Logbuch
VERLEGER MACHT.
Die Pressefreiheit hat einen Feind, den Verleger. Lehrsatz. Ist von mir und trotzdem richtig.
Ich kannte noch Axel Cäsar Springer persönlich, habe mit Rudolf Augstein geredet und Henri Nannen erlebt, ich traf den alten Maxwell, von dessen Tochter heute oft gesprochen wird, schätze Bodo Hombach, all diese als Verleger wahrgenommen. Ein Herausgeber oder gar ein Verleger ist der BESITZER eines Mediums, eine okkultere Macht als die der griffelspitzenden REDAKTEURE. Traditionell hielt sich der Verleger eine Redaktion, die nichts von ihm hielt, aber gehorchte, wenn auch widerwillig. Weiterer Kernsatz.
Unter den Wahlkampfmanagern der damaligen Ära genossen Kultstatus die PR-Leute von Bill Clinton in den USA und Tony Blair in England; sie nannten sich „spin doctor“ und „prince of darkness“. Ich besuchte sie alle und schaute mir ab, wie sie auch nur mit Wasser kochten. Heute gilt ihr Ruhm als vollständig beendet. Aber ich erinnere einen Satz, eine Anweisung, die damals als besonders rigoros galt. TALK TO THE PROPRIETOR. Rede nicht, Du Idiot, mit Redakteuren, irgendwelchen Griffelspitzern. Rede gleich mit den Besitzern. Man sollte die elende Redaktion verachten und beim Verleger selbst böse drohen oder bei ihm auf brav speichellecken. Meist das zweite.
Verlegermacht. Die war groß, als noch Papier bedruckt wurde; die ist um ein Vielfaches größer, seit es das Internet und die dahinterstehende Industrie gibt. Elon Musk, der Besitzer der Plattform X, hat gerade 230 Millionen Leser, die sich hier „follower“, also Gefolgschaft, nennen. Damit ich in seinem Universum nicht gänzlich untergehe, zahle ich als kleiner Kunde gern gut 30 Ocken im Monat und erhalte dafür einen blauen Haken; ich habe mittlerweile 15.000 mal was auf X gesagt und insgesamt 2000 Glossen geschrieben. Alles peanuts verglichen mit 230 Millionen. Das ist Auflage! So geht Reichweite!
Jetzt zur Verlegermacht, wenn der Verleger was macht. Zu vielen Themen gibt es in der digitalen Welt eine Meinung vom Boss. Kurz und knapp. Manchmal pointiert, gelegentlich noch im Jargon der netzaffinen Subkultur und oft politisch allozierbar. In welche Rolle bringt uns das, die Griffelspitzer aus Journalismus und PR? Nun, Schweigen reicht nicht, oder? Man lese das Jahresendstück von Kerstin Loehr in der Braunschweiger Zeitung. Mehr sage ich nicht, weil ich als alter PR-Mann keine junge Journalistin lobe.
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WETTKAMPF.
Zweiter Weihnachtstag, Zeit die süßlichen Gefühle der Harmonie wieder beiseite zu schieben und das Leben so zu sehen, wie es ist. Das Leben ist kein Krippenspiel. Ich meine, wie gehen jetzt zügig auf Silvester zu; die guten Vorsätze für das Neue Jahr sind zu formulieren. Wenn das was geben soll, darf man nicht auf IDYLLE setzen, auf HARMONIE und EWIGEN FRIEDEN. Der Engländer nennt solche trügerischen Schwärmereien „pie in the sky“. Man schließe die Weihnachtsbäckerei. Jetzt ist bald wieder das harte Brot des Lebens zu beißen. Wehe, wer dann zahnlos.
Zeit für Philosophisches. Dies ist eine Einladung, grundsätzlich zu werden. Was ist die Grundform wünschenswerten Lebens? Die Alten Griechen haben dafür zwei Begriffe, die wir wiederbeleben wollen. Sie lauten THYMOS & AGON. Beginnen wir mit dem ersten, der Zorn bedeutet und das Gegenteil ist von Eros, der lieblichen Liebelei. Der griechische Held ist nicht sentimental und blöd vor Glück; er ist thymotisch, sprich zunächst einmal zornig. Dieser Zorn auf Ungerechtigkeiten lässt den Knaben zum Mann, das Dirndel zur Frau werden und beide Abenteuer bestehen. So gestaltet Odysseus seine Odyssee. So schreit die Gebärende und bringt das große Glück in die Welt. Das ist das eine, unser Wille zur Selbstbehauptung. Arbeit ist nichts anderes als der Zorn über die Unzulänglichkeit der Natur.
Das andere ist der WETTKAMPF, das faire Kräftemessen. Der Grieche Homer spricht von AGON, dem friedlichen Miteinander in Rivalität und Konkurrenz. Homer lobt das Agonische. So erhalten sich die Herden freier Tiere, in denen die Hirsche balzen, so finden Olympiaden statt und Sängerfeste. Man muss das Agonische von einer einzelnen Fehldeutung der Moderne befreien; nämlich der Vorstellung eines Todeskampfes namens Agonie. Eigentlich und wesentlich ist das Agonische unsere Freude an der Auseinandersetzung, natürlich mit dem ungebrochenen Sportsgeist, dass der bessere gewinnen möge. Im Wettkampf gestalten wir Fortschritt. Man sollte stärker, schöner, schlauer sein wollen.
Ich gebe zu, dass hier ein wenig das Geschichtsverständnis des Bärtigen aus Trier mitschwingt, nach dem jede Geschichte die Geschichte von Klassenkämpfen ist. Das ist etwas grobschlächtig gedacht. Aber es zerreißt die Fehlannahme von einer Historie harmonischer Hegemonie irgendwelcher Zeitgeister der trügerischen Idylle. Der Hegemon ist immer nur der vorübergehende Sieger eines Wettkampfes. Im mangelnden Zorn und dem fehlenden Wettbewerb liegt deshalb kein Segen. Seien wir sportlich, bereit zum Wettkampf und der Siegerehrung. Bis zur nächsten Balz. Neues Spiel, neues Glück. Gelobt sei das Agonische.
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WO DIE REISE HINGEHT.
Als ich noch Sprecher eines Autobauers war, habe ich gelegentlich die flapsige Bemerkung bemüht, dass ich kein „car guy“ sei, da ich keine Ahnung von Autos habe. Als mein damaliger Chef, ein Genie von Konstrukteur, das zufällig hörte, stimmte er zu. Mein Spruch war ironisch gemeint, seiner nicht.
Das gesagt habend, melde ich mich in der Debatte um Batterieautos zu Wort. Es geht mir dabei nicht um das Antriebsaggregat, den Motor, sondern die Steuerung der ganzen Schüssel. Wenn ich einsteige und dem Navi sage, wo ich hinwill, leitet es mich als Fahrer an; kein Wunderwerk der Technik mehr; jedenfalls meistens. Aus einer physikalischen Veranstaltung wird zunehmend eine kybernetische. Assistenzsysteme helfen dem Fahrer.
Deshalb ist es korrekt von dem Entwicklungsziel des AUTOMATISCHEN Fahrens zu reden, vielleicht sogar des vollautomatischen. Der amerikanische Hersteller spricht aber von AUTONOMEM Fahren; das heißt selbstständig und eigengesetzlich. Und das ist keine Großmäuligkeit, wie wir sie aus der Werbung kennen. Ich habe Erfahrung mit dem Jargon der kalifornischen Tech-Kultur; die sind ganz und gar ironiefrei. Auch wenn es irre klingt, die meinen, was sie sagen.
Was hier erstrebt wird und am Auto erprobt, das ist nicht mehr nur AI (artificial intelligence), also eine hilfsweise Nachbildung menschlicher Kombinationsgabe. Wir wissen, dass Fahrer:innen wunderbare Wesen, denen es nun mal nicht gegeben ist, rückwärts in eine enge Parklücke einzuparken. Dazu braucht die Künstliche Intelligenz nicht viel: Rupp zupp ist die Schüssel eingeparkt.
Ich bin in einem Alter, in dem man schon mal vergisst, wo man am Vorabend, obwohl stocknüchtern, die Karre abgestellt hat. Das kümmert den Tesla nicht. Ich rufe ihn per Handy und rupp zupp fährt er vor; leer und automatisch (nicht: autonom). Wo wollen die IT-Ingenieure des Wunderautos hin? Das ist meine Weihnachtsbotschaft. Das Entwicklungsziel ist AGI, kurz für Artificial General Intelligence; das menschliche Gehirn insgesamt soll nachgebaut werden. Nicht nur einzelne Funktionen sollen möglich sein, sondern menschliches Denkvermögen überhaupt.
Dafür wäre dann das Wort von der AUTONOMIE angebracht. Die Karre ist dann intelligenter als der Fahrer. Was heute bei Berliner Taxifahrern schon die Regel, gälte dann für alle batteriebetriebenen Schüsseln. Das Auto denkt selbst und eigengesetzlich, auch eigenverantwortlich. Die dazu nötige Rechenleistung ist so hoch, dass ich sie zentral verwalten muss, aber das ist ja heute schon so, dass der Teslalümmel bei jedem Scheiß automatisch im Kalifornischen nachfragt; das ist nämlich, wo dann die AUTONOMIE wohnt.
Bildungsbürgerliche Hausaufgabe: Man lese zum Weihnachtsfrühstück Goethe, Der Zauberlehrling. Vollzug ist zu melden.
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MIT BILDERN LÜGEN.
Was man mit eigenen Augen gesehen hat, im Wortsinn als Augenzeuge, das wird man ja wohl glauben müssen? Nein. Die Geschichte gefälschter Fotografie ist lang. Wir reden vom inneren Widerspruch des Dokumentarischen. Es lügt immer, weil es stets leugnen will, was es wirklich ist, ein gelenkter Blick. Das Dokumentarische ist keine Aussicht durch ein Fenster auf das wirkliche Leben; es immer das Schaufenster eines Ideologen, der eben dies leugnet. Nicht nur im ÖRR, aber auch dort.
Man erinnert noch, wie die alte Propaganda mit der Nagelschere unliebsame Parteigenossen aus den Fotos schnitt; so ließ Stalin den armen Trotzki verschwinden. Jüngst das ZDF mit der unglückseligen Dunja Halali; es wurden gefälschten Filmbeweise gegen die amerikanische Fremdenpolizei als authentisch präsentiert. Obwohl die KI-Kennung noch im Bild, die der Automat automatisch einfügt, wurde eine technisch erzeugte Fälschung als Bildbeweis gesendet. Danach windet das ZDF sich in Notlügen.
Ich halte nichts von diesem Sender, ich halte nichts von dieser Journalistin; mit beiden habe ich schlechte Erfahrungen gemacht. Ich wurde hinter die Fichte geführt, weil man es ideologisch für angebracht hielt. Dabei bediente man sich zweifelhafter Zeugen ausgerechnet aus dem rechtspopulistischen Milieu. Aber sei‘s drum. Jüngst also der gelenkte Blick mit regelrechten Fälschungen. Man halte nicht für eine Panne, was Routine.
Meine Position ist grundsätzlicher. Man kann jedweden dokumentarischen Inszenierungen auch dann nicht trauen, wenn das dazu benutzte Material nicht gefälscht, also nicht ganz anderen Ursprungs oder schlicht eine Simulation der KI. Wer in die Glotze schaut, blickt in ein Schaufenster, das für ihn dekoriert wurde. Gleichzeitig sagt man ihm, dass dies das Leben selbst sei, ein Fenster. Immer und überall. Mit Bildern lügen.
Jede „Schalte“ aus dem Nachrichtenstudio zu einem Korrespondierenden vor Ort ist eine dokumentarische Inszenierung, die einen Augenzeugen vorgaukelt, der Authentisches zu berichten weiß, wo nur ein Würstchen vorträgt, was er im Internet gelesen hat, während er im Hotel an der Bar saß und auf seine Schalte wartete. Gestern verplapperte sich eine Journalistin mit der Einflechtung, ihr werde gerade „auf‘s Ohr gesagt“, dass ihre Zeit um sei. So ist das, den Zeugen vor Ort wird aus Hinterzimmern was auf‘s Ohr gesagt. Dem Lanz auch. Der Miosga allemal.