Logbuch
SPAZIEREN GEHEN.
Der Mensch muss möglichst oft an der frischen Luft sein, damit er gesunde. Das ist eine Einstellung von Städtern; und zwar zu Gunsten jener aus den nicht ganz so guten Vierteln. Was für Pest und Cholera galt, gilt auch für Corona: beengtes Wohnen fördert die Ansteckung.
Einer ländlichen Bevölkerung, hart arbeitenden Bauern braucht man mit einem idyllischen Naturbegriff nicht zu kommen. Zu bitter ist der tagtägliche Kampf gegen die Natur, um Kohl und Kalb hoch zu bringen. Nur der Winter brachte etwas Ruhe und reichlich Hunger. Im Sommer war man auf den Beinen, solange die Sonne am Himmel stand. In den armen Gegenden, dazu zählte der Westerwald, gab es die Kombination von Bergbau (man ging auf Erze) und Landwirtschaft (im Nebenerwerb), ein doppelt bitteres Los. Es sind die Städter, die vom Osterspaziergang schwärmen. Man ergeht sich. Im 18. Jahrhundert sind dies in Thüringen der verrückte Geheimrat Goethe zu Weimar und sein intimer Freund, der Oberbergrat Alexander von Humboldt.
Der Spaziergang täuscht Interesse an der Natur lediglich vor; in Wirklichkeit nutzt man die Natur vorwiegend als Resonanzkörper. Man ist an der frischen Luft, um seinen Vergnügungen nachzugehen. Obwohl der Goethe-Biograf Stefan Bollmann ganz und gar nicht meiner Meinung ist (oder ich seiner), lässt sich bei ihm ein wunderschönes Zitat stehlen, das uns Recht gibt. Dieser Goethe war, man verzeihe den Ausdruck, ein Lustmolch.
Zu Goethe als Naturforscher gehöre nämlich, erfahren wir: „… der Waldspaziergang genauso wie sich auf eine Wiese zu legen, dem Wind zu lauschen und den Wolken hinterherzuschauen; einen Berg zu besteigen oder nackt in einem abgelegenen See zu schwimmen; auf allen Vieren durch Höhlen zu kriechen oder selbst Blumen und Gemüse zu ziehen, bei Wind und Wetter die Wildheit auch ungezähmter Natur zu erleben.“ (Stefan Bollmann, Der Atem der Welt, Johann Wolfgang Goethe und die Erfahrung der Natur, klett-cotta)
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OHNE WORTE.
Deutschland war wie HAMLET, sagt ein kluger Journalist. Jetzt sei es KAFKA. Der Rest ist Schweigen ... Der Schlaumeier meint: Erst grüblerisch, zögerlich, dann tragisch, ohne jede Hoffnung. Das ist als Diagnose richtig und falsch zugleich.
Wem die Bilder ausgehen, der greift in die Kostümkiste der Weltliteratur. Hamlets Geister. Was der brave Shakespeare zu Beginn des 17. Jahrhunderts auf die Bühne gebracht hat, muss herhalten. Und der noch bravere Prager Versicherungsangestellte Franz Kafka, der so nah am Trübsinn gebaut hatte. In den Dauerschleifen mit den Epidemiologen gehen den Medien erst die Bilder, dann der Sinn aus. Weil es ja alle zwanzig Minuten ein neuer sein muss.
Und das Publikum folgt offensichtlich den literarischen Vorbildern. Einige Zeitgenossen ein wenig irre wie Hamlet, andere am Rande der Depression wie Franz K. Es fehlt, schon im zweiten Jahr in Folge, den Ostertagen die Auferstehung von den Toten, sprich die Erlösung; eher ist Karfreitag auf Dauer gestellt. Lanz ohne Ende.
Aber das geht ja so nicht weiter. Ich will etwas zur Erheiterung beitragen. Also: Wo hat Hamlet, der dänische Prinz im elisabethanischen London, wo hat dieser mythische Held des Nordens, dessen Wirken dann Dänemark dem norwegischen Thron zuschlägt, wo hat er, der ganz Schlaue, studiert? An welche Uni will er zurückkehren? Bei Shakespeare wortwörtlich im originalen Drama, in Globe Theatre dem englischen Publikum vorgetragenen? Wittenberg. In Sachsen-Anhalt. Ja, Lutherstadt Wittenberg im Elbebruch. Galt um 1600 akademisch als erste Adresse. Wenn das nicht komisch ist, dann weiß ich es nicht.
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EIN GUTER ABGANG.
Wie wird MERKEL gehen? Ein guter Abgang ziert ja die Übung; soll Turnvater Jahn gesagt haben. Wird sie wie KOHL vom Hof gejagt? Oder in Würde und mit Ehre entlassen? Der richtige Zeitpunkt dafür ist vielleicht schon verpasst.
Mir träumte letzte Nacht, dass Angela Merkel träumte. Sie traf, in ihrem Traum, die englische Königin Elisabeth II mit deren designierten Nachfolger Charles in einem Park beim Osterspaziergang. Charles, in den Siebzigern, stützte seine amtierende Frau Mutter, in den Neunzigern; sein Vater war nicht mitgekommen, ein Hunderter; ihm ist gerade nicht so. Man sprach über das Verpassen günstiger Gelegenheiten. Die Windsors können ja so gut deutsch wie Merkel englisch kann. Charles fragte halblaut Angela, wie sie das damals mit Helmut Kohl gemacht habe. Angela überlegte und blickte dabei auf ihre Hände; die waren vom Tyrannenmord noch immer blutig. Nur ein Traum.
Stichwort Generationswechsel. Viele Unternehmungen kennen das Problem, dass die Gründergeneration sich für unersetzlich hält und einfach nicht loslassen kann. Das wird dann immer krampfiger. Dabei sollte man früher wechseln als früher. Die Änderungsgeschwindigkeit nimmt bei vielen Themen dramatisch zu; man wird immer schneller zu alt. Das meint man akademisch mit „Innovationsakzeleration.“ Schon deshalb sollte das Rentenalter herabgesetzt werden. Rechtzeitig aufhören zu können, das Ruder frühzeitiger abgeben, das sollte die Tugend der Senioren sein. „Gib Zeichen, wir weichen.“
Wer sagt es Mutti, dass es Zeit ist? Dass sie aufhören kann, sich selbst krampfhaft klonen zu wollen. Niemand will Angela II.
Wer sagt ihr, dass wir sie leid sind?
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HINTERZIMMER.
Das Wichtigste auf einer Messe ist der Messe-Anzug, ein Maß-Anzug, von der gehobenen Art, der die Bärbel Bas böse macht und die Messe-Hostessen die Augen aufschlagen. Nur Messis tragen auf der Messe Jogginghose. Eh klar, oder?
Die eigentlich beschauliche Messe in Essen hat es mit einer Energie-Ausstellung namens E-World zu einigem Ruhm gebracht; die Hallen an der Gruga sind voll mit Nerds und Nobodies. Aber auch die Dickschiffe stellen aus, die Shell sehe ich, BP und ein Wesen, das UniPair heißt, wozu wir noch mal am Schluss kommen.
Eine Ausstellung soll etwas ausstellen. Tut sie aber nicht. Vielleicht mit Ausnahme all jener Stehhocker unterschiedlichster Provenienz, auf denen niemand wirklich sitzen kann. Die Biester orthopädischer Unzulänglichkeit stehen rund um Stehtische, auf die man nichts wirklich ablegen kann. Dieser Exzess der Ungastlichkeit findet hundertfach statt, auf großen Ständen wie in kleinen Buden. Sie alle wollen dem anlandenden Kunden vor allem eines klar machen: Schön, dass Du da warst. Und jetzt, mach, dass Du weiterkommst! Verweile nicht, Du Wicht!
Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Wer wirklich wichtig, der wird eingeladen ins Hinterzimmer, wo ein Sternekoch Köstlichkeiten frivolster kulinarischer Art bereithält. Dagegen ist der Wasserkocher Sven Elberfeld aus Wuppertal profan. Sterneküche! Das Chambre séparée ist der Clou des Messebaus. Ich muss zugeben, dass ich mir auf diesem oder jenen Automobilsalon da auch schon mal Extravaganzen erlaubt habe. Die Ausstellung wird nämlich nicht berühmt durch das, was sie ausstellt, sondern durch das, was sie verbirgt.
Besonders raffiniert in Essen eine Firma namens UniPair, deren Stand haushohes Timber Framing bietet und Wellblech aus transparentem Plastik, so dass der Nicht-Eingeladene erahnen kann, wovon man ihn ausgeladen hat. Du kommst hier nicht rein, Alta! Ich flaniere um das Monstrum im Messewesen und staune darüber, wo ich nicht zugelassen.
Bis ein junger Mann am Rand des Standes mich anspricht. Ihm gefalle mein Anzug, ob der irisch sei oder schottisch. Zack, bin ich drin. Was sage ich? Kleider machen Leute.