Logbuch

MÄRCHEN.

Uns verführen nicht die FAKTEN, sondern die FIKTIONEN. Wir wollen Geschichten erzählt bekommen, auch wenn die FIKTIV sind. „Tell me lies, sweet little lies!“

Der SPIEGEL muss gerade mal wieder eine Geschichte zurücknehmen, weil sie schlicht erfunden war. Da das Blatt da eine Tradition hat, spricht man vom Relotius-Effekt; so hieß der damit zuletzt aufgefallene Redakteur. Wie geht das, eine FIKTIVE Story als FAKTISCH ins Blatt zu heben? Easy.

Die Details, insbesondere die Namen müssen stimmen. Wir, die Fälscher, nennen das die ZDF-Regel. Was die sogenannte DOKUMENTATION im Verlagshaus prüfen kann, sind Zahlen, Daten, Fakten; mehr tut sie eh nicht. Du kannst behaupten, Bielefeld gebe es nicht, aber die Postleitzahl muss stimmen. Der Wahrheitsbedarf liegt also bei nachprüfbaren Einzelheiten. In der PR nennen wir das: „mit den Fakten lügen, nicht gegen sie“.

Wo es an Fakten fehlt, hilft der REPORTAGE-TRICK. Stelle einen Reporter in strömendem Regen irgendwo hin und lasse ihn durch eine „Schalte“ ins Studio stellen und so live einen vom Pferd erzählen. So machen sie das im Fernsehen. Im Print geht das auch. Eine Reportage ist ein gefälschter Bericht, der durch eindrucksvolle Erlebniserzählungen angereichert wird. Damit macht man die Lüge authentisch. Denn das ist das wichtigste, der Anschein des Authentischen.

Aber die Faktenhuberei und die Vor-Ort-Tricks sind nur Taschenspielertricks im Verhältnis zur Königsdisziplin der Fiktionalität. Akademisch heißt sie RESSENTIMENT-REFERENZ. Die (erlogene) Geschichte muss vor allem einer höheren Wahrheit entsprechen. So wie in der Bibel das, was Luther „Gleichnisse“ genannt hat. Wir müssen glauben (!) können, was uns da erzählt wird, weil wir es glauben (!) wollen.

Solange eine Story meine VORURTEILE bestätigt, darf sie als wahr gelten. So funktioniert insbesondere die Kriegsberichterstattung, für die gerade inflationär Journalistenpreise vergehen werden. Solange die Bösen sich in dem Märchen wieder als böse erweisen, kann schon mal die dichterische Freiheit greifen. Denn wenn man nicht an die Fakten glauben kann, müssen halt die Fakten dranglauben.

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PERSÖNLICH.

Man durfte früher nicht persönlich werden in Diskussionen; das galt als unfein. Heute lese ich allenthalben Beleidigungen aus der untersten Schublade. Das langweilt mich.

Der kalifornische Autokrat mit den Batterie-Autos hat mich nie wirklich interessiert. Nicht mal als er unvorsichtige Fahrer mit dem falschen Versprechen des autonomen Fahrens in den Crash schickte. Jetzt lese ich, wie er als Verleger über die Größe der Hoden seiner Gegner spottet. Wollen wir so weit runter? Ich gähne.

Das gleiche Desinteresse habe ich bei der schwedischen Schülerin empfunden, die mit dem Aufruf zum Schwänzen zur Kindheiligen wurde. Die veralbert angeblich jetzt einen Autoliebhaber damit, dass er einen „small dick“ habe. Ich frage mich bei dieser Debatte um „size matters“ allenfalls, ob es dabei um den Penis oder den Phallus geht. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Dem Vergessen anheimstellen möchte ich auch den rechtspopulistischen Pfälzersohn, der in den USA Präsident werden konnte, und nun einsam in einem Golfclub verblödet. Er nennt in einer letzten rhetorischen Zuckung Joe Biden „mentally disabled“, geistig behindert. Eigentlich noch dümmer als die Injurien über kleine Eier und kurze Schwänze. Eine Behinderung ist ein Schicksal, sie kann niemals Beleidigung sein.

Genitale Größe also, das bleibt diesen seltsamen Heiligen als Argument. Das ist atavistisch, denn natürlich hat die Fähigkeit, kräftige Kinder zeugen zu können, den Wagen zu lenken und die Hütte zu heizen, etwas damit zu tun, wie gut wir die Art erhalten. Der Rückschritt auf das Elementare ist nicht trivial. Wer den Wagen nicht zu lenken wusste, galt nichts unter den Gladiatoren des Alten Rom.

Was das Fehlverhalten derer, die da PERSÖNLICH werden, zeigt ist, dass der aufrechte Gang unsere Vergangenheit als Tiere nicht getilgt hat, jedenfalls nicht unsere Triebe als Primitive. Das Animalische ist es, worauf hier zurückgefallen wird, nicht mal das Persönliche. Denn dicke Eier sind noch keine Persönlichkeit. Die beginnt bekanntlich erst bei dicken Titten.

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GESCHLECHTER.

Eine freiheitliche Gesellschaft sollte jede Lebensform gewähren, die die Rechte anderer nicht übermäßig einschränkt. Ich will, dass es alles gibt, was es gibt. Punkt.

Es tobt eine innenpolitische Debatte in Schottland darum, dass man sein Geschlecht amtlich ändern lassen kann, wenn man nachweist, darüber drei Wochen nachgedacht zu haben. Kinder sechs Monate. Mehr braucht es nicht als diese Frist. Frauen fürchten nun eine quasi-biologische Zuwanderung von Männern aus dritten Motiven. Ich kann diesen Einwänden einiges abgewinnen.

Frauen haben ein erhöhtes Schutzrecht, wo sie wegen ihres Geschlechts Fremdbestimmung in besonderem Maß ausgesetzt sein können. Das gilt insbesondere für sexuelle Übergriffe wie für ihre ureigenen Rechte als Mütter. Sie tragen mehr als Männer zum Leben bei, was ihnen eine Ritterlichkeit der Männer sichern sollte, jedenfalls erhöhten staatlichen Schutz und ureigene Privilegien. Weiter will ich hier in diese Debatte nicht rein.

Eine willkürliche Wahlfreiheit würde aber Privilegien, die Frauen zurecht haben, zum Spielball machen; der Missbrauch ist mit Händen zu greifen. Siehe Haftbedingungen von Frauen oder Schutzräume. Der umgekehrte Fall, dass Männer Röcke tragen wollen, ist von geringerem allgemeinen Gewicht, wenn auch, zugestanden, subjektiv vielleicht als dringend empfunden. Da habe ich nicht zu richten. Und Röcke tragen die Kerle in Schottland ohnehin schon.

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DAS RECHT AUF LÜGE.

Der schon sehr alte Kant, manche sprechen von dem senilen, stellte sich selbst die Frage, ob man aus Menschenliebe lügen dürfe, und erdachte dazu ein Fallbeispiel. Ein Mörder steht vor der Tür und fragt, ob man jemanden bestimmten, den er suche, verstecke. Soll man nun die Wahrheit sagen, wenn genau das der Fall ist?

Darüber debattieren der Dichter Daniel Kehlmann („Lichtspiel“) und der Philosoph Omri Boehm („Universalismus“), weil der von den beiden geschätzte Kant völlig rigoros geantwortet hat. Man dürfe nicht lügen. Auch nicht unter diesen Umständen. Viele seiner Schüler haben die rigorose Antwort seiner Altersdemenz zugerechnet. Kehlmann führt das Argument eng und fragt den New Yorker Juden Boehm, ob das auch gegolten hätte in der Braunen Zeit und wenn die Gestapo vor der Tür gestanden hätte. Ich will nicht verraten, wie die Debatte der gelehrten Klugscheißer ausgeht, da bei Propyläen als Buch verlegt.

Habe aber doch eine Anmerkung zum KATEGORISCHEN IMPERATIV vom ollen Immanuel. Das Ding lautet nämlich kurzgefasst: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“. Es geht hier nicht um Moral im Sinne eines praktischen Fehlverhaltens, also die Niederungen des Alltagslebens. Wie er überhaupt kein Moralapostel ist. Verfehlungen im Praktischen sind ohnehin dahingestellt. Es geht darum, welche Maxime im Alltag zum Tragen kommt und ob sie lediglich meine banale Niedertracht oder mein Tiersein bedienen kann. Oder ob ich als Mensch handeln will. So, dass das Gesetz meines Verhaltens für jedermann gelten könnte. Der Mensch in diesem Sinne ist immer Zweck, nie Mittel. Klar?

Es geht um eine Debatte über legitime Maximen vor einem aufgeklärten Publikum. Um die Vernunft der allgemeinen Gesetze.  Das ist das Gegenteil von Fanatismus. Und was ist jetzt mit den braunen Bullen im Hausflur? Wenn ich mich recht erinnere, hat niemand die Pflicht, sich selbst zu belasten, oder? Und den Nachbarn? Den doch? Empfehle dazu das neue Buch von Götz Aly („Wie konnte das geschehen?“)