Logbuch
Was ist die eigentliche Aufgabe von einem REDENSCHREIBER?
Also so klugen Menschen, die den Mächtigen aufschreiben, was sie sagen sollen. Zum Beispiel URSULA VON DER LEYEN oder MICHEL BARNIER. Nein, nicht die Inhalte; die liefern die Fachabteilungen. Das muss man nur verwursten, also sprechbar machen. Dabei hilft eine gewisse Oberflächlichkeit. Gesundes Halbwissen ist noch immer mindestens doppelt so viel, wie man in eine solche Rede reinkriegt. Da die Fakten stimmen müssen, sollte man sparsam mit ihnen umgehen. Der GHOSTWRITER muss vor allem einen einzigen einprägsamen Satz finden, an den sich jeder erinnern kann. Im Englischen nennt man das „sound bite“ oder „catch phrase“. Das ist leichter gesagt als getan. Der Chefunterhändler der EU, Michel Barnier aus Fronkreisch, sagte gestern: „Ze clock is no longer tickin!“ Na ja, nicht schlecht, aber auch kein Knaller. Unterstellt allerdings, dass eine Terrorbombe zu entschärfen war, was ein schöner Schlag unter die Gürtellinie ist. RÖSCHEN aber, die Frau Doktor aus Hannover, die für Merkel Europa führt, Röschen hatte einen guten GHOSTWRITER. Er schrieb ihr was von SHAKESPEARE rein, aus ROMEO UND JULIA. Achtung: „parting is such a sweet sorrow “. Hammer. Ein Stabreim und ein Oxymoron in einem Satz. Ich bin kein Shakespeare-Übersetzer, aber es müsste etwa so lauten: TRENNEN IST EINE SO TREFFLICHE TRAUER. Oder: süße Sorge. Echt gut. Was habe ich zu meinen Zeiten als Redenschreiber gemacht, wenn mir partout nix einfiel? Ein Goethe-Zitat frei erfunden. Niemand gibt zu, dass er den Faust nicht gelesen hat. Oder einen Allerweltsspruch ins Mittellatein übertragen und ihn Cato dem Älteren zugeschrieben. Merkt auch kein Schwein. Aber einem SCHEIDUNGSWILLIGEN, der raus will, nix wie raus, zur vollzogenen Trennung ein Liebeszitat nachzurufen, das von dem liebsten aller Liebespaare auf dem sprichwörtlichen Balkon in Verona stammt, das ist schon meisterhaft. Chapeau!
Logbuch
Grubenpferde waren untertage scharenweise im Einsatz. Bevor die Druckluft und der Strom ihre Kraft ersetzten. Natürlich verblieben sie nach Schicht dort. Ihr Augenlicht passte sich an; sie kamen bei der Nacht ganz gut zu recht. Wurden sie „auf Rente“ zu Tage gebracht, erblindeten sie oft. Bergmanns Schicksal, der Knappschaft nur kurz auf der Tasche gelegen. Grubenpferde erblinden über Tage. Meint: BERATER gehören ins Back Office, nicht auf die Bühne. Habe ich mich leider nie dran gehalten. Späte Reue.
Logbuch
Was essen wir heute zur Feier des Tages?
Kein Geflügel, schon gar nicht Gans, aus polnischer Mast. Peking Ente nur in Soho, so einem abgerockten Laden, der NOW AND ZEN hieß. Kein rotweingetränktes Wild vom örtlichen Waidmann. Obwohl da noch eine leichte Grundstrahlung aus dem Osten drin ist und kleine Dosen heilen. Kein Karpfen blau, weil der Fisch, wenn im Ganzen gesotten, einen aus so glasigen Augen stumm anblickt. Raus können wir nicht, also müssen wir ja an den eigenen Herd. Ich sehe gerade in der BBC, dass wieder modern ist, was ich als Student regelmäßig verzehrte. Wir nannten es in der Bochumer WG am Hustadtring BUNTE PFANNE. Das war alles, was noch in dem schon geplünderten Kühlschrank über war, in einer Pfanne scharf überbraten und oben drauf ein Spiegelei. Das Ei ist wichtig. HOLSTEINER ART nennt das der Sternekoch. Man kann alles, wirklich alles essen, wo ein Spiegelei drauf passt. Gewürzt wird mit Sambal Olek, dem Chili vom Chinamann, in den kleinen fies verklebten Gläschen. Wir haben damals nicht mal gewusst, was ein Ablaufdatum ist. Für BUNTE PFANNNE war das eh egal. Die Tommys haben ein hübsches Wort für die Ingredienzen der BUNTEN PFANNE: „left overs“, welch eine tolle Sprache. Übrigens sind in GB die Supermärkte wegen Brexit leer. Es wird mit neuem Interesse zugeschaut, wie Fernsehkoch JAMIE OLIVIER wunderbare Gerichte zaubert, aus left overs. Was vom Tage übrig blieb, vom Vortage.
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DER EWIGE PAUKER.
Nur wer eine wirkliche Ausbildung als Pauker genossen hat, weiß wie so ein mustergültiger Lernprozess abzulaufen hat, nämlich wie geschmiert. Die Infanten müssen selbst drauf kommen. Man erwirbt den Titel eines Assessors in einer knapp zweijährigen Ausbildung unter anderem durch sogenannte Vorführstunden, die von einem Fachleiter im Range eines Studiendirektors besucht werden, der sich hinten in die Klasse setzt und hinterher rummeckert.
Vor genau 49 Jahren habe ich in der Jahrgangsstufe 9 eine Vorführstunde im Fach „Politik“ hingelegt, die so gut klappte, dass ich sie bis heute erinnere. Ich habe in die Fratzen der Fünfzehnjährigen ein Staunen gezaubert, das zu höherer Kenntnis führte, was bei Pubertanten nicht oft gelingt. Ich projizierte mit dem Overheadprojektor eine Weltkarte auf die Leinwand, die den Vorderen Orient zeigte und die Routen der Öltanker. Das Material hatte ich von Esso. Ich musste die Bande nicht mal an den Ohren ziehen.
Selbst die nicht ganz so Hellen sahen, dass der Herrgott gleich zwei fundamentale Fehler gemacht hatte. Einmal war es unsinnig, das Öl dort zu vergraben, wo es kein Schwein brauchte, in der Wüste. Der zweite Fehler war die Meerenge, die sich Straße von Hormus nennt. Ein Viertel der Weltproduktion musste durch dieses Nadelöhr. Das fand die 9a, die ich zu unterrichten hatte, nicht schlau vom Herrgott. Was ich wiederum schlau von der 9a fand.
Zehn Jahre später war ich Pressechef von Aral und lernte, wie sich die Tankstellenpreise bilden. Der aktuelle Benzinpreis richtet sich nach den Wiederbeschaffungskosten am Spotmarkt cif ARA (coast insurance freight Amsterdam Rotterdam Antwerpen), tagesaktuell abzulesen im „Europe Oil Telegram“ von Dieter Gripp. Der Einzelhandel reflektiert nicht seine tatsächlichen Kosten, sondern nur den Börsenwert, auch dann, wenn viel billiger eingekauft wurde. Die wirkliche ökonomische Logik liegt in den unterschiedlichen Anpassungszeiten; nach oben geht es sofort, wieder runter eher gemächlich, weil der Wettbewerb das irgendwann erzwingt. Das kapiert nicht jeder.
Warum lagert niemand Gas ein, obwohl der Gaspreis am Ölpreis hängt? Das ist für Klasse 9 zu schwer; das kriegen wir daher erst später. Ich selbst war erst nach weiteren zehn Jahren bei der Ruhrgas AG, also vor drei Jahrzehnten. Damals kauften wir Erdgas in Holland, in Norwegen und in Russland und hielten die drei in einer schlauen Balance; den Preis hatte man ans Heizöl gekoppelt, weil das ja das Substitut im Wärmemarkt war. Ich könnte das alles erklären, weil ich gelernter Pauker bin. Aber ich bin nicht sicher, ob das so geschmeidig geht wie vor 50 Jahren. Die sprichwörtliche Gas-Käthe könnte mir aber helfen.
Will sagen, ich habe berechtigte Vermutungen zu den Kriegsgründen, die nicht allein der aktuellen Tagespolitik zuzurechnen sind, sondern grundsätzlicheren Sachverhalten. Aber ich bin kein Pauker mehr und halte die Klappe. Meine damalige 9a dürfte gerade in Rente gehen. Da ziehe ich niemanden mehr an den Ohren. Es grüßt seine ehemaligen Schüler altersmilde der ewige Pauker.