Logbuch

ZWEITE MEINUNG.

Früher holte man sich bei wichtigen Entscheidungen eine zweite Meinung ein, bei einem weiteren Experten. Das ist vorbei. Jetzt sind alle Entscheidungen alternativlos. Frage: das Ende der deliberativen Demokratie?

Zum Krieg in der Ukraine kann man nicht unterschiedlicher Meinung sein. Die Stimmungslage ist so, dass sie keine Stimmungen zulässt. Wer hier im freien Westen nicht dem vorherrschenden Urteil folgt, und zwar schnell und mit großer Entschiedenheit, wird dem Bösen zugerechnet. Die Polarisierung der Kriegsparteien spiegelt sich in einer Polarisierung der Meinungen. Ein abwägender Diskurs wird als Kollaboration mit dem Feind gedeutet. Der Ton wird sehr schnell pöbelnd.

Auf eine eigenartige Weise wiederholt sich das Diskussionsklima aus der Pandemie des Corona-Virus. Sprich aus der Anti-Pest-Politik. Eine widersprüchliche Abfolge staatlicher Maßnahmen, angeblich Diktate der Wissenschaft, wurde politisch durchgesetzt und deren Gegner dämonisiert. Wohlgemerkt hier schreibt jemand, der viermal geimpft ist und frei von jedem Querdenken. Aber eben auch bei Verstand: Wir hatten einen rüden staatlichen DEZISIONISMUS. Bis hin zum Hausarrest. Das ist etwas anderes als das, was Opa Habermas unter dem herrschaftsfreien Diskurs deliberativer Demokratie und deren Konsenspolitik versteht.

Man könnte noch auf die apokalyptische Klimapolitik eingehen, die ähnlich ultimativ argumentiert. Wer zu der „menschengemachten“ Erderwärmung Fragen stellt, bewegt sich auf den Status des „Klimaleugners“ zu ; ein fundamentales Verdikt. Ich frage mich, wann das begonnen hat und erinnere einen Begriff, den Angela Merkel zur Begründung staatlicher Maßnahmen gewählt hat: Ihre Entscheidung sei ALTERNATIVLOS. Das ist eigentlich keine Begründung, weil die Verweigerung eines Grundes und im Kern die Aufgabe von argumentierender Politik. Es ist die Ansage, dass eine zweite Meinung nicht nötig sei. Nein, eigentlich ist es die Ansage, dass eine abweichende Meinung gar nicht möglich sei. Die politische Macht setzt ihre eigene Legitimation aus. Willkommen im Prärogativen.

Keine zweite Meinung mehr? Wenn es auch gedanklich keine Alternativen mehr gäbe, es also schon falsch wäre, nach möglichen anderen Bewertungen zu fragen, dann wäre das das Ende des politischen Diskurses überhaupt. Solches höre ich von meiner Geschichte ungern. Das kann ja nicht sein. Wenn man aber eine Schlussfolgerung nicht teilt, gilt es im Vorhergehenden nach dem Fehler zu suchen. Auf geht‘s!

Logbuch

DAS INTERVIEW.

Zum Überflüssigsten gehören Interviews mit SPORTLERN. Wegen der unzureichenden Antworten. Neu ist, dass die Matadore jetzt abbrechen, weil ihnen SCHEISSFRAGEN gestellt werden. Das könnte Schule machen in der Politik.

In der Pädagogik gibt es den Leitsatz, dass es keine dummen Fragen gebe. Damit will man auch die Minderbegabten zu einer aktiven Unterrichtsteilnahme locken. Wie so vieles im Pädagogischen („Jezz stelle mir uns ma janz dumm und frajen…“) ist das natürlich Unsinn. Es gibt schreienddumme Fragen. Daraus dann noch eine ganze Stunde Unterricht zu zaubern, das nennt man pädagogisches Geschick.

Schlimmer in der Politik. Ein von mir nicht geschätzter SPD-Politiker pflegte zu erzählen, dass er ein Interview mit einer jungen Dame von Bloomberg unterbrochen habe, um das amerikanische Wesen zu fragen, ob sie überhaupt wisse, wer er sei. Die Journalistin verneinte ohne zu erröten. Das werde sie recherchieren, wenn sie das Gefühl habe, dass sie etwas mit den Antworten anfangen könne.

Nach meiner persönlichen Talkshow-Erfahrung werden Fragen ohnehin überschätzt. Als routinierter Gast nutzt man die Pause nach der Frage, um das zu sagen, was man los werden will. Sollte die Gastgeberin nachhaken, lächelt man wissend und sagt noch mal, was man ohnehin loswerden wollte. Um dann wieder wissend zu lächeln. Der Zuschauer folgt eh nur der Körpersprache. Also achte man auf die Beinhaltung. Fragen sind Schall und Rauch.

Und jetzt noch ein Geheimtipp: die Sprechpause. Was niemand erträgt in dem ganzen Medienzirkus ist Stille. Ich hatte mal einen Chef, der seine ungelenke Art zum Kult ausgebaut hatte und mitten im Satz mehrere Minuten Schweigen konnte. Er sagte nix und guckte nachdenklich. Die automatischen Bandgeräte schalteten schon ab. Er schwieg. Und redete nach einer gefühlten Ewigkeit weiter. Ohne dass ein Grund für die Pause erkennbar wurde. Das Charisma des Willy Brandt kam zu einem guten Teil aus dieser Technik der Verzögerung. Willy konnte aus jeder Belanglosigkeit eine staatstragende Predigt machen, indem er sich unmotiviert Zeit ließ. Wichtig dabei ist eine Stirn in Falten.

Wer war noch der legendäre Boxer, der in einem Interview, das ihm stank, einfach gar nichts sagte? Die ganze Zeit, auf jede Frage, Stille. So, und jetzt auch hier: Der Rest ist Schweigen.

Logbuch

BARBUSIG.

Nach allgemeiner Ansicht gehört der Mensch zu den SÄUGETIEREN. Der Begriff bezieht sich auf die initiale Ernährung des Neugeborenen durch die Milch der Mutterbrust; sie lässt ihren Säugling säugen. In den USA, wenn öffentlich, eine Straftat.

Ich frage mich, ob es schon eine SOZIOLOGIE des Säugens gibt. Darin wäre zum Beispiel das Ammenwesen abzuhandeln, bei dem sozial hochgestellte Mütter das „breastfeading“ anderen Frauen anvertrauen, die daraus eine Erwerbstätigkeit machen. Der Mythos des Vertauschens von Säuglingen entsteht in dieser Welt. Auch eine soziale Frage: die Brüste der strammen Bäuerin seien nahrhafter als die der anämischen Dame von Welt.

Auch das Gegenteil könnte gelten: die früher hohe Kindersterblichkeit könnte auf professionelle Vernachlässigung nach der Kommerzialisierung der frühkindlichen Ernährung deuten. Nach dem Physiologischen wäre über das Psychologische zu sprechen. Ob nicht gestillte Kinder eine wesentlich bessere Mutter-Kind-Beziehung haben gegenüber jenen, die mit der Flasche aufgezogen werden mussten. Überhaupt: Warum ersetzt der Begriff des Stillens irgendwann den des Säugens? Still machen? Weil die kleinen Monster alle Naselang brüllen? Lästigkeit als Evolutionsmerkmal. Tja, und dann der Schnuller…

Spätestens der Calvinismus verändert die Selbstwahrnehmung der Säugetiere; sie wollen die Sehnsucht nach der Mutterbrust nicht mehr wahrhaben. Vielleicht auch eine Folge des Patriarchalischen. Der Mensch als Jäger, sprich Fleischfresser, nicht mehr Milchbubi. Gleichzeitig entsteht kulturell ein FETISCH der großen Oberweite; vom bayrischen Dirndl bis zu Hollywood (man denke an die entsprechende Ikonographie der amerikanischen Pin Ups).

In den USA gilt heutzutage das öffentliche Stillen weitgehend als strafbewehrt, da auch die mütterliche Brust als Sexualorgan gilt, das dem strikten Verhüllungsgebot unterliegt. Nach anderen Kulturen frage ich erst gar nicht. In den Social Media (der USA) soll es einen Ikonoklasmus zu Brustwarzen geben; zu weiblichen, nicht aber zu männlichen. Man ist keusch. Aber jeder Halbwüchsige kann sich ein Sturmgewehr kaufen und damit den nächsten Kindergarten besuchen. Krank.

Ich rege eine SOZIOLOGIE des BARBUSIGEN an. Wer traut sich?

Logbuch

WAHN SEH KONFERENZ.

Man streitet bei Gericht mit den Journalisten der halbstaatlichen Plattform CORRECTIV darüber, ob deren Berichterstattung zu einer Geheimkonferenz der Neuen Rechten in Potsdam (Brandenburg) korrekt war, wobei sich die Gerichte lediglich dazu einlassen, ob bestimmte Bewertungen der Investigativen als Meinungsäußerungen zulässig waren. Diese Meinungen beziehen sich auf etwas, das den Inkriminierten zwar nicht als tatsächliche Äußerung nachgewiesen wird, aber als deren innere Auffassung unterstellt. Man kann zwar nicht beweisen, dass der rechte Hetzer es wirklich gesagt hat, weiß aber, dass er es eigentlich meint. Seltsame Wahngestalten in einer neuen Wahnseekonferenz? Warum nicht mehr?

Um das nicht unausgesprochen zu lassen: Was sich da an fremdenfeindlichen Gesinnungsträgern getroffen haben soll, ist mir aus anderen Quellen gesichert verwerfenswert; wenn ich das mal ebenso vorsichtig wie politisch klar sein darf. Das letzte, das allerletzte. Gerade deshalb hätte es klarer Beweise bedurft. Und deshalb ist dieses halbgare Geschwurbel statt harter Fakten so schwer erträglich.

Im Presserecht, so lerne ich, zählt zur Beantwortung der Frage, was mit einer Äußerung gesagt worden ist, weder die innere Absicht des Delinquenten noch die hoheitliche Auffassung des Gerichts, sondern der faktische Eindruck des kundigen Durchschnittsbürgers. Wie war die erwartbare Wirkung? Nebeltat der Eindruckserweckung. Das mag den Juristen unter uns befriedigen, den Publizisten stürzt es ins Grübeln.

Fachlich reden wir von einer Rezeptionshypothese. Von Insinuation. Das bedingt aber nicht nur eine Inhaltsanalyse, sondern auch eine empirische Spekulation: Wie versteht das ein Normalo mit Abitur? Seltsame Konstruktion. Ich kenne Kluge, die nie auf der Penne waren, und ausgesprochene Idioten mit Matura. Wie fasst man begrifflich so einen Otto Normalverbraucher? Und dann unter den Normalos die nicht ganz Doofen? Wie macht das die Richterin methodisch? Aus dem Bauch?

Gänzlich verloren ist man bei Tatbeständen der uneigentlichen Rede, sprich Ironie, die ja das Gegenteil des Gesagten meint. Hier liegt das ganze Kalkül in der Ambiguität. Erinnert mich an den Dichter Grabbe und sein „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“, eine Komödie, eigentlich eine Farce. Vielleicht erlöst man sich aus solchen Wahngebilden, indem man nicht nach seelischen Urgründen forscht, sondern nach bewirktem Verhalten. Wie hat das Publikum reagiert? Hat es die Meinungsäußerung missverstanden als Tatsachenbehauptung? War das gewollt? Gibt es dafür Indizien?

Den Hinweis auf den Wahnsee entnehme ich übrigens einer verunglückten Formulierung von CORRECTIV selbst, wo gelegentlich die Tinte lockerer sitzt, als es der Sache guttut. Recherche heißt gerichtsfest beweisen können. Lehrsatz.