Logbuch
FRIENDS OF FAIRPLAY.
Wir erleben einen Aufstieg der Neuen Rechten, die alles Liberale verachtet. Eine politische Frustration greift um sich, in dem das Autoritäre in den politischen Extremen links wie rechts als erstrebenswerte Lösung erscheint. Ursache ist das schwelende Gefühl, fehlender Gerechtigkeit. Insbesondere Veränderungsverlierer beklagen das. Dabei sind Diskussionen um GERECHTIGKEIT schwierig; schon der Begriff schwimmt; er schillert. Wenn er aber als Idee leiten soll, wird man ihn festklopfen müssen.
Was ist soziale Gerechtigkeit? Auch wenn wir alle ein Bauchgefühl teilen, was nun ganz und gar nicht gerecht, stoßen sich die Dinge hart im politischen Raum. Da ist man schnell mit Umverteilung bei der Hand. Zur Inflation der Mieten fällt der Linken Vergesellschaftung ein, sprich Enteignung der Konzerne. Da das Geld dafür fehlt und die Gulags geschlossen, stellt sich die Frage, wie das dann wohl gehen soll. Es gewinnt Wahlen, wer die Frage möglichst polemisch stellen kann. Lösungen erst später, sprich nie.
Was ist moralische Gerechtigkeit? Vielen gilt hier die eigentlich religiöse Vorstellung einer ausgleichenden Gerechtigkeit als Leitbild. Übrigens oft die Hintergrundidee, wenn anständige Menschen Versicherungsbetrug begehen. Wenn einem unschuldig ein Unglück geschehen, dann sollen sich doch die Bonzen in den Wolkenkratzern nicht so anstellen und zahlen. Man fühlt sich zu Leistungen berechtigt, auch wenn man mal fünf gerade sein lassen muss.
Was ist mit juristischer Gerechtigkeit? Etwa in dem sozialen Institut der Chancengerechtigkeit? Ist das dann Gleichheit? Auch hier Frust. Vor Gericht bekommt man immer nur ein Urteil, nie wirklich Recht. Staatliche Organisationen leiden unter dem Verlust schwindender Anerkennung, je größer desto gravierender. Etwa die Verwirklichung der wunderbaren Idee einer Europäischen Einigung in dem bürokratischen Moloch der EU. Übrigens ist auch die Verteufelung von Fremden als Sache der Gerechtigkeit verbrämt.
Wo ist das Licht am Ende des Tunnels? Vielleicht im Sport. Was ist die sportliche Gerechtigkeit? Dass der Bessere gewinnen möge. Vor allem aber, dass dabei die Regeln eingehalten werden. Regelbasiertes Zusammenwirken. Bei Foul wird gepfiffen. Dass man sich nach gewonnenem oder verlorenem Spiel wieder die Hand reicht. Im Englischen heißt das FAIR PLAY. Eine Idee, die jeder versteht. Hier liegt ihre Chance.
Was ist FairPlay? Das wäre eine Debatte, die des Schweißes der Edlen wert: Was erscheint uns als fair und was eben nicht. Eine Einladung zum Diskurs. In ein liberales Klima. Und eine verständige Politik. Das ist übrigens, was der alte Habermas als eine deliberative Demokratie beschrieben hat: Lasst uns darüber ohne Gewalt vernünftig verhandeln, was fair. Friends of FairPlay.
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FRAGE: KOCH ODER KELLNER.
Was ist eigentlich passiert, dass uns das Kochen der Köche zum Symbol der Welt wurde? Zum Übungsfeld der Weltverbesserung? Vielleicht lag es an diesem fluchenden Engländer, der vor den Kameras in seiner Küche das F-Wort zur stehenden Redewendung machte, während er seine Kollegen wie ein Bataillon von Strafgefangenen behandelte? Die im Französischen geprägte paramilitärische Struktur der Küchenbrigade mag dabei geholfen haben. Eine Horde von weißgekleideten Sklaven brüllte nach Annoncieren der Speisen „Yes, chef!“ als ginge es um Leben und Tod, wo doch nur Fisch und Fleisch zuzubereiten waren. Meist nur Pizza und Pasta.
Der ungehobelte Engländer führte dann Amerikaner vor, die nur kochen können, wo noch die erste Generation der Einwanderer am Wok steht. Danach hatte die Lebensmittelindustrie das Sagen, die mittels Tiefkühlkette und Mikrowelle den einst edlen Beruf des Kochs zur Hilfsarbeiterfunktion degradierte. Ich wundere mich nicht, dass in der Küche von Burger King an der Fritteuse ein Warnschild hängt, das davon abrät in das sprudelnde Fett mit bloßen Händen zu greifen. Der Hamburger hat seinen weltweiten Siegeszug antreten können, weil der Verzehr ohne Besteck möglich, was wiederum dem geringen Geschick der Hungrigen entgegenkommt, denen asiatische Stäbchen ein Mysterium und Messer&Gabel geradezu gefährlich.
Im deutschen Fernsehen wurde über einen Sternekoch aus dem Revier die Küchenberatung endgültig zu einer sozialpädagogischen Veranstaltung peinlichster Art. Ungelenke Laien fanden sich im Reality TV vorgeführt. Dem Publikum wurde ein Ergötzen am Beschämen der Dilettanten gewährt. Aber der Kern des Problems liegt in der Entprofessionalisierung des Berufs der Hausfrau. Früher, als die Welt noch nicht in Ordnung, musste die heiratswillige Tochter bei der Frau Mama das Kochen lernen; man stand ja, wenn unter der Haube, als Mutter später am Herd. Das ist das erste Defizit, die Emanzipation. Das zweite ist die Exotierung der Gerichte.
Hausmannskost hatte plötzlich ausgedient; es wurden Dinge nachgekocht, die man aus dem Urlaub kannte oder den Garküchen der Migranten. Ich erinnere mich noch gut über das Staunen, dass Chinesen auslösten oder der Balkangrill des Jugoslawen. Man nahm Nummer 94 von der Karte mit dreihundert Gerichten, die aus sechs Zutaten zu fertigen waren. Den Vogel abgeschossen hat die Pseudo-Ethnisierung der italienischen Küche, die aus der Zubereitung von Nudeln eine strafbewehrte Geheimwissenschaft machte. Dabei ist das nun das dämlichste. Nein, keine Sahne an Carbonara.
Die Geheimwissenschaft der Nudelei hat dann der sympathische Jamie Olivier der englischen Hausfrau erklärt, die ansonsten zum Inder ging, der ihr Mulligatawny Soup als Mysterium verkaufte; der Curry-Zauber findiger Pakistani. Jedenfalls erscheint in allen Sozialen die Restaurantküche als Symbol der sozialen Organisation. Ich verrate ein Geheimnis. Es ist nie der Koch, der den Zauber eines Restaurants ausmacht, sondern immer der Kellner. Eine Pizza ist profan, ein Teigfladen mit Essensresten. Aber dazu Eros Ramazotti aus dem Lautsprecher, das macht das Dolcefarniente zum Paradies. Überhaupt Eros Ramazotti, welch eine Marke. Sex und Allohol; was will man mehr.
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DAS PARADOX.
Ich stöbere in einem Roman, der Ende der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts entstanden ist. Der vor den Faschisten aus Berlin geflohene Bertolt Brecht hat ihn im dänischen Exil verfasst. Der Dreigroschenroman sollte das einzige vollendete epische Werk des Stückeschreibers bleiben. Dort gibt es neben dem schneidigen Mackie Messer und der lüsternen Polly Peachum einen Namensvetter von mir, was mir schon manchen Spott eingetragen hat, der Makler Coax.
Tatsächlich erinnert mich der Coax bei Brecht an unseren Zeitgenossen Friedrich Merz, den Kanzler. Bevor wir in die näheren Gründe einsteigen, der Hinweis, dass ich ihm starke Nerven wünsche und dieser Bundesregierung die Kraft, ihre großen Fehler zu korrigieren, bevor sie damit Alice Weidel an die Macht bringt. Jetzt aber zum Originalton Brecht:
„Es gibt Leute, die die Fähigkeit besitzen, sich in andere überhaupt nicht einfühlen zu können, die von Tatsachen völlig unberührt bleiben und ihre Gedanken ganz und gar ungeniert, ohne jede Rücksicht auf die Umgebung und den Zeitpunkt, aus-sprechen. Solche Männer sind zu Führern geboren.“ Soweit die Lesefrucht. Wie gut ist das denn?
Das Charisma in der Politik, das auch die Stimmen der Stummen bringt, beruht auf einer Paradoxie. Man muss sein, wie die Leute es wollen, und dann doch nicht. Man muss mehr als Mitte. Die Differenzqualität liegt im Mut zur unerwünschten Wahrheit, zur Härte und Konsequenz. Vorausgesetzt das erscheint als Vorangehen. Denn dies ist die Voraussetzung von Gefolgschaft, dass ein Ziel klar und geteilt. Weil immer nur ein gemeinsamer Wahn ist dann Charisma auch so gefährlich. Vernunft sieht anders aus.
Es macht mich im Übrigen nachdenklich, dass die Regentschaft Merkels auf einer sehr niedrigen Wahlbeteiligung beruhte und die Erfolge Weidels auf einer hohen. Wir erleben politische Reaktanz. So formuliert die Schweigende Mehrheit ihr Unwohlsein, das das Unbehagen aufsteigender Heimatlosigkeit ist. Man fühlt sich fremd. Ein Phänomen der nostalgischen Entfremdung von der alten Heimat. Vertriebene.
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DER EWIGE PAUKER.
Nur wer eine wirkliche Ausbildung als Pauker genossen hat, weiß wie so ein mustergültiger Lernprozess abzulaufen hat, nämlich wie geschmiert. Die Infanten müssen selbst drauf kommen. Man erwirbt den Titel eines Assessors in einer knapp zweijährigen Ausbildung unter anderem durch sogenannte Vorführstunden, die von einem Fachleiter im Range eines Studiendirektors besucht werden, der sich hinten in die Klasse setzt und hinterher rummeckert.
Vor genau 49 Jahren habe ich in der Jahrgangsstufe 9 eine Vorführstunde im Fach „Politik“ hingelegt, die so gut klappte, dass ich sie bis heute erinnere. Ich habe in die Fratzen der Fünfzehnjährigen ein Staunen gezaubert, das zu höherer Kenntnis führte, was bei Pubertanten nicht oft gelingt. Ich projizierte mit dem Overheadprojektor eine Weltkarte auf die Leinwand, die den Vorderen Orient zeigte und die Routen der Öltanker. Das Material hatte ich von Esso. Ich musste die Bande nicht mal an den Ohren ziehen.
Selbst die nicht ganz so Hellen sahen, dass der Herrgott gleich zwei fundamentale Fehler gemacht hatte. Einmal war es unsinnig, das Öl dort zu vergraben, wo es kein Schwein brauchte, in der Wüste. Der zweite Fehler war die Meerenge, die sich Straße von Hormus nennt. Ein Viertel der Weltproduktion musste durch dieses Nadelöhr. Das fand die 9a, die ich zu unterrichten hatte, nicht schlau vom Herrgott. Was ich wiederum schlau von der 9a fand.
Zehn Jahre später war ich Pressechef von Aral und lernte, wie sich die Tankstellenpreise bilden. Der aktuelle Benzinpreis richtet sich nach den Wiederbeschaffungskosten am Spotmarkt cif ARA (coast insurance freight Amsterdam Rotterdam Antwerpen), tagesaktuell abzulesen im „Europe Oil Telegram“ von Dieter Gripp. Der Einzelhandel reflektiert nicht seine tatsächlichen Kosten, sondern nur den Börsenwert, auch dann, wenn viel billiger eingekauft wurde. Die wirkliche ökonomische Logik liegt in den unterschiedlichen Anpassungszeiten; nach oben geht es sofort, wieder runter eher gemächlich, weil der Wettbewerb das irgendwann erzwingt. Das kapiert nicht jeder.
Warum lagert niemand Gas ein, obwohl der Gaspreis am Ölpreis hängt? Das ist für Klasse 9 zu schwer; das kriegen wir daher erst später. Ich selbst war erst nach weiteren zehn Jahren bei der Ruhrgas AG, also vor drei Jahrzehnten. Damals kauften wir Erdgas in Holland, in Norwegen und in Russland und hielten die drei in einer schlauen Balance; den Preis hatte man ans Heizöl gekoppelt, weil das ja das Substitut im Wärmemarkt war. Ich könnte das alles erklären, weil ich gelernter Pauker bin. Aber ich bin nicht sicher, ob das so geschmeidig geht wie vor 50 Jahren. Die sprichwörtliche Gas-Käthe könnte mir aber helfen.
Will sagen, ich habe berechtigte Vermutungen zu den Kriegsgründen, die nicht allein der aktuellen Tagespolitik zuzurechnen sind, sondern grundsätzlicheren Sachverhalten. Aber ich bin kein Pauker mehr und halte die Klappe. Meine damalige 9a dürfte gerade in Rente gehen. Da ziehe ich niemanden mehr an den Ohren. Es grüßt seine ehemaligen Schüler altersmilde der ewige Pauker.