Logbuch
ENTZAUBERT.
Der Medienriese Karl Lauterbach ist verzwergt. Ein Schatten seiner selbst. Das Amt hat ihn so schrumpfen lassen. Übrig ist ein rechthaberisch verquerer Zwangsneurotiker in politischer Selbstauflösung.
Das Charisma des Talkshow-Helden ist zerplatzt wie eine Seifenblase. Der Mann ist entmythologisiert. Wenn das SYMBOL leer ist, bleibt nur noch die CHIFFRE. Schon immer hat er seine Expertise nur simulieren können; er ist akademisch gar kein Professor für Epidemiologische Fragen. Lauterbach hat sich in Fach Gesundheitswirtschaft habilitieren lassen, in einem amerikanischen Schnellverfahren. Dünn, sehr dünn. Das mit der Fachlichkeit war allenfalls seine geschiedene Frau, die ihn, so sagt sie heute, verachtet.
Der salzfrei von Tofu ernährte Zwangscharakter hatte sich längst durch seine zwanghafte Besserwisserei zur politischen Unperson gemacht, dann aber durch Dauerbesetzung in den Medien das Charisma des asketischen Wunderheilers erworben. Er hat sich per Medienplebiszit ins Kabinett katapultiert. HEILUNG DURCH ASKESE, das war sein Gospel. Unter der Last von Realpolitik bleibt davon jetzt nicht viel. Entzaubert.
Seine Gesetze widersprechen seiner Rede. Man reibt sich die Augen. Ein leerer Anzug. Das ist bedauerlich. Insbesondere weil der Prozess der ENTMYTHOLOGISIERUNG eines Tages auch die aktuellen Heiligen im Kabinett ereilen könnte. Bin gespannt, was dann von Habrecht & Baerbock bleibt. Scholz ist davor gewahrt; er will gar nicht mehr sein als eine CHIFFRE. Auf eine Art ist das politisch klug.
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DIE STIMME DES VOLKES.
Der Wähler wählt falsch. Sein Votum fällt zunehmend nicht mehr mit dem zusammen, was die hiesigen Medien vom ihm erwarten. Wir müssen grundsätzlich über die DELIBERATIVE DEMOKRATIE nachdenken.
In Ungarn gewinnt ein Rechtspopulist namens Victor Urban. In Frankreich droht der Sieg der Faschistentochter Marie Le Pain. Wenn jetzt noch Donald Trunk amerikanischer Präsident wäre und sich mit dem Brexit-Opportunisten Boris Bronson zusammentäte, dann wäre die polnische Piss-Partei dort, wo die AfD den Westen haben möchte. Ein Kontinent wird uns fremd. Politische Entfremdung.
All das geschieht gegen den linksliberalen Tenor unserer Medien, aber offensichtlich im Willen und auf Wirkung jener publizistischen Kräfte, die hinter dem stehen, was man einen REAKTIONÄREN WESTEN nennen könnte. Der zieht auf und er hält offensichtlich nicht viel von der Diskursethik des Jürgen Habermas. Das geht gar nicht, oder? Die DELIBERATIVE DEMOKRATIE wankt. Eine Blase platzt.
Es ist Zeit, neu über PROPAGANDA zu reden. Und über die neuen Wege der Propaganda in den Social Media. Wer kommt denn da an die Macht, wenn Elon Musk zur Sicherung der Pressefreiheit sich Anteile an Twitter kaufen muss? Das Internet ist Petrischale wie Olymp einer tief verborgenen Wirkmacht, die man als Universum der Propaganda bezeichnen muss. Oder vieler dieser Mächte. Die Hoffnung, dass hier, wo jeder mitreden kann, eine intrinsische Vernunft des Souveräns Platz greift, hat sich offensichtlich nicht erfüllt. Ist KANT gar nicht bei LINKED IN? Ja, wie kommt das denn?
Ich rege an, noch mal PARADIGMATISCH über den 6. Januar und die Erstürmung des Capitols nachzudenken, nämlich den Versuch eines agitierten Mobs die Amtseinführung eines gewählten Präsidenten durch einen Putsch zu verhindern, da ihm das Wahlergebnis als gefälscht galt. Welche publizistischen Kräfte bewirkten diese Stimmung wie?
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ORIGINAL ODER FÄLSCHUNG.
Kennerschaft soll in den Genen liegen können, behauptet ein Kunsthändler mit langer Familiengeschichte. Er hat den Rembrandt-Blick, heißt es. Ich traue dem nicht.
Wer sich beruflich viel mit FAKE-Unterfangen beschäftigt, der kennt ein besonderes Störgefühl, das nicht dadurch ausgelöst würde, dass es Ungereimtheiten gibt. Fälschungen haben selten Ungereimtheiten. Das ist ein Hobby von Originalen. Meist wird der Experte skeptisch, wenn die Dinge zu gut passen. Das ist der besondere Moment der Fälschung, wenn sie sich so gut fügt, dass der Verdacht entsteht, dass sie passend gemacht wurde.
Die BBC bringt ein langes Interview mit dem Kunsthändler Jan Six XI ( meint: Six, der Elfte). Er soll zwei bisher unerkannte Originale von Rembrandt, dem holländischen Maler des 17. Jahrhunderts, entdeckt haben, für die er dann einen Investor gefunden hat, der die entsprechenden Millionenbeträge investierte. Jan Six I (meint: Six, der Erste) war schon von Rembrandt selbst gemalt worden; die Familie betreibt ein privates Museum in Amsterdam.
Umgekehrt wird möglicherweise ein Schuh draus. Wer eine Fälschung in den Markt bringen möchte, wen wählt der als Entdecker? Genau. Der umgekehrte Fall ist schon statistisch ein so unwahrscheinlicher Zufall, dass er in sich unplausibel ist. Der aktuelle Jan behauptet zudem, Zeitgenossen sähen ihm die Ähnlichkeit mit dem von Rembrandt porträtierten Urahn an; das ist 10 Generationen zurück. Höchst unwahrscheinlich.
Jetzt das Indiz: Der Holländer spricht lautreines Englisch. Er sagt bei „very“ so etwas wie „werrie“ und nicht „ferry“. Das macht mich skeptisch. Alle Holländer sagen „ferry“, wenn sie „very“ meinen. Ich schließe nicht aus, dass Jan Six XI eine Fälschung ist. Der Kunstmarkt wäre um einen weiteren Skandal reicher. Ich sage nur: Han van Meegeren.
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VERLEGER MACHT.
Die Pressefreiheit hat einen Feind, den Verleger. Lehrsatz. Ist von mir und trotzdem richtig.
Ich kannte noch Axel Cäsar Springer persönlich, habe mit Rudolf Augstein geredet und Henri Nannen erlebt, ich traf den alten Maxwell, von dessen Tochter heute oft gesprochen wird, schätze Bodo Hombach, all diese als Verleger wahrgenommen. Ein Herausgeber oder gar ein Verleger ist der BESITZER eines Mediums, eine okkultere Macht als die der griffelspitzenden REDAKTEURE. Traditionell hielt sich der Verleger eine Redaktion, die nichts von ihm hielt, aber gehorchte, wenn auch widerwillig. Weiterer Kernsatz.
Unter den Wahlkampfmanagern der damaligen Ära genossen Kultstatus die PR-Leute von Bill Clinton in den USA und Tony Blair in England; sie nannten sich „spin doctor“ und „prince of darkness“. Ich besuchte sie alle und schaute mir ab, wie sie auch nur mit Wasser kochten. Heute gilt ihr Ruhm als vollständig beendet. Aber ich erinnere einen Satz, eine Anweisung, die damals als besonders rigoros galt. TALK TO THE PROPRIETOR. Rede nicht, Du Idiot, mit Redakteuren, irgendwelchen Griffelspitzern. Rede gleich mit den Besitzern. Man sollte die elende Redaktion verachten und beim Verleger selbst böse drohen oder bei ihm auf brav speichellecken. Meist das zweite.
Verlegermacht. Die war groß, als noch Papier bedruckt wurde; die ist um ein Vielfaches größer, seit es das Internet und die dahinterstehende Industrie gibt. Elon Musk, der Besitzer der Plattform X, hat gerade 230 Millionen Leser, die sich hier „follower“, also Gefolgschaft, nennen. Damit ich in seinem Universum nicht gänzlich untergehe, zahle ich als kleiner Kunde gern gut 30 Ocken im Monat und erhalte dafür einen blauen Haken; ich habe mittlerweile 15.000 mal was auf X gesagt und insgesamt 2000 Glossen geschrieben. Alles peanuts verglichen mit 230 Millionen. Das ist Auflage! So geht Reichweite!
Jetzt zur Verlegermacht, wenn der Verleger was macht. Zu vielen Themen gibt es in der digitalen Welt eine Meinung vom Boss. Kurz und knapp. Manchmal pointiert, gelegentlich noch im Jargon der netzaffinen Subkultur und oft politisch allozierbar. In welche Rolle bringt uns das, die Griffelspitzer aus Journalismus und PR? Nun, Schweigen reicht nicht, oder? Man lese das Jahresendstück von Kerstin Loehr in der Braunschweiger Zeitung. Mehr sage ich nicht, weil ich als alter PR-Mann keine junge Journalistin lobe.