Logbuch
VOLKSFRONT.
Die Kommunistin Sarah Wagenknecht bittet auch Faschisten in die Arme ihrer „Bewegung“. Der Hitlerjunge Björn Höcke lädt sie, die Gattin von Oskar Lafontaine, in die AfD ein. Hufeisen-Theorie nennt sich das, wenn die Extreme von rechts und links kopulieren.
Der Vorwurf des Sozial- oder Linksfaschismus ist ein Wechselbalg; man diskreditiert sich so gegenseitig. Die Kommunisten haben vor einem Jahrhundert so die Sozialdemokraten diffamiert, allen voran der unsägliche Josef Stalin. Sozis haben KPD-Anhänger “rotlackierte Faschisten“ genannt; man erinnert Kurt Schumacher. Das Weimarer Unheil der tiefgespaltenen Linken, deren Binnenzwist den Steigbügel für Adolf Hitler hielt. Und das Klima auch noch in der frischen Bundesrepublik bestimmte.
Der Studentenrebell der APO Rudi Dutschke hat sich darum mit den frühen Habermas gestritten und die „antirevisionistische“ Linke untereinander. Anlass waren Protestformen der Nötigung („sit-ins“), wie wir sie heute von den Klebern der Letzten Generation erleben. Die Frage der Gewalt wurde argumentativ geöffnet durch vermeintlichen Notstand und ein Naturrecht auf Notwehr, sprich Gewalt als legitimes Mittel der Politik.
Ich räume ein, dass ich TYRANNENMORD für erwägenswert halte, ein einzelnes Verbrechen zur Verhinderung weit größeren Unheils. Das ist eine gänzlich andere Größenordnung als die hysterische
Selbstbehauptung geltungssüchtiger Ideologen. Simulierte Notwehr rechtfertigt nicht Nötigung. Sie stößt eine Gewaltspirale an, die im Terror aller gegen alle endet. Kein Zweck heiligt die Mittel.
Die neue QUERFRONT aus rechtem Sumpf und linken Spinnern macht mich sprachlos. Nein, es ist nicht alles Unsinn, was von dort gegen die wechselseitige Kriegspropaganda eingewendet wird; einiges allerdings. In diese Debatte gehe ich nicht. Aber dieses neue VOLKSFRONT-Syndrom beklemmt mich. Noch immer gilt, dass man morgens in dem Bett wach wird, in das man sich abends gelegt hat.
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LOB DER LÜGE.
Man achte mir den Lügner. Er nimmt viel auf sich. Zunächst kennt er die Wahrheit, daher sein Wille, ihr aus dem Weg zu gehen oder sie sogar zu verhindern. Allein darin ist er dem Idioten ja schon überlegen.
Ich lese die Autobiografie eines zeitgenössischen Wahrheitswächters. Der hatte sich die Legitimation qua Leerstuhl (pun intended) gegeben und es in einem Berufsverband inquisitorisch ausgeübt. Jetzt rechtfertigt er eine einzelne Inquisition. Sein damaliger Gegner, so der Vorwurf, hätte das Lügen erlaubt.
Lob der Lüge. Die Wahrheit zu umgehen, erfordert neben wirklichem Wissen vom Wahren zudem Anstrengung. Man muss sich die Lüge ja eigens ausdenken, dazu darf man weder faul noch doof sein. Denn das Geschick des Lügners kämpft gegen die Wirklichkeit. Das ist kein kleiner Feind.
Oft ist es gerade die Ambition des Lügners, die ihn zu Fall bringt. Man würde als Fauler scheitern; aber auch der Übereifer tötet. Der gute Lügner lebt vom richtigen Maß, einem feinen Kalkül. Butte Wahrheiten weiß auch der Grobian.
Da Lügen nur zum Erfolg führt, wenn es geglaubt wird, muss der Lügner den zu Belügenden gut kennen. Es bedarf der Empathie. Wahrheiten kann man in die Welt brüllen; die Lüge achtet stets auf ihren Ton.
Die Wahrheit ist ein „Ding an sich“; etwas Tumbes, im Zweifel sogar ontologisch, also selbstverständlich. Die Lüge ist ein „Ding für sich“; philosophisch eine ganze Klasse drüber. Aber das versteht nur, wer Kant kann: Das sind die wenigsten. Auch ihm, dem Wächter, war das nicht gegeben.
Der Feind der Wahrheit ist nicht das Feuer der Lüge, sondern das Löschwasser der Wahrheitswächter. Wahrheit zu verwässern, das ist schändlich.
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MORBUS HELVETICUS.
Das Vaterland ist ein patriarchalischer Begriff, der wichtig tut. Historiker wissen aber, dass der Vater immer ungewiss ist; sicher ist nur die Mutter. Warum kann man Patriot sein, aber nicht Matriot?
Bei Rousseau las ich mal ein schräges Gerücht: Es sei in Frankreich untersagt gewesen, eine bestimmte schweizer Weise zu pfeifen, weil dann alle Söldner von dort schwermütig würden und zur Desertion neigten. Vom HEIMWEH gepackt, ergriff sie die „Schweizerkrankheit“, sprich die Flucht nach Hause, in die Heimat.
Nun war der Schweizer seit dem Mittelalter das Synonym für jedweden Söldner. Die bitterarmen Söhne des Landes waren, wenn auf Migration, aller Orten gefürchtete Legionäre. Heute erinnert daran nur noch die Privatarmee des Papstes, die legendäre Schweizer Garde. Die Schweizer kamen nicht hoch zu Ross, dazu fehlten die Mittel, sondern als „Reisläufer“, sprich Infanterie. Kanonenfutter.
Deren Fernweh war aus Hunger geboren, purer Not. Wen das Vaterland nicht zu ernähren wusste, so das Grundmotiv für Migration, den ergriff das Fernweh. Wahrscheinlich frei von Romantischem. Dazu korrespondiert dann in der Fremde HEIMWEH, die sprichwörtliche Schweizerkrankheit. Es scheint, dass der Heimatbegriff aus seinem eigenen Defizit geboren ist.
Gestern lauschte ich einem Migranten meiner Generation, der die Entscheidung seiner Jugend, die Heimat zu verlassen und in die Fremde auszuwandern, mit den klugen Worten beschreibt, er habe „die Mutter verlassen“ müssen. Das führt zu dem Gedanken, dass HEIMWEH der Verlust des Mutterlandes ist.
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WO DIE REISE HINGEHT.
Als ich noch Sprecher eines Autobauers war, habe ich gelegentlich die flapsige Bemerkung bemüht, dass ich kein „car guy“ sei, da ich keine Ahnung von Autos habe. Als mein damaliger Chef, ein Genie von Konstrukteur, das zufällig hörte, stimmte er zu. Mein Spruch war ironisch gemeint, seiner nicht.
Das gesagt habend, melde ich mich in der Debatte um Batterieautos zu Wort. Es geht mir dabei nicht um das Antriebsaggregat, den Motor, sondern die Steuerung der ganzen Schüssel. Wenn ich einsteige und dem Navi sage, wo ich hinwill, leitet es mich als Fahrer an; kein Wunderwerk der Technik mehr; jedenfalls meistens. Aus einer physikalischen Veranstaltung wird zunehmend eine kybernetische. Assistenzsysteme helfen dem Fahrer.
Deshalb ist es korrekt von dem Entwicklungsziel des AUTOMATISCHEN Fahrens zu reden, vielleicht sogar des vollautomatischen. Der amerikanische Hersteller spricht aber von AUTONOMEM Fahren; das heißt selbstständig und eigengesetzlich. Und das ist keine Großmäuligkeit, wie wir sie aus der Werbung kennen. Ich habe Erfahrung mit dem Jargon der kalifornischen Tech-Kultur; die sind ganz und gar ironiefrei. Auch wenn es irre klingt, die meinen, was sie sagen.
Was hier erstrebt wird und am Auto erprobt, das ist nicht mehr nur AI (artificial intelligence), also eine hilfsweise Nachbildung menschlicher Kombinationsgabe. Wir wissen, dass Fahrer:innen wunderbare Wesen, denen es nun mal nicht gegeben ist, rückwärts in eine enge Parklücke einzuparken. Dazu braucht die Künstliche Intelligenz nicht viel: Rupp zupp ist die Schüssel eingeparkt.
Ich bin in einem Alter, in dem man schon mal vergisst, wo man am Vorabend, obwohl stocknüchtern, die Karre abgestellt hat. Das kümmert den Tesla nicht. Ich rufe ihn per Handy und rupp zupp fährt er vor; leer und automatisch (nicht: autonom). Wo wollen die IT-Ingenieure des Wunderautos hin? Das ist meine Weihnachtsbotschaft. Das Entwicklungsziel ist AGI, kurz für Artificial General Intelligence; das menschliche Gehirn insgesamt soll nachgebaut werden. Nicht nur einzelne Funktionen sollen möglich sein, sondern menschliches Denkvermögen überhaupt.
Dafür wäre dann das Wort von der AUTONOMIE angebracht. Die Karre ist dann intelligenter als der Fahrer. Was heute bei Berliner Taxifahrern schon die Regel, gälte dann für alle batteriebetriebenen Schüsseln. Das Auto denkt selbst und eigengesetzlich, auch eigenverantwortlich. Die dazu nötige Rechenleistung ist so hoch, dass ich sie zentral verwalten muss, aber das ist ja heute schon so, dass der Teslalümmel bei jedem Scheiß automatisch im Kalifornischen nachfragt; das ist nämlich, wo dann die AUTONOMIE wohnt.
Bildungsbürgerliche Hausaufgabe: Man lese zum Weihnachtsfrühstück Goethe, Der Zauberlehrling. Vollzug ist zu melden.