Logbuch
MASSENWAHN.
Furchtbare Nachrichten aus einem Schweizer Ski-Ort, in dem eine Silvesterfeier junger Leute zu einer Feuerhölle wird; wohl auch, weil die völlig ungeeignete Architektur der Bar selbst zur Todesfalle wurde. Ich denke an die Szenen der Duisburger Love Parade, wo auch ohne Feuer die Masse sich selbst zum Verhängnis wurde. Wie furchtbar muss es sein, seine Kinder zu verlieren. Meidet die Masse!
Für viele Abenteuer des Tourismus galt schon immer der Charme der Improvisation, zumal im Skisport, der eine abgelegene Bergwelt widersinnig bevölkerte. Après Ski. Die Grand Hotels in den St. Moritz der Alpen waren ja nur die bourgeoisen Flaggschiffe einer seit dem 19. Jahrhundert modernen Massenbewegung der saisonalen Stadtflucht. Eigentlich war Tourismus immer die illusionäre Fehlnutzung bäuerlicher Idyllen zu Massenveranstaltungen. Diese kranke Disproportion hat auch Davos ausgemacht, als ich da noch verkehrte. Für die schwimmenden Stahlknäste namens Traumschiff gilt es allemal. Was treibt die Menschen zur Meute?
Wir reden über Phänomene, die wissenschaftlich weitgehend unerforscht sind; noch immer. Das Standardwerk von Gustave Le Bons zur Massenpsychologie ist keins. Entgegen seiner großen Verbreitung seit 1895 enthält es keine eigenen Erkenntnisse. Hier wurden literarische Beschreibungen von Massenphänomenen zusammengetragen, es gibt keine sozialpsychologische Methode und keine primären Erkenntnisse. Zu lesen sind Exempel der wertenden Wahrnehmung von Masse und vor allem, wenn diese unangenehm; das ist nicht das gleiche.
Lehrsatz: Ein Mob ist immer nur jene Menge von Menschen, die man nicht leiden kann, weil man sie nicht leiden kann. Wer charismatischen Bewegungen angehört, empfindet sie anders als jene, die sie als Bedrohung empfinden. Zu meinen Schülerzeiten spielte ein ebenfalls zweifelhaftes Buch des umstrittenen Psychoanalytikers Wilhelm Reich zu „Massenpsychologie des Faschismus“ eine gewisse Rolle. Stolz konnte ich damals meinem Philosophielehrer ein Exemplar besorgen, einen Raubdruck aus einem sogenannten Alternativen Buchladen Berlins. Ich muss ein Schüler eines gewissen Vorwitzes gewesen sein.
Also: Massenpsychologie ist empirisch, so wie ich es sehe, ein noch recht leeres Feld, an das mal jemand methodisch sauber ran müsste. Massenveranstaltungen sind sicherheitstechnisch immer prekär. Ohne jeden Drang zur Nachahmung sehe ich die Bilder der Silvesternacht als Phänomene des kollektiven Wahns. Es drängt mich nichts in den johlenden Mob; siehe oben. Den Opfern der Schweizer Party unser tiefes Mitgefühl.
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DINNER FOR DESASTER.
Das englische Landleben zeichnet sich dadurch aus, dass in ihm noch nachwirkt, was man unter der traditionellen Herrschaft von Adel und höherem Bürgertum ein GESELLSCHAFTSLEBEN genannt hat. Traditionen werden gepflegt, insofern ist das Ritual von Miss Sophie so absurd nicht. Ich werde Zeuge eines Gesellschaftsspiels, das in gehobener Konversation eben davon handelt. Skurriles aus dem Land von Rosamunde Pilcher. Wir nehmen als Hunnen teil, so nennt der witzelnde Tommy uns Germanen.
Die Idee beim DESASTER DINNER ist es, sich ein möglichst unheilvolles Abendessen zu ersinnen, sowohl was die Gangfolge angeht als auch die Kombination der Gäste. Dabei sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Alle Bemühungen richten sich auf eine möglichst illustre Katastrophe, kulinarisch wie sozial. Wie gesagt, schwarzer Humor.
Man erinnert sich dabei seiner eigenen Katastrophen. Etwa als ich mit der Blonden bei einem größeren Dinner ausgerechnet das Ehepaar Thilo und Ursula am Tisch hatte. Nimmer habe ich in tiefere Trostlosigkeit geschaut als bei dieser traurigen Figuration normalisierten Rassismus; ach wie elend. Und selten war es peinlicher als bei jenen beiden Familienvätern, die mit fünfzig Lenzen entdeckt hatten, dass sie beide vom anderen Ufer und zudem füreinander gedacht. Ich sage nur: gebundene Rüschenbluse mit Schleife. Aber es soll jeder nach seiner Façon selig werden.
Da er sich gerade wieder politisch zu Wort meldet, um Muttis Rache an Merz eine Stimme zu geben, reden wir auch, weil er absolute Person der Zeitgeschichte, über Krischan, wie er zum ersten Mal seine spätere Mehrfachfrau mitbrachte und sich vor Besitzerstolz nicht lassen konnte, das Schwitzhändchen. Oder über die angebliche Pastorengattin aus Thüringen, eigentlich Küchenhilfe, die beim Presseball im Leihkostüm die weißen Handschuhe bis in die Achselhöhlen trug und sich derer nicht zu entledigen wusste, als es galt, das Brot zu brechen, und das einer selbsternannten Botschafterin des grünen Evangeliums.
Bei den Speisen geben Innereien und Rohes sowie Unverzehrbares dankbaren Gesprächsstoff. Oder sehr traditionelle Zubereitungsformen. Schafsmagen. Für mich noch immer der Ekel als solcher: blanchierter Hummer in der Entenpresse. Oder Mulligatawny-Soup, die historisch aus Schildkröten gekocht wird, deren etwas ranzige Strenge mit indischem Pfeffer übertönt wird; Kipling ist mein Zeuge.
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ZU DEN PROZEDUREN.
Wenn mich nicht Geschäfte in die Mauern der Metropole zwingen, lebe ich im Westerwald. Man kann von mir insofern gern als Waldmenschen reden, fällt mir auf, da ich gerade in einem Büchlein aus meiner Handbibliothek stöbere, das sich „Herzensergießungen eines kunstliebenden Waldmenschen“ nennt, 1796 anonym erschienen. Erworben habe ich das recht bestoßene Exemplar anlässlich eines Ausflugs in ein entfernteres Mittelgebirge, die Märkische Schweiz, auf einem dortigen Flohmarkt. Dazu sind zwei, drei Anmerkungen fällig.
Erstens ist es nicht zu verstehen, warum der schwärmende Tourismus im späten 19. Jahrhundert alle möglichen Hügeleien mit dem Hochwertattribut, den Schweizer Alpen vergleichbar zu sein, versehen hat; man spricht von der Sächsischen und der Märkischen Schweiz. Über den Westerwald wird aber nur rumgemeckert. Über seine Höhen zöge der Wind so kalt. Wie vordergründig. Das tadle ich als Waldmensch.
Zweitens ist entsetzt, wer in der Märkischen Schweiz das Örtchen Buckow aufsucht und die Idylle nachfühlen will, in der der große Bert Brecht seine Buckower Elegien geschrieben hat, wenn ihn nicht der Chauffeur an den Schiffbauerdamm zu Berlin ins Theater fuhr. In der spießigen Siedlung am See steht noch das alte Haus, den Garten aber haben sie mit einer ausgedehnten Bretterbude übelster Architektur verschandelt, die sich Museum nennt. In seiner Piefigkeit monströs. Ein Skandal.
Drittens, da ich schon meinen Zorn runterzähle, nennen sie die Bude das „Weigel-Brecht-Haus“, ein Exempel woker Idiotie. Der Alte hat da mit drei seiner Konkubinen gehaust; so fängt es mal an. Und dann dieses autoritäre Matriarchat der DDR-Kulturpolitik, ein Margot-Syndrom, für die Insider, oder eben Elena-Kult. Brecht selbst hatte übrigens, in die DDR gezogen, seine Rechte nach Westdeutschland zu Peter Suhrkamp gegeben und sich einen Schweizer Pass besorgt; den der wirklichen Eidgenossenschaft. Radwechsel: „Ich bin nicht gern, wo ich herkomme; ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.“
So fasst der brechtkundige Wäller sich an den Kopf. Übrigens ist, nach dem Lateinischen „silva“ für Wald, der Schutzheilige des Wällers der Heilige Silvester, was Waldmensch heißt, dessen segensreiches Wirken wir heute feiern. Alles hängt mit allem zusammen. Same procedure as every year.
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POLITIK & POLEMIK.
Dass man sich krankschreiben lassen kann, ist ein sozialer Fortschritt erheblicher Art. Zur Realität von Fürsorge gehört es aber auch, dass sie missbraucht werden wird. Man kennt seine Pappenheimer. Es gibt jene Kolleginnen, die mit dem Kopf unter‘m Arm zur Arbeit gehen, und jene Kollegen, die ein Hüsterchen bereits vollständig niederstreckt. Jede Gemeinschaft hat ein Recht darauf, sich vor dem Missbrauch ihrer Solidarität zu schützen. Insofern hat Bundeskanzler Friedrich Merz einen Punkt, wenn er die telefonische Krankschreibung kritisiert. Wie die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion Tanja Machalet, die ihn dieserhalben an den Ohren zieht. Politische Polemik.
Ein Staat, in dem unverschuldete Krankheit das größte Armutsrisiko ist, hat als vermodern zu gelten. Not great, again. Das befreit aber nicht von der Frage, was denn krank ist und was gesund. Vermeidbare Lebensrisiken können schlecht in der Obhut auch jener liegen, die sich vernünftig verhalten. Beispiel Fressen, Saufen, Rauchen. Jetzt wird es kritisch. Wer zieht hier wo die Grenzen? Auch eine Gesundheitsdiktatur ist ja eine Diktatur.
Man kennt die bösen Exempel aus England, wo Oma keine Hüftprothese mehr bekommt, wenn über 80 und auch sonst sozial nicht wertvoll. Da müssen dann der Krückstock und Tilidin reichen. China soll das digitalisiert haben, die Bonuspunkte für sozial erwünschtes Verhalten, was als berechtigte Überwachungspflicht des Staates verstanden wird. Das Diktatorische beginnt im Kleinen. Worauf will ich hinaus?
Wir brauchen einen politischen Diskurs darüber, was schon krank ist und was noch gesund. Und wer das letztendlich bewerten und sanktionieren darf. Hier sollte Weisheit walten. Und nicht Frau Büchs aus Halle, die hysterische Ziege aus der Corona-Debatte. Ups, das geht ja gar nicht, eine solche polemische Verwerfung. Damit wären wir ja in den Hassreden der Impfdebatte. Nun, beim Maskenmillionär Spahn ist das aber auch nicht in trockenen Händen. Welchen Eliten wollen wir vertrauen? Die Epidemie-Politik hat allgemeines Vertrauen in die Herrschaft und die Herrschaften nicht gestärkt.
Was die Spitze nicht kann, muss die Breite bringen. Wir brauchen viele öffentliche Debatten darum, was wir wollen. Dabei ist Expertise unverzichtbar, schon klar, aber eben auch Volkes Wille. Politik geht daher nicht ohne Polemik.