Logbuch

BODYSHAMING.

Über die Widrigkeiten der Natur seines Nächsten macht man keine Witze. Auch die Bevorzugungen seitens Mutter Natur gehören nicht benannt, jedenfalls nicht bei Frauen aus der Perspektive lüsterner Männeraugen. Aber darf man dem Volk seine Lust am Witzereißen gänzlich untersagen? Darf man sagen, dass der amtierende Kanzler eher nicht hochgewachsen ist? Manche meinen: NEIN.

Diskussion mit einem eher minderbegabten Kollegen darüber, ob man bei Figuren des öffentlichen Lebens (absolute Personen der Zeitgeschichte; so nennt sich das im Äußerungsrecht wohl) etwas zu deren körperlicher Erscheinung sagen darf. Oder, ob das „bodyshaming“ ist, also unterlassen werden sollte. Im konkreten Fall: wenn im Bundeskanzleramt (BK) ein Arzt als Leiter des BK und oberster Corona-Koordinator in Person eine massive Übergewichtigkeit zur Schau trägt, darf man dazu etwas sagen? Ewa in dem Sinne, dass jemand, der seinen eigenen Körper nicht im Griff hat, nicht über die Körper der ganzen Nation entscheiden kann, ohne sich Fragen zu seiner Adipositas anzuhören. War also das Attribut in dem Diktum „der dicke Braun“ eine Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte oder musste er sich das sagen lassen? Gute Frage.

August, der Starke und Karl, der Große waren namenstechnisch glücklicher dran als Karl, der Kahle und Pippin, der Kleine; eh klar. Ob man den ordensgeschmückten Hermann Göring fett nennen durfte („Links Lametta, rechts Lametta, und der Bauch wird immer fetter“) ist eine historische Frage. Auch Iwan, der Schreckliche hätte sich einen netteren Namen gewünscht, vermute ich. Aktuell: Karl Lauterbach verfolgt einen Inszenierungscode, der dem Narrativ „Heilung durch Askese“ folgt; er erzählt bereitwillig, dass er sich salzfrei und von Tofu (ein Erbsenquark) ernährt. Darf ich jetzt, wie beim Karl, dem Großen, von Karl, dem Dünnen reden? Und warum hat man ihm die regelmäßige Entfettung des Haupthaares untersagt? Eine weitere Frage. Der duscht doch absichtlich nicht, oder?

Wenn Menschen äußerliche Merkmale haben, die sie sich nicht durch ihr Verhalten willentlich erworben haben, sondern zu denen die Natur oder widrige Umstände sie gezwungen haben, so hat das nicht Gegenstand von Spott zu sein. GLOSSIERUNGSVERBOT. Eh klar. Eine Frage des Respektes. Insbesondere Kinder sind vor solchem Hohn zu schützen. Persönlichkeitsrecht schränkt Meinungsfreiheit ein, zu Recht. Aber Staatsorgane? Historische Figuren? Die da oben? Boris Johnson, der eine Nation mit striktem Hausarrest belegt, um selbst die Puppen im Büro tanzen zu lassen? I beg your pardon.

 

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HINTER MILCHGLAS.

Die Ampel-Regierung ist zu loben. Olaf Scholz macht das gut. Man kümmert sich um SINN und ZWECK von Politik. Nicht Indiskretionen und zerstörerische Transparenz, sprich KABALE und INTRIGE, sind angesagt, sondern Gelegenheit zur EINSICHT.

Der MEDIENPROZESS kann sehr zerstörerisch sein, wenn er mit einer zappelnden Politik zusammenwirkt, in der die politische Klasse sich durch Verrat und Missgunst zerfleddert, während die Menschen die Geduld verlieren. Die Ampel unter Scholz bemüht sich mit klarer Einsicht und großer Disziplin um Ruhe und Sachlichkeit. Vorbildlich! Zwei Indizien.

Der Kanzler und seine Koalitionäre fangen die HYSTERISCHEN in ihren eigenen Reihen ein. Man sieht das an der stillen Disziplinierung des KARL LAUTERBACH, dessen erratischer Populismus sediert wird. Statt im Scheinwerferlicht zu zappeln, fühlt er sich angehalten, seine Hausaufgaben zu machen. Der Talkshow-Opportunist ist in der Regierung angekommen.

Zweites Indiz: Die HECKENSCHÜTZEN maulen. Insbesondere jene ehemaligen Journalisten, die frei von Quellen schnelle Beute machen wollen, weil sie auf Twitter etwas aufgeschnappt haben, liegen trocken. „Wo ist Olaf?“ maulen sie. Diese Bundesregierung entscheide hinter Milchglas. Wohl wahr. Das hat der jetzige Kanzler als Minister unter dem ehemaligen namens Schröder gelernt: Man kann alles zerreden lassen. Das VERHETZUNGSPOTENTIAL senken.

Jetzt will die Anti-Seuchenpolitik stärker auf ihre VERSTEHBARKEIT achten, den Leuten Zeit geben. Sich um SINN bemühen. ZWECKE erläutern, WERTE nennen. Gut so. Ich weiß nicht, ob das reicht. Aber das Gehabbel von Frau Merkel Ohne Land und dem dicken Narkosearzt im Kanzleramt haben es nicht mehr gebracht. Die Wahrheit ist: Die Querdenker sind auch das Produkt der Merkelschen Alternativlosigkeit. Dass hier neue Zeiten angebrochen sein könnten, das zeigt auch der eingebremste Herr Wüst aus NRW; er, der Amateur im Kostüm eines Ministerpräsidenten, läuft in der Spur. Ihm wurde hinter dem Milchglas gezeigt, wo Gott wohnt.

Wenn die Ampel das jetzt auch noch in der Ostpolitik schafft, dann wäre ich zwar nicht vom Saulus zum Paulus geworden. Müsste aber reumütig ein Fehlurteil einräumen. Das würde mich bei mir echt überraschen. Aber man lernt ja nicht aus.

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WAHR ODER FREI?

Die Werte brauchen eine Reigenfolge. Erst die Primärtugenden, dann die sekundären. Selbst unter den primären gibt es vorrangige und nachrangige. Freiheit ist das höchste Gut.

Der alte HEGEL, so alt war er gar nicht, hat etwas unerbittlich konsequentes. Man quält sich mit ihm weit über die Schmerzgrenze, dann, plötzlich, ein Satz und alles hat sich gelohnt. So heute. Er zitiert die berühmte Stelle aus dem Johannes-Evangelium: „Die Wahrheit wird Euch frei machen.“ Und er legt Widerspruch ein.

HEGEL schreibt: „Die Freiheit wird Euch wahr machen.“ Padautz.

Ein Vergnügen, wie frech er ist. Insbesondere wenn man weiß, wie Johannes beziehungsweise Jesus das meinen; es folgt dort der Hinweis des Messias, dass er selbst die Wahrheit sei.

Die Freiheit ist die Unterwerfung, sprich die Anstellung des Verstandes zum Sklaven des Glaubens.

Der gereifte HEGEL war nicht religiös; schon gar nicht unter Abschaltung des Verstandes zur Umgehung der Vernunft. Die Freiheit wird Euch wahr machen. Das gefällt mir.

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WETTKAMPF.

Zweiter Weihnachtstag, Zeit die süßlichen Gefühle der Harmonie wieder beiseite zu schieben und das Leben so zu sehen, wie es ist. Das Leben ist kein Krippenspiel. Ich meine, wie gehen jetzt zügig auf Silvester zu; die guten Vorsätze für das Neue Jahr sind zu formulieren. Wenn das was geben soll, darf man nicht auf IDYLLE setzen, auf HARMONIE und EWIGEN FRIEDEN. Der Engländer nennt solche trügerischen Schwärmereien „pie in the sky“. Man schließe die Weihnachtsbäckerei. Jetzt ist bald wieder das harte Brot des Lebens zu beißen. Wehe, wer dann zahnlos.

Zeit für Philosophisches. Dies ist eine Einladung, grundsätzlich zu werden. Was ist die Grundform wünschenswerten Lebens? Die Alten Griechen haben dafür zwei Begriffe, die wir wiederbeleben wollen. Sie lauten THYMOS & AGON. Beginnen wir mit dem ersten, der Zorn bedeutet und das Gegenteil ist von Eros, der lieblichen Liebelei. Der griechische Held ist nicht sentimental und blöd vor Glück; er ist thymotisch, sprich zunächst einmal zornig. Dieser Zorn auf Ungerechtigkeiten lässt den Knaben zum Mann, das Dirndel zur Frau werden und beide Abenteuer bestehen. So gestaltet Odysseus seine Odyssee. So schreit die Gebärende und bringt das große Glück in die Welt. Das ist das eine, unser Wille zur Selbstbehauptung. Arbeit ist nichts anderes als der Zorn über die Unzulänglichkeit der Natur.

Das andere ist der WETTKAMPF, das faire Kräftemessen. Der Grieche Homer spricht von AGON, dem friedlichen Miteinander in Rivalität und Konkurrenz. Homer lobt das Agonische. So erhalten sich die Herden freier Tiere, in denen die Hirsche balzen, so finden Olympiaden statt und Sängerfeste. Man muss das Agonische von einer einzelnen Fehldeutung der Moderne befreien; nämlich der Vorstellung eines Todeskampfes namens Agonie. Eigentlich und wesentlich ist das Agonische unsere Freude an der Auseinandersetzung, natürlich mit dem ungebrochenen Sportsgeist, dass der bessere gewinnen möge. Im Wettkampf gestalten wir Fortschritt. Man sollte stärker, schöner, schlauer sein wollen.

Ich gebe zu, dass hier ein wenig das Geschichtsverständnis des Bärtigen aus Trier mitschwingt, nach dem jede Geschichte die Geschichte von Klassenkämpfen ist. Das ist etwas grobschlächtig gedacht. Aber es zerreißt die Fehlannahme von einer Historie harmonischer Hegemonie irgendwelcher Zeitgeister der trügerischen Idylle. Der Hegemon ist immer nur der vorübergehende Sieger eines Wettkampfes. Im mangelnden Zorn und dem fehlenden Wettbewerb liegt deshalb kein Segen. Seien wir sportlich, bereit zum Wettkampf und der Siegerehrung. Bis zur nächsten Balz. Neues Spiel, neues Glück. Gelobt sei das Agonische.