Logbuch
GLÜCKSSPIEL.
Man muss, wenn melancholisch, die fehlende Leichtigkeit des Seins beklagen. Politisches Fallbeispiel: Die christliche Konservative schlägt zur Rekrutierung von frischen Soldaten eine Lotterie vor und die Linke reagiert humorlos. Man hatte vor, die Bundeswehr mit Freiwilligen zu bestücken und, falls dies wegen mangelndem Wehrwillen in der Menge nicht reicht, die noch fehlenden Soldaten auszulosen. Das ist als Verfahren an mangelndem Humor gescheitert.
Nun hat es immer skurrile Geschichten darum gegeben, wie gezogen wird; so nennt man das wohl, wenn ein Land seine Söhne gibt. Berufsarmeen und Söldnerheere haben stets von der Armut gelebt. Des Kaiser Rock trug, wem kein eigener gehörte. Inzwischen macht man keinen großen rhetorischen Aufwand mehr darum; das Verteidigungsressort heißt wieder Kriegsministerium.
In meiner Jugend hörte man noch aus der neuen Welt, dass Gezogene ihre Stellungsbefehle öffentlich verbrannten. Ziviler Ungehorsam. Solcher Widerstand ist aus der Zeit gefallen. Überhaupt hat Aufrüstung eine große Selbstverständlichkeit gewonnen. Warum, wird man gedacht haben, dann nicht auch Rekrutierung durch einen „lucky draw“ aus der Lostrommel? Nun, noch schien die Stimmung dafür nicht bei allen bereit.
Mir ist aus meiner Jugend ein böses Lied im Kopf, nach dem der Krieg ein gutes Geschäft sei, in das man ruhig seine Kinder investieren könne. „And your boy comes home in a box.“ Ein Lied aus vergangenen Zeiten. Ich bin ein melancholischer Sack. Man bemerkt die fehlende Leichtigkeit des Seins.
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MEINUNGSKORRIDOR.
Ich fühle mich wie in einem Kreuzgang eines mittelalterlichen Klosters. Massive Wände zu beiden Seiten. Und man trottet in dem Karree eigentlich im Kreis. Enger Meinungskorridor.
Zu jeder Zeit und in allen Gesellschaften gibt es Korridore allfälliger Meinungen. Mit einer Wand rechts und einer links. Man ist gehalten, in der Mitte zu laufen. Jenseits des stets Tolerierten beginnen die Tabu-Grenzen, manchmal als fließender Übergang, gelegentlich als klarer Bruch. Worum die Zeitgenossen immer gestritten haben, war die Frage, wie weit der Korridor sein kann und wo Herrschaft ihn vorsätzlich verengt.
Die Frage, was man wo sanktionsfrei sagen kann, ist die nach Diskursmacht. Ideologische Hegemonie. Früher galten Universitäten als Ort der unbeschränkten Meinungsfreiheit. Diese Freiheit von Forschung und Lehre haben in den USA linke Bewegungen wie darauf reagierend rechte beiderseits mit unterschiedlichen Tabus aufgekündigt. Vom innenpolitischen Klima Chinas mag man gar nicht reden. Ohnehin sind die Fälle der Verschiebung und Verengung des Korridors Legion. Immer schon und überall. Was keine Entschuldigung ist. Wir reden von der Architektur der Normalität. Wo es lang geht.
Bleiben wir bei der Neuen Rechten; MAGA als Exempel. Wenn auf dem rechten Bein Hurra geschrien wird, dann ist das „freedom of speech“; bei Widerspruch dazu handelt es sich um üble Propaganda. Es lügt die Systempresse. Selbst in meinem Vaterland wird neuerdings die Beleidigung eines Politikers härter geahndet als die eines normalen Bürgers; ein rechtspolitischer Skandal.
Der Korridor wird enger und enthält Kurven wie Falltüren. Gessler Hüte müssen an jeder Ecke gegrüßt werden. Meiner Meinung nach.
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REMIGRATION.
Am Herbsthimmel sehe ich die ersten Schwärme von Zugvögeln auf ihrem Weg nach Afrika, den erkaltenden Gefilden entfliehend. Es ereilt sie die Zugunruhe, die angeboren, da nahrhafte Insekten winters hier selten. Man hängt das Herz an ihre Rückkehr.
Wer das für ein politisches Exempel hält, hat schon als Vogelkundler versagt; als Bürger sowieso. Denn der Piepmatz geht nicht ins Exil, wenn er vor der kargen Zeit flieht; er geht nach Hause. Die eigentliche Leistung der Evolution besteht nämlich in der Besiedlung des unwirtlichen Nordens, jedenfalls für die Sommermonate. Wer es hier ausgehalten hatte, durfte zur Erholung zurück.
Das Paradies ist keine deutsche Gegend. Wir hier waren die Barbaren, denen die Südländer die Kultur brachten; nicht umgekehrt. Das gilt in jüngerer Vergangenheit (für die Römer und den Limes) und für die fernere, da der Homo Sapiens aus Afrika einwanderte und den Neandertaler kultivierte.
Als regressiv gilt die Wandlung der Zugvögel zu Standvögeln, die bleiben, weil ihnen die großen Städte durchgängig Nahrung bieten. Oder Müllkippen auf halbem Weg. Keine kulinarische Errungenschaft; sie teilen sich diesen winterlichen Speisezettel mit den Ratten.
Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n —
Wohl dem‚ der jetzt noch — Heimat hat!
Nun stehst du starr‚
Schaust rückwärts ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt — entflohn?
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DAS NARRA TIEF.
Es feiern die Frohnaturen. Heute ist Schwerdonnerstag, auch Weiberfastnacht genannt. Im Rheinland schneiden jecke Frauen mit Scheren den Männern die Schlipse ab, was als Akt der Emanzipation gilt; das ist Latein und heißt „Aus der Hand nehmen“, gemeint ist die Macht. Für einen Tag stürmen kostümierte Damen am Schmotzigen Donnerstag symbolisch die Rathäuser in Städten des Karnevals. Die sinnbildlich kastrierten und damit abgesetzten Herren erhalten als Belohnung keusche Küsse, Bützchen genannt. Man trinkt Killepitsch und Kleiner Feigling.
Die im Brauchtum ausgesetzte Moral der Möhnen hat Ausdruck im Liedgut gefunden: „...du darfst mich lieben für drei tolle Tage, du musst mich küssen, das ist deine Pflicht, du kannst mir alles, alles Schöne sagen, nur nach dem Namen frag mich bitte, bitte nicht.“ Ich bin kein Karnevalist, aber ich verstehe, was Karneval ist. Der regelmäßige Anstieg der Geburtenrate spricht ja auch eine klare Sprache. Die Story ist klar. Und wie jede gute Geschichte hat sie eine lange Tradition, tiefe Sehnsüchte und einen ganz pragmatischen Charme. Der Karneval hat keine Probleme mit seinem Narrativ.
Wer Geschichten erzählen kann, dem wird gedankt, dass die Sache einen Anfang und ein Ende hat, einen Spannungsbogen und mindestens eine großartige Pointe. Man kommt zum Höhepunkt. Auch die Schwätzer nennen das heutzutage ein Narrativ; vom Lateinischen „narrare“, was erzählen können meint. Obacht! Man kennt es von dem elenden Witzeerzähler im Bekanntenkreis: Nicht jeder, der etwas sabbelt, ist deshalb ein guter Erzähler. Ganz im Gegenteil, vieles bleibt banal.
Ich erlebe gestern, wie ein Regionalpolitiker versucht die Identität seiner Region zu beschreiben und dabei mit einem Katalog von Attributen agiert, die abgeschmackte Hochwertvokabeln aus aller Welt paraphrasieren und nichts, aber auch gar nichts von einer tollen Geschichte haben. Gleichwohl nennt er den schalen Nachgeschmack hübscher Worthülsen ein neues Narrativ. Das ist bitter. Es soll zugleich ein altes Narrativ entkräftet werden, das aber, obwohl schon in den Jahren, eine Geschichte erzählt. Dagegen ist die neue Narration leider nicht tief. Kein Narrativ.
Lassen Sie mich die gute Geschichte mit einem tollen Kostüm vergleichen; es gibt sie, wenn auch selten, die tolle Verkleidung. Vieles aber, was die Weiber heute tragen, ist halt nur alberner Driss. Das gleiche gilt für die Büttenredner. Große Erzähler sehr selten. Es ist eine Göttergabe. Wenige haben sie und viele eben nicht. Wo wir gerade über „aus der Hand nehmen“ reden, ich sammle heute Scheren ein; mit mir nicht. Hier wird nicht gebützt. Ich bin keine rheinische Frohnatur.