Logbuch

RECHTS VERSUS LINKS.

Es gibt eine Idiotie politischer Parolen, die man argumentativ nicht mehr auflösen kann. Etwa in der Aussage, dass Hitler ein Linker gewesen sei. Jede Relativierung dieses Teils deutscher Geschichte ist ohnehin nah an einem moralischen Verrat fundamentalen Ausmaßes. Man lasse das lieber.

Reflexhafte Debatte darum, dass der Nationalsozialismus der NSDAP seinen historischen Aufschwung genommen habe, indem er sich „linke“ Forderungen zu eigen machte. Da kann nicht sein, was nicht sein sollte. Da irre der Politikwissenschaftler Götz Aly; das hätten die „NS-Historiker“ (sic) schon mehrfach angemerkt. Die Historiker, diese eingeschworene Gesellschaft zur Verlangweiligung der Geschichte? Und die Politologischen vom dauerlinken OSI an der FU? Professorenstreit. Wen kümmert das? Diese Eifersüchtelei zwischen zwei Wissenschaften ist aber nicht uninteressant. Es geht um die moralische Scheidung zweier Welten.

Kann es ein Oxymoron von Rechtem und Linkem gegeben haben? Oder als tödliche Mischung wieder geben? Das aktuelle linke Milieu heult auf, weil eine so differenzierte historische Debatte die Verteufelung des Rechtspopulismus erschwert. Man will nachträglich aus dem „Nationalsozialismus“ begrifflich den Sozialismus tilgen, weil man den rechtsradikalen Charakter der AfD nicht verwässert wissen möchte. Es geht gegen die sogenannte Hufeisentheorie, nach der sich die Extreme von links und rechts treffen; eine durchschaubare Narration der politisch impotenten Mitte. Dazu habe ich zwei Meinungen.

Historisch ist es unzweifelhaft, dass sich die frühe NSDAP quasi-gewerkschaftlich gebärdet hat; um am Ende die Gewerkschaften aufzulösen. Aber sie inszeniert Volksgemeinschaft vor allem vor der Machtergreifung eben auch als Volksfürsorge. Das ist ja das innere Paradox von Populismus, dass er auch links daherkommt. Und dann woanders hingeht. Das ist das eine.

Das andere ist, dass es „die Linke“ nicht gab; man darf die KPD der Weimarer Republik nicht als Freunde von SPD und USPD lesen. Die Spaltung war von epochaler Bedeutung. Wenn Lenin explizit von der „Diktatur des Proletariats“ spricht, die millionenfach demokratischer sei als jede bürgerliche Demokratie sei, so meint er das auch so. Der Genosse Stalin hat daran ja keinen Zweifel gelassen. Mielke auch nicht.

Wie also kommen wir wieder auf gesichertes Terrain und Felsen unter die Füße? Mein Vorschlag ist, dass die Politologen in die Archive verbannt werden. Und die Historiker ins Philosophicum. Jeder auf das Terrain des anderen. Zumindest für ein Semester. Und dann wird miteinander geredet. Verlängerungsanträge für die Verbannung willkommen.

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NAZI BAZI.

Zu den allfälligen Schimpfwörtern, mit denen man Rechte zu bezeichnen pflegt, jedenfalls aus linker Perspektive, gehört die Kurzform des Nationalsozialisten der NSDAP als Nazi. Das verselbstständigt sich, so wie man im bayerischen vom Gauner als Bazi spricht. Wo ich Nazi höre, erklingt auch Fascho als Schimpfwort, dem historischen Phänomen des Faschismus aus Italien und England wie meinem Vaterland entlehnt. Mir gefällt nicht, dass hier eine historische Referenz zu kleiner Münze gemacht wird.

Darin einig bin ich mit Professor Götz Aly, den ich auf der Moabiter Brücke zum Bahnhof Bellevue treffe (in Begleitung eines jungen Mannes, der doppelt so groß ist wie er, was seine Rolle als Exzellenz noch unterstreicht). Ich grüße freundlich, er winkt. Aly hat geschrieben, dass der Begriff Faschismus seinen Wert verloren habe, als er zum bloßen Schimpfwort verkam.

Da ist etwas dran. Wir müssen schon eine Diktatur mit Terrorapparat nach innen wie außen sehen, eine Auflösung des Rechtsstaates mit korporatistischer Wirtschaft und eine rassistisch begründete Volksgemeinschaft. Das alles unter dem Schleier eines nostalgischen Nationalismus. Nur mal so für den Anfang gesagt.

Mein Herr Vater hat sie nur „die Braunen“ genannt und biografisch von „der braunen Zeit“ gesprochen, die ihn habe zum „Kanonenfutter“ machen wollen. Damit war seine Verachtung formuliert gegenüber den Nazi Bazi. Er hat auch wenig von „den Roten“ erwartet, die aus der Weimarer Republik ein „Sowjetdeutschland“ (Clara Zetkin) machen wollten. Seine Wahrnehmung war, dass schon die Generation seines Vaters das Land ins Unglück geführt hatte; und der war kaisertreu.

Götz Aly soll ein neues Buch haben. „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“. Werde ich mir besorgen.

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ZEITZEUGE.

Wäre ich Literaturkritiker, würde ich nach Wegen suchen, mein höchstes Lob zu formulieren. Ich habe gerade ein wirkliches Meisterwerk gelesen. Daniel Kehlmann, Lichtspiel, Rowohlt. Fast fünfhundert Seiten. Erzählt wird eine Lebensgeschichte rund um den Regisseur G. W. Pabst, der aus der Weimarer Republik in die USA emigriert, aber schnell in das Reich von Joseph Goebbels zurückkehrt und unter dessen Duldung dreht, bis zu seinem Ende im Nachkriegseuropa. Hinter diesen Ereignissen wird sehr deutlich, wie ein Volk im Faschismus versinkt. Aber ich will nicht zu viel verraten. Lesebefehl!

1930 hat G. W. Pabst den Dreigroschenfilm nach Brechts Dreigroschenoper gedreht; was der große BB zu allerlei Prozesshanselei nutzte. Ich habe darüber promoviert. Und hielt dabei irgendwann das Originaldrehbuch in Händen mit den Notizen des großen G. W. Pabst. Zahlreiche Anmerkungen. Enno Patalas aus dem Münchner Stadtmuseum hatte mir das Konvolut überlassen, das ich einer Erstbearbeitung unterzog.

Das kommt mich jetzt mit eigener Betroffenheit an. Wann war man schon mal so nah an großer Geschichte dran. Ich werde Brechts Schrift zum Dreigroschenprozess jetzt noch mal sorgfältig lesen. Falls ich Kehlmann im Borchardt treffe, will ich vorbereitet sein.

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EILE MIT WEILE.

Zwischen den beiden Büros, in denen ich gelegentlich schaffe, liegen knapp sechshundert Kilometer, die ich dank Dreiliterdiesel bequem in fünf Stunden schaffe. Früher fuhr ich Bahn, als die Bahn noch fuhr; geflogen nie, obwohl drei Flughäfen ringsherum, weil auf kurzen Strecken schlicht doof.

Mit der neuen ICE-Strecke zwischen Köln und Frankfurt hatte die BAHN auch die ländlichen Gebiete zwischen den Metropolen an den Fortschritt angeschlossen. Berlin lag nah. Bequem und behend gelangte man von Montabaur an nahe Flughäfen und flog in die weite Welt oder gleich im Zug nach Brüssel wie Paris oder London. Der Fortschritt kommt mit der Schiene.

Am modernen ICE-Bahnhof zu Montabaur, gerade zwanzig Jahre jung, sind die Gleise baulich im dritten Stock, wohin den Fahrgast Rolltreppen leiten, wenn sie mal rollen, und natürlich stets Aufzüge. Jetzt sollte man die Gelegenheit zum Aufzugfahren am Wochenende noch mal nutzen, da die Geräte erneuert, sprich ausgetauscht werden. Ein Schild informiert seit gestern, dass der Service ausfällt. Ich zitiere: „vom 12. Januar bis voraussichtlich Sommer“. Ups, der steht ja schon fast einen Monat.

Mich fasziniert nicht die halbjährige Bauzeit für einen Aufzugersatz, sondern die Zeitangabe zur Fertigstellung. Man misst in Jahreszeiten und nach dem Prinzip Hoffnung. Der Kölner Dom hat zudem sechshundert Jahre gebraucht. Darüber würde ich gerne mit der neuen Bahnchefin Festina Lente mal reden, eine Italienerin vom Fach. Das unterscheidet sie laut Hauptstadtpresse von ihren Vorgänger:innen. Einfach hat es Frau Lente nämlich auch nicht. Nachtrag: Die Literangabe ist Hubraum, nicht Verbrauch.