Logbuch
CLUBHOUSE.
Das ist der neue heiße Scheiss! Über eine App laden sich die wirklich Wichtigen zu Gesprächsrunden. Bin gestern ausgestiegen als Herr Ramelow, der MP aus Thüringen, sich im Kopf und Kragen quatschte. Bleibe für heute beim Altbewährten, der SONNTAGSZEITUNG. Was der Sonntagsbraten für den Magen, ist die Sonntagszeitung fürs Gemüt. Da ist die FRANKFURTER, noch immer gut, aber unterschiedlich in den Ressorts (Geheimtipp: HANKs Kolumne). Da ist wieder interessant die WamS (neuer Chefredakteur, der, als noch bei der SZ, mal ein tolles Portrait über mich geschrieben hat; interessanter Typ). Stark verändert die BamS, einfach ein anderes Blatt als unter Marion Horn und Christian Lindner. Und weil mir das mit den zweieinhalb Blättern zu wenig Papier für einen langen Sonntag unter Ausgangssperre, da habe ich jetzt wieder die SUNDAY TIMES abonniert, zwar von der Vorwoche; es geht mir aber eh um die beiliegenden Magazine. Da fällt mir ein: Marion Horn soll doch jetzt bei der PR-Agentur des unglückseligen Herrn Innacker sein, früher WMP; ob das ein Glücksgriff war? Ich meine, zu Innacker zu gehen. Dessen Umgang beschäftigt die Gazetten. Christian Lindner (ex ChefR der Rheinzeitung) ist jetzt im Friesischen; das war klug, von den Friesen. Und Rainer Hank schreibt seine wunderbaren Stücke aus der Pension. Gossip. Getratsche. Wenn jemand jetzt noch wissen will, wie der Hund heißt und es um die Verdauung steht, und zwar gestammelt im O-Ton, der ist richtig bei CLUBHOUSE. Ich ertrage das Fremdschämen nicht, mein eigenes Schamgefühl über das Dummschwätzen anderer. Wie sie sich wichtig nehmen, den Finger heben, drangenommen werden, um sich zu räuspern und im Banalen verlieren. Oh Mann: Wer nicht klar denkt, redet verworren. Wusste schon Ludwig Wittgenstein, der Bruder des einarmigen Pianisten. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Logbuch
EMANZIPATION.
Sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen, das heißt für bisher Beherrschte, dass sie es jemandem aus der Hand nehmen müssen. Das heißt ja Emanzipation: e-manu-cipere, aus der Hand nehmen. Der Sklave nimmt sein Leben aus der Hand des Sklavenhalters. In die eigene. Die beherrschte Frau nimmt ihr Schicksal aus der Hand des Patriarchen. Das Kind wird erwachsen; Vatershand leer. Ich erinnere mich noch, wer mir die Wortbedeutung so erklärt hat. Eine großbürgerlich gestimmte Professorin, die selbstbewusst wie Hannah Ahrend Zigaretten rauchte, und die Kippen ihren verschüchterten Studenten in der Sprechstunde anbot. Da saß ich Würstchen vor ihrem Schreibtisch und hätte ihr im Gegenzug Feuer geben müssen, hatte aber kein Feuerzeug am Mann. Ein peinlicher Moment, an den ich bis heute denke. Ich erwies mich als dummer Junge. Protokollarisch versagt, der Student aus kleinen Verhältnissen. Eine soziale Frage. Aber natürlich auch eine ideologische. Lady in black. Die Dame erklärte jedwede Emanzipation für Unsinn, da sie selbst ja keiner bedürfe. Das hatte etwas von dem „Warum isst das Volk, wenn es kein Brot hat, nicht Kuchen?“ Dabei geht es nicht so sehr um rechts oder links (im politischen Sinne). Es geht um oben und unten (im sozialen). Vor allem aber um öffnen oder schließen (im kulturellen). Es geht um REAKTIONÄRES. Denn überhaupt wird die Zukunftsfrage sich daran entschieden haben, ob man weiter öffnen will oder wieder verschließen. Will man die Dinge zurückdrehen oder sich entwickeln lassen? Emanzipation wieder aufheben oder entfalten? Das ist es, was jetzt in Großbritannien geschieht: Reaktion! Die Dinge zurückdrehen. Eine herrschende Klasse hätte es gern wieder kommod. Der Fisch schmeckt besser, sagt der Lord im Unterhaus, seitdem er nicht mehr europäisch sei, sondern wieder britisch. Das ist es, was in Polen die Konservativen an dem Recht auf die Straffreiheit der Abtreibung stört. Oder die ungarischen Oligarchen an liberalen Hochschulen. Oder die Hinterwäldler des Donald Trump, wenn sie von der WEISSEN ÜBERLEGENGEIT spinnen. Was diskutieren da die Bewohner der britischen Kronkolonie Hong Kong mit „Mainland China“? Sie diskutieren darüber, was eine Volks-Republik eigentlich meint. Fundamentale Frage: Treiben wir die Liberalisierung weiter oder brauchen wir eine Rückabwicklung? Das hat schon ein wenig von der Alternative „Revolution vs Reaktion“, aber dazu ist es eigentlich noch zu früh, vor dem ersten Kaffee.
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TABU.
Wenn man etwas, das es gibt, im Herzen nicht leugnet, wenn etwas im Hinterkopf rumort, aber man es nicht über die Lippen kommen lässt, weil dann diffuse Strafen drohen, und zwar auch dann, wenn es kein Vergehen gibt, außer dass man das Tabu berührt hat. Wenn das Sprechen sich hütet, ein Aussprechen zu sein. Wohin vagabundierende Moral den Verstand führt, in Sphären jenseits der Vernunft. Gegenaufklärung. Ja, hier und jetzt.
Logbuch
DES SCHUSTERS LEISTEN.
Viele Fragen der Geschichte sind offen, also noch immer Fragen. Dazu gehören Ereignisse während des Ersten Weltkriegs, namentlich ein Völkermord 1915/16. Wie ich jetzt darauf komme? Nun, das liegt an meinem Schuhmacher. Ich trage sogenannte Budapester von Dinkelacker; diese Dinger aus Pferdeleder halten ewig, wenn regelmäßig fachmännisch restauriert. Mein Schuhmacher, den ich kieztypisch für einen Türken und Muslim halte, hat aber, wie ich zufällig sehe, ein Kruzifix in seinem Laden hängen. Ich bin offen mit meinen Berliner Nachbarn und spreche ihn darauf an.
Der Mann ist Armenier und Christ. Er nennt mir Noah als einen seiner Urväter. Und ehrt das Kreuz. Man habe im Ersten Weltkrieg ein oder zwei Millionen seiner Landsleute und Glaubensbrüder abgeschlachtet. Anlass genug im türkischen Café an der Ecke im Internet zu stöbern. Die aktuelle Regierung des Osmanischen Reichs legt Wert darauf, dass diese Ereignisse zwischen Vierzehn und Achtzehn kein Völkermord ihrerseits gewesen seien. Solche historische Semantik zur nachträglichen politischen Entlastung interessiert mich nicht.
Spannend ist die damalige zeitgenössische Reaktion in meinem Vaterland. Die frühen Faschisten, auch der junge Herr Hitler, sind angesichts der Massentötungen im Vorderen Orient begeistert. Das Abschlachten erscheint den frühen Hitlerjungs 1916 folgende als fabelhaftes Beispiel dafür, wie man ein Volk säubern könne. Da ist sie, die Innere Soziologie des Faschismus, eine Dreirassengesellschaft. Zu denken wie eine Zwiebel. Oben wenige politische Reinrassige, die einen Führerstaat verdient haben, respektive dieser sie. In der Mitte die trägen Massen, die heute dem und morgen jenem folgen. Unten der Outcast, Fremde, Kriminelle, Kranke; sie gilt es zu tilgen. Hitler denkt so. Und wir wissen, dass er später auch so handelte. Mit breiter Zustimmung aus der Mitte der Masse.
Was bringt diese Leitvorstellung der Säuberung in die Köpfe? Schon das Wort. Die Vorstellung also, Fremdes tilgen zu müssen, um das Elend aus der eigenen Welt zu bringen. Ich bin sehr für empirische Sozialwissenschaften, man soll also schon ganz genau hinsehen; aber dieser Wahn von anderen Menschen als Schmutz, der scheint mir archaisch. Wäre ich religiös, was ich entschieden nicht bin, würde ich finden, dass es das Böse gibt in der Welt. Eben in diesem Willen zur Säuberung. Hände weg von meinem Freund, dem Schuster.