Logbuch
ENTEHRUNG.
Der tragische Niedergang eines Charismatikers lockt die Heckenschützen an die Gewehre. Shooting the dead. Solche Schadenfreude ist mir fremd.
Mich irritiert, wie Bundeskanzler a. D. Gerhard Schröder öffentlich entehrt wird. Ich finde das schofel. Es ist mir peinlich.
Ja, vielleicht wirkt er selbst daran mit. Trotzdem ist es nicht in Ordnung.
Zu seinen Geschäften im Ruhestand, da sage ich nichts; es gab da schon vorher Gestalten, die sich meiner Verachtung sicher sein konnten. Daran habe ich nie einen Zweifel gelassen.
Der Mann hat große Verdienste. Zudem schätze ich ihn als Person. Ich habe seine Solidarität zwei, drei Mal in Anspruch nehmen müssen und er hat sie, was er nicht musste, gewährt. Das vergisst man nicht.
Was immer man von seiner nachdienstlichen Beratertätigkeit hält, wenn ich jetzt sehe, wer alles ihn wie abzumeiern sucht, auch von jenen, die ich noch als Speichellecker erinnere, das ist mir unangenehm.
Und seine Partei dabei in vorderster Reihe. Das sagt mehr über sie als über ihn.
Punkt.
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DIE WÄRMEPUMPE.
Mein Freund sagt: Wir leben in einem Land, in dem wir frei entscheiden können, welches Geschlecht wir wählen, aber nicht, welche Heizung. Ihn irritiert, dass eine Bundesregierung eine spezifische Technik zur Raumheizung vorschreiben will. "Sie sagen mir nicht nur, was ich machen soll, sondern auch noch, wie."
Niemand kann gegen Sonne und Wind sein, der bei Verstand ist; eh klar. Gespräch mit einem wirklichen Fachmann. Ich rede mit einem Handwerker, der das in zweiter Generation macht (und dessen Kinder gerade übernehmen). Der sagt mir: "Wir haben mit den Wärmepumpen nur Ärger. Nach drei Jahren fangen die Dinger alle an rumzuzicken; Du fährst zweimal die Woche raus. Die Kunden maulen nur noch. Nach zehn Jahren sind sie kaputt."
Ein Ölbrenner, sagt mir der gleiche Mann, hält zwanzig Jahre. Und ein Holzkamin hundert. Na gut, wir haben dann mal einen Ofen in den Kamin gesetzt, weil der weniger staubt, aber dann hat man für weitere 25 Jahre Ruhe. Der Mann hat mit mir gerade ein Passivhaus gebaut, das zuvor zwei Jahrhunderte auf dem Buckel hatte. Und jetzt noch mal hundert vor sich. Man komme uns auf dem Dorf also nicht belehrend mit dem Thema Ökobilanz.
Die Menschen stört nicht so sehr, dass politisch entschieden wird, russisches Pipeline-Gas durch amerikanisches Fracking-Gas zu ersetzen und das Rohr durch den Tanker. Primat der Politik. Mich persönlich, Kind der Ruhr, stört schon gar nicht die aktuelle Kohle-Renaissance, auch wenn mir Steinkohle mehr am Herzen liegt als dieses schnittfeste Wasser namens Braunkohle. Und Fragen der Kernenergie entscheidet man nicht durch Fingerschnippen, einverstanden.
Primat der Politik, das heißt Entscheidungen möglichst vor Ort und immer verlässlich; im Amtsdeutsch: sachlich begründete Rahmenbedingungen, Subsidiarität und Rechtssicherheit. Es heißt nicht: mein Schwager ihm sein Trauzeuge von der So-und-so-Stiftung findet übrigens Wärmepumpen ganz ganz toll.
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DANKSAGUNG.
Höflichkeit besteht nicht in Subordination, sondern in der Achtsamkeit, wann eine Geste des Dankes angebracht sein könnte. Ich schätze kleine Gesten des ehrlich empfundenen Dankes. Selten, deshalb wertvoll.
Der Überschwang ist immer verdächtig. Es ist den Amerikanern eigen, dass sie "outspoken" sind und meist zu laut. Besondern fällt mir das in Hotels auf, in denen man sich ständig nach meinem Wohlbefinden erkundigt. Nicht nur, wie meine Anreise war, will die freundliche junge Dame an der Rezeption wissen; ihre Kollegin beim Frühstück erkundigt sich sogar, wie meine Nacht war. Also ehrlich, wen geht das was an?
So übertrieben gut gelaunt man in den USA daherkommt, so ausgeprägt ist die Übellaunigkeit in Italien. Sie gehört zu einem Standard der öffentlichen Ehrpusseligkeit. Der italienische Herr ist in der Lage aus jeder Frage, gleich welcher Beiläufigkeit, eine Frage der Ehre zu machen; und er ist bereit sie zu verteidigen selbst wenn sie nicht angegriffen wurde. Darauf steige ich nie ein, schon gar nicht im Geschäftsleben.
Beiläufig: Die Italiener bescheißen gern, die Amis glauben an das Controlling; deshalb hat es noch nie eine erfolgreiche Fusion eines italienischen mit einem amerikanischen Unternehmen gegeben. Oder mit einem deutschen. Die Weisheit habe ich von einem Österreicher, für den ich mal gearbeitet habe. Apropos Österreicher.
Ausgesuchte Höflichkeit ist in Wien jedem Kaffeehauskellner in die Wiege gelegt. Ich schätze das. Auch der Handkuss ist mir nicht fremd. Der natürlich, das sei hier allen teutonischen Barbaren gesagt, ein angedeuteter Kuss ist, kein Lippenkontakt, aber ein angedeuteter Diener. Das wiederum ist eine leichte Verbeugung. Eine leichte.
Sich bedanken zu können, ohne das Objekt der Bezeugung in Verlegenheit zu bringen, das ist die Königstugend. Die ehrliche Danksagung, eine deutsche Tugend.
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LESEZEICHEN.
Das gemeine Eselsohr zeigt, wo der eifrige Leser das Buch gestern zur Seite gelegt hat; vornehmer allerdings ein gewirktes rotes Bändchen vom Buchrücken bis zur bewussten Seite oder das Lesezeichen. Das mag ein eingelegter Zettel sein oder regelrechte Klebefähnchen, in Vollendung ein individuelles Register. So schmückt sich der Privatgelehrte. Daran erkennt man ihn, wo schlau ist.
An einem meiner Schreibtische hängt ein Porträt von Rudi Dutschke, dem Helden der Studentenproteste, die sich als Außerparlamentarische Opposition (APO) verstanden; im bewusst schäbigen Wintermantel klemmt ein Buch unter seinem Arm, das durch eine Unzahl von Lesezeichen verziert ist. Natürlich der Erste Band des KAPITALs von Karl Marx (MEW 24), was sonst. Viele Generationen von Philosophen haben sich daran abgearbeitet. Symbol der intensiven Lektüre („Lire Le Capital!“) ist das Geschwader der Lesezeichen; im Text selbst Anstreichungen und Notate. Zerlesen musste es sein, das Hauptwerk, wenn sein Besitzer Autorität erstrebte. Meines sah aus, wie intensivst genutzt.
Ich kannte das schon von den christlichen Pfadfindern, die eine so zugerichtete Bibel in ihrem Affen mitschleppten. Dann habe ich es wieder gesehen bei den aus Russland zugewanderten Baptisten, die in Wolfsburg auch ideologisch Fuß fassen wollten. Und nun verleitet mich die Lektüre eines Buches von Stephan Lamby, mir auf YouTube Filmchen über die unsäglichen Evangelikalen in den USA anzusehen: Bibeln mit Lesezeichen zuhauf. Mich erschreckt wieder, wie schon bei den Pfadfindern, die rigorose Laienexegese; das ist die dilettantische Lektüre dummer Leser mit irren Rückschlüssen; übrigens in der Annahme, der Herr werde es schon richten. Selig sind die geistig Armen. Und in diesem Punkt sei der Vergleich vom Marxschen Kapital zu Luthers Hausbibel erlaubt. Bezüglich der Leser und ihrer Zeichen. Es hilft ja eigentlich nicht wirklich, wenn man doof ist. Oder faul.
Ich lese parallel eine Geschichte der Frankfurter Schule eines naiv erzählenden Engländers („Hotel Abgrund“); auch dort die Mühen mit den alten Schinken als Tagesgeschäft. Mir war das früher zu viel Mühe mit den Eselsohren und dem Fähnchen. Ich hatte mir in einem Antiquariat für kleines Geld eine völlig zerlesene Ausgabe des Standardwerkes besorgt und nutzte diese zum Ausgehen. Die Kommilitoninnen waren beeindruckt. Auf Nachfrage behauptet, die Schwarte stamme aus der elterlichen Hausbibliothek. Nur Schufte sind bescheiden.