die Lilien hole, sehe ich den Pavillon in der U-Bahn noch frei vom Tannen-Kitsch. Noch geht der kleine Strauß mit welken Schnittblumen in Zellophan für 9.80€. Die Wilmersdorfer Witwen sind wohl immer die ersten, die die Lebkuchen-Hysterie erfasst. Der immergrüne Nadelbaum mit Schnick und Schnack hat inzwischen die Welt erobert, einst Symbol des Paradieses ist er global zur kitschigen Ikone der Idylle geworden: „driving home for christmas“!

IKONE DER IDYLLE? Ein schönes Wort. Tannenzweige und dann der Christbaum als Ausdruck einer kontrafaktischen Sehnsucht nach Frieden. Auch die Krippe in Bethlehem war ja eine eher karge Zuflucht in einer sehr feindlichen Welt. Daran hat sich nichts geändert. Weihnachtsmärkte allerorts mit Panzersperren umzäunt. Mich zieht nichts an die Glühweinstände in den Wagenburgen dieser aufgesetzten Behaglichkeit.

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MAGNUS, DER GROSSE.

Hans Magnus Enzensberger war ein Intellektueller. Punkt. Für mich prototypisch. Kein Vorbild, mehr, ein Archetyp, der EIGENSINNIGE. Welch ein Privileg, ihn gekannt zu haben.

Aber es gibt Hindernisse der indiskreten Totenrede. Ich habe versprochen über sein Versteck auf einer Schäreninsel im Norwegischen nicht zu schreiben. Er war in der Frage so hysterisch wie er ansonsten ausgeglichen war. Und aus allgemeiner Diskretion kein Wort über die Nächte im Jimmy‘s (man entschuldige das Apostroph), in jenem Frankfurter Hotel, das wir als HÄSSLICHEN HOF verehrten. Oder die Essen mit seinem Verleger in der Pizzeria in der „Zum Jungen Straße“, wo Siegfried Unseld, ich erinnere das gut, weinselig in den Keller stürzte, um unten gelandet mit seinem Autor angeheitert weiter zu trinken. HME hatte die Fröhlichkeit der ganz Ernsten.

Ein sehr kluger Kopf. In vielen Gattungen und unter zahlreichen Pseudonymen. Wohl hundert Werke. Leider hielt er sich für ein lyrisches Talent. Ich betrat gerade erst den Kindergarten, da war er schon als Dichter ein Erfolgsautor. Aber sie sind schon recht blutleer, seine Gedichte. Gebrochene Gedankengebäude. Loben wir also, wie alle, den Herausgeber des KURSBUCH, einem intellektuellen Zentrum der Republik (obwohl er das nur ein Jahrzehnt selbst machte). Und den Essayisten. Vor allem aber, seine Unberechenbarkeit. Der große Enzensberger ließ sich nicht vereinnahmen. Ein Archetyp des Intellektuellen. Er war ein genialer Germanist; das möchte ich festgehalten wissen. Ein Leuchtturm meiner Zunft. Zurecht MAGNUS genannt. Möge ihm die Erde nicht zu schwer werden.

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MÄNNER IN MASSANZÜGEN.

Aus meiner Erziehung ist zurückgeblieben, dass man sich Frauen gegenüber ritterlich verhält; das mag furchtbar altmodisch klingen, aber so hatte man das zu halten, wenn man jenen Ansprüchen auch nur halbwegs genügen wollte, die im Englischen für einen Gentleman gelten. Das vorweg zu all den alerten Klassenkämpfern von oben, die sich gerade aufbrezeln.

Jetzt zu der Institution des Maßanzuges. Als ich in der Mineralölwirtschaft war, galt man als ARALER eher als Proll aus dem Pott, während in Hamburg am Überseering die Edlen residierten. Ich mochte sehr meinen PR-Kollegen Johannsen von der SHELL, interessierte mich aber mehr für den von ESSO. Der trug englische Maßanzüge, weil er in seiner Londoner Zeit bei EXXON solche Geräte aus der Saville Row bekam. Hatte er im Vertrag, jedes Jahr einen, Kosten etwa zwei Monatsgehälter. Natürlich ließ er sich das nicht auszahlen, sondern ging zum Schneider in der Jermyn Street. Sein Wirken in der PR war auch so, er gab den Herrn.

Man kann, wenn knapper bei Kasse, auch JOE‘S FASHION in Kowloon, Hong Kong, aufsuchen; dort wirken aus Indien stammende Schneider wahre Wunder. Insbesondere bei krummen Beinen oder unschicklichen Bäuchen. Bezahlbarer Spaß. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Mir hat als junger Mann imponiert, dass Berthold Beitz erzählte, er habe sich von seinem ersten selbstverdienten Geld einen anständigen Dreiteiligen gekauft. Und mir anschließend geraten hat, in Flanell zu gehen.

Der Dreiteilige als Nadelstreifen sieht leicht nach Mafia aus; ich sage das, obwohl ich in so einem Stück geheiratet habe (unter uns: bei C&A erworben, cheap and awfull). Man trug aber, wenn man auf Vorstandsetagen nicht auffallen wollte, als frischer Assistent den Einreiher in dunkelgrauem Flanell. Weißes Hemd, unauffällige Krawatte, Schuhe aus schwarzem Pferdeleder. Im Kapuzenpulli und Turnschuhen wärst Du nicht mal an der Sicherheit vorbeigekommen.

Jetzt tragen die Leitenden Angestellten aus der Personalabteilung viel zu enge Anzügelchen mit knapp geschlossenem Knopf (Schmetterling) und pöbeln auch bei Damen; peinlich. Da, wo ich groß geworden bin, behandelten sich Bergwerksdirektoren wie Knappen mit Respekt; wenn es hakte, half die Gewerkschaft schon mal nach. Ich erinnere mich noch gut an deren Vorsitzenden Adolf Schmidt. Mein geschätzter Arbeitsdirektor war Fritz Ziegler, in der SPD eine große Nummer. Sozialpartnerschaft hieß die Klassengesellschaft damals. Derivate der Montanmitbestimmung halt.

Jetzt aber zurück zu der Schneiderei. Ich habe einen Tipp. Man kaufe Anzüge ruhig von der Stange, bester Stoff, und zwar eine deutliche Nummer zu groß. Dann gehe man damit zu der freundlichen türkischen Änderungsschneiderin im eigenen Kiez und lasse sich das Ding kleiner machen. Körpergerecht versteht sich. Da ist er dann, der Maßanzug für vernünftiges Geld.

Ach so, und peinliche Kränkungen weiblicher Mandatsträger überlasse man den Schnöseln. Eh klar, oder?