Logbuch

EINEN SCHNAPS DRAUF.

Mein geschätzter Großvater mütterlicherseits nutzte gelegentlich diese Redewendung und erstaunte so seinen Enkel, der seinen Erzählungen lauschte. Er formulierte als Lob, dass dieser oder jener einen Schnaps oben drauf habe, sprich nicht minderbemittelt sei. Eine Metapher der Wertschätzung.

Das fällt mir wieder ein, als ich GREGOR GYSI lausche. Eine fabelhafte ostdeutsche Versicherung hatte den politischen Mut, ihn zwecks Festvortrag einzuladen, und ich sehe an vielen Gesichtern im Publikum, dass die Menschen hier im Saal ihn mögen. Man verzeiht ihm auch populistische Untiefen und würdigt eine deutsch-deutsche Figur von Gewicht, jedenfalls mit Witz. Ich will gar nicht wissen, was er als Rechtsanwalt und Notar in der DDR so getrieben hat. Man freut sich, jemanden zu hören, der nicht ganz so doof ist. Einen Schnaps oben drauf.

GYSI erwähnt in einem Nebensatz, dass er eine besondere Beziehung zu LAMMERT gehabt habe. Er meinte den langjährigen Bundestagspräsident NORBERT LAMMERT, ein CDU-Politiker seines Alters, den ich schon als Kommilitonen an der Ruhr Universität Bochum kennengelernt habe. Der rechte Nobby trat damals an der Abteilung 8 (die Soziologenbrut) als RCDS-Mann auf (die Schwatten), wozu in dem Umfeld einiger sozialer Mut gehörte. Im Unterschied zu der amtierenden Weinkönigin war er aber nicht doof. Einen Schnaps, Sie wissen schon.

In die gleiche Kiste gehört übrigens WOLFGANG KUBICKI, etwas jünger als die Vorgenannten, Rechtsanwalt mit eigenartigen Mandaten wie GYSI und ein Parlamentshocker wie LAMMERT. Aber nicht doof. Jetzt haben wir einen gelernten Kommunisten, einen Schwarzen aus dem Pott und einen schneidend Liberalen (übrigens aus Braunschweig) genannt, alles ALTE WEISSE MÄNNER, alles keine moralischen Vorbilder, jedenfalls mit dem grünen Zeitgeist nicht so recht kompatibel.

Gehen wir nun zu den ganz Alkoholfreien über? Ach. GYSI erwähnt bei seinem Auftritt zurecht, dass man selbst bei der LINKEN einen riesigen Influx von jungen Leuten habe. Er sei bald der einzige Linke, der schon in der SED dabei war. Es kommen neue Generationen. Und Bubble Tea oder Smoothie Bowls. Keine Pointe.

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AUF DER NACHTSEITE.

Der zurecht vielgelobte Dokumentarfilmer Stephan Lamby berichtet gestern im politischen Berlin über sein neues Buch und begeistert mich erneut durch seinen ruhigen Blick auf das Ungeheuerliche. Man lese „Dennoch sprechen wir miteinander“. Es ist der Bericht über eine Reihe von Begegnungen auf der NACHTSEITE der Demokratie, nämlich im Sumpf des Rechtspopulismus. Der Teufel ist in der Welt. Gegenaufklärung.

Lamby reist in die Urgründe des Faschismus in Italien, wo Mussolini als Heiliger verehrt wird. Zu dem argentinischen Präsidialwunder mit der Kettensäge und in die amerikanische Provinz des MAGA-Wahns. Immer als Gespräche suchender Beobachter und immer mit dem Hintersinn, den Wahnsinn verstehen zu wollen. Seine innere Ruhe dabei ist bestechend. Er ist ein sehr guter Journalist, weil er wissen will, was wirklich ist, auch auf der NACHTSEITE. Und er nennt das Kind beim Namen: er sieht faschistische Bewegungen an der Macht. Er sieht im Postfaschistischen einen Präfaschismus; das ist ein Wort.

Thema wird die sogenannte Brandmauer, die er in Parlamenten gewahrt wissen will, aber nicht im Dialog mit den braun infizierten Bürgern. Das finde ich als Vorstellung halbherzig. Die Brandmauer ist eine Ausrede der Feigen, die es scheuen Licht in das Dunkel eines wiedererwachenden Faschismus zu bringen. Es ist Vermeidungsangst; das ist zu wenig. Lamby warnt ausdrücklich vor Live-Kontakt mit der AfD, weil dreist gelogen würde. Das befriedet mich nicht.

Beiläufige Freude: Wir reden am Rande über seinen Vater, dessen Pressechef ich mal bei der Bonner VIAG AG war, und erinnern beide den Namen von dessen Sekretärin, eine Dame namens Schniewind. Eine erstaunliche Frau im Vorzimmer. Auf der Tagseite. Es gibt sie, die Tagseite.

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MÄNNER IN MASSANZÜGEN.

Aus meiner Erziehung ist zurückgeblieben, dass man sich Frauen gegenüber ritterlich verhält; das mag furchtbar altmodisch klingen, aber so hatte man das zu halten, wenn man jenen Ansprüchen auch nur halbwegs genügen wollte, die im Englischen für einen Gentleman gelten. Das vorweg zu all den alerten Klassenkämpfern von oben, die sich gerade aufbrezeln.

Jetzt zu der Institution des Maßanzuges. Als ich in der Mineralölwirtschaft war, galt man als ARALER eher als Proll aus dem Pott, während in Hamburg am Überseering die Edlen residierten. Ich mochte sehr meinen PR-Kollegen Johannsen von der SHELL, interessierte mich aber mehr für den von ESSO. Der trug englische Maßanzüge, weil er in seiner Londoner Zeit bei EXXON solche Geräte aus der Saville Row bekam. Hatte er im Vertrag, jedes Jahr einen, Kosten etwa zwei Monatsgehälter. Natürlich ließ er sich das nicht auszahlen, sondern ging zum Schneider in der Jermyn Street. Sein Wirken in der PR war auch so, er gab den Herrn.

Man kann, wenn knapper bei Kasse, auch JOE‘S FASHION in Kowloon, Hong Kong, aufsuchen; dort wirken aus Indien stammende Schneider wahre Wunder. Insbesondere bei krummen Beinen oder unschicklichen Bäuchen. Bezahlbarer Spaß. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Mir hat als junger Mann imponiert, dass Berthold Beitz erzählte, er habe sich von seinem ersten selbstverdienten Geld einen anständigen Dreiteiligen gekauft. Und mir anschließend geraten hat, in Flanell zu gehen.

Der Dreiteilige als Nadelstreifen sieht leicht nach Mafia aus; ich sage das, obwohl ich in so einem Stück geheiratet habe (unter uns: bei C&A erworben, cheap and awfull). Man trug aber, wenn man auf Vorstandsetagen nicht auffallen wollte, als frischer Assistent den Einreiher in dunkelgrauem Flanell. Weißes Hemd, unauffällige Krawatte, Schuhe aus schwarzem Pferdeleder. Im Kapuzenpulli und Turnschuhen wärst Du nicht mal an der Sicherheit vorbeigekommen.

Jetzt tragen die Leitenden Angestellten aus der Personalabteilung viel zu enge Anzügelchen mit knapp geschlossenem Knopf (Schmetterling) und pöbeln auch bei Damen; peinlich. Da, wo ich groß geworden bin, behandelten sich Bergwerksdirektoren wie Knappen mit Respekt; wenn es hakte, half die Gewerkschaft schon mal nach. Ich erinnere mich noch gut an deren Vorsitzenden Adolf Schmidt. Mein geschätzter Arbeitsdirektor war Fritz Ziegler, in der SPD eine große Nummer. Sozialpartnerschaft hieß die Klassengesellschaft damals. Derivate der Montanmitbestimmung halt.

Jetzt aber zurück zu der Schneiderei. Ich habe einen Tipp. Man kaufe Anzüge ruhig von der Stange, bester Stoff, und zwar eine deutliche Nummer zu groß. Dann gehe man damit zu der freundlichen türkischen Änderungsschneiderin im eigenen Kiez und lasse sich das Ding kleiner machen. Körpergerecht versteht sich. Da ist er dann, der Maßanzug für vernünftiges Geld.

Ach so, und peinliche Kränkungen weiblicher Mandatsträger überlasse man den Schnöseln. Eh klar, oder?

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ZUR PRAXIS DER GALAXIS.

Ich habe keine Lust, am beliebten Bärbel-Bashing teilzunehmen. Gemeint ist die Bundesarbeitsministerin Bas aus Walsum, wo sie ein Direktmandat als SPD-Kandidatin verteidigt; sie ist zugleich Vorsitzende der Partei. Hohe Ämter schützen aber nicht vor den Niederungen des politischen Geschäfts. Frau Bas wird notorisch missverstanden, worauf sie die Patzer zum Prinzip erklärt. Das ist nicht klug, weil kommunikativ eine Sackgasse.

Jüngst höre ich von ihrer Sorge um jene Empfänger staatlicher Leistungen, die eigentlich Sanktionen gewärtigen müssten, weil sie nicht auf Aufforderungen des Amtes reagieren, aber eben, so Bas, psychisch nicht in der Lage seien, Briefe zu öffnen, da sie Angst vor Behörden hätten. Diese sozialpolitische Fürsorge trifft in der Öffentlichkeit auf das, was man „gesunden Menschenverstand“ nennt, im Englischen „common sense“: Die Leute fassen sich an den Kopf. Insbesondere die, die jeden Morgen ihren Arsch aus dem Bett kriegen und zur Arbeit gehen. Früher Klientel der SPD.

Mir gefällt der Begriff des „gesunden“ Menschenverstandes nicht, weil er eine Krankheit suggeriert, die der habe, der anderer Meinung sei. Das ist aber normal. Die Stimme des Volkes irrt oft und übrigens auch gern. Die Bas‘sche Kommunikation verunglückt ja nicht deswegen. Die Frau fühlt sich verkannt, weil sie verkannt wird. Das ist ärgerlich, aber das Wesen von Politik.

In der Politik bist Du für das Maß Deiner Verkennbarkeit verantwortlich. Alles und jedes steht in der Gefahr der Verhetzung; darum drücken sich kluge Köpfe so aus, dass diese Gefahr gering. Das Merz‘sche Stadtbild war ein solcher Patzer, aber er erhebt ihn dann nicht auch noch zum Prinzip.

Das ist das eine, das andere ist das Gesetz von Ausnahme und Regel. Wer sich in das Moor der Ausnahmen locken lässt, versinkt darin und Moorleichen halten lang. Wer die Regel erklären will, möge von seinen Grundsätzen reden und im Vagen den freien Auslauf finden. Nicht ins Moor, auf die Milchstraße! Don‘t get lost in detail! Man studiere, wie große Politik mit beiden Beinen fest im Himmel steht. Und darin auf die Begeisterung des Publikums stößt. Zur Praxis der Galaxis.