Logbuch
DIE TÖCHTER FRAGEN.
Propaganda bleibt immer im Ungefähren, weil sie nicht haftbar gemacht werden will für den Zorn, den sie schürt. Sie ist immer ein Brandstifter, der als Feuerwehr daherkommt. Deshalb ist mir bei der Stadtbild-Debatte unwohl. Ein Kanzler hat die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, Ross und Reiter zu nennen. Also bitte, Herr Merz! Das ist das eine.
Das andere ist, dass die wirkliche Wirklichkeit nicht zugunsten von Wünschbarkeiten ausgeblendet werden darf. Vor allem, wenn es das alltägliche Erleben der Menschen betrifft, die hieran ihre politischen Einstellungen bilden. Der Siegeszug der Rechten wird aus dem Empfinden genährt, dass die Links-Grünen anderen Menschen deren Leben schön reden wollen. Hauptaufgabe der Staatsmedien.
Darum fragen wir die Töchter; ja, einverstanden. Und die kleinen Paschas lassen bitte ihr Messer solange mal stecken. Es werden künftig die Köpfe in Bücher gesteckt. Und es wird Deutsch gelernt, damit der Tellerwäscher aus der Spülküche raus kommt, vielleicht sogar ein eigenes kleines Restaurant eröffnet, seine Tochter studieren kann, seine Enkel in Frieden und Freiheit leben. Das ist mein Vaterland. Das meiner Mutter.
Welch ein hervorragendes Motto: Fragen wir die Töchter! In allen Kulturen, auch und gerade den zugewanderten. Und reden wir darüber. In fließendem Deutsch. Mein Ernst.
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DOING THE BOXES.
Englisches Ritual: Die Eingangspost für Regierungsmitglieder kommt in Westminster in besonderen Lederkoffern in auffälligstem Rot. Es sind, unterschiedlich je nach Amt, recht viele Postkoffer, die da zur Bearbeitung anstehen. Im feinen Humor der britischen Oberklasse spricht man bei dieser Sisyphos-Arbeit von „doing the boxes“, die Kisten abarbeiten.
Ich erinnere mich noch an den Schreibtisch des Kanzleramtsministers, als die Regierung Schröder (SPD) gerade die Regierung Kohl (CDU) abgelöst hatte und der Bonner Beamtenmoloch den neuen Herren zeigen wollte, was eine Harke ist. Der neue Leiter BK hatte einen Raummeter Post auf seinem Schreibtisch. Ich besuchte ihn auf einen Sonntag im Amt und sah, er war, hinter dem monströsen Postberg, schlicht verloren. Ich hörte ein böses Wort über das „ancien regime“ in den Amtsstuben: „Die verarschen Euch!“
Was mich an meine Sonntage erinnert, als ich noch im Vorstand eines sehr großen Unternehmens saß. Die Woche war mit Terminen verplant. Freitags am frühen Abend brachte meine Büroleiterin mir die Postkoffer in die Garage des Wohnhauses; nie mehr werde ich diese schwarzen Pilotenkoffer vergessen. Es waren immer vier an der Zahl, auch schon mal sechs. Wenn ich am Tag des Herrn um sechs begann, war ich mittags gegen zwei durch und konnte den restlichen Sonntag dem Familienleben widmen. Vorher alle zwei Stunden ein neuer Koffer aus der Garage. Koffersklave.
Die Mühe war natürlich den analogen Zeiten geschuldet; digital geht das heute ohne „boxes“ und wahrscheinlich auch automatisch mit KI… Paaah. Doing the boxes. Was man lernt, ist Entscheidungen zu treffen, auch wenn die Dinge noch nicht entscheidungsreif. Wer da zögert, erzeugt einen Vorgang, der zurückkommt. Bumerang-Effekt. Wiedergänger. Da geht in der Folgewoche auch noch der Sonntagnachmittag drauf. Es gilt daher bei Entscheidungen an der Spitze immer das Motto des Wyatt Earp: „Shoot first, argue later!“
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DER PRIVATGELEHRTE.
Es gibt sie noch, die sehr klugen Menschen, die von ihrem Wissen kein Aufhebens machen. Und es gibt sie bei ganz und gar nebensächlichen Themen, die ihnen, den Privatgelehrten, wichtig sind. So einen treffe ich vor einem nach Amerika geratenen Bild eines französischen Malers des vorigen Jahrhunderts. Hängt in Washington. Er redet auf Befragen eine gute Stunde und ich sehe nicht nur das Bild mit anderen Augen. Mein Blick ist verändert. Für immer. Wie geht das?
Da es schwierig ist, über Bilder nur zu reden, ohne sie zeigen zu können, zunächst die Frage: Worum geht es? Es geht um Edouard Manets „Der Weg aus Eisen“ von 1873. Dies ist ein Kalauer; das französische Wort meint die Eisenbahn und hier einen bestimmten Bahnhof, nach dem Heiligen Lazarus benannt, ein Pariser Kopfbahnhof nur regionaler Bedeutung. Und wir sehen auf dem Ölschinken weder Lokomotiven noch Reisende. Das Thema steckt nicht im Titel. Zu sehen sind zunächst nur Mutter und Tochter.
Die junge Mutter, eine anmutige Dame, für die des Malers langjährige Geliebte Modell stand, sitzt dort und blickt uns unverhohlen an. In ihrem Schoß ein Hündchen, ein Fächer und ein Buch, aus dem sie vorgelesen hatte. Die Tochter in hellem Kleid und feiner Schürze ist von uns gänzlich abgewandt und blickt durch ein Eisengitter hinaus auf eine in Dampf gehüllte Stadt. Man meint zu spüren, wie sie entfliehen will; nicht so sehr an ihr wie am melancholischen Blick der mit dem Spielzeug zurückgelassenen Mutter. Welch eine Szene.
Und dann entdeckt man im wohlgeordneten Haar des Mädchens einen Ohrring. Aus dem Kind wird eine junge Frau, die, noch eingeschlossen, bald ins Leben entfliehen wird, sie blickt sehnsüchtig in die Schwaden der großen Stadt. Pubertät, das Ausbrechen aus der Ruhe der Kindheit in den Lärm des Lebens, das ist hier Thema, sorgsam verhüllt, aber doch offenbart. Der Maler Manet ist kunstgeschichtlich dem Impressionismus zugeordnet worden, blanker Unsinn. Er begründete die Moderne, ohne dass es seine Zeitgenossen ahnten. Arm, aber vergnügt, so verstarb er unerkannt.
Ich habe mir bei Amazon einen Druck von dem Ding bestellt und werde ein Handyfoto davon nun an diese asiatischen Kunstfälscher geben, die für 200 US-Dollar Ölgemälde produzieren. Ich hab da eine Adresse in Kowloon, Hongkong. Dann planen wir damit Sabotage-Hängungen in randständigen Ausstellungen; es braucht nur Hammer und Nagel und einen unbeobachteten Moment. Schon hängt in der Villa eines verstorbenen Potentaten der Eiserne Weg.
Vielleicht noch eine Legende, dass es sich um russische Raubkunst handelt. Oder um einen verkannten Norweger wie bei dem Ding mit den Ohrenschmerzen. Als die Kunstsammlung der Ruhrgas AG in Essen aufgelöst wurde, entdeckte man darunter zwei veritable Fälschungen. Man sage mir also nicht, das ginge nicht. In dem dann folgenden Skandal werden die Feuilletons wieder über den großen Manet reden, den die Syphilis geholt hat.
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ENTENWEIN.
Als man kleine Kinder noch veralberte, weil man sie nicht so richtig ernstnahm, hieß das Wasser im Restaurant „Entenwein“ und wurde den Infanten mit großer Geste und schwacher Ironie angeboten, während die Eltern sich einen Schwips antranken. An den albernen Entenwein denke ich gestern, während der Ärger über eine falsche Restaurantwahl in mir aufsteigt. Ich nehme das Ergebnis mal vorweg: Der Laden ist fürderhin gestrichen. Ausgelistet, so nennt sich das in der Autoindustrie.
Zum sauteuren Italiener, bei dem am Tisch schon mal ein „Entrecotto aus Piemont“ als „Italienerfleisch“ angepriesen wird oder ein „Tommahawk füre zwei Person“, dort findet sich neuerdings eine jüngere Klientel, die zum Essen Aperol Spritz nimmt und von sich gegenseitig Handyfotos fertigt. Wohlgemerkt, wir sind nicht in der Metropole, sondern der hessischen Provinz. Goethe hat hier seinen Werther spielen lassen. Petra Reski warnt vor diesen Provinzläden; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Die jungen Männer sind von Hunden begleitet, wozu ich am Schluss noch komme, was aber als solches schon nicht geht. Köter gehören nicht in die Küche; schon gar nicht ins Restaurant. Was mir an den aufgedrehten Damen des Nachbartisches auffällt, ist der Abusus von Botox; man hat durchgängig aufgespritzte Lippen. Von den Trägerinnen der geschwollenen labialen Weichteile wahrscheinlich nicht gewollt, gibt der Eingriff dem Schmollmund etwas von der Ente, die in meinem Badezimmer wohnt. Rubber Ducky.
Die Blonde belehrt mich, das hieße auch „duck face“ und sei das Nonplusultra des Kussmundes. Danach komme nur noch die Fischspalte, sprich der lautlos geöffnete Mund. Aquarium als gestischer Code. Ich hatte es im femininen türkischen Milieu Berlins schon bemerkt, jetzt also auch im Hessischen. Ich halte die Verunstaltung des Ponem für „tribalism“, will mich hier aber nicht über afrikanische Tellerlippen auslassen. Physiognomien sind ein delikates Ding. In diese Kultur der willkürlichen Verhübschung des Antlitzes gehören dann ja auch noch Metallwaren aller Art, Tätowierungen und neuerdings Korrekturen des Chirurgen bis hin zu Schmucknarben. Mensuren für Mädchen.
Die allzu modisch gemachten Hühner gackern, ihre Begleithähne stolzieren. Wir fremdeln in diesem Milieu. Die Blonde sagt: „Hier kannst Du auch nicht mehr hingehen!“ Da kotzt der Köter des Luden unter den Tisch und schlabbert daran mit der Zunge, so dass ich konsterniert hinschaue. Es muss sich wohl um eine sauteure Kampfhundrasse handeln. Der Schwanz ist düpiert und die Maske (so heißt beim Züchter die Fresse vom Bello) eigenartig verzerrt. Sagt die Blonde: „Die waren mit dem Hund beim gleichen Schönheits-Chirurgen.“ Der Italiener in Wetzlar ist gestrichen. Wir suchen neuen Ausschank von Entenwein.