Logbuch

OKTOBERFEST.

Nicht mal den allseits gelobten Koks von der Damentoilette des Käferzelts gab es. Ich hätte eh nicht gewusst, wie da rankommen. Gelobt wurde aber schwarzgebrannter Vogelbeerenschnaps. Und das geröstete Bein vom Schwein. Für mich auch keinen Schnaps. Nur die Hax‘n und Wasser. Mein Abenteuer von der Wies‘n. Erkenntnisekel.

Es gibt Experimente im Ertragen von Sitten und Gebräuchen, die an die Grenze des Menschenmöglichen reichen. Umstände, die zu erläutern, keine weitere Aufklärung brächten, haben mich verleitet, einen vierstündigen Besuch des Münchner Oktoberfestes nüchtern vorzunehmen. Meine Begleiter haben derweil zwischen fünf und acht „Maß“ konsumiert. Helles halt.

Es ist mir klar, dass der Dirndl-Kult nicht archaisch bayerischen Ursprungs ist, aber er fasst schon den Kern des Trachtenwesens gut zusammen: Es handelt sich um eine bäuerliche Tradition, die aus gewachsenem Wissen um die Viehzucht das Elementare menschlicher Beziehungen fesch auszudrücken weiß. Für jeden gestandenen Kerl ist das Angebot praller Brüste in elementarsten Sehnsüchten nachzuvollziehen.

Die eigentliche Erkenntnis liegt aber in der Verwandlung des Genus Mensch, wenn er in Gruppen auftritt, die sich zu Horden entwickeln. Musikalische Begleitung nicht unwesentlich. Wesentlicher aber der gemeinschaftliche Rausch. Gegenüber „den Wiesen“ erscheint dem Zugereisten selbst rheinischer Karneval artifiziell. Das Bierzelt als Tempel des Nationalcharakters. Das will alle Welt sehen und mittun. Ich sehe viele Völker dieser Erde grundvergnügt. Das gemeinschaftliche Thema ist der Homo Sapiens kurz vor der Menschwerdung des Affen. Keine Pointe.

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RECHTS VERSUS LINKS.

Es gibt eine Idiotie politischer Parolen, die man argumentativ nicht mehr auflösen kann. Etwa in der Aussage, dass Hitler ein Linker gewesen sei. Jede Relativierung dieses Teils deutscher Geschichte ist ohnehin nah an einem moralischen Verrat fundamentalen Ausmaßes. Man lasse das lieber.

Reflexhafte Debatte darum, dass der Nationalsozialismus der NSDAP seinen historischen Aufschwung genommen habe, indem er sich „linke“ Forderungen zu eigen machte. Da kann nicht sein, was nicht sein sollte. Da irre der Politikwissenschaftler Götz Aly; das hätten die „NS-Historiker“ (sic) schon mehrfach angemerkt. Die Historiker, diese eingeschworene Gesellschaft zur Verlangweiligung der Geschichte? Und die Politologischen vom dauerlinken OSI an der FU? Professorenstreit. Wen kümmert das? Diese Eifersüchtelei zwischen zwei Wissenschaften ist aber nicht uninteressant. Es geht um die moralische Scheidung zweier Welten.

Kann es ein Oxymoron von Rechtem und Linkem gegeben haben? Oder als tödliche Mischung wieder geben? Das aktuelle linke Milieu heult auf, weil eine so differenzierte historische Debatte die Verteufelung des Rechtspopulismus erschwert. Man will nachträglich aus dem „Nationalsozialismus“ begrifflich den Sozialismus tilgen, weil man den rechtsradikalen Charakter der AfD nicht verwässert wissen möchte. Es geht gegen die sogenannte Hufeisentheorie, nach der sich die Extreme von links und rechts treffen; eine durchschaubare Narration der politisch impotenten Mitte. Dazu habe ich zwei Meinungen.

Historisch ist es unzweifelhaft, dass sich die frühe NSDAP quasi-gewerkschaftlich gebärdet hat; um am Ende die Gewerkschaften aufzulösen. Aber sie inszeniert Volksgemeinschaft vor allem vor der Machtergreifung eben auch als Volksfürsorge. Das ist ja das innere Paradox von Populismus, dass er auch links daherkommt. Und dann woanders hingeht. Das ist das eine.

Das andere ist, dass es „die Linke“ nicht gab; man darf die KPD der Weimarer Republik nicht als Freunde von SPD und USPD lesen. Die Spaltung war von epochaler Bedeutung. Wenn Lenin explizit von der „Diktatur des Proletariats“ spricht, die millionenfach demokratischer sei als jede bürgerliche Demokratie sei, so meint er das auch so. Der Genosse Stalin hat daran ja keinen Zweifel gelassen. Mielke auch nicht.

Wie also kommen wir wieder auf gesichertes Terrain und Felsen unter die Füße? Mein Vorschlag ist, dass die Politologen in die Archive verbannt werden. Und die Historiker ins Philosophicum. Jeder auf das Terrain des anderen. Zumindest für ein Semester. Und dann wird miteinander geredet. Verlängerungsanträge für die Verbannung willkommen.

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NAZI BAZI.

Zu den allfälligen Schimpfwörtern, mit denen man Rechte zu bezeichnen pflegt, jedenfalls aus linker Perspektive, gehört die Kurzform des Nationalsozialisten der NSDAP als Nazi. Das verselbstständigt sich, so wie man im bayerischen vom Gauner als Bazi spricht. Wo ich Nazi höre, erklingt auch Fascho als Schimpfwort, dem historischen Phänomen des Faschismus aus Italien und England wie meinem Vaterland entlehnt. Mir gefällt nicht, dass hier eine historische Referenz zu kleiner Münze gemacht wird.

Darin einig bin ich mit Professor Götz Aly, den ich auf der Moabiter Brücke zum Bahnhof Bellevue treffe (in Begleitung eines jungen Mannes, der doppelt so groß ist wie er, was seine Rolle als Exzellenz noch unterstreicht). Ich grüße freundlich, er winkt. Aly hat geschrieben, dass der Begriff Faschismus seinen Wert verloren habe, als er zum bloßen Schimpfwort verkam.

Da ist etwas dran. Wir müssen schon eine Diktatur mit Terrorapparat nach innen wie außen sehen, eine Auflösung des Rechtsstaates mit korporatistischer Wirtschaft und eine rassistisch begründete Volksgemeinschaft. Das alles unter dem Schleier eines nostalgischen Nationalismus. Nur mal so für den Anfang gesagt.

Mein Herr Vater hat sie nur „die Braunen“ genannt und biografisch von „der braunen Zeit“ gesprochen, die ihn habe zum „Kanonenfutter“ machen wollen. Damit war seine Verachtung formuliert gegenüber den Nazi Bazi. Er hat auch wenig von „den Roten“ erwartet, die aus der Weimarer Republik ein „Sowjetdeutschland“ (Clara Zetkin) machen wollten. Seine Wahrnehmung war, dass schon die Generation seines Vaters das Land ins Unglück geführt hatte; und der war kaisertreu.

Götz Aly soll ein neues Buch haben. „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“. Werde ich mir besorgen.

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HIS MASTER‘S VOICE.

Es gab Aufregung im Medienzirkus, weil die populären Hörspiele („Podcast“) eine Werbeform anbieten, bei der die Stimme des Redakteurs auch die Werbung verliest. Die Vierte Gewalt sagt dann auch „Lidl lohnt sich“. Der Tagesschausprecher empfiehlt Vodafone. Das finden manche nuttig. Hinter der vordergründigen Empörung steckt eine tiefere Wahrheit.

Die menschliche Stimme ist wie der Fingerabdruck oder der Gesichtsausdruck weit mehr als nur Information im Sinne des gesprochenen Wortes. Das erzählt uns das berühmte Warenzeichen, bei dem ein junger Hund überrascht auf das Grammophon schaut, von dem er die Stimme seines Herrn hört. Sie signalisiert ihm nämlich die Pflicht zum Gehorsam. Wir hören Vaters Stimme schon, wenn noch in Mutters Bauch. An der Geliebten gefällt, was sie stöhnt, wenn sie die Augen einwärts dreht. Stimme ist Seele.

Daran, dass es nur sehr wenige gute Synchronsprecher und Vorleser gibt, zeigt sich, dass eine ausdrucksstarke Stimme selten ist. Es gibt tief in unserem Inneren verankerte Assoziationen. Ich hasse zum Beispiel die Stimme des grünen Affen Hannes Jaenicke und liebe, Entschuldigung, gnädige Frau, die Stimme von Hansi Lochner. Sie hat Jodie Foster in „Schweigen der Lämmer“ synchronisiert und ich bin beim Hörbuch mehrfach eingeschlafen und habe um sie gefürchtet, angesichts der bösen Absichten von Hannibal Lecter, dem Kannibalen. Bei Hansis Stimme richten sich die Nackenhaare auf.

Eines Tages wird die KI zu uns sprechen mit der Stimme unseres verstorbenen Herrn Vater oder der am heißesten geliebten Frau, bei mir Charlotte Rampling. Weil die KI ein reproduktives System ist, das uns als Black Box beobachtet und an der Repetition unserer Reaktion lernt, was am häufigsten gewünscht wird. Wir werden wie der Köter vor der Schallplatte des Grammophons vor unseren IPhones sitzen und tun, was die Stimme des Herrn sagt. Oder bei anderer Stimme entflammen.

Die Enttäuschung ist vorprogrammiert. Die Dame hinter der Stimme von der Rampling, eine Frau Saur, sieht, sorry, Gnädige, eher belanglos aus. Und die Sprecherin von der legendären Jodie wirkt im wirklichen Leben besichtigt wie Pumuckl. Stimme ist nicht alles. Ohne Stimme alles nichts.