Logbuch
ADVENIAT.
Wir sprachen hier über die Gedächtnisschwäche von Eichhörnchen, deren vergessene Winterdepots mit Baumsamen aller Art im Frühjahr keimend die Vielfalt des Waldes erhalten. Nachhaltig, weil multikulti. Dazu eine weitere Beobachtung, jetzt aus der großen Stadt. Hier herrscht in den Baumwipfeln die Rabenkrähe, ein schwarzer Geselle, dem Literaten bekannt als Todesbote. Meist mit Hassgesang in laut krächzenden Junggesellenschwärmen. Stadtbild.
Diese Biester sehe ich auf dem begrünten Balkon meines Kiez-Appartements ebenfalls Verstecke anlegen, in denen nun Haselnüsse, Bucheckern, Eicheln verschwinden. Aber er erinnert. So weiß man deshalb, dass die Intelligenz des Raben für ein Viech ganz passabel; sie wird mit der des Menschenaffen verglichen. Es gibt in Berlin ganze Viertel, in denen die Raben die intelligentesten Bewohner sind. Jedenfalls im Osten der Stadt, wo sich die biodeutsche Besiedlung von vor der Wende zunächst erhalten hat. Durch den späteren Zuzug der Öko-Schwaben hat sich daran nichts geändert. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Eigentlich berichtet werden sollte, warum ein schwaches Gedächtnis eine kulturelle Errungenschaft ist. Zum Beispiel im Strafprozess. Ich erinnere einen Granden der CDU in einem Verfahren um Bimbes, den er in Plastiktüten im nahen Ausland abgeholt und eingeschmuggelt haben soll. Parteienfinanzierung. Auf Vorhaltung des hohen Gerichts antwortete der Angeklagte acht Mal in absolut gleichlautendem Ton: „Daran, Herr Vorsitzender, kann ich mich nun gar nicht erinnern!“ Es gibt halt keinen Erinnerungszwang, auch nicht, wenn man ansonsten Recht und Gesetz respektiert.
Deshalb weiß der kluge PR-Mann: „Schrift ist Gift!“ Da wir gerade bei schwarzen Themen sind. Es sitzt des Abends der einsame Liebeskranke am Fenster zur dunklen Nacht und fragt sehnsüchtig nach seiner Geliebten, die den schönen Namen Eleonore trägt. Vor ihm als Bote von der Schattenseite des Lebensglücks, die Rabenkrähe. „When shall I see Eleonore? Quoth the raven: Nevermore!“ Was für eine schwarze Seele.
Dieserhalben hieß der Rabe traditionell Aaskrähe. Seine Speisekarte erlaubte alles, was sonst das edle Vegetarische Herz verschmerzt. Ihm war der „road kill“ so recht wie menschlicher Abfall, Würmer, Spinnen, Ekelkram. Auch Aas. Ich entwickle mich noch zum Großstadt-Poeten, was Goebbels Asphaltliterat nannte. Es wird Zeit zum Advent, wo trotz Weihnachtsmarktpoller Versöhnliches Vorschrift.
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SCHWANZSCHATTEN.
Rückkehr aus der großen Stadt auf den Landsitz mit großartiger Entdeckung. Ein Eichhörnchen hat den großen Nadelbaum bezogen und tobt nun fröhlich durch den Garten. Eine Freude anzuschauen. Herzlich willkommen!
Eine ganze Reihe von Anmerkungen sind fällig. Eichhorn? Der Name des rotbraunen Gesellen kommt nicht von der Eiche, dem soliden Baum, sondern aus dem Althochdeutschen, wo das Rumgehüpfe von Ast zu Ast zum Charakteristikum gewählt wird. Der liebenswerte Kerl ernährt sich nicht von anderen Tieren, sondern den Früchten des Waldes, sprich Baumsamen. Gleichzeitig zum buschigen Schwanz, wozu wir später noch kommen, hat die Natur ihn mit einem schwachen Gedächtnis gesegnet. Ein stattlicher Teil der Nahrungsverstecke zum Überleben des Winters werden schlicht vergessen. So sprießt der Samen im Frühjahr und erhält die Vielfalt des Waldes. Ein genialer Gärtner wider Willen.
Was ihn neben dem putzigen Antlitz des netten Nagers auszeichnet ist sein prächtiger Schwanz. Dieser mag beim Flug navigieren helfen, ist aber vor allem eine Extremität des Prahlens; er beeindruckt so in der Brunft Weibchen. Die großzügige Behaarung beeindruckt aber nicht nur die brünstige Damenwelt, nein, die Größe erschreckt auch Feinde. Man soll sich besser nicht mit ihm anlegen. Ein veritabler Vegetarier stattlicher Manneskraft. Dank buschigem Schwanz. Solches hör ich gern von meinem Vers.
Im Nest wärmt das Buschige den dürren Kerl wie eine Decke. Den Vogel abgeschossen haben aber die Alten Griechen; sie belegten den agilen Kerl mit dem großen Schwanz mit dem Mythos, dass er die prächtige Extremität auch habe, um sich selbst Schatten zu spenden. Alta Schwede, im Schatten des eigenen Schwanzes wohl leben; das ist schon was.
Im übrigen ist das rote Eichhörnchen, das eurasische, eine schützenswerte Art, die vor der grauen bewahrt werden muss, die als Neozon eindringt. Passiert gerade in England. Wandert ein der Fremde und ersetzt irgendwann die Heimischen. Muss ich dem Thilo Sarrazin erzählen, wenn ich ihn in Berlin sehe; kann er ein weiteres Kapitel für sein Abschaffungsbuch draus machen. Was einen die Natur doch so alles lehrt.
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SCHAMLOS.
Gestern bei den Berliner Philharmonikern eigenartige Stücke von Bartok bis Strawinsky unter dem Dirigat des Sibiren Kirill Petrenko. Den ich noch immer nicht leiden kann. Angeblich ist die Metropole das Thema des Konzerts. Volles Orchester, laute Musik. Mir bleibt alles fremd. Am Klavier eine Sarah Tysman, immerhin eine Schönheit. Der Dirigent gibt ihr den Blumenstrauß. Dann erkenne ich die Französin wieder; Professorin von der örtlichen Universität der Künste. Beachtliches Talent an einer eher mediokren Hochschule. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Ich geh ja im Abo in den Karajan-Schuppen, übrigens auch wegen der Schnittchen; dazu zwei, drei Glas Wein. Und der Abend wird rund. Es setzt sich zu der Blonden und mir ein veritabler Berliner mit Begleitung. Die Herrschaften nehmen Heiße Schokolade, sprich Kakao. Zu einer Arbeitshose (Ostjeans) trägt er eine solide Strickjacke mit Reißverschluss, eine Joppe. Könnte der Sibire am Pult aus seiner Heimat mitgebracht haben. Sehr sachlich solide. Er berlinert. Ich spreche die Berliner Schnauze an; höflich, weil zwar ossig gekleidet, aber ein älterer Herr in den Achtzigern mit Manieren. Ich glaube ihn zu erkennen.
Ja, sein Name sei Eppelmann. Respekt. Ich gratuliere zu einer erstaunlichen Lebensleistung. Sein Haupt hebt sich leicht und er sagt: „Ich muss mich nicht schämen.“ Welch ein Satz. Wir reden mit Pfarrer Eppelmann, dem Gründer des Demokratischen Aufbruchs in der DDR: Der Mann hat eine Diktatur gestürzt, die ihm auf das Perfideste nach dem Leben trachtete. Ein großer Deutscher, ganz getarnt in protestantischer Bescheidenheit, die nur im Herzen eitel ist. Sein Satz hat die Schärfe einer Rasierklinge. Er muss sich nicht schämen, ja, aber vielleicht andere? Der Unbeugsame lässt das offen. Das gefällt mir, das gefällt mir sogar sehr.
Man trifft ja nicht oft wirkliche Größen der Geschichte, aber Berlin hat noch einige dieser Helden aus dem Vier-Mächte-Status. Viele Politiker der untergehenden DDR sind erbärmlich gescheitert, an sich oder ihren Verstrickungen. Aber es gibt auch die anderen. Und hier formuliert einer von jenen seinen Kantischen Imperativ. Er hat sich nicht schämen müssen wollen. Ich weiß gar nicht, ob das politisch reicht. Aber man kann damit offensichtlich Zaren stürzen. Respekt.
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DER NANNY-STAAT.
Gelegentlich wage ich einen anderen Blick auf mein Vaterland und lasse mich durch die Eidgenossen belehren. Das Organ des Stakkato von Rechts heißt NZZ, steht für Neue Zürcher Zeitung. Niemand kann so charmant reaktionär sein wie die Reisläufer aus dem Alpenstaat. Heute werde ich belehrt, dass die Deutschen einen NANNY-STAAT pflegen; der englische Ausdruck für ein Kindermädchen meint eine sehr fürsorgliche Betreuung, eigentlich kritisiert er Entmündigung. Ich gehe also, lerne ich, in Watte gepackt.
Während ich das schreibe, schmerzt mein Knie, der Po hat einen respektablen Bluterguss und der Ellenbogen will nicht so recht. Ich habe mich, wie es am Ort heißt, gestern auf die Fresse gepackt. Ich bin bös gestürzt. Unter dem Matsch eines regulären Straßenübergangs lauerte solides Eis und es haute mich um. In Berlin wird kein Salz gestreut, man verziert das Packeis nur mit etwas Granit. Die Amme namens Staat oder Senat vernachlässigt ihre Infanten gründlich. Kein Salz!
Der Grund ist grün. Wir schützen die Tiefsee, den Uterus der Welt. Das Streusalz könnte nämlich über Spree und Havel in die Nordsee geraten und so das Meer versalzen. Alter, Salzwasser im BIG BLUE; das geht ja gar nicht. Die Fürsorge besteht nie konkret, sondern immer nur abstrakt. Man schützt hier DIE Umwelt, aber nicht den Bürger. Weil die Amme ja von Mutter Natur beschäftigt wird (wg. Verhindern der Apokalypse) und dieser oder jener gestrauchelte Vater in dem Familienbild nur stört.
So geht der IDEOLIGISCHE STAAT, dessen Fürsorge nur prinzipiell ist und im konkreten vor allem sich selbst gilt. Er hat ein Samariter-Syndrom, aber keine reale Solidarität. Der konkrete Mensch stört in dem Bild nur. Soll er doch auf der Fresse im Split liegen. Warum gehe ich auch im Januar meinen Geschäften nach? Statt mit meiner Nanny in einer diskreten Halle Tennis zu spielen. Gruß an den Regierenden!