Logbuch

LINKE LEERE.

Diskussionen an der Basis; für Experten des Parteilebens: im Ortsverein. Ich spreche Reizthemen an und ernte fast reflexhaft Antworten. Weise, wer sich dann nicht zerstreitet, sondern einfach still lernt, was die Leute so beschäftigt. Auch bei größeren Dummheiten noch zuhören können, das setzt eine Gemütsruhe voraus, zu der ich mich zwingen muss.

Die kompetenteren Beobachter äußern nicht nur das übliche Knurren aus dem Parteimagen, sondern feinere Reaktionen zur Lage der politischen Klasse. Verstört reagiert man hier darauf, dass die Brandmauer dazu führt, dass das Führungspersonal der SPD, trotz massiver Verluste bei der jüngsten Wahl, doch wieder bestallt ist. Fast eine Rolle wie früher bei der FDP, dann bei den Grünen: notorische Mehrheitsbeschaffer. Es ist klar, wie das die Spitzenfunktionäre in Lohn und Brot hält, aber wohl auch, welche politische Leere genau das in die Mitgliedschaft bringt.

Um mal zu testen, wie dünn das Eis ist, spreche ich mich gegen Erbschaftssteuer aus und nenne das Erben eine innerfamiliäre Angelegenheit, bei der der Staat sein Recht verloren habe, da Doppelbesteuerung ein Unding. Da ist der antikapitalistische Impuls aber stark; man zürnt gegen Milliardäre, die so immer reicher würden. Ich habe nicht mehr den Raum zu erklären, dass hiermit Mittelstand das Leben schwer gemacht wird, während die wirklich Reichen ihr Vermögen längst in Stiftungen organisiert haben.

Richtig ab geht die Post aber erst, als ich mich gegen die Zuckersteuer ausspreche. In der Hitze der Debatte erwische ich mich dann bei der Zuspitzung, dass derjenige, der den Menschen auch noch ihr Süßes vergälle, bald einstellig sei. Ich sage, Zwangsernährung sei kein politisch kluges Konzept! Das verstehen sie in der ehemaligen Volkspartei. Und zürnen mit mir. Der Moderator des Abends regelt das auf seine Weise, mit Entzug der Redezeit und der Ankündigung, dass er diesen Quatsch nicht mit in den Zeitungsbericht nehme, den er für die regionale Presse schreiben werde.

Wir leben auf dem Land in einer Zwischenzeit. Noch trifft man sich in Hinterzimmern von Kneipen, der Lokalpresse diktiert man in den Block und die „unsozialen Medien“, sprich das Internet, hält man für einen überflüssigen Tand. Bis auf einen einzelnen Juso sind alle Menschen im Raum im Rentenalter. Derweil akquiriert die AfD auf TikTok die Jugend.

Übrigens war der Termin im Saal der Dorfkneipe, in dem ansonsten die Beerdigungsfeiern sind. Mehr passiert hier nicht mehr. Passt.

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BETTENBURGEN.

Selten ist die Übersetzung eines Titels besser als das Original, aber bei Arthur Millers „Death of a Salesman“ müssen wir das feststellen. Er lautet im Deutschen „Tod eines Handlungsreisenden“. Das war mal ein gängiger Begriff, der Reisende, für den Außendienst von Unternehmen. Vertreter. Eine Klasse der Entwurzelten, die ihre Nächte in traurigen Hotels verbringt, allein, einsam und zu Tode gelangweilt. Tragische Figuren in abgerockten Bettenburgen, deren Niedergang ihren eigenen spiegeln.

Jüngst habe ich am Niederrhein und im Harz drei dieser Hotelherbergen erleben müssen, die das strukturelle Elend ihrer mittelmäßigen Existenz mit dem Titel eines Romantikhotels tarnen. Das wirklich Ärgerliche dieser traurigen Tagungshotels ist, dass sie für die Piefigkeit noch richtig Geld nehmen. Man merkt schon, ich bin als Handlungsreisender ein wirklicher Fan von „Motel One“, der Kette mit dem radikal reduzierten Angebot und sehr günstigen Preisen. Hier gibt es keine Minibar auf dem Zimmer, aber die große Lounge steht 24 Stunden am Tag unter Service. Immer. In den Selbstmörderschuppen ist der Kühlschrank auf dem Zimmer leer und in der Restauration um 20.30 Uhr Feierabend. Im Keller steht ein Automat.

Jetzt zum jüngsten Vorfall. Auf der Karte des inhabergeführten Hotelrestaurants steht ein Chateaubriand, und zwar „ab zwei Personen“ zum stolzen Preis von gut 100 €; das soll sein, wenn die Berner Soße dazu frisch, die Pommes heiß und das Gemüse knackig. Fragt der Kellner meinen Gast, der das Gericht für uns beide wählt, ob er das gut ein Pfund schwere Bratenstück am Tisch aufgeschnitten haben möchte. Denn werde ein Tranchieraufschlag von 7 Euro 50 pro Gast fällig. Steht auch so in der Karte, sagt er patzig. Mein Gast errötet und fragt, ob wir uns das Fleisch stattdessen mit dem Taschenmesser teilen sollen; seine Gattin kichert verlegen.

Und so kommt das Filet am Stück aus der Küche und wird am Tisch zerteil, was bei zwei Personen hinterher tatsächlich mit 15 € auf der Rechnung steht. Das Tranchieren kostet hier eben. Dazu gab es Kroketten aus der Fritöse und verkochtes Gemüse aus dem Bofrostbeutel. Alta Schwede.

Der Niedergang dieser Provinzschuppen wird mit dem jetzigen Publikum kommen, das gute achtzig Jahre alt ist, denke ich. Das stirbt sich weg. Dabei bemerke ich, dass ich bereits jetzt in einem Altenheim sitze. Schlecht betreutes Wohnen für Vertreter und Rentner. Die nächste Nutzung wird durch Asylbewerber anstehen. Wenig romantisch. Ich bestelle einen Schnaps.

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HORROR HARZ.

Die dunklen Tannen ragen nicht mehr.

Man kann keine Harzreise unternehmen als Mensch der Literatur ohne an Heinrich Heine zu denken, der satirisch eine falsche Idylle beschrieb zwischen der Natur des Wandersmanns und dem örtlichen Montanwesen. Jetzt aber sehe ich, von Bad Harzburg nach Braunlage aufsteigend, zum ersten Mal völlig kahle Wälder, die diesen Namen nicht mehr verdienen. Bizarre Verödung mit nur noch einzelnen Baumleichen. Hiroshima am Morgen danach.

Es sind Monokulturen billiger Nadelgehölze, die die Dürre und der Borkenkäfer so zugerichtet haben, als habe eine Feuersbrunst getobt. Was übrig blieb, scheint gar nichts mehr wert zu sein; jedenfalls ist keine Forstwirtschaft erkennbar. Dystopie wie nie. Harzburger Model. Hier am Ort war früher die Akademie für Führungskräfte in der Wirtschaft. Wer in der Industrie aufsteigen wollte, hatte hier seine Meriten zu erwerben. Man musste nicht notwendig in das ehemalige Weltbad an der Oker. Es gab schon Fernstudien mittels Papier und Post. Jedenfalls wurde vom Harzburger Modell mit einer gewissen Achtung gesprochen. Na ja, es gab ja auch etwas zu rehabilitieren beim Thema Führung und Führer. Heute plappern sie wieder von „leadership“, die Damen und Herren Vorgesetzten.

Wäre ich Heine, würde ich jetzt beide Welten vergleichen und mir Spitzen zur Führungskultur erlauben. Bin aber kein Herzensdichter wie Heine; gehöre zu den glatten Herren.

„Schwarze Röcke, seidne Strümpfe,
Weiße, höfliche Manschetten,
Sanfte Reden, Embrassieren -
Ach, wenn sie nur Herzen hätten!

Herzen in der Brust, und Liebe,
Warme Liebe in dem Herzen -
Ach, mich tötet ihr Gesinge
Von erlognen Liebesschmerzen.

Auf die Berge will ich steigen,
Wo die frommen Hütten stehen,
Wo die Brust sich frei erschließet,
Und die freien Lüfte wehen.

Auf die Berge will ich steigen,
Wo die dunkeln Tannen ragen,
Bäche rauschen, Vögel singen,
Und die stolzen Wolken jagen.

Lebet wohl, ihr glatten Säle!
Glatte Herren, glatte Frauen!
Auf die Berge will ich steigen,
Lachend auf euch niederschauen.“

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DER EWIGE PAUKER.

Nur wer eine wirkliche Ausbildung als Pauker genossen hat, weiß wie so ein mustergültiger Lernprozess abzulaufen hat, nämlich wie geschmiert. Die Infanten müssen selbst drauf kommen. Man erwirbt den Titel eines Assessors in einer knapp zweijährigen Ausbildung unter anderem durch sogenannte Vorführstunden, die von einem Fachleiter im Range eines Studiendirektors besucht werden, der sich hinten in die Klasse setzt und hinterher rummeckert.

Vor genau 49 Jahren habe ich in der Jahrgangsstufe 9 eine Vorführstunde im Fach „Politik“ hingelegt, die so gut klappte, dass ich sie bis heute erinnere. Ich habe in die Fratzen der Fünfzehnjährigen ein Staunen gezaubert, das zu höherer Kenntnis führte, was bei Pubertanten nicht oft gelingt. Ich projizierte mit dem Overheadprojektor eine Weltkarte auf die Leinwand, die den Vorderen Orient zeigte und die Routen der Öltanker. Das Material hatte ich von Esso. Ich musste die Bande nicht mal an den Ohren ziehen.

Selbst die nicht ganz so Hellen sahen, dass der Herrgott gleich zwei fundamentale Fehler gemacht hatte. Einmal war es unsinnig, das Öl dort zu vergraben, wo es kein Schwein brauchte, in der Wüste. Der zweite Fehler war die Meerenge, die sich Straße von Hormus nennt. Ein Viertel der Weltproduktion musste durch dieses Nadelöhr. Das fand die 9a, die ich zu unterrichten hatte, nicht schlau vom Herrgott. Was ich wiederum schlau von der 9a fand.

Zehn Jahre später war ich Pressechef von Aral und lernte, wie sich die Tankstellenpreise bilden. Der aktuelle Benzinpreis richtet sich nach den Wiederbeschaffungskosten am Spotmarkt cif ARA (coast insurance freight Amsterdam Rotterdam Antwerpen), tagesaktuell abzulesen im „Europe Oil Telegram“ von Dieter Gripp. Der Einzelhandel reflektiert nicht seine tatsächlichen Kosten, sondern nur den Börsenwert, auch dann, wenn viel billiger eingekauft wurde. Die wirkliche ökonomische Logik liegt in den unterschiedlichen Anpassungszeiten; nach oben geht es sofort, wieder runter eher gemächlich, weil der Wettbewerb das irgendwann erzwingt. Das kapiert nicht jeder.

Warum lagert niemand Gas ein, obwohl der Gaspreis am Ölpreis hängt? Das ist für Klasse 9 zu schwer; das kriegen wir daher erst später. Ich selbst war erst nach weiteren zehn Jahren bei der Ruhrgas AG, also vor drei Jahrzehnten. Damals kauften wir Erdgas in Holland, in Norwegen und in Russland und hielten die drei in einer schlauen Balance; den Preis hatte man ans Heizöl gekoppelt, weil das ja das Substitut im Wärmemarkt war. Ich könnte das alles erklären, weil ich gelernter Pauker bin. Aber ich bin nicht sicher, ob das so geschmeidig geht wie vor 50 Jahren. Die sprichwörtliche Gas-Käthe könnte mir aber helfen.

Will sagen, ich habe berechtigte Vermutungen zu den Kriegsgründen, die nicht allein der aktuellen Tagespolitik zuzurechnen sind, sondern grundsätzlicheren Sachverhalten. Aber ich bin kein Pauker mehr und halte die Klappe. Meine damalige 9a dürfte gerade in Rente gehen. Da ziehe ich niemanden mehr an den Ohren. Es grüßt seine ehemaligen Schüler altersmilde der ewige Pauker.