Logbuch

VOLKSHERRSCHAFT hatte schon immer das begriffliche Problem, sagen zu müssen, dass man nicht jedweden Pöbel meint, sondern etwas Edleres. Der Begriff des Volkes ist eine komplexe Konstruktion; er meint Gemeinwohl, nicht Druck der Straße. Man versucht in der REPRÄSENTATIVEN Demokratie aus dieser Crux herauszukommen. Schwierig jedwedem Mob zu vermitteln, obwohl ja als VOLKESWILLE gedacht. Breite Bereitschaft zur Irrationalität jetzt gerade auf den Straßen Berlins, vieles mit mundartlicher Färbung und esoterischem Nimbus.

Logbuch

MASSENPSYCHOLOGIE beginnt als „Wissenschaft“ mit dem Sammeln von Belegen dafür, dass es sich immer um eine unberechenbare Ansammlung von Idioten handelt. Das Gründungswerk von LeBon ist eigentlich ein Prospekt der Rezeption (!) von Massen; er zitiert wertende Beschreibungen von Massenphänomenen; es ist keine empirische Sozialforschung, sondern eine Kulturkritik: wie werden in der Literatur Aufstände gesehen und gewertet. Kern ist immer folgendes Paradox: der einzelne Mensch ist vernunftbegabt, die Masse eine hysterische Horde, die sich dem Irrationalen verschrieben hat, dümmer als Tiere. Daraus ziehen die Gründungsväter der PR in den USA (Bernays) die Schlussfolgerung, dass eine Demokratie ohne gewaltige Propaganda nicht auskomme. Anders kriegt man keinen Verstand in die Massen, sagen sie. Tief paradox.

Logbuch

Wer letztens dachte, schwächer als Hillary Clinton kann man in einem Wahlkampf gegen Donald Trump nicht sein, den wird Joe Biden jetzt unangenehm zu überraschen wissen.

Logbuch

AM FETTEN DIENSTAG.

Mardi Gras, das ist heute, der Fette Dienstag. Ab morgen, dem Aschermittwoch, wird vierzig Tage lang gefastet. Erst Ostern geht es wieder rund mit Müßiggang und Völlerei. Bevor wir uns mit Luther beschäftigen, dem feisten und verheirateten Mönch, der alle Regeln zu brechen erlaubte, ein Blick auf die Rituale des Fastens. Die Passionszeit sollte uns vor allem klüger machen. Demut ist angesagt, vor allem für Dicke.

Die Geschichte der Askese ist, typisch für alle moralischen Regime, ein Bilderbogen der Umgehung ihrer eigenen Regeln, also des trickreichen Brechens der Enthaltsamkeit. Im Kloster gibt es Starkbier und fetten Fisch, nur das Fleisch von warmen Tieren ist untersagt. Teigtaschen verbergen die fleischliche Füllung und für Exzesse der Süßigkeit gibt es eine Extrarunde an Bußgebeten. Strittig, ob Kaffee dazugehört, aber den Alkohol, den trifft es fast immer. Bier ist daher den Scheinheiligen nur ein Nahrungsmittel.

Alle Religionen kennen das Fasten als Buße. Ich drehe daher das Argument empirisch: Es gehört offensichtlich zu den tiefsten Erfahrungen, dass gelegentliches Fasten gesund; unterschiedlich sind nur die Rituale. Und auch die abgezählten 40 Tage dienen eher der Sportlichkeit als einer historischen Wahrheit. Fasten ist also archaisch gesund. Wir sind biologisch Mangelwesen, die im ununterbrochenen Überfluss gesundheitlich verkommen. Adipositas ist die neue Volkskrankheit, erlernter Diabetes die kulturelle Folge, Disziplinmangel die Ursache.

Es geht nicht um Fett, es geht im Kern um den Heileffekt der Askese. Luther dereguliert daher alles: „Ich will jetzt davon schweigen, dass manche so fasten, dass sie sich dennoch vollsaufen; dass manche so reichlich mit Fischen und anderen Speisen fasten, dass sie mit Fleisch, Eiern und Butter dem Fasten viel näher kämen. Wenn nun jemand fände, dass auf Fische hin sich mehr Mutwillen regte in seinem Fleisch als auf Eier und Fleisch hin, so soll er Fleisch und nicht Eier essen. Andererseits, wenn er fände, dass ihm vom Fasten der Kopf wüst und toll oder der Leib und der Magen verderbt würde, so soll er das Fasten ganz gehen lassen und essen, schlafen, müßig gehen, so viel ihm zur Gesundheit nötig ist.“

Was also bleibt? Mir leuchtet der Ramadan ein, obwohl ich vom Islam nichts verstehe oder wissen will. Aber auch Philip, der Gatte von Elisabeth der Zweiten, hatte den Rat des Ramadan als eine weltlichere Regel: Man isst und trinkt nur ein Mal am Tag („high tea“); zwischendurch ist Tee erlaubt oder Kaffee, aber stets ohne Gin oder Rum, Milch oder Zucker. Die Prinz-Philip-Diät. Hier mein Beschluss zum Mardi Gras: Ab morgen Prinz Philip. Vielleicht schon ab heute. Ostern habe ich dann voll das Seelenheil, Alta.