Logbuch
FORTSCHRITT AUF DEM LANDE.
In einem sehr alten Holzlager finde ich Schusterleisten, die jemand zum Brennholz gelegt hat. Ich rette sie. Wie kamen die hier hin? Zeugen einer Zeit der handwerklichen Lederverarbeitung zu wertvollen Schuhen, die heute für einen Spottpreis aus asiatischem Plastik gefertigt im Aldi liegen.
Der Nachbar erzählt mir zum Vorbesitzer des Fachwerkhauses, das ich renoviert habe, der sei Schuster gewesen und damals der fortschrittlichste im Dorf. Er habe bereits 1958 einen Fernseher gehabt und den Dorfkindern das Zusehen erlaubt, eine Sensation, bewegte Bilder in Schwarzweiß und mit Ton. Fußballsiege werden erinnert und Krimis namens „Stahlnetz“.
Ich erfahre mehr. Überhaupt sei „Schuster Chris“, dessen Pfeife nie ausging, ein Mann des Fortschritts gewesen. Er habe als erster einen Traktor erworben, da er nicht mehr an die Kühe glaubte. Welch ein Satz. Auf Nachfrage erfahre ich, dass die Kuhgefährte oder Ochsenkarren Stand der Technik waren. Der Trecker habe einen Holzvergaser gehabt, der einige Probleme bereitete.
Dies notiere ich zu einer Zeit, als sich Vodafone mit Glasfaserkabel in die Häuser drängt, damit das Internet schneller werde und opulenten Filme im „Stream“ heruntergeladen werden können. Wir reden über Veränderungen in einer Generation in Gebäuden, die rund 275 Jahre alt sind. Zwei Jahrhunderte so gut wie nix passiert, dann hat es Wusch gemacht. Ich habe für die alten Leisten ein Regal gebaut; Erinnerungsstücke an schlechtere Zeiten. Ist das so?
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KLEIDERORDNUNG.
Manchmal betrachte ich die Welt mit den Augen meines Vaters und seines. Man ist ja Kind der Altvätersitte. Zum Beispiel in Fragen der Kleiderordnung. So sehe ich in einem Café in Moabit gegenüber vom Knast einen Justizvollzugsbeamten in Uniform und mit Gerät am Gurt, das der Durchsetzung seiner Autorität dient. Soll so sein, weil er den Ordnungsanspruch des Staates vertritt. Aber, bemerke ich tief irritiert, seine schwarzen Lederstiefel sind ungeputzt; nicht nur ein wenig, sondern erkennbar schon länger, regelrecht schäbig abgeschabt. Ungeputzte Stiefel, das geht gar nicht.
Darin war mein Opa streng. Die ganze Woche im Pütt, hätte er nie sonntags die Straße mit ungeputzten Schuhen betreten. Im Gegenteil, das war ein eigenes Ritual mit stattlichen Rosshaarbürsten, schwarzer Wichse und ein wenig Spucke. Ich habe es als Kind bestaunt. Die Kleiderordnung in der Berliner Innenverwaltung ist laxer. Auch das Tätowierverbot an Händen und im Gesicht wird umgangen, selbst bei Polizisten, die sich doch optisch von ihrer Kernklientel unterscheiden sollten. Weil ich sie respektiere; sie haben keinen leichten Job.
Beamter, das ist kein White Collar Job mehr, jedenfalls wenn man darunter einen steifen Kragen versteht. Für Anwälte vor Gericht besteht die sogenannte Robenpflicht, eine Berufstracht, die die Würde des Gerichts wahren soll. Was ich hier in Moabit an Kleidung darunter sehe, das ist zu einem wesentlichen Teil durchaus unterhalb der C&A-Schwelle („cheap & awful“). Gerne würde ich Anwälte achten wie Richter; aber da gibt es wohl einen Klassenunterschied. Interessant ist die historische Begründung der Berufstracht; man wollte soziale Unterschiede ausgleichen. Das sagt man in England auch zum Sinn der Schuluniformen. Egalisiert Dienstkleidung? Berlin findet, dazu dient eher Freizeitmode, auch im Dienst. Und Tattoos mit Rechtschreibfehlern.
Die französischen Staatsbahnen haben gerade eine Schminkvorschrift für ihre Bediensteten herausgegeben, wonach man den französischen Chic zu zeigen habe, der sich „elegance“ nennt. Nun, elegant ist vielleicht noch die Flugoma bei der Lufthansa, aber nicht das rustikalere Wesen der Berliner Verkehrsgesellschaft BVG. Wie der Herr, so das Gescherr; gilt auch für Herrinnen. Was in den Bezirken der Stadt so von Amtsträger:innen getragen wird, das hätte meinen Großvater verwirrt.
Und so sehe ich bei dem Umschließer aus dem Knast mit den ungeputzten Schuhen, dass er zu allem Überfluss auch noch seine Nägel kaut. Nun, wir hatten Fälle der Onychophagie auch schon in höchsten Ämtern; elegant ist es aber eher nicht. Dann schon lieber diese aufwendig gestalteten Krallen asiatischer Provenienz; french nails genannt, obwohl nicht elegant. Sehe ich auch unter Roben, wie dekadent.
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HIS MASTER‘S VOICE.
Es gab Aufregung im Medienzirkus, weil die populären Hörspiele („Podcast“) eine Werbeform anbieten, bei der die Stimme des Redakteurs auch die Werbung verliest. Die Vierte Gewalt sagt dann auch „Lidl lohnt sich“. Der Tagesschausprecher empfiehlt Vodafone. Das finden manche nuttig. Hinter der vordergründigen Empörung steckt eine tiefere Wahrheit.
Die menschliche Stimme ist wie der Fingerabdruck oder der Gesichtsausdruck weit mehr als nur Information im Sinne des gesprochenen Wortes. Das erzählt uns das berühmte Warenzeichen, bei dem ein junger Hund überrascht auf das Grammophon schaut, von dem er die Stimme seines Herrn hört. Sie signalisiert ihm nämlich die Pflicht zum Gehorsam. Wir hören Vaters Stimme schon, wenn noch in Mutters Bauch. An der Geliebten gefällt, was sie stöhnt, wenn sie die Augen einwärts dreht. Stimme ist Seele.
Daran, dass es nur sehr wenige gute Synchronsprecher und Vorleser gibt, zeigt sich, dass eine ausdrucksstarke Stimme selten ist. Es gibt tief in unserem Inneren verankerte Assoziationen. Ich hasse zum Beispiel die Stimme des grünen Affen Hannes Jaenicke und liebe, Entschuldigung, gnädige Frau, die Stimme von Hansi Lochner. Sie hat Jodie Foster in „Schweigen der Lämmer“ synchronisiert und ich bin beim Hörbuch mehrfach eingeschlafen und habe um sie gefürchtet, angesichts der bösen Absichten von Hannibal Lecter, dem Kannibalen. Bei Hansis Stimme richten sich die Nackenhaare auf.
Eines Tages wird die KI zu uns sprechen mit der Stimme unseres verstorbenen Herrn Vater oder der am heißesten geliebten Frau, bei mir Charlotte Rampling. Weil die KI ein reproduktives System ist, das uns als Black Box beobachtet und an der Repetition unserer Reaktion lernt, was am häufigsten gewünscht wird. Wir werden wie der Köter vor der Schallplatte des Grammophons vor unseren IPhones sitzen und tun, was die Stimme des Herrn sagt. Oder bei anderer Stimme entflammen.
Die Enttäuschung ist vorprogrammiert. Die Dame hinter der Stimme von der Rampling, eine Frau Saur, sieht, sorry, Gnädige, eher belanglos aus. Und die Sprecherin von der legendären Jodie wirkt im wirklichen Leben besichtigt wie Pumuckl. Stimme ist nicht alles. Ohne Stimme alles nichts.
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DIE MAGISCHEN FÜNF KOMMA FÜNF.
Politische Skandale sind Geschichten, die das Publikum spalten; ein Teil wird geröstet, wie das Neudeutsch heißt, sprich gegrillt, der andere amüsiert sich. So wie die GRÜNEN im Süden den CDU-Kandidaten in die Rehaugenfalle haben laufen lassen. Kriegt man heutzutage auch von der KI, den perfiden Rufmord. Ob sie wahr sind, diese Narrative, das fragen nur Naive. Der Spaß besteht ja darin, dass man weiß, dass sie einerseits hinterhältig ersonnen und andererseits nicht zu dementieren. Böse Halbwahrheiten.
Die SPD in Baden-Württemberg hatte einen Kandidaten, Name ist mir entfallen, der als Wahlkampfnummer eine TAFEL besuchte, eine Armenspeisung. Na gut. Während er sich mit dem Interesse an Bedürftigen schmückte, war sein Fahrer mit dem Dienstwagen (Audi A8 lang) nach Frankreich geschickt, um Gänsestopfleber für‘s private Abendbrot zu besorgen. Die Presse kriegte das mit. Wasser predigen und Wein saufen.
Wir erleben ein soziologisches Experiment mit drei sozialen Milieus. Die bourgeoise Attitüde, die nur vom Feinsten speist; Oskar Lafontaine lässt grüßen, der Salonsozi. Für mich kein Problem; schon CATO stopfte Gänse mit Feigen. Dann der Parteibonze, der deutlich oberhalb seiner Kinderstube die Annehmlichkeiten des Mandats auch privat nutzt; Rudolf Scharping winkt uns zu. Auch in Ordnung; ein Chauffeur soll sein und der A8 ist ein klasse Auto. Schließlich der sozialdemokratische Anwalt der Transfer-Empfänger, der die Reichen zunehmend besteuert, um es den Faulen zu geben. So jedenfalls sieht es aus. Ich bitte die wirklich Bedürftigen um Nachsicht.
Es geht mir um das riesige Loch in der Mitte. Zwischen dem Groß- und Kleinbürger einerseits und den vom Schicksal gestraften Menschen in der Suppenküche andererseits, da müssten sie sein, die fleißigen Leute, denen es nicht an der Wiege gesungen wurde, die jeden Morgen den Arsch aus dem Bett kriegen und Gemüse putzen oder Blech biegen oder Zettel sortieren. Ich schreibe hier zu deren Ehre, als „working class hero“. Wer steht politisch noch für die arbeitende Bevölkerung, aus der die AfD eine Volksgemeinschaft machen möchte?
Im Übrigen staune ich, wie die sogenannte Brandmauer die CDU in eine babylonische Gefangenschaft der GRÜNEN führt. Wie der grüne TSCHEM den schwarzen MANUEL am Nasenring durch die Manege führt. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Zunächst ging es darum, dass die SPD die soziale Mitte verloren hat. Verlust des sozialen Trägers. Der Esken-Bös-Effekt. Als Partei dieser Dämlichkeit erzielt sie das magische Ergebnis von 5,5%.