Logbuch

EIGENLOB.

Eigenlob ohne Scham, das ist das Parfum der Erfolgsverwöhnten. Man schaue auf LinkedIn, eine Bühne von Eitlen bis hin zu den Prahlsüchtigen. Früher galt das als unfein. Früher.

Ein geschätzter Berufskollege meines Fachs hat sein Porträtfoto in den Social Media neuerdings unterschrieben mit dem Satz „Die Nummer 1 in der Krisenkommunikation“. Das stimmt möglicherweise, aber sagt man das über sich selbst? Nein, darum wählt er ja auch ein Zitat. Allerdings ohne Quelle. Ein halbes Eigenlob, weil nur zitiert?

Ich räume ein, dass ich dieser Eitelkeit auch mal erlegen war, ich habe früher auch Zitate über mich gesammelt. Und wohl auch verwendet, wenn auch mit Quelle. Es kann aber sein, dass ich da einem eher altmodischen Standard anhänge. Der Herr Kollege kommt von der Londoner Uni, an der auch Frau Baerbock promoviert wurde. Da gehen Zitate im Völkerrecht auch ohne Quellen. Manchmal sogar ohne Gänsefüßchen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Ich will gar nicht abträglich sein. Der Kollege ist sehr nett und wirklich erfahren. Und auch ich empfehle ihn gelegentlich. Also alles aller Ehren wert. Aber dann dieser geliehene Satz, dass man selbst, höchst persönlich, ganz oben auf dem Siegertreppchen stehe. Es gibt offensichtlich einen neuen Comment.

Begrifflich: Die AUTO-ESTIMATION ist ein werbliches Eigenlob, ein Instrument der Eigenwerbung. Das ist MARKETING. Gegenstand von Marketing sind Waschmittel und andere Waren.

Ein gänzlich anderes Fach ist PR; da wird man von Dritten gelobt, unerwartet und deshalb glaubwürdig. Man übt dazu UNDERSTATEMENT. Und Zitate, das ist akademisch immer eine Allianz von zwei sauberen Gänsefüßchen und einer belastbaren Quelle.

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VENEDIG.

Die Lagunenstadt ist eine Laune der Natur, die sich ein imperialistischer Stadtstadt zunutze gemacht hat. Man hat eine Stadt ins Wasser gebaut, während sonst das Wasser in die Städte gebaut wird. Typisch italienisch, weil bequem und doch genial.

Beobachtung im elsässischen Kaysersberg, einem alten Städtchen des Weinbaus, wovon das Elsass viele idyllische Exemplare erhalten hat. Schon auf der Fahrt nach Frankreich war mir aufgefallen, dass der Autobahnneubau sehr lange in der Anlage von gewaltigen Drainagen besteht. Es werden endlos Rohre verlegt. Straßenbau eine Frage der Wasserhaltung. Echt?

Die mittelalterliche Stadt ist ganz bestimmt ein Genie der Wasserhaltung. Nicht nur, dass der Fluss durch eine Brücke überspannt wird und dem Ochsenkarren kein Hindernis mehr, aufgeteilt in Bäche verrichtet das Wasser Dienste. Am Badehaus gestaut nährt es den Zufluss zur reißenden Wasserkraft für die Mühlen und Hämmer in den Handwerkerhäusern. Ein anderer Strom füllt die Waschplätze der Frauen; dem großen Restwasser sind Abfälle anvertraut, hoffentlich bevor das feuchte Nass als Lebensmittel entnommen wurde.

Ich frage mich, wie das die ritterliche Burg hoch oben am Berg geregelt hat, zumal sie Belagerungen standzuhalten hatte. Ich mühe mich aus dem Städtchen auf den Burgfries und entdecke im Innenhof das Gemäuer eines Ziehbrunnens. Woher wussten die Rittersleut von der Wasserader? Oder war es wie in Venedig, eine Laune der Natur, klug genutzt?

Dabei fällt mir eine Entdeckung im englischen Hochmoor namens Dartmoor ein. Ich spazierte dort einst auf einem uralten Steinkanal, der aus der unwirtlichen Umgebung bis ins entfernte Plymouth führte, wie mir unser Führer erklärte. Weil die Hafenstadt Süßwasser brauchte. Gebaut hatten die gewaltige Anlage die Römer. Schon der römische Städtebau war eine wasserwirtschaftliche Veranstaltung.

Ich sage nur: Aquädukte (zu Deutsch: Führer des Wassers). Technik, wenn Natur nicht reicht.

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PAUKER.

Das Lehrpersonal der höheren Lehranstalten bestand aus namenlosen Kräften. Und ab und zu ein Pauker. Einen davon erinnere ich gerade, obwohl gut ein halbes Jahrhundert her.

Herr Dr. Ernst König wohnte nicht am Ort der Schule, wie ich armer Fahrschüler auch; ich sah ihn also morgens in den Bus zusteigen und mittags gelegentlich an der Haltestelle. Aktentasche unterm Arm. Obwohl gar nicht mein Klassenlehrer, grüßte ich ihn. Er war eine Legende: der Begründer des örtlichen Schülerkabaretts. Ein politisches Kabarett, wenn Sie mich damals gefragt hätten.

Schon 1947 hatte er, der König, bei den AMNESTIERTEN mitgewirkt, die als MÜNCHNER LACH- UND SCHIESSGESELLSCHAFT nun wirklich berühmt wurden. 1965 gründete er dann in dem Örtchen Kettwig bei Essen an seinem Gymnasium das Schülerkabarett DIE KETTWICHTE. Keine Ahnung, ob es die Tradition noch gibt; jedenfalls haben die immer neuen Ensembles wohl vierzig Programme hingelegt in fünfzig Jahren.

König war ein Kauz. Er soll privat nicht immer umgänglich gewesen sein. Er gewann aber im Kollegium Mitstreiter, Hans Buring ist nachdrücklich zu erwähnen, und ließ mich, den Fahrschüler, für sein Ensemble Stücke schreiben. So, damit ist die Katze aus dem Sack. Ich habe Abi trotz miserabler Noten, weil ich halt Satire konnte. King of political satire! Hat, wenn auch knapp, gereicht für die Allgemeine Hochschulreife. Lob des Paukers.

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TOD DURCH BLITZSCHLAG.

Nichts ist elender als zu warmer Wein. Denn ein falsch gelagerter Tropfen verdirbt leicht die Freude am Abendmahl. Dabei ist es nicht schwer. Der Sekt vorweg hat 6 Grad Celsius zu haben, der Weißwein 8, eine Rose vielleicht 12 und der Rote 16, allerhöchstens 18 (ich trinke ihn aber auch lieber kalt, wie der Franzose den Pinot Noir). Diese seine Temperatur hat der Wein seit Monaten, weil so gelagert, und nicht erst durch Schockfrosten oder albere Wasser-Eis-Bäder in Sektkübeln. Klar? Grundsatz.

Nun zu Ede Schleiser und Georg Wilhelm Richmann. Ede war auf der Penne in Essen-Kettwig mein Physiklehrer; ein Original, wie man so sagt. Er hatte in einer Freistunde ein veritables Experiment aufgebaut mit allerlei Glasröhren und Thermometern, um uns Flegeln an den Verstand zu bringen, was eine Mischtemperatur ist; es endet in einem Wutanfall, weil die verdammten Thermometer nicht zeigten, was Ede wollte; wir hatten echt Spaß.

Das Richmannsche Gesetz besagt, dass die Mischtemperatur das gewichtete arithmetische Mittel der Ausgangstemperaturen ist, was kein Schwein versteht. Fünf Liter Leitungswasser mit sechs Eiswürfeln in einem Sektkübel werden aus einer pisswarmen Sürge in einer Glasflasche keinen spritzigen Wein machen, auch wenn die Pulle darin Stunden dümpelt. Klar? Neuerdings stülpen sie eine Manschette aus der Tiefkühltruhe über‘s dicke Glas der zu warmen Flasche; darf ich erwähnen, dass der Werkstoff ein hervorragender Isolator ist? Alles Krampf. Banausen und Barbaren.

Kein gut gekühlter Wein wird bei einem einstündigen Essen am Tisch warm, wenn er gescheit gelagert war. Auch nicht, wenn dekantiert. Der Erfinder des Mischgesetzes Richmann war im 18. Jahrhundert ein deutscher Physiker aus dem Baltischen, genauer gesagt ein in Halle und Jena studierter Este, der seine Experimentierfreude mit dem Leben bezahlte. Er hatte nach seinen kalorimetrischen Berechnungen die Spannung eines Blitzes mit einem Voltmeter messen wollen. Nun, sie war zu hoch. Richmann verglühte. Das drohe ich meinem Wirt, dem fabelhaften Fabrizio, an, falls der Wein noch mal zu warm. Es könnte ihn der Blitz treffen.