Logbuch
PRO DOMO. KEINE KLARNAMEN.
Von dem größten aller Sprücheklopfer stammt der Satz: „Die Welt möge sich in Acht nehmen, wenn ich zur Feder greife!“ Was erwarte ich also von dem Tagebuchschreiber? Dass er nicht nur von sich erzählt, sondern seinen Blick auf die Welt schildert, damit sie sich nach seinen Wünschen richte; jedenfalls nicht gänzlich ignoriere, was der Flaneur so empfindet. Dabei darf er sich von Vorbildern leiten lassen. Ein solches ist das „arbeitsjournal“ des großen Bertolt Brecht, der sich über all die Bitternis nicht die FREUNDLICHKEIT nehmen lassen wollte. Wenig erträglich dagegen die Tagebuchschreiberei des Thomas Mann, der seiner Tinte auch intime oder gänzlich banale Privatheiten nicht erspart. Peinlich.
Es gibt auch unter meinen Zeitgenossen böse Beispiele. Erschreckt soll man sein über jene Notate, die den Humor und die Leichtigkeit der Ironie verloren haben und nun ihrem Zorn freien Lauf lassen. Ich sehe da gerade gestern einen ehedem akademischen Geist, der sich nun mit Bibelsprüchen zum Hassprediger geriert. Ach, wie vordergründig diese aufgesetzte religiöse Ambition doch ist. Sagt zurecht der große BB: „Auch der Haß gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge, auch der Zorn gegen das Unrecht macht die Stimme heiser. Wir, die den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit, wir konnten selber nicht freundlich sein.“ Diese Ausrede sei nicht jedem gegönnt.
Einen anderen Akademiker meiner Tage habe ich gar vom Hass in den Wahnsinn abdrehen sehen. Er hatte die Verfolgung von Unrechtmäßigem zur Berufung und dann einer tiefer sitzenden Rache verkommen lassen und sucht nun seine Grobheiten als Mission zu leben. Ja, der Hass verzerrt die Züge. Dem Tagebuchschreiber ist eine spitze Feder gegönnt und ein kräftiges Urteil, das auf einen groben Klotz schon mal den groben Keil setzt. Aber doch nicht notorisch Hexenverbrennung, sprich Menschenverachtung und böser Wille.
Wir leben nicht in Zeiten, die so satanisch wären, dass wir selbst uns von ihnen verteufeln lassen müssten. Die vermeintliche Allmacht hat Ränder und Brüche. Des Kaisers neue Kleider. Auch regelrechte Vorbilder in den Sozialen sehe ich stottern, dünnhäutig nach Argumenten suchen und dann trotzig doch nur etwas Abgegriffenes aus der untersten Schublade der rechten Volksverhetzung kramen. Da helfen dann auch endlose Reichweiten an Lesern nicht, wenn das Hemd zu kurz. Die Allmacht steht stets auf tönernen Füßen. Demagogie ist nämlich immer ein prekäres Verlangen, solange ihr Diktatur nicht hilft. Lehrsatz.
Logbuch
IM ÜBRIGEN BIN ICH DER MEINUNG.
Ein von wilden Affen besiedelter Fels. Die Meeresenge von Gibraltar, welch ein Thema für jene, deren Lieblingsfächer vor allem Geschichte oder Erdkunde waren. Hier stoßen zwei Kontinente aneinander, jedenfalls Welten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Zu Afrika weiß ich nichts zu sagen; und das charakterisiert schon das Problem, die kolonialistische Perspektive. Ein vergessener Erdteil.
Was haben die Europäer in Marokko zu suchen? Auf den beiden Seiten des „Mare Nostrum“ mit Schutzburgen die frühen Weltmächte: England, das die Wellen beherrscht, und die spanische Konkurrenz, beide mit einer Enklave am Übergang vom salzigen Mittelmeer in den großen kalten Atlantik. Brecht hat vor den imperialen Mythen gewarnt: „„Lest die Geschichte und seht in wilder Flucht die unbesieglichen Heere. Allenthalben. Stürzen unzerstörbare Festungen ein. Und wenn die auslaufende Armada unzählbar war, die zurückkehrenden Schiffe waren zählbar.“
Die frühen Weltreiche waren Folgen der Fertigkeiten in der Schifffahrt und dem Handel; übrigens zunächst und lange unter portugiesischer Ägide. Die Straße von Gibraltar dabei eine sehr tückische Düse mit gewaltigen Strömungen in der Tiefe und gegenläufigen Bewegungen an der Oberfläche, nur die kühnsten Nautiker wussten sie zu passieren. Schleppanker rissen die Segelschiffe heraus. Heute sind es dank der großen Diesel dreihundert Schiffe am Tag. Ja, der Diesel; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Die beiden Säulen des Herkules. Man hat schon über Brücken nachgedacht, die die Welten verbänden. Oder Tunnel, wie sie den Ärmelkanal unterqueren. Oder Stromkabel, die die Sonne der Sahara als Solarstrom nach Europa brächten. Öl- und Gasrohre liegen schon, glaube ich; aber da sollte man diskret sein, bevor die Ukrainer wieder auf Ideen kommen. Alle Pläne, mit denen zusammenwüchse, was zusammen gehörte, sind aber verworfen. Das ist das Geheimnis des Commonwealth: Man hat die Welt ausrauben wollen, aber nicht ins eigene Haus bitten.
So wachen bis heute die Warlords britischer wie spanischer Zunge darüber, dass getrennt bleibt, was nicht zusammengehört. Und die eigentlichen Herren des Mittelmeers, die Italiener; sie alle mal. Da hat die Führerin Meloni die unerbittliche Logik des alten Cato: Die Karthager in Nordafrika gehören, da frech geworden, gründlich zerstört. Nichts Neues im Römischen Reich. Schon gar nicht bei den Affen auf den Felsen von Gibraltar.
Logbuch
MÖBIUSBÄNDER.
Es gab eine Zeit, da konnte man noch nicht mit Maschinen reden und diese mit ihrem Nutzer. Man hatte noch allein das Sagen. Man konnte die Apparate an- und abstellen. Den Stecker ziehen. Sie auf den Müll werfen. Diese Zeiten gehen zu Ende.
Am Abend des 14. April 1912 erklangt im Äther das Morsesignal CQD für „an alle Stationen: Notfall“. Keine Reaktion. Die Funker der Titanic versuchten es deshalb noch mit dem neueren Code SOS, also drei kurz, drei lang, drei kurz, vertextet als „save our souls“. Die Carpathia hörte den Notruf, nahm Kurs auf die Unglücksstelle und rettete 700 Passagiere aus den Booten. Seitdem dient das Modell von Sender und Empfänger zur Erklärung von Kommunikation; und die Frage des gemeinsamen Codes erscheint auch Doofen plausibel.
Dem Morser gerät die Abfolge von kurzen und langen Tönen zu einer Melodie, die als zweite Sprache vertraut wird. Mit dem tippenden Finger an der Taste und dem Ohrhörer auf dem Schädel entwickelt sich eine Symbiose von Mensch und Maschine, heutzutage von Computer und Gehirn; kein Wunder, dass der kalifornische Capo di tutti capi der Informationstechnologie heutzutage über „Neurolinks“ nachdenkt, sprich die Implantierung von Chips ins menschliche Hirn, die den Morsefinger überflüssig machen. Es fallen alte Trennungen.
Ich lese bei Anna-Verona Nosthoff, dass früher widersprüchliche Kategorien miteinander vermählt werden: „Sender und Empfänger, Mensch und Maschine, Gehirn und Computer, Dezentralität und Zentralität, Freiheit und Kontrolle.“ Damit eröffne sich ein neues Reich der Freiheit, das ein Imperium der vollständigen Unterwerfung sei. Heute genießt das schon das Auto. Der von der EU verpflichtend eingeführte E-Call, erkennt unabhängig vom Fahrer einen gravierenden Unfall und fordert die Rettungskräfte seiner Wahl automatisch an. Dafür muss er wissen, wo die Titanic gerade ist; was kein Problem ist, wenn er die Schüssel dort schon autonom hingesteuert hat. Nicht die Eisberge werden gesteuert, die Schiffe. Klar?
Das ist die wahre Dystopie des Internets: Es fallen alle Modi der Abgrenzung. Nur noch Möbiusbänder. Es fallen zusammen: Wirklichkeit und ihre Darstellung, Original und Kopie, sowohl privat wie öffentlich, vor allem Wahrheit und deren Inszenierung.
Logbuch
DIE MAGISCHEN FÜNF KOMMA FÜNF.
Politische Skandale sind Geschichten, die das Publikum spalten; ein Teil wird geröstet, wie das Neudeutsch heißt, sprich gegrillt, der andere amüsiert sich. So wie die GRÜNEN im Süden den CDU-Kandidaten in die Rehaugenfalle haben laufen lassen. Kriegt man heutzutage auch von der KI, den perfiden Rufmord. Ob sie wahr sind, diese Narrative, das fragen nur Naive. Der Spaß besteht ja darin, dass man weiß, dass sie einerseits hinterhältig ersonnen und andererseits nicht zu dementieren. Böse Halbwahrheiten.
Die SPD in Baden-Württemberg hatte einen Kandidaten, Name ist mir entfallen, der als Wahlkampfnummer eine TAFEL besuchte, eine Armenspeisung. Na gut. Während er sich mit dem Interesse an Bedürftigen schmückte, war sein Fahrer mit dem Dienstwagen (Audi A8 lang) nach Frankreich geschickt, um Gänsestopfleber für‘s private Abendbrot zu besorgen. Die Presse kriegte das mit. Wasser predigen und Wein saufen.
Wir erleben ein soziologisches Experiment mit drei sozialen Milieus. Die bourgeoise Attitüde, die nur vom Feinsten speist; Oskar Lafontaine lässt grüßen, der Salonsozi. Für mich kein Problem; schon CATO stopfte Gänse mit Feigen. Dann der Parteibonze, der deutlich oberhalb seiner Kinderstube die Annehmlichkeiten des Mandats auch privat nutzt; Rudolf Scharping winkt uns zu. Auch in Ordnung; ein Chauffeur soll sein und der A8 ist ein klasse Auto. Schließlich der sozialdemokratische Anwalt der Transfer-Empfänger, der die Reichen zunehmend besteuert, um es den Faulen zu geben. So jedenfalls sieht es aus. Ich bitte die wirklich Bedürftigen um Nachsicht.
Es geht mir um das riesige Loch in der Mitte. Zwischen dem Groß- und Kleinbürger einerseits und den vom Schicksal gestraften Menschen in der Suppenküche andererseits, da müssten sie sein, die fleißigen Leute, denen es nicht an der Wiege gesungen wurde, die jeden Morgen den Arsch aus dem Bett kriegen und Gemüse putzen oder Blech biegen oder Zettel sortieren. Ich schreibe hier zu deren Ehre, als „working class hero“. Wer steht politisch noch für die arbeitende Bevölkerung, aus der die AfD eine Volksgemeinschaft machen möchte?
Im Übrigen staune ich, wie die sogenannte Brandmauer die CDU in eine babylonische Gefangenschaft der GRÜNEN führt. Wie der grüne TSCHEM den schwarzen MANUEL am Nasenring durch die Manege führt. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Zunächst ging es darum, dass die SPD die soziale Mitte verloren hat. Verlust des sozialen Trägers. Der Esken-Bös-Effekt. Als Partei dieser Dämlichkeit erzielt sie das magische Ergebnis von 5,5%.