Logbuch
Heute Abend Trauerfeier für den Publizistik-Prof KLAUS MERTEN aus Münster. Seine Söhne haben zu Ehren des Kreta-Fans zum Griechen eingeladen. Das hätte ihm sehr gefallen. „Ein Kreter sagt, alle Kreter irren.“ Ha! KM war ein streitbarer Geist und treuer Freund. Er wird jetzt gerade auf den steilen Eselspfaden des himmlischen Kreta bergsteigend den Schweiß der Edlen vergießen. Und grübelnd mit einem Idioten auf dem Olymp zürnen, gegen den er eine Philippika ersinnt, die sich gewaschen hat. Ein wunderbarer Mann, ein intellektueller Titan. Ich stehe in seiner Schuld.
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Ein Wirtschaftsjournalist, wegen seiner schlechten Manieren verständlicherweise unbeliebt, schreibt heute darüber, dass die Katholische Kirche ihre Pensionsrückstellungen in einem Fonds auch durch Investitionen bei Private Equity zu erhalten suche. Das Erzbistum Köln sei dagegen. Das mag sein. Und? Zeigt, wie kurz man springen kann. Also der Talmud, das Alte Testament und der Koran kennen das Zinsverbot. Gemeint war aber immer Wucher gegenüber Notleidenden. Das sollte nicht sein. Mit dem Zinsverbot ist über Jahrhunderte viel Politik gemacht worden. Erst der ruppige Luther hat prinzipiell Zins und Wucher zusammengezogen, um sie dann als Begriffe gleich zu setzen. Dann hatte er, der Eiferer, Futter für seinen massiven Antisemitismus. Was ist der Archetyp hinter allem? Ein pragmatisches Paradox. Die Geldwechsler waren beliebt, wenn es um eine ersehnte Kreditvergabe ging, unbeliebt bei deren anschließendem Zinsverlangen und Tilgungsbegehren. Das ist der allzu menschliche Grund aller Mythen um das Wuchern.
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Hass, Zorn, Streit, Rechthaben, Gewinnen müssen, Vernichten wollen... all das nennen die alten Griechen THYMOS. Es ist das gegnerische Prinzip von EROS, der Zuwendung, Liebe, Mitleidensfähigkeit. Zorn trieb schon die Helden der Ilias. Was mich an der Binnenkultur von TWITTER so abstößt, ist diese thymotische Subkultur der gegenseitigen Vernichtung. Ein unbedingter Wille zur Denunziation treibt Horden von Anonymen dazu, aus nichtigen Anlässen aufeinander Hetzjagden zu veranstalten. Ein jakobinisches Milieu. Weil der THYMOS Feinde braucht, wie die Luft zum Atmen, schafft er sie sich mit geradezu zwanghafter Anstrengung. Es werden all überall neue Tatbestände für Todesurteile erfunden. So hörte ich über einen Kabarettisten, er habe wiederholt den Klimawandel verharmlost. Man stelle sich vor, er hat Witze über die grüne Hysterie gemacht. Damit ist der Mann natürlich geliefert. Oder in der SPD sollen gerade jene ausgeschlossen werden, die sich abfällig über die Frau mit dem bösen Mund äußern. Der Ton der Kritiker der Kritiker ist stalinistisch. Neue Kainsmale entstehen; so ist jemand, der wahrnehmbar schlechten Journalismus in den Öffentlich-Rechtlichen kritisiert, ziemlich sicher ein Faschist, jedenfalls dann, wenn er auch noch das Wort Zwangsgebühren sagt. Daran erkenne man das, lerne ich. Die Inquisition hat so ihre Erfahrungen damit, woran man den Leibhaftigen erkennt. Was am rechten Rand so alles an Diskreditierung geschieht, nehme ich nicht wahr, es muss aber gruselig sein. Die Welt mit Furor in Schwarz und Weiß teilen, um das eigene Grau gänzlich zu leugnen und das Grau der anderen der Verdammnis anheimstellen zu können. Auf Twitter immer und überall, jedenfalls bei einigen und oft. Frage: Verhärtet das nicht die Seele? Verkürzt es nicht den Verstand? Verlässt man am Ende nicht die Vernunft? Man verliert doch jedes Maß. Auch der Hass, soll Brecht, der große Freund der Freundlichkeit, gesagt haben, verzerrt die Züge.
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GEWISSEN & WISSEN.
Der Abgeordnete im deutschen Parlament ist nur seinem Gewissen verantwortlich und an keinerlei Weisungen gebunden. Die Abgeordnete auch. Ein Eckstein der Demokratie. Woher weiß die Weltweise aus Wuppertal oder gar der Depp aus Oer-Erkenschwick aber was Sache ist? In einer Zeit ausgebreiteten Aberglaubens? Keine unwesentliche Frage.
Ein besonderer Lobbyeinfluss besteht darin, dass das unmittelbare Umfeld des MdB aus Jobbern besteht, die dem ideologischen Umfeld des Themas entstammen. Ich habe vor Jahren mal Kontakt zu einer Mitarbeiterin einer Abgeordneten, die ihre MdB und mich über Fragen gesunder Ernährung belehrte. Im Brustton höherer Wahrheiten. Die junge Frau war vor ihrer Tätigkeit im Bundestag zwei Jahre bei „Food Watch“, der grünen Lebensmittelwacht. Ihre Expertise entstammte ansonsten der Grundlage eines abgebrochenen Studiums der Theaterpädagogik an einer praxisorientierten Flachhochschule. Drei Semester Rollenspiel für höhere Töchter. Dann NGO, jetzt fachliche Zuschlägerin der Volksdeputierten.
Ich halte viel von der ärztlichen Ethik. Was sich da über Jahrhunderte formulierte, das ist klug, weil demütig. Das Motto lautet: „Noli nocere!“ Zu deutsch: Zumindest nicht schaden. Das ist eine Gewissensnorm, die mir imponiert. Die drückt Achtung vor dem Leben aus und ein kritisches Verhältnis zum Fach. Da lege ich mich unter‘s Skalpell, weil vertrauenswürdig.
Die Grundgewissheit darüber, was nicht schadet, vielleicht sogar nützt, ist seit Corona und der Debatte um die Impfpflicht erschüttert. Die Medizin hat die Selbstverständlichkeit ihrer Legitimation verloren. Keine Halbgötter mehr in den weißen Kitteln. Regelrechte Scharlatane sind an der Macht; man blicke nach Amerika. Corona hat offenbar bei ganzen Milieus zu bleibenden Schäden in der Birne geführt.
Zeit, sich ehrlich zu machen. Ich bin geimpft und halte eine Impfpflicht für epidemiologisch zu verantworten. Weiß ich das sicher? Nein. Vertraue ich Big Pharma? Wenn es große und börsennotierte Aktiengesellschaften sind, ja. Die scheuen Risiken, die sie ruinieren könnten. Weiß ich medizinisch mehr als andere? Oh, nein. Ich hoffe halt, dass man mir nicht schaden will. Weil das als Idee ein schlechtes Geschäft wäre, jedenfalls kein Modell für ein gutes.