Logbuch

DIE FLUCHT IN DIE DETAILS.

Immer wenn ich MIKROMANAGEMENT erlebe, die paranoide Kleinteiligkeit von Managern, die strategisch versagen, während sie sich im Operativen suhlen, denke ich an die Erdbeeren auf der Caine. Humphrey Bogart!

Wer erinnert sonst noch die „Erdbeer-Untersuchung“ (strawberry investigation), mit einer absoluten Starrolle des wunderbaren Humphrey Bogart in „The Caine Mutiny“, die Meuterei auf der Caine, deutscher Verleihtitel blödsinnigerweise „Die Caine war ihr Schicksal“? Ein kommandierender Kapitän verliert fast sein Schiff, weil er den großen Aufgaben nicht gewachsen scheint: „getting lost in detail!“

In der Kombüse waren Erdbeeren abhanden gekommen. Der COMMANDING LIEUTENANT tobte. Überhaupt ersetzte er Führung durch Disziplin, floh er vor der Strategie in die Taktik. Auch unter Gefechtsbedingungen und angesichts eines Taifuns, also vor den Feinden, der Naturgewalt und dem Gegner. Der Film und noch mehr der zugrundeliegende Roman enden nicht dort, beim paranoiden Kriegshelden.

Aber ich sehe noch immer den nervlich zerrütteten Kapitän vor mir, der drei Eisenkugeln in der nervösen Hand rollt. Die Marine hält übrigens, wie die christliche Seefahrt überhaupt, nichts von MEUTEREI. Das ging ja auch schon auf der Bounty schief; anderes Schiff, anderes Jahrhundert. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Militär funktioniert im Koordinatenkreuz von Befehl & Gehorsam (vertikal) und Kameradschaft (horizontal), wenn es gut geht. Auch wenn es schief geht. Und das geht es meistens. Eigentlich immer. Können wir noch mal über die Erdbeeren reden?

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BLUMEN AM REVERS.

Wenn der Engländer ein Poppy trägt, gedenkt er der Gräber in Flandern, wo in blutgetränkter Erde der rote Klatschmohn wuchs. Erster Weltkrieg, leider nicht der letzte.

Gespräch mit einer Floristin in einer Gärtnerei auf dem Lande beim Kauf von dreißig roten Nelken. Die sagt: „Gab es lange nicht mehr, die ganz roten…“ Sie verweist darauf, dass sie der holländischen Großhändler ausgelistet hatte, da sie schlecht gingen.

Ich erzähle ihr, dass sie in Oxford geradezu obligatorisch waren, und zwar zur Abschlussprüfung, da sonst Unheil drohte. „Auch bei Männern?“ fragt sie. Als wenn Oxbridge Frauen zugelassen hätte.

Eigentlich aber sind sie ein politisches Symbol, die roten Nelken. Sie gehören der Arbeiterbewegung und dem Maifeiertag. Das ist das ausgehende 19. Jahrhundert. Im 20. kommen sie in Portugal zu Ruhm, als eine Zierde, die in die Gewehrläufe des Faschismus gesteckt wurden. Der wich dort spät.

Blumen sind unnütz, weil ein Gemüse, dass man nicht isst. Aber sie könnten eine heimliche Bedeutung haben. Bei der roten Rose ist das unzweifelhaft; sie gilt als Liebessymbol. Daran ist Goethe schuld mit seinem „Sah ein Knab ein Röslein stehn…“ Und als Schnittblumen sind sie immer schon Todgeweihte. Man schaut ihnen beim Sterben zu. Besonders die Farbe Weiß gilt hier als symbolträchtig.

Bin ich in Berlin, pflege ich eine Gewohnheit zu weißen Lilien, die meine vietnamesische Floristin für mich vorhält. Sie kauft die auch beim Holländer, der sie nach Schiphol einfliegt. Ein ökologischer Wahnsinn. Wie Kiwis, Mango und anderes. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Ein regelrechtes Kommunikationssystem mittels Blumen unterhielt schon zur frühen Neuzeit die osmanische Hochkultur. Eine englische Botschaftersgattin hat davon zu Beginn des 18. Jahrhunderts berichtet. Aber es handelt sich heute eher um einen schwachen Code; man ist nicht so genau festgelegt. Ich höre aber, dass ich mir blaue Blumen am Revers sparen soll, da sich so österreichische Faschos der Freiheitlichen erkennen.

Geht auch Edelweiß nicht mehr? Das wäre schade. Man könnte es in diesen bellizistischen Zeiten zu einem Symbol machen. Gruß eines Luhmann-Schülers an Habermas.

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DIE VERHÄLTNISSE.

Tief in meinem Herzen war ich immer Soziologe. Das Fach hatte aber einen so schlechten Ruf, dass ich so getan habe, als sei ich Ökonom. Dabei ist meine geheime Leidenschaft die „empirische Sozialforschung“.

Bei Karl Marx las ich einst den Satz: „Sie wissen es nicht, aber sie tun es.“ Das klingt banal, ist es aber nicht. Denn der Mensch lebt nicht nach der Moral, sondern allenfalls von ihr. Hinter den Verhältnissen steht Verhalten.

Gestern sah ich Professor Manfred Güllner auf dem Nachrichtensender, den Gründer von FORSA, ein wirklicher Experte und Charakterkopf. Dünn war er geworden, aber in alter Diktion. Er lächelte weg, dass die Trine von Moderatorin ihn Mathias nannte. Mit der für ihn typischen Kombination aus sanftem Ton und bösem Inhalt sprach er davon, was „die Menschen wirklich denken“.

Das ist der Grundimpuls von MEINUNGSFORSCHUNG, zwischen dem zu unterscheiden, was Medien als Öffentlichkeit inszenieren („veröffentlichte Meinung“) und dem, was die Menschen zu Handlungen veranlasst, wie Wählen gehen oder einkaufen. Auf Twitter spricht man selbstkritisch von BLASEN, in denen man mental gefangen ist. Die platzen manchmal, etwa bei Wahlen. Die Berliner SPD findet zum Beispiel gerade, dass der Wähler doof ist und falsch gewählt hat. Man lese Frau Staatssekretärin a. D. Sawsan Chebli, ein Paradigma.

Meinungen sind langlebige Biester. Aber manchmal wandeln sie sich; sie stoßen sich vorher hart im Raum. So etwa, wenn ich zweimal wählen muss, weil die Stadtregierung das nicht gleich hinkriegt. Oder die Permissivität so weit geht, dass Silvester und zum Maifeiertag der Mob Sanitäter angreift. Oder der Sperrmüll auch jenseits der so gesperrten Friedrichstraße das Stadtbild verunstaltet. Oder die grüne Umerziehung durch vorsätzlichen Entzug von Autobahnen und Straßen und Parkplätzen stattfinden soll.

Wer dem Volke auf‘s Maul schauen will, darf das nicht bei LinkedIn tun wollen. Oder in der NZZ (ein Schweizer Blatt). Überhaupt fragt man nicht, was die Menschen wohl meinen, sondern man schaut, was sie tun. Am Ende des Tages ist der Mensch kein kopfgesteuertes Wesen, sondern das Werk seiner Hände. Man erkunde Verhalten und Verhältnisse.

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VON DER KUNST DER BELEIDIGUNG.

Der amtierende US-Präsident verspottet in der Ahnengalerie des Weißen Hauses seine Vorgänger unter Verwendung übler Propaganda; das amüsiert seine Gefolgschaft und empört die, die vorgeführt. Einer meiner alten Freunde, dessen Herz leicht entflammbar, findet nun, das sei eine Schande für die USA. Wut & Zorn über Trump. Der pöble. Gemach.

Es wäre verfehlt, die ansonsten üblichen Porträts, alle mehr oder weniger schmeichelnder Natur, als Ausdruck der Wirklichkeit zu sehen; natürlich beschönigen sie vorsätzlich. Mehr noch, solche Herrscherbilder sollen den Menschen nicht nur persönlich vorteilhaft zeigen (Schokoladenseite), sondern auch seinen Nimbus ausdrücken, den Potentaten als Narrativ in die Geschichte einschreiben. Nichts ist typischer PR als ein geneigtes Herrscherporträt. Also hantierte man hier nicht bigott mit der Wahrheitsfrage. Dies ist lediglich ein Stilbruch, ein absichtsvoller.

Wenn ich das richtig weiß, dürfen sich die Amtsvorgänger üblicherweise den Künstler aussuchen, der sie malen oder fotografieren soll. Ich könnte nun eine Szene aus Lessings Drama EMILIA GALOTTI zitieren, in der der Fürst eine Dame porträtieren lässt und was zur Herzensbildung sagt; das wäre aber zu bildungsbürgerlich. Und würde deshalb dem Politikstil der Neuen Rechten nicht gerecht. Donald Trump hat seine Karriere als „outsider“ gemacht; er inszeniert sich als das sprichwörtliche Schwein auf dem Sofa, um Joe Six-Pack in seinem Caravan-Home zu begeistern. Er will nicht Elite sein, sondern arrivierter Proll. Da nennt man eine Journalistin schon mal „piggy“, Schweinchen, und droht Hillary, der Tusse von Bill, mit dem Knast.

Man kann nicht das Wirken der Demokraten im Weißen Haus, sagen wir unter Jacky Kennedy oder Michelle Obama, für authentisch halten und den Pfälzer Pimp im Unterschied dazu für inszeniert. Trump würde diesen schlechten Geschmack auch dann zeigen wollen, wenn er einen besseren hätte. Er hat keinen wesentlich besseren, zumal der ihm auch nur im Weg stünde. Pejoration ist das Prinzip. Got it, stupid? Die hohe Kunst des Pöbelns zur Unterhaltung des Pöbels.