Logbuch
DIE ORDNUNG DER DINGE.
Der grüne Zeitgeist ist ein metropoles Sehnen nach einer niedlichen Natur, die der Landbevölkerung fremd ist. Es entstammt Schrebergärten, wo der Spießer verzückt Erdbeeren pflückt. Der Datschenmief der Laubenpieper. Eine kleinbürgerliche Ambition.
Ich schaue meinem tüchtigen Gärtner beim Schneiden der Hecke zu. Ohne seine scharfe Schere, in Wahrheit ein schwedisches Monster mit Akku-Antrieb, hätten wir ein Gestrüpp, das irgendwann den Weg gefressen hat. Ich sehe, wie er mit der Kettensäge in Baumkronen steigt. Gut so. Er gestaltet aus Natur Kunstwerke der Architektur. Das ist ein Garten: Exempel des Gestaltungswillens.
Der Ziergarten ist, sagen wir es klar, schlicht Kunst, wenn er denn gelingt. In ständigen Kampf gegen die Willkür der Schöpfung. Der Gärtner korrigiert Gott. Der Nutzgarten ist eine vordergründige Peinlichkeit, die auf Nahrung schielt, den Kohlkopf oder die Beere; nichts von Rang. Damit sei nicht der Landwirt getadelt, der der elenden Natur eine Kulturlandschaft abringt; schon gar nicht der Förster, der dem dumpfen Wald ein Minimum an Disziplin beibringt. Wer aber die Blumenwiese nicht regelmäßig mäht, wird das wuchernde Gras erhalten, aber nicht die Blume.
Ich erinnere meinen Besuch in den Kew Gardens Londons und meine Erkenntnis, dass der englische Landschaftsgarten ein Ausdruck von Kolonialismus war. Man sammelte die spektakulärsten Pflanzen der Welt, um seinen Reichtum zu zeigen, seine imperiale Ambition. Es war die Demonstration einer Herrschaft über die Welt. Wohlgeordnete Denkmäler des Gentlemans, der die Wellen der Weltmeere beherrschte. So kam der Birnbaum zu uns. Davon zeugt der Ginkgo in meinem Garten.
Ich finde nirgends Idylle. Und werde heute ausführlich wässern müssen, weil selbst das die elende Natur nicht mehr selbst hinkriegt.
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MENSCHENWÜRDE.
Unser oberstes Gesetz, die Verfassung, das GRUNDGESETZ, beruht auf einer Annahme, die aus der Luft gegriffen ist. Auf einer unbestimmten IDEE. Ja, geht denn das? Mit beiden Beinen in den Wolken? Es muss gehen.
Die Grenzen einer IDEE erkennt man oft erst, wenn sie gründlich übertrieben wird. So geht es mir mit dem neuen NATURRECHT des grünen Zeitgeistes. Dabei wird die Natur als harmonische Idylle vermenschlicht und ihr analog zu uns Menschen regelrechte MENSCHENRECHTE zu gesprochen. So sollen der Regenwurm und die Butterblume auch ein Klagerecht haben. Sagen mir erwachsene Menschen. Absurd. Der Naturzustand ist zudem keine Idylle, sondern die reine Barbarei.
Der Reihe nach. Die Verfassung hat kein Reglungsrecht zwischen Menschen. Das Grundgesetz beschränkt die Rechte des Staates gegen Menschen. Wem ruft es zu, dass die Würde des Menschen unantastbar sei? Dem Staat. Pfoten weg! Das ist die Kernlogik: Was immer Du Staat willst, hier endet Dein Recht. Die Würde ist ein Wert, den die Menschen sich selbst zubilligen. In der kontrafaktischen Annahme der Selbstbestimmung.
Darum schließen sie zum Beispiel Kannibalismus aus und gewähren auch ehemaligen Menschen Respekt (Totenruhe). Diese Kernkategorie der DIGNITAS ist aber nicht mal ein „unbestimmter Rechtsbegriff“; sie ist eine bloße IDEE. Bemühungen, sie plausibel aus dem Christentum herzuleiten, scheitern. Denn auch die Vorstellung der „Gottesähnlichkeit“ enden im Wolkenkuckucksheim. Man könnte dann ohnehin nur den Gott des Neuen Testaments meinen; im Alten Testament geht es eher ruppig zu. Und der Schamane hat einen anderen Gott als der Calvinist.
Die Würde des Menschen ist eine Einladung zum Diskurs, nicht mehr. Wir sollen uns darauf verständigen, was uns selbst gut genug ist. Weil wir glauben, dass wir können, wenn wir wollen. Ein kontrafaktischer Diskurs. Daran nehmen alle Menschen teil, also auch der Andersgläubige oder der Nichtgläubige. Aber nicht der Regenwurm und die Butterblume. Nein, das tut mir jetzt leid, aber auch nicht der Regenwald oder der Walfisch.
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ORIGINAL & FÄLSCHUNG.
Warum geht es auf der „Documenta“ nicht um wirkliche Kunst, sondern Schmierereien aus Übersee? Ich sehe in den TV-Nachrichten irgendwelche Rücktritte. Zu spät. Als wenn wir selbst nichts hätte. Nun gut, nicht in Nordhessen, aber ansonsten.
Gestern Abend dann noch ein TV-Krimi mit anspruchsvollem Thema, dem der KUNSTFÄLSCHUNG. Leider als Provinz-Posse und nicht ernstzunehmen. Schmierentheater, insbesondere in der Zeichnung der kalabrischen Mafia. Offensichtlich nicht mit Petra Reski abgestimmt.
Das erinnert mich an einen Studentenulk. Mein Freund Klaus hatte damals den Auftrag, den Reiseführer eines englischen Automobilclubs zu modernisieren, der gut dreißig Jahre auf dem Buckel hatte und die seinerzeit noch aufregende Marotte feierte, mit dem eigene Auto die Alpen zu überqueren. Stichwort: Grande Tour. In das Land, wo die Zitronen blühen. Vera Icon.
Bei einem Kunsttrödel hatte er ein angestaubtes Ölgemälde namens „Die Beweinung Christi“ erworben, in die ein späterer Künstler minderer Begabung neben den notorischen Heulsusen auch noch die Heilige Verena hineingemalt hatte. Es ist unstrittig, dass, wenn überhaupt, Veronika in eine GolgotaSzene gehört, aber nicht in die Beweinung. Seinen Irrtum bedauernd, aber den Wein notorisch zusprechend, hängte er die Fälschung kurzerhand in eine düstere Kapelle am Marktplatz an einen vereinsamten Nagel. Vermutlich der Gardarobenhaken des Küsters. Das wäre gut gegangen, hätte der Schalk ihn nicht noch getrieben, in seinen AA-Reiseführer reinzuredigieren, dass es an diesem Ort ein Gemälde mit der Heiligen Vera gäbe, das einem Sohn von Johann Nepumuk della Croce zuzuschreiben sei.
Jahre später hat mir mein Freund Klaus gestanden, dass am Ort eine Volksfrömmigkeit entstanden sei und unter dem alten Schinken eine Unzahl kleiner Vasen mit Blümchen aufgestellt wurden, die niemals vertrockneten, weil die Heilige Vera in ihnen die Tränen der Beweinung auffange. Ältere Damen des Ortes erzählen, dass man auf dieses Wunder wegen des nicht abreißenden Touristenstroms aus England gestoßen sei; nicht viele seien es gewesen, aber eine unablässige Folge.
Mein Freund Klaus hat dann später die Heilige Veronika als Wunder des SUDARIUMS in den Wikipedia-Eintrag zu den Acta Pilati reinredigiert, womit die Zusammenhänge von Vera & Vasen wissenschaftlich beglaubigt, sprich ewig, sind. Wer käme sonst auf die Idee das Blumenwasser in einer unbedeutenden Provinzkapelle im Alto Adige der Beweinung Christi zuzuordnen? Da ich aber nicht ausschließe, dass das Bild irgendwann bei einer Versteigerung auftaucht, habe ich mich zur Diskretion entschlossen. Von mir dazu kein Wort.
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WO DIE REISE HINGEHT.
Als ich noch Sprecher eines Autobauers war, habe ich gelegentlich die flapsige Bemerkung bemüht, dass ich kein „car guy“ sei, da ich keine Ahnung von Autos habe. Als mein damaliger Chef, ein Genie von Konstrukteur, das zufällig hörte, stimmte er zu. Mein Spruch war ironisch gemeint, seiner nicht.
Das gesagt habend, melde ich mich in der Debatte um Batterieautos zu Wort. Es geht mir dabei nicht um das Antriebsaggregat, den Motor, sondern die Steuerung der ganzen Schüssel. Wenn ich einsteige und dem Navi sage, wo ich hinwill, leitet es mich als Fahrer an; kein Wunderwerk der Technik mehr; jedenfalls meistens. Aus einer physikalischen Veranstaltung wird zunehmend eine kybernetische. Assistenzsysteme helfen dem Fahrer.
Deshalb ist es korrekt von dem Entwicklungsziel des AUTOMATISCHEN Fahrens zu reden, vielleicht sogar des vollautomatischen. Der amerikanische Hersteller spricht aber von AUTONOMEM Fahren; das heißt selbstständig und eigengesetzlich. Und das ist keine Großmäuligkeit, wie wir sie aus der Werbung kennen. Ich habe Erfahrung mit dem Jargon der kalifornischen Tech-Kultur; die sind ganz und gar ironiefrei. Auch wenn es irre klingt, die meinen, was sie sagen.
Was hier erstrebt wird und am Auto erprobt, das ist nicht mehr nur AI (artificial intelligence), also eine hilfsweise Nachbildung menschlicher Kombinationsgabe. Wir wissen, dass Fahrer:innen wunderbare Wesen, denen es nun mal nicht gegeben ist, rückwärts in eine enge Parklücke einzuparken. Dazu braucht die Künstliche Intelligenz nicht viel: Rupp zupp ist die Schüssel eingeparkt.
Ich bin in einem Alter, in dem man schon mal vergisst, wo man am Vorabend, obwohl stocknüchtern, die Karre abgestellt hat. Das kümmert den Tesla nicht. Ich rufe ihn per Handy und rupp zupp fährt er vor; leer und automatisch (nicht: autonom). Wo wollen die IT-Ingenieure des Wunderautos hin? Das ist meine Weihnachtsbotschaft. Das Entwicklungsziel ist AGI, kurz für Artificial General Intelligence; das menschliche Gehirn insgesamt soll nachgebaut werden. Nicht nur einzelne Funktionen sollen möglich sein, sondern menschliches Denkvermögen überhaupt.
Dafür wäre dann das Wort von der AUTONOMIE angebracht. Die Karre ist dann intelligenter als der Fahrer. Was heute bei Berliner Taxifahrern schon die Regel, gälte dann für alle batteriebetriebenen Schüsseln. Das Auto denkt selbst und eigengesetzlich, auch eigenverantwortlich. Die dazu nötige Rechenleistung ist so hoch, dass ich sie zentral verwalten muss, aber das ist ja heute schon so, dass der Teslalümmel bei jedem Scheiß automatisch im Kalifornischen nachfragt; das ist nämlich, wo dann die AUTONOMIE wohnt.
Bildungsbürgerliche Hausaufgabe: Man lese zum Weihnachtsfrühstück Goethe, Der Zauberlehrling. Vollzug ist zu melden.