Logbuch
PANFIKTIONALISMUS.
Die Welt ist eine Bühne; alles Theater. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Darf ich von vier oder fünf Episoden zum „theatrum mundi“ berichten?
Im Bochumer Schauspielhaus, einer der edelsten Bühnen meiner Studentenzeit, erstürmt Publikum eben diese Bühne, um den Schauspieler zusammenzuschlagen, weil man dessen Rollenprosa für seine persönliche Meinungsäußerung hält, die man nicht zu tolerieren bereit ist. Das Dichterwort führt zu völliger Fassungslosigkeit. Und der Kampf gegen Rechts holt den vermeintlichen Nazi von den Brettern, die die Welt bedeuten.
Bei der BBC wollte man zeigen, was der verhasste Donald Trump wirklich meint, obwohl er es, der Hund, nicht eigentlich sagt, und schneidet dieserhalben zwei Satzhälften, die drei Stunden auseinanderliegen zu einem Zitat zusammen. Verdeckt, versteht sich. Beim ZDF räumt die Haltungsmoderatorin ein, dass es zum üblen Wirken der US-Fremdenpolizei viele Fälschungen im Netz gebe und kündigt Authentisches an; es folgt dann, verdeckt versteht sich, eine KI-Simulation und eine Archivklamotte. Profane Fälschungen.
Als Präsident Obama einen hochrangigen Terroristen exekutieren ließ, gab es, sehr eindrucksvoll, ein sorgfältig durchkomponiertes Foto aus dem „situation room“; als die Entführung des Staatsoberhauptes einer Bananenrepublik unter jetzigem Regime gezeigt wurde, waren in dem Golfclub, der zur Zeit Regierungssitz, nur schwarze Laken aufgehängt, aber so nachlässig, dass die Drapierung klar zu erkennen. Die Kulissenschieber geben sich nicht mal mehr die Mühe zu einem anständigen Bühnenbild. Laienspielbühne reicht. Eh nur Possen.
Fiktives ist nicht mehr getrennt vom Faktischen. Es herrscht die Mesalliance beider, das Fiktionale, all überall. Die Welt des Politischen ist wieder mal auf Droge. Einsam, wer noch nüchtern.
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MIT BILDERN LÜGEN.
Was man mit eigenen Augen gesehen hat, im Wortsinn als Augenzeuge, das wird man ja wohl glauben müssen? Nein. Die Geschichte gefälschter Fotografie ist lang. Wir reden vom inneren Widerspruch des Dokumentarischen. Es lügt immer, weil es stets leugnen will, was es wirklich ist, ein gelenkter Blick. Das Dokumentarische ist keine Aussicht durch ein Fenster auf das wirkliche Leben; es immer das Schaufenster eines Ideologen, der eben dies leugnet. Nicht nur im ÖRR, aber auch dort.
Man erinnert noch, wie die alte Propaganda mit der Nagelschere unliebsame Parteigenossen aus den Fotos schnitt; so ließ Stalin den armen Trotzki verschwinden. Jüngst das ZDF mit der unglückseligen Dunja Halali; es wurden gefälschten Filmbeweise gegen die amerikanische Fremdenpolizei als authentisch präsentiert. Obwohl die KI-Kennung noch im Bild, die der Automat automatisch einfügt, wurde eine technisch erzeugte Fälschung als Bildbeweis gesendet. Danach windet das ZDF sich in Notlügen.
Ich halte nichts von diesem Sender, ich halte nichts von dieser Journalistin; mit beiden habe ich schlechte Erfahrungen gemacht. Ich wurde hinter die Fichte geführt, weil man es ideologisch für angebracht hielt. Dabei bediente man sich zweifelhafter Zeugen ausgerechnet aus dem rechtspopulistischen Milieu. Aber sei‘s drum. Jüngst also der gelenkte Blick mit regelrechten Fälschungen. Man halte nicht für eine Panne, was Routine.
Meine Position ist grundsätzlicher. Man kann jedweden dokumentarischen Inszenierungen auch dann nicht trauen, wenn das dazu benutzte Material nicht gefälscht, also nicht ganz anderen Ursprungs oder schlicht eine Simulation der KI. Wer in die Glotze schaut, blickt in ein Schaufenster, das für ihn dekoriert wurde. Gleichzeitig sagt man ihm, dass dies das Leben selbst sei, ein Fenster. Immer und überall. Mit Bildern lügen.
Jede „Schalte“ aus dem Nachrichtenstudio zu einem Korrespondierenden vor Ort ist eine dokumentarische Inszenierung, die einen Augenzeugen vorgaukelt, der Authentisches zu berichten weiß, wo nur ein Würstchen vorträgt, was er im Internet gelesen hat, während er im Hotel an der Bar saß und auf seine Schalte wartete. Gestern verplapperte sich eine Journalistin mit der Einflechtung, ihr werde gerade „auf‘s Ohr gesagt“, dass ihre Zeit um sei. So ist das, den Zeugen vor Ort wird aus Hinterzimmern was auf‘s Ohr gesagt. Dem Lanz auch. Der Miosga allemal.
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AM FETTEN DIENSTAG.
Mardi Gras, das ist heute, der Fette Dienstag. Ab morgen, dem Aschermittwoch, wird vierzig Tage lang gefastet. Erst Ostern geht es wieder rund mit Müßiggang und Völlerei. Bevor wir uns mit Luther beschäftigen, dem feisten und verheirateten Mönch, der alle Regeln zu brechen erlaubte, ein Blick auf die Rituale des Fastens. Die Passionszeit sollte uns vor allem klüger machen. Demut ist angesagt, vor allem für Dicke.
Die Geschichte der Askese ist, typisch für alle moralischen Regime, ein Bilderbogen der Umgehung ihrer eigenen Regeln, also des trickreichen Brechens der Enthaltsamkeit. Im Kloster gibt es Starkbier und fetten Fisch, nur das Fleisch von warmen Tieren ist untersagt. Teigtaschen verbergen die fleischliche Füllung und für Exzesse der Süßigkeit gibt es eine Extrarunde an Bußgebeten. Strittig, ob Kaffee dazugehört, aber den Alkohol, den trifft es fast immer. Bier ist daher den Scheinheiligen nur ein Nahrungsmittel.
Alle Religionen kennen das Fasten als Buße. Ich drehe daher das Argument empirisch: Es gehört offensichtlich zu den tiefsten Erfahrungen, dass gelegentliches Fasten gesund; unterschiedlich sind nur die Rituale. Und auch die abgezählten 40 Tage dienen eher der Sportlichkeit als einer historischen Wahrheit. Fasten ist also archaisch gesund. Wir sind biologisch Mangelwesen, die im ununterbrochenen Überfluss gesundheitlich verkommen. Adipositas ist die neue Volkskrankheit, erlernter Diabetes die kulturelle Folge, Disziplinmangel die Ursache.
Es geht nicht um Fett, es geht im Kern um den Heileffekt der Askese. Luther dereguliert daher alles: „Ich will jetzt davon schweigen, dass manche so fasten, dass sie sich dennoch vollsaufen; dass manche so reichlich mit Fischen und anderen Speisen fasten, dass sie mit Fleisch, Eiern und Butter dem Fasten viel näher kämen. Wenn nun jemand fände, dass auf Fische hin sich mehr Mutwillen regte in seinem Fleisch als auf Eier und Fleisch hin, so soll er Fleisch und nicht Eier essen. Andererseits, wenn er fände, dass ihm vom Fasten der Kopf wüst und toll oder der Leib und der Magen verderbt würde, so soll er das Fasten ganz gehen lassen und essen, schlafen, müßig gehen, so viel ihm zur Gesundheit nötig ist.“
Was also bleibt? Mir leuchtet der Ramadan ein, obwohl ich vom Islam nichts verstehe oder wissen will. Aber auch Philip, der Gatte von Elisabeth der Zweiten, hatte den Rat des Ramadan als eine weltlichere Regel: Man isst und trinkt nur ein Mal am Tag („high tea“); zwischendurch ist Tee erlaubt oder Kaffee, aber stets ohne Gin oder Rum, Milch oder Zucker. Die Prinz-Philip-Diät. Hier mein Beschluss zum Mardi Gras: Ab morgen Prinz Philip. Vielleicht schon ab heute. Ostern habe ich dann voll das Seelenheil, Alta.
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VON DER KUNST DER BELEIDIGUNG.
Der amtierende US-Präsident verspottet in der Ahnengalerie des Weißen Hauses seine Vorgänger unter Verwendung übler Propaganda; das amüsiert seine Gefolgschaft und empört die, die vorgeführt. Einer meiner alten Freunde, dessen Herz leicht entflammbar, findet nun, das sei eine Schande für die USA. Wut & Zorn über Trump. Der pöble. Gemach.
Es wäre verfehlt, die ansonsten üblichen Porträts, alle mehr oder weniger schmeichelnder Natur, als Ausdruck der Wirklichkeit zu sehen; natürlich beschönigen sie vorsätzlich. Mehr noch, solche Herrscherbilder sollen den Menschen nicht nur persönlich vorteilhaft zeigen (Schokoladenseite), sondern auch seinen Nimbus ausdrücken, den Potentaten als Narrativ in die Geschichte einschreiben. Nichts ist typischer PR als ein geneigtes Herrscherporträt. Also hantierte man hier nicht bigott mit der Wahrheitsfrage. Dies ist lediglich ein Stilbruch, ein absichtsvoller.
Wenn ich das richtig weiß, dürfen sich die Amtsvorgänger üblicherweise den Künstler aussuchen, der sie malen oder fotografieren soll. Ich könnte nun eine Szene aus Lessings Drama EMILIA GALOTTI zitieren, in der der Fürst eine Dame porträtieren lässt und was zur Herzensbildung sagt; das wäre aber zu bildungsbürgerlich. Und würde deshalb dem Politikstil der Neuen Rechten nicht gerecht. Donald Trump hat seine Karriere als „outsider“ gemacht; er inszeniert sich als das sprichwörtliche Schwein auf dem Sofa, um Joe Six-Pack in seinem Caravan-Home zu begeistern. Er will nicht Elite sein, sondern arrivierter Proll. Da nennt man eine Journalistin schon mal „piggy“, Schweinchen, und droht Hillary, der Tusse von Bill, mit dem Knast.
Man kann nicht das Wirken der Demokraten im Weißen Haus, sagen wir unter Jacky Kennedy oder Michelle Obama, für authentisch halten und den Pfälzer Pimp im Unterschied dazu für inszeniert. Trump würde diesen schlechten Geschmack auch dann zeigen wollen, wenn er einen besseren hätte. Er hat keinen wesentlich besseren, zumal der ihm auch nur im Weg stünde. Pejoration ist das Prinzip. Got it, stupid? Die hohe Kunst des Pöbelns zur Unterhaltung des Pöbels.